Journalismus auf dem Land

Interview mit dem Regisseur Jean Boué über seinen Dokumentarfilm „Die letzten Reporter“

Von René Martens
16.11.2021 •

Noch vor der Corona-Pandemie drehte der Regisseur Jean Boué den Dokumentarfilm „Die letzten Reporter“, eine Hommage an den Lokaljournalismus. Das Dritte Programm NDR Fernsehen sendet den Film in der Nacht vom 16. auf den 17. November (Dienstag auf Mittwoch, 0.00 bis 1.35 Uhr). MK-Mitarbeiter René Martens sprach anlässlich der Filmausstrahlung mit Boué über den Enthusiasmus von Lokalreportern in medienökonomisch schwierigen Zeiten und die Unterschiede zwischen Leitmedien- und Lokaljournalismus. Im vorigen Jahr wurde Boué für seinen Dokumentarfilm „Die Unerhörten“ (ausgestrahlt im August 2019 im RBB Fernsehen) mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Jean Boué, Jg. 1961, lebt in der brandenburgischen Provinz. • MK

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MK: Herr Boué, Sie haben innerhalb relativ kurzer Zeit zwei Dokumentarfilme gedreht, die das gesellschaftliche Leben an der Basis in den Blick nehmen: „Die Unerhörten“, ein Film über fünf Politiker, die 2019 im ländlichen Brandenburg für den Landtag kandidieren und einen Wahlkampf führen, der wenig mit dem zu tun hat, was von Wahlkämpfen sonst medial vermittelt wird, und „Die letzten Reporter“, ein Film, der die Arbeit von drei Lokaljournalisten zeigt. Wie ist diese Themenvorliebe zu erklären?

Jean Boué: Ich habe vor 15 Jahren meinen Lebensmittelpunkt verlegt – aus dem großen hippen Berlin in die Einöde, in den Landkreis Prignitz. Mir ist aufgefallen, wie weit das, was aus den urbanen Regionen über die Nachrichtenagenturen und die Redaktionen der Verlagshäuser und Sender verbreitet wird, von dem entfernt ist, was hier passiert. Diese Lücke wird nach meiner Beobachtung eher größer. 2013 habe ich „Adamshoffnung 112“ gedreht, einen Film über eine dörfliche Freiwillige Feuerwehr, der auch noch in die Reihe der von Ihnen genannten Filme gehört. Da kann man sich natürlich fragen: Warum macht jemand über eine Freiwillige Feuerwehr, bei der nichts passiert, einen langen Dokumentarfilm? Trotzdem glaube ich, dass der Film unterhaltsame und erhellende Momente hat, weil es hier vor allem um den Gemeinsinn ging. Mein Blick auf die Welt und meine Themen haben sich jedenfalls ziemlich verändert. 2012 habe ich noch einen Film über Iggy Pop gedreht, danach wurde es immer lokaler. Diese „Landthemen“, wenn man denn so will, haben eine gewisse Kontinuität.

MK: Kann man bei „Adamshoffnung 112“, „Die Unerhörten“ und „Die letzten Reporter“ von einer Trilogie sprechen?

Jean Boué: Das könnte man tatsächlich. Ich habe den Begriff selbst aber nicht verwendet, weil mir das etwas zu konzeptkünstlerisch klingt.

„Das hat mich umgehauen“

MK: „Die letzten Reporter“ ist im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks entstanden und die Protagonisten stammen aus dessen Sendegebiet: Anna Petersen von der „Landeszeitung für die Lüneburger Heide“, Werner Hülsmann, Gesellschaftsreporter und Kulturkolumnist des Anzeigenblatts „Osnabrücker Nachrichten“, und der Sportreporter Thomas Willmann von der „Schweriner Volkszeitung“: Wie findet man die richtige Mischung?

Jean Boué: Ich habe vorher mit Lokalzeitungsredakteuren gesprochen, die ich kenne. Ich hatte zum Beispiel auch noch einen Journalisten anrecherchiert, der immer wieder ökologische Sauereien aufdeckt.

