Kirche und Fernsehen

Nach 33 Jahren in der Kirchenredaktion des ZDF: Michaela Pilters zieht im Interview Bilanz

Von Norbert Demuth

08.07.2018 • Michaela Pilters, 65, war seit 1985 Leiterin der ZDF-Redaktion ‘Kirche und Leben katholisch’. Am 19. Juni 2018 hatte sie ihren letzten Arbeitstag bei dem öffentlich-rechtlichen Sender, Ende Juni ging sie in den Ruhestand. Pilters war beim ZDF verantwortlich für die Dokumentations- und Reportagereihe „37 Grad“, für die Übertragung der katholischen Sonntagsgottesdienste und das Magazin „sonntags – TV fürs Leben“. Außerdem moderierte sie anlässlich von Katholikentagen und Papstbesuchen Sondersendungen. Im Gespräch mit der MK zieht Pilters nach 33 Jahren Berichterstattung als ZDF-Kirchenexpertin Bilanz. Das Interview führte Norbert Demuth, er sprach mit Michaela Pilters beim ZDF in Mainz. • MK

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MK: Frau Pilters, wenn Sie zurückdenken an die Anfänge Ihrer Arbeit in der ZDF-Redaktion ‘Kirche und Leben katholisch’ im Jahr 1985: Was ist der inhaltlich größte Unterschied zu heute?

Pilters: Damals hatten wir die Sendung „Tagebuch aus der katholischen Kirche“ und dann gab es noch das „Tagebuch aus der evangelischen Welt“. Daran kann man schon erkennen: Wir waren sehr viel stärker kirchenorientiert. Wir haben eigentlich eine elektronische Kirchenzeitung produziert.

MK: Sind die ZDF-Kirchenredaktionen – es gibt ja neben der katholischen auch noch eine evangelische – heute nicht mehr so direkt kirchenorientiert?

Orientierungs- und Lebenswissen

Pilters: Im Magazin „sonntags – TV fürs Leben“, das wir inzwischen am Sonntagmorgen senden, spielt Kirchenberichterstattung so gut wie gar keine Rolle. Unsere Sendungen haben sich in eine Richtung entwickelt, die auf keinen Fall mehr konfessionsspezifisch ist, bestenfalls religiös. Sie bieten Orientierungs- und Lebenswissen.

MK: Und wo bleiben dann die kirchlichen Themen?

Pilters: Aktuelle kirchliche Themen finden heute vor allem in den ZDF-Nachrichten und Nachrichtenmagazinen statt. Und natürlich gibt es weiterhin die klassischen Verkündigungssendungen, also die Gottesdienstübertragungen.

MK: Hat sich durch diese Änderung in der Herangehensweise das Standing der Kirchenredaktionen im ZDF verändert?

Pilters: Ja, das hat sich verbessert, seitdem wir nicht mehr als „Sprachrohr der Kirchen“ angesehen werden. Inzwischen ist völlig klar: Es gibt Verkündigungssendungen, da dürfen die Kirchen mitreden. Sie wählen aus, aus welcher Gemeinde der Gottesdienst übertragen wird, und verantworten den Inhalt. Und es gibt die redaktionellen Sendungen, da haben die Kirchen nichts reinzureden. Am Anfang meiner Tätigkeit gab es da noch mehr Konflikte, weil es unklare Strukturen gab. Da hat der damalige Beauftragte der katholischen Kirche beim ZDF, Jesuitenpater Eckhard Bieger, im Schneideraum bei redaktionellen Sendungen noch mit reingeredet.

MK: Und wann hat sich das geändert?

Pilters: 1992 wurden in neuen Ausführungsbestimmungen die jeweiligen Kompetenzen neu beschrieben. Darauf habe ich gedrungen.

MK: Es gab ja einen Verlust der Dokumentationsplätze für kirchliche Themen. Wie kam es dazu?

