Kultur als täglicher Reflexionsraum

Flaggschiff: Das 3sat-Magazin „Kulturzeit“ besteht seit 25 Jahren

Von Brigitte Knott-Wolf
02.10.2020 •

Als die „Kulturzeit“ am 2. Oktober 1995 zum ersten Mal auf dem Bildschirm erschien, stellte sie etwas völlig Neues dar: ein werktäglich im Vorabendprogramm ausgestrahltes Kulturmagazin, das in dieser Form nur im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Satellitenprogramms 3sat verwirklicht werden konnte. Das machte diese Sendereihe damals zur innovativsten Neugründung in der Kulturberichterstattung seit der Erfindung von Fernsehkulturmagazinen in den 1960er Jahren.

Heute ist das Außergewöhnliche an der nunmehr seit 25 Jahren existierenden „Kulturzeit“ ihre Kontinuität, mit der sie immer noch auf dem gleichen Sendeplatz und vom Grundkonzept her unverändert ausgestrahlt wird. Zwar wurde sie im Lauf der Zeit gelegentlich moderat modernisiert durch neues Logo, neues Design und neue Studiokulisse (einen größeren Relaunch gab es zum 1. April 2008) und es gab auch mehrmalige Moderatorenwechsel (zuletzt im Jahr 2017); aber die Sendung ist bis heute eine reine Studioproduktion, ohne Publikum. Eine ambitionierte Studiokulisse, die wechselnde Hintergründe ermöglicht, sorgt für optische Abwechslung, ohne dabei jedoch die Ebene der Sachlichkeit zu verlassen.

Die „Kulturzeit“ gehört derzeit – vielleicht sogar mehr als zuvor – zu den prominentesten Sendungen von 3sat, ja, man könnte sie auch als Flaggschiff dieses Programms bezeichnen, an dem heute vier öffentlich-rechtliche Sendeanstalten beteiligt sind: Auf deutscher Seite sind es ZDF und ARD mit je 32,5 Prozent, der Österreichische Rundfunk (ORF) ist mit 25 Prozent dabei und die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), vertreten durch ihren deutschsprachigen Unternehmensteil Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), mit 10 Prozent. An den Start gegangen ist 3sat am 1. Dezember 1984 als werbefreies deutschsprachiges öffentlich-rechtliches, zunächst nur von den Sendern ZDF, ORF und SRF gemeinsam betriebenes Fernsehprogramm mit kulturellem Schwerpunkt. Initiiert wurde das Programm unter der Ägide von Dieter Stolte, ZDF-Intendant von 1982 bis 2002. Das ZDF ist bis heute in diesem Verbund federführend und an seinem Standort in Mainz befindet sich auch der Sitz von 3sat.

Das zweite Programm-Standbein fürs ZDF

Knapp ein Jahr, bevor 3sat damals an den Start ging, hatte sich das ZDF mit einem ZDF-2-Programm am Ludwigshafener Kabelpilotprojekt beteiligt, das seinerzeit mit neuen Übertragungswegen experimentierte. ZDF 2 wurde dann jedoch mit der Gründung des Satellitenprogramms 3sat eingestellt. Auf diese Weise hatte sich das ZDF seinerzeit ein zweites Programm-Standbein zugelegt, wie das in den 1960er Jahren die ARD-Anstalten mit der Installierung ihrer sogenannten Dritten Programme auch schon getan hatten. 

Dem 3sat-Verbund als Partner trat die ARD erst zum 1. Dezember 1993 bei, nach der Einstellung ihres eigenen Satellitenprogramms Eins Plus. Diesen Vorgang wiederum kann man auch als eine Spätfolge der deutschen Wiedervereinigung interpretieren. Im Jahr 1990 war nämlich zunächst der Deutsche Fernsehfunk (DFF), das ehemalige Fernsehen der DDR, bei 3sat als vierter Partner hinzugekommen (vgl. FK-Hefte Nr. 7/90 und 14-15/90). Der DFF wurde jedoch nach dem Einigungsvertrag 1991 aufgelöst und an seine Stelle traten dann für das Sendegebiet der ehemaligen DDR neu gegründete, zur ARD gehörende Landesrundfunkanstalten. So reduzierte sich die Zahl der Partner wieder auf drei, bis Ende 1993 die ARD hinzustieß und es wieder vier im 3sat-Bunde gab.

Seit ihrem Gründungsjahr 1995 besteht das Besondere an der „Kulturzeit“ nicht nur in der Tatsache, dass hier die vier 3sat-Partneranstalten zusammenarbeiten und dabei die „Kulturzeit“-Redaktion von ARD und ZDF gemeinsam geleitet wird, sondern vor allem auch in der Sendezeit dieses werktäglich live ausgestrahlten Fernsehfeuilletons: Sie läuft von 19.20 bis 20.00 Uhr, das heißt unmittelbar nach der ZDF-Nachrichtensendung „Heute“ und vor deren ARD-Pendant „Tagesschau“, die beide auch zeitgleich auf 3sat ausgestrahlt werden. Zu dieser Sendezeit gibt es im (übrigen) öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Werberahmen- und Regionalprogramme zu sehen. Der Sendeplatz der „Kulturzeit“ hat sich bis heute bewährt, weil er diesem Magazin seine besondere Note gibt: Hier wird Kultur jedesmal in einen tagesaktuellen Zusammenhang gesetzt und damit unmittelbar als Reflexionsraum für die Auseinandersetzung mit politischem Geschehen vermittelt. Wie etabliert die „Kulturzeit“ inzwischen ist, wird immer dann besonders deutlich, wenn es sie mal nicht gibt, also während der – gefühlt von Jahr zu Jahr immer länger werdenden – Sendepausen, etwa zur Sommer- und Weihnachtszeit, die ihr von der Programmplanung verordnet werden.

Redaktion und Moderation in Mainz

Die in Mainz ansässige „Kulturzeit“-Redaktion steht unter der gemeinsamen Leitung von Monika Sandhack (ARD/SWR), die seit den Anfängen dabei ist, und Anja Fix (ZDF). Neben Eigenproduktionen übernimmt die Redaktion für ihr Programm auch Beiträge aus den Kulturprogrammen von ARD, ZDF, ORF und SRF. Jede der vier kooperierenden Anstalten stellt einen Moderator oder eine Moderatorin; sie führen in der Regel jeweils eine Woche lang durch die Sendung. Aus den Anfangsjahren der „Kulturzeit“ ist Gert Scobel als dominanter Moderator im Gedächtnis geblieben; er präsentierte die Sendung von 1995 bis 2007. Heute ist eher ein gleichgewichtiges Verhältnis unter den Moderatoren festzustellen, deren weiblicher Anteil zudem im Lauf der Zeit erheblich zugenommen hat.

Zweifellos hat in der „Kulturzeit“ das ZDF eine starke Position inne; ohne dessen dauerhaften programmpolitischem Willen gäbe es diese Kooperation sehr wahrscheinlich längst nicht mehr. Auch das 3sat-Programm als solches ist immer vor allem vom ZDF gewollt und gefördert worden, durfte allerdings nie zu einer Konkurrenz für das ZDF-Hauptprogramm werden. Seit es den deutsch-französischen Sender Arte gibt (Start am 30. Mai 1992), hat 3sat außerdem sein Alleinstellungsmerkmal als Fernsehkulturprogramm verloren. Durch die Internationalisierung des TV-Angebots insgesamt ist inzwischen auch die Bedeutsamkeit seines grenzüberschreitenden Charakters relativiert worden. Das 3sat-Programm konnte daher bis heute nicht aus der Rolle eines Juniorpartners des ZDF herauswachsen – und so haftet auch der „Kulturzeit“ dieses Image an.

Spätestens, seit zum Jahreswechsel 2016/17 auf einen Schlag drei der vier langjährigen Moderatoren ausgewechselt und durch jüngere, weitgehend unbekannte Gesichter ersetzt wurden, kam dann auch der Verdacht auf, die „Kulturzeit“ solle möglicherweise als eine Art Nachwuchsstudio der ZDF-Kultur weitergeführt werden. Neu hinzugekommen waren damals Vivian Perkovic (ZDF), Peter Schneeberger (ORF) und Nina Mavis Brunner (SRF); geblieben ist allein Cécile Schortmann (ARD), die seit 2008 zum Moderationsteam gehört. Inzwischen haben allerdings auch die ‘Neuen’ längst ihr Können bewiesen.