Pilters: Der „Sündenfall“ im positiven Sinne war die Einführung der Dokumentationsreihe „37 Grad“ im Jahr 1994, der wir damals die Sendung „Kontext“ geopfert haben. Das wurde vom seinerzeitigen ZDF-Kirchenbeauftragten Pater Bieger stark betrieben. Er fand „37 Grad“ gut und wollte es haben, während ich eher skeptisch war. Heute möchte ich „37 Grad“ nicht mehr missen; die Sendung hat bei vielen Zuschauern fast schon einen Kultstatus.

MK: Was suchen die Zuschauer bei „37 Grad“?

Respektvoller Umgang

Pilters: Die Leute sind stark an existenziellen Themen interessiert. „37 Grad“ befasst sich mit Menschen in Krisensituationen. Daher der Titel „37 Grad“ – wo die menschliche Körpertemperatur zum Fieber umschlägt. Dieses Format sieht man so im Fernsehen kaum: Menschen erzählen hier – ohne dass wir Experten beiziehen – subjektiv ihre Geschichten. Und wir behandeln sie mit Respekt. Es gibt viele Menschen, die sagen: Meine Geschichte erzähle ich nur bei „37 Grad“, weil ich weiß, dass da mit mir respektvoll umgegangen wird. Besondere „37-Grad“-Sendungen waren etwa die zum Thema Suizid oder zum Thema sexueller Missbrauch in der Familie.

MK: Wenn Sie sagen, Sie behandeln als Redaktion ‘Kirche und Leben’ in ihren Fachmagazinen fast keine originär kirchlichen Themen mehr – was sagt dann die katholische Kirche dazu?

Pilters: Natürlich würden sich die Kirchenvertreter im ZDF-Fernsehrat mehr Sendezeit wünschen, zu der wir im klassischen Sinne über kirchliches Leben berichten.

MK: Alles, was von einem engen konfessionellen Verständnis, was von Traditionen geprägt ist, lassen Sie als Kirchenredaktion also eher beiseite?

Pilters: Ja, auch um es nicht zur Folklore verkommen zu lassen.

MK: Wie stark mussten Sie ZDF-intern kämpfen, um kirchliche Themen im Fernsehen platzieren zu können?

Pilters: Das Kostbarste, was wir im ZDF haben, sind Sendeplätze. Der Tag hat 24 Stunden und es ist immer ein Verdrängungswettbewerb. Wenn Sie etwas Neues, etwas anderes außerhalb der geregelten Sendeplätze haben wollen, müssen sie jemanden anderen aus dem Programm verdrängen. Da muss man jeweils gut überlegen: Lohnt der Kampf?

MK: Sie haben 1988 in einem Beitrag für die „Funkkorrespondenz“ geschrieben: „Wir weigern uns, der Gottheit ‘Einschaltquote’ zu opfern und schielen doch ständig nach den Zahlen, weil wir davon abhängig sind.“ Ist das immer noch so?

Pilters: Die Einschaltquoten sind nach wie vor sehr wichtig, wobei es unterschiedlich ist, auf welchem Sendeplatz ein Beitrag läuft. Bei der Sendung „37 Grad“, die in der sogenannten Primetime stattfindet, ist es wichtig, auf die Dauer einen gewissen Schnitt zu erreichen. Der liegt bei 10,1 Prozent Marktanteil, das sind über 2,3 Millionen Zuschauer. Dazu gibt es jedes Jahr sogenannte Zielvereinbarungsgespräche innerhalb des ZDF.

MK: Keine Sendung läuft isoliert für sich, sondern sie tritt immer in Konkurrenz zu anderen Beiträgen an. Ist manchmal auch ein übermächtiges Format in anderen Programmen Schuld an schlechten eigenen Quoten?

Pilters: Ja, das kommt vor. Wenn wir etwa das Magazin „sonntags“ gegen Formel-1-Sendungen aus Shanghai senden, ist klar, dass wir nicht die gewünschte Quote erreichen. Bei „sonntags“ haben wir normalerweise im Schnitt gut sechs Prozent Marktanteil. Wenn die Sendung parallel zur Formel 1 läuft, gehen wir schon mal mit nur zwei oder drei Prozent Marktanteil nach Hause.

MK: Wie viele Zuschauer sind das dann noch?