Dabei hatte es Peter Schneeberger in Sachen Zuschauerakzeptanz wohl am einfachsten, weil er unmittelbar wie die jüngere ‘Ausgabe’ seines Vorgängers Ernst Grandits wirkte, der immerhin zwanzig Jahre lang, von 1996 bis 2016, die „Kulturzeit“ mitgeprägt hat. Die Schweizerin Nina Mavis Brunner, die ihre Landsmännin Andrea Meier (von August 2004 bis Januar 2017 im Moderationsteam) ersetzte, hat diese ebenfalls inzwischen längst eingeholt. Am schwersten tat sich zunächst Vivian Perkovic, die die bis dahin sehr prägnante ZDF-Moderatorin Tina Mendelsohn ersetzen musste, die 16 Jahre lang (von 2001 bis 2016) mit dabei gewesen war. Inzwischen hat auch Perkovic an Kontur gewonnen: Dass es sich beispielsweise bei der Sendung vom 9. September 2020, die sich schwerpunktmäßig mit aktueller Identitätspolitik, Protestkultur und der sogenannten „Cancel Culture“ befasste, um eine der besten „Kulturzeit“-Folgen der letzten Zeit gehandelt hat, war neben den hervorragenden Filmbeiträgen zweifellos auch ihrer guten Moderation und geschickten Gesprächsführung in den beiden Studiogesprächen zu verdanken.

Nicht zuletzt die von ihnen geführten Interviews mit ins Studio geladenen oder per Video zugeschalteten Gästen stellen für die „Kulturzeit“-Moderatoren eine besondere Herausforderung dar. Formal erinnern diese in jeder „Kulturzeit“-Ausgabe stattfindenden Gespräche an die in den Nachrichtenmagazinen „Heute-Journal“ (ZDF) und „Tagesthemen“ (ARD) geführten politischen Interviews, inhaltlich jedoch haben sie meist einen anderen Charakter. Die „Kulturzeit“-Interviews sind eher Experteninterviews: Zur Vertiefung eines zuvor ausgestrahlten Filmberichts etwa wird hier Expertenwissen mehr abgefragt als hinterfragt. Inhaltlich haben sie damit eine Ausrichtung, wie sie etwa auch in den traditionellen Formaten der Kulturberichterstattung üblich ist, nämlich Künstlern, Publizisten, Wissenschaftlern auf diese Weise eine Öffentlichkeit für ihre Ideen und Konzepte zu bieten. Die Befragung ist hier nicht kritisch oder konfrontativ, sondern so angelegt, dass die Befragten möglichst viel von ihrer Expertise an das „Kulturzeit“-Publikum weitergeben können.

Aktualitätsbezug

Um die annähernd 200 Sendeminuten Woche für Woche füllen zu können, wird auch auf Beiträge zurückgegriffen, die zuvor schon in den Kulturmagazinen der vier beteiligten Sendeanstalten zu sehen waren. Ob es sich um Originalbeiträge oder Übernahmen handelt, bleibt meistens unerwähnt; bei den heute üblichen schlechten Sendeplätzen für Kultur im Fernsehen dürfte die Zahl der Zuschauer, die diese Beiträge bereits gesehen haben, aber sehr begrenzt sein. Durch die Moderation werden aber auch die Übernahmen jedesmal in einen neuen Kontext gestellt.

Viele der „Kulturzeit“-Beiträge haben einen tagesaktuell politischen Anspruch, wobei sich das Magazin dabei erkennbar an die jeweilige politische Agenda der Hauptnachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hält. So bezieht sich der Einstieg bei der Anmoderation in der Regel auf ein brisantes politisches Ereignis und der darauffolgende Filmbeitrag, dem sich oft noch ein Studiogespräch anschließt, stellt dann auch eine Verbindung zur Kultur her, indem etwa ein Kulturschaffender als Beobachter oder Zeuge des Geschehens befragt oder ein Kulturereignis damit in Verbindung gesetzt wird. Eine solche kulturelle Dimension des politischen Geschehens findet gerade nicht in den traditionellen Nachrichtensendungen des Fernsehens ihren Platz. Da hat Kultur oft nur den Stellenwert von ‘soft news’, etwa eines harmonisch angelegten Schlussbeitrags.

Berichtet wird nicht nur über Kultur-Events, sondern die „Kulturzeit“ nimmt auch selbst am kulturellen Diskurs teil, mit speziellen Beiträgen, oft in Form eigenständiger kleiner, nur wenige Minuten langer Reihen innerhalb des „Kulturzeit“-Programms. Diese Reihen bestehen häufig aus kurzen Film­essays mit eigener ästhetischer Handschrift. Vor der letzten Sommerpause waren das beispielsweise aus Anlass der Corona-Pandemie die Sechs-Minuten-Reihe „Noch nicht Schicht!“ über „Sebastian Pufpaffs Homeoffice-Tage“ (25. März bis 30. April) und die Reihe „Kultur trotz(t) Corona“ (seit dem 19. März, die 50. Folge gab’s am 4. Juni), in der sich Künstler in selbstgedrehten Videos präsentierten. Außerdem gab es in dieser Zeit die Mini-Reihen „Corona-Tagebuch weltweit“ und „Philosophisches Corona-Tagebuch“ zu sehen.

Nach Beendigung ihrer diesjährigen sechswöchigen Sommerpause ist die „Kulturzeit“ seit 17. August wieder regelmäßig auf Sendung und damit in ihr Jubiläumsjahr gestartet. Seitdem vergeht keine Folge der „Kulturzeit“, ohne dass nicht mindestens in einem Beitrag auf die aktuelle politische Lage eingegangen wird. Das am 20. August erfolgte Giftattentat auf den Kremlkritiker Alexej Nawalny wird bereits in der Sendung vom gleichen Tag erwähnt und am 21. August mit einem ausführlichen Filmbericht behandelt, bei dem auch die Berliner Unterstützer von Nawalny zu Wort kommen. Ein Filmbericht über die Proteste in Belarus stand gleich am Anfang der Sendung vom 24. August; ihm folgte ein Studiogespräch mit einem aus Berlin zugeschaltetem Historiker darüber. Seither sind in der „Kulturzeit“ wiederholt Beiträge aus Belarus ausgestrahlt worden, die sich vor allem auch mit den kulturkritischen Aspekten der dortigen Protestbewegung befassten.

Nach der Anti-Corona-Demonstration in Berlin am 29. August (Samstag) beschäftigte sich gleich die nächste Ausgabe der „Kulturzeit“ am Montag in ihrem ersten Beitrag damit, ergänzt um ein nachfolgendes Studiogespräch mit einer Politikwissenschaftlerin, die dieses Ereignis analysierte und einordnete. Solche Filmbeiträge im Magazin sind jedoch keine reinen Nachrichtenfilme, sondern Meinungsbeiträge, allerdings – entsprechend dem Grundton, wie er auch in den traditionellen Kulturmagazinen des öffentlich-rechten Fernsehen heute vorherrscht – mehr kritisch-reflektierend als investigativ-skandalisierend.

Berlin, Berlin?

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Sendung wurde eine Jubiläumsbroschüre veröffentlicht. Unter anderem berichten darin die beiden „Kulturzeit“-Redaktionsleiterinnen in einem gemeinsamen Interview aus ihrem Arbeitsalltag. Dort sagt Anja Fix vom ZDF: „Vor der täglichen Konferenz um 10.30 Uhr gibt es schon eine Schalte mit Berlin, Wien und Basel“. Mit „Wien“ und „Basel“ sind der Sitz des ORF in Wien und der Sitz der SRF-Abteilung ‘Kultur’ in Basel gemeint (das Unternehmen SRF residiert eigentlich in Zürich). Aber was bedeutet in diesem Zusammenhang „Berlin“?

Die ARD als Partneranstalt kann damit nicht gemeint sein, denn deren Programmdirektion sitzt in München, wo auch die hauptamtlichen ARD-Koordinatoren für Kultur und 3sat ihren Platz haben. Die Kulturberichterstattung der ARD ist zudem sehr dezentral organisiert: Das am späten Sonntagabend im Ersten ausgestrahlte ARD-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ vereint unter diesem Sendetitel sechs letztlich eigenständige ARD-Kultursendungen, die abwechselnd von den Landesrundfunkanstalten WDR, NDR, MDR, RBB, BR und HR produziert werden, die ihrerseits eigene Kulturmagazine in ihren Dritten Programmen unterhalten. Die ZDF-Hauptredaktion ‘Kultur’ hingegen hat wie die Redaktion der „Kulturzeit“ ihren Sitz in Mainz. In Berlin befindet sich allerdings die ZDF-Redaktion ‘Kultur Berlin’, die wie die Redaktion der „Kulturzeit“ ebenfalls zur ZDF-Hauptredaktion „Kultur“ gehört. Nur die Berliner Dependance kann also als Adressatin für die tägliche Schalte gemeint sein.