Pilters: Etwa 200.000.

Gottesdienstübertragungen

MK: Die Zahl der katholischen Gottesdienstbesucher sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich. 2,4 Millionen Katholiken besuchen derzeit im Schnitt am Wochenende einen Gottesdienst, während es in den 1950er Jahren noch fast 12 Millionen waren. Wie sieht die Entwicklung für die Einschaltquoten bei ZDF-Gottesdienstübertragungen aus?

Pilters: Die hat sich stabilisiert. Momentan sind wir etwa bei 700.000 Zuschauern. Die Spitze hatten wir 2005 mit über einer Million. Dann gab es einen Abwärtstrend, der nun aber gestoppt wurde. Wir haben sehr treue Zuschauer. Das sind überwiegend die Älteren.

MK: Werden die Gottesdienstzuschauer irgendwann sozusagen aussterben?

Pilters: Es scheint nicht so zu sein, es kommen wieder Jüngere nach. 1986 hat das ZDF – interessanterweise gegen den Willen der katholischen Bischofskonferenz – entschieden, dass wir jeden Sonntag einen Gottesdienst übertragen, im Wechsel katholisch und evangelisch. Vorher war das nur einmal im Monat ein katholischer Gottesdienst. Damals, 1986, hatten wir nur etwa 360.000 Zuschauer bei den Gottesdienstübertragungen.

MK: Sehen Katholiken auch Übertragungen evangelischer Gottesdienste – und umgekehrt?

Katholiken und Protestanten

Pilters: Ja, auf jeden Fall. Interessanterweise hatte unser protestantisches Pendant, die ZDF-Redaktion ‘Kirche und Leben evangelisch’, über Jahre immer bessere Einschaltquoten bei den Gottesdiensten. Und wir haben gerätselt: Was machen wir falsch? Warum gucken die Leute lieber evangelische Gottesdienste als katholische? Bis wir drauf gekommen sind, dass mehr Katholiken evangelische Gottesdienste geguckt haben als evangelische Christen katholische Gottesdienste. Durch die „Sonntagspflicht“ – also das katholische Kirchengebot, an Sonn- und Feiertagen einer Messe beizuwohnen – haben viele Katholiken eben einen evangelischen Fernsehgottesdienst angesehen, wenn sie selbst nicht in die Kirche gehen konnten.

MK: Gilt das immer noch?

Pilters: Nein, inzwischen ist das gekippt. Mittlerweise sind die katholischen Fernsehgottesdienste besser eingeschaltet als die evangelischen. In der Regel haben die katholischen TV-Gottesdienste 0,4 Prozentpunkte mehr Zuschauer. Und das entspricht ja auch der Realität des Kirchenbesuchs, der zahlenmäßig bei den Katholiken etwas höher ist.

MK: Hätten möglicherweise die Muslime Anspruch auf die Übertragung von Freitagsgebeten?

Pilters: Die Muslime haben laut ZDF-Staatsvertrag keinen Anspruch auf Sendezeit, weil sie keine Körperschaft des öffentlichen Rechts sind. Aber das ZDF hat natürlich – wissend, dass wir 4,5 Millionen Muslime in Deutschland haben – journalistische Sendungen über muslimische Themen im Programm, etwa das „Forum am Freitag“, das es seit 2007 gibt.

MK: Hat die jüdische Seite Sendezeitrechte?

Pilters: Die jüdische Kultusgemeinde hat Anspruch auf Sendezeit, nimmt diesen aber nicht wahr. Das ist folgendermaßen zu erklären: Ein orthodoxer Jude wird am Sabbat kein elektrisches Gerät benutzen, sprich: keinen Fernseher. Deshalb bringt es ihnen nichts, einen Sabbat-Gottesdienst im Fernsehen zu übertragen.

MK: Inwieweit tragen die öffentlich-rechtlichen Sender dazu bei, die kulturelle Bedeutung des Sonntags in der deutschen Gesellschaft zu wahren? Sind ARD und ZDF hier zu Hütern des Sonntags geworden?