Dass eine 3sat-Redaktion zur selben Hauptredaktion gehört wie eine ZDF-Redaktion, gibt es erst seit dem 1. April 2017. Zu diesem Zeitpunkt wurde im ZDF die Direktion ‘Europäische Satellitenprogramme’, die bis dahin für 3sat und Arte zuständig war, aufgelöst und die ihr unterstellten Redaktionen wurden zu gemeinsamen Redaktionen aus anderen ZDF-Programmen zusammengeführt. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde auch eine eigene Hauptredaktion für die Kultur beim ZDF eingerichtet; sie wird seitdem von Anne Reidt geleitet. Zu dieser Hauptredaktion gehören nunmehr die Redaktionen ‘Kultur Berlin’, ‘Kultur/Kulturzeit’ und ‘Theater und Musik’ sowie seit Februar 2019 auch „ZDFkultur“, das digitale Kulturangebot im Netz (vgl. hierzu diese MK-Meldung und diese MK-Meldung).

Die von Daniel Fiedler aufgebaute und dann geleitete Redaktion ‘Kultur Berlin’ mit Sitz im ZDF-Hauptstadtstudio gibt es schon seit Januar 2013. Zu ihr gehören die in Berlin produzierten Sendereihen „Aspekte“ und „Das Literarische Quartett“, beides Kulturformate mit Publikum, die derzeit allerdings coronabedingt ohne dieses auskommen müssen, beide ausgestrahlt im ZDF-Programm freitags nach 23.00 Uhr – wobei „Aspekte“ gerade einer großen Veränderung entgegensieht und ab dem 23. Oktober eine reine Reportagesendung werden wird (vgl. MK-Artikel). Des Weiteren soll von der Redaktion im Hauptstadtstudio die gesamte Kulturberichterstattung aus und über Berlin für das ZDF-Programm und die „Kulturzeit“ auf 3sat organisiert werden. Beiträge aus Berlin und Studiogespräche, in denen der zugeschaltete Gast dafür im Hauptstadtstudio des ZDF sitzt, sind denn auch häufig in der „Kulturzeit“ anzutreffen; seltener befindet sich dagegen ein Gesprächsgast leibhaftig im Mainzer „Kulturzeit“-Studio.

Auch insgesamt betrachtet erscheint die Kulturberichterstattung aus und über Berlin eher überrepräsentiert zu sein. Der Einfluss, den die im ZDF-Hauptstadtstudio residierenden Berliner auf die „Kulturzeit“ haben, ist jedenfalls unübersehbar. Wie gut, wenn da das Publikum vor den Bildschirmen dann auch mal am Beginn von „Kulturzeit“-Ausgaben vom Österreicher Peter Schneeberger typisch österreichisch mit „Liebe Zuseherinnen und Zuseher“ begrüßt wird oder die Schweizer Moderatorin Nina Mavis Brunner die Zuschauer am Schluss der Sendung mit einem typischen Schweizer Gruß entlässt, um auf diese Weise an den übernationalen Charakter von Kultur zu erinnern.

Kultur ist mehr als Kunst

Kultur besteht bekanntlich nicht nur aus den drei klassisch-traditionellen Künsten Musik, bildende Kunst und Literatur mit deren (medialen) Ausprägungen (Konzerte und Opern, Ausstellungen und Präsentationen, Theater und Buchmessen) sowie den klassisch-modernen Künsten wie Film und Fotografie, die gerade auch in der „Kulturzeit“ häufig thematisiert werden. Als Bestandteile eines gemeinsamen gesellschaftspolitischen Reflexionsraums gehören auch Wissenschaft und Philosophie dazu, deren Vertreter oft als Interviewpartner im Studio oder in Filmbeiträgen der „Kulturzeit“ anzutreffen sind. Was in der „Kulturzeit“ hingegen gelegentlich zu kurz kommt, ist das Genre der klassischen Musik; stark vertreten ist jedoch die Pop-Musik, vor allem in Form von filmisch ambitionierten Videoclips am Ende nahezu jeder „Kulturzeit“-Folge.

Filmessays mit philosophischem Anspruch gehören ebenfalls zum Markenzeichen der „Kulturzeit“, während Filmbeiträge, die sich – im weitesten Wortsinn – sakralen Themen widmen, so gut wie gar nicht vorkommen. Solche Filmessays bedienen sich oft einer assoziativen, sehr ambitionierten Bildsprache, sind aber zumeist auch sehr wortlastig. In der „Kulturzeit“-Ausgabe vom 20. August beispielsweise gab es gegen Ende einen solchen Filmessay, der sich mit der Reform der ‘Stiftung Preußischer Kulturbesitz’ beschäftigte. Am Tag zuvor nämlich hatte der Stiftungsrat dieser Organisation getagt und die Einsetzung einer Reformkommission beschlossen. Die sollte das bereits im Juli veröffentliche Gutachten des Wissenschaftsrats umsetzen, das eine Auflösung der Stiftung befürwortet, weil sie aufgrund ihrer komplexen Zusammensetzung viel zu schwerfällig sei.

Über diesen Beschluss berichtete die „Kulturzeit“, indem Nina Mavis Brunner in der Anmoderation das Bild vom schwerfälligen Kulturtanker benutzte, das der Filmessay dann unter Verwendung vieler weiterer maritimer Bilder und Metaphern fortführte. Ihre Verwendung schien auf den ersten Blick nicht besonders originell zu sein, aber in diesem Fall doch sehr aktuell, weil sie mit Bildern eines vor Mauritius havarierten Tankers verbunden wurden, die jeder Zuschauer zu dieser Zeit aus den aktuellen Nachrichtensendungen kannte: Der Tanker war am 25. Juli auf ein Riff vor der Insel Mauritius aufgelaufen und dann am 15. August auseinandergebrochen. Damit wurden diese Bildmetaphern Teil einer kritischen Reflexion über den aktuellen Beschluss des Stiftungsrats.

Ein weiteres gelungenes Beispiel dieser Art ist der Filmessay zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, den die „Kulturzeit“ pünktlich in der Sendung vom 27. August feierte: Der Beitrag bediente sich sowohl essayistischer Mittel, in diesem Fall eines animierten Zeichentricks über Leben und Werk Hegels, als auch der Tagesaktualität durch Bezug auf den vieldiskutierten Auftritt des Kabarettisten Florian Schröder während der Stuttgarter Anti-Corona-Demonstration am 8. August. Gesendet wurde dieser Essay, kurz bevor die Initiatoren der Stuttgarter Proteste eine ebensolche Demonstration für den 29. August in Berlin vorbereiteten. Im Anschluss an diesen Filmbeitrag führte dann Peter Schneeberger ein interessantes Studiogespräch mit dem dort porträtierten Kabarettisten und dessen Idee, dialektisches Denken wieder zu reanimieren.

Zeitenwende

Am 2. Oktober (Freitag) wird aus Anlass des Jubiläums zur gewohnten Sendezeit eine Ausgabe „Kulturzeit extra“ zum Thema „Zeitenwende“ ausgestrahlt. Thema sind die weltweit zunehmenden Demonstrationen, die Misstrauen und Protest gegenüber der aktuellen Politik zum Ausdruck bringen. Mit dem Datum ihrer Jubiläumssendung steht die „Kulturzeit“ allerdings in Konkurrenz zu einem weiteren Jubiläum, das einen Tag später von den Medien begangen werden wird, denn am 3. Oktober werden diesmal auch 30 Jahre deutsche Einheit gefeiert. Die „Kulturzeit“ beteiligt sich daran mit der vierteiligen Reihe „Pop/Nation/Deutschland“, ausgestrahlt innerhalb der Magazin-Sendungen vom 28. September bis 1. Oktober. Hier werden Musiker und Musikerinnen porträtiert, die über ihre Kunst sprechen und ihr Verhältnis zu Sprache, Herkunft und dem eigenen Land.

Wenn man sich den Zeitraum von 25 Jahren „Kulturzeit“ vergegenwärtigt, sollte man vielleicht noch eines anderen, für die kulturelle Entwicklung folgenreichen Jubiläums gedenken: Vor 25 Jahren nämlich, genauer: am 24. August 1995, wurde von Bill Gates „Windows 95“ der Öffentlichkeit vorgestellt und in New York wurde dafür in dieser Nacht sogar das Empire State Building in den Farben von Windows angestrahlt. Diese Software hatte erstmals eine benutzerfreundliche grafische Oberfläche, die eine wesentliche Vereinfachung der Bedienung bedeutete und weltweit einen Verkaufsboom an PC-Geräten zur Folge hatte. Nach Lesen, Schreiben und Rechnen nahm somit an diesem Tag die massenhafte Verbreitung einer neuen Kulturtechnik ihren Anfang, ohne die zu beherrschen zunehmend keine Teilhabe mehr am gesellschaftlichen Leben möglich sein wird. Auch das führt zu einer Zeitenwende, die irreversibel ist – selbst für diejenigen, die die Tatsache, dass die „Kulturzeit“-Moderatoren bis heute bei ihrer Arbeit nicht hinter einem aufgeklappten Laptop stehen, sondern frei im Studio mit Moderationskarten in der Hand, nach wie vor als besonders wohltuend empfinden.

02.10.2020/MK

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