Pilters: Um 9.00 Uhr morgens haben wir im ZDF jeden Tag die Ratgeber-Schiene. Am Sonntag nimmt die Sendung „sonntags – TV fürs Leben“ diese Funktion wahr. Zuschauerbefragungen haben gezeigt, dass die Leute am Sonntag eher bereit sind, sich auf Impulse und Orientierungswissen zum Sinn des Lebens einzulassen. Da darf es schon ein bisschen tiefer gehen als in einer Ratgebersendung unter der Woche.

MK: Sie haben über Papstbesuche von Johannes Paul II. und von Benedikt XVI. in Deutschland berichtet. Charakterisieren Sie beide Päpste bitte einmal mit nur einem Satz.

Pilters: Massenveranstaltungen waren nicht das Element von Benedikt XVI. Dagegen konnte Johannes Paul II. mit den Medien besser spielen und die Leute ansprechen.

MK: Und wie es bei Franziskus?

Pilters: Da ist es nochmals gesteigert. Wenn man den sieht, wie er auf die Menschen zugeht: Franziskus badet in der Menge.

MK: Sie haben insgesamt 33 Jahre lang für das ZDF über die Kirche berichtet. Waren sie manchmal verzweifelt über die langsamen Mühlenräder, die da mahlen?

Frustration und Fortschritt

Pilters: Ja, manchmal konnte man fast verzweifeln. Vor allem wenn man – so wie ich – mit der Kirche lebt und fühlt. Ich bezeichne mich als engagierte Katholikin, bin auch aktiv in einer Pfarrei. Doch gerade die aktuelle Entwicklung – das Eingreifen Roms in diesen Streit unter den deutschen Bischöfen über den Kommunionempfang für evangelische Christen – macht mich sehr ratlos, wütend und zornig.

MK: Was bedeutet die jüngste Entwicklung Ihrer Ansicht nach?

Pilters: Das ist eine Nagelprobe über das Pontifikat von Franziskus, wohin er mit der Kirche eigentlich will. Er hat immer gesagt, er will den Ortskirchen mehr Freiheiten geben. Dass er jetzt im Nachgang zu dem Treffen mit den deutschen Bischöfen nochmal eingreift, hat mich sehr überrascht.

MK: Im Moment überwiegt also die Frustration, aber sehen Sie im Rückblick auch wirkliche Fortschritte?

Pilters: Ja, wenn man mehr als 30 Jahre über die Kirche berichtet, sieht man auch positive Veränderungen und merkt: Diese Kirche bewegt sich. Als ich angefangen habe, gab es zum Beispiel anders als heute noch keine Pastoralreferentinnen. Das wollte ich eigentlich ursprünglich werden.

MK: Viel mehr können Frauen aber auch heute noch nicht werden in der katholischen Kirche – es gibt weder Diakoninnen noch Priesterinnen…

Pilters: Es hat mich sehr geärgert, dass vor einigen Monaten ohne Not aus Rom die ablehnende Haltung für ein Weiheamt für Frauen bekräftigt wurde. Dass also gesagt wurde, die bisherige Position sei unverhandelbar. Dass man da jetzt wieder gewissermaßen ein Diskussionsverbot über diese Frage verhängt, das finde ich schlimm.

MK: Wird Franziskus viele Hoffnungen enttäuschen?

Pilters: Auch ich hatte große Hoffnungen auf Franziskus gesetzt. Im Augenblick weiß ich nicht, ob es nicht kippt.

MK: Wohin kippt?

Pilters: Dass es ein Zurückfallen in Positionen gibt, von denen man glaubte, dass sie sich aufweichen ließen.

MK: Sie verlassen nun das ZDF und gehen in den Ruhestand. Wer wird Ihr Nachfolger?

Pilters: Ab dem 1. Juli wird Jürgen Erbacher mein Nachfolger als Leiter der ZDF-Redaktion ‘Kirche und Leben katholisch’. Er arbeitet hier seit 2005 als Redakteur.

MK: Und was werden Sie im Ruhestand machen?

Pilters: Ich widme mich als Vollzeit-Oma meiner Familie.

08.07.2018/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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