MK: Warum kommt er im Film nicht vor?

Jean Boué: Er kam aufgrund seines Alters nicht in Frage. Sonst hätten wir drei männliche Protagonisten über 50 gehabt. Deshalb ist Anna Petersen so wichtig für den Film. Sie ist ein Digital Native und sie steht auch insofern für das Neue, als sie sich bereits als 25-Jährige bei der „Landeszeitung“ besondere Freiheiten erarbeitet hat. Die Älteren in der Redaktion waren darüber nicht alle amused.

MK: In diesem Jahr hat Anna Petersen für die Langzeitbeobachtung einer jungen Frau, die unter dem Fetalen Alkoholsyndrom leidet, den Theodor-Wolff-Preis erhalten. In „Die letzten Reporter“ ist ein beeindruckendes Gespräch der Journalistin mit dieser Frau zu sehen. Für mich ist das die stärkste Passage des Films.

Jean Boué: Das war auch für das Drehteam eine außergewöhnliche Situation. Meinen letzten Film vor dem Beginn der Dreharbeiten für „Die letzten Reporter“ hatte ich über das Fetale Alkoholsyndrom gemacht – 2018 unter dem Titel „Alkoholkinder“ für die WDR-Reihe „Menschen hautnah“. Als wir Anna Petersen zu diesem Interview begleitet haben, wussten wir aber nicht, dass es um dieses Thema gehen wird, wir wussten nur, dass sie eine junge Frau treffen wird, die bisher nicht allein lebensfähig war und nun ihre erste eigene Wohnung bezogen hat. Als in dem Gespräch die unerträglichen Lebenserfahrungen dieser Frau stückweise herauskamen, war für mich klar, dass ich die Kamera nicht mehr so viel auf diese Frau halten möchte, sondern auf die Journalistin, weil mich unglaublich interessiert hat, wie sie damit umgeht. Dass es zu Beginn des nächsten Films gleich mit diesem Thema weitergeht, das hat mich umgehauen. Die Kamerafrau und die Tonfrau, die beide auch bei dem anderen Film dabei waren, haben gesagt: Das kann doch gar nicht wahr sein, dass wir jetzt weiter den letzten Film drehen.

MK: Für die eher unterhaltsamen Momente ist im Film dagegen der Reporter Werner Hülsmann zuständig – was auch viel mit den Personen zu tun hat, über die er schreibt. Da ist zum Beispiel die exaltierte Sopranistin Ulla Weller aus Osnabrück, die man beim Sektfrühstück mit Hülsmann in ihrem Garten sieht. Haben Sie nach den Vorgesprächen gewusst, dass sie auf solche fast schon spielfilmreifen oder zumindest vorabendserienreife Figuren stoßen werden?

Mit Respekt über andere Menschen schreiben

Jean Boué: Zumindest auf die Sopranistin war ich vorbereitet, weil mir ein Musiker von ihr erzählt hatte. Zu Werner Hülsmann muss man sagen, dass er, auch wenn er „nur“ für ein Anzeigenblatt arbeitet, wahrscheinlich im besten Sinne Journalismus macht – natürlich, wie im Film zu sehen ist, ohne den Stars und Sternchen aus seinem Verbreitungsgebiet wehzutun. Für mich persönlich hat aber das eine große Berechtigung, dass man mit Vorsicht und Respekt über andere Dinge und andere Menschen schreibt. Bei den Leitmedien in den Metropolen, auf die ich mittlerweile aus großer Distanz blicke, vermisse ich das jedenfalls oft.

MK: Inwiefern?

Jean Boué: Ob es nun der „Spiegel“ ist, die „Süddeutsche Zeitung“ oder die „FAZ“: Mir fallen immer wieder Artikel auf, die auf Studien basieren, aus denen die Autoren dann Mutmaßungen ableiten, die sie mit ein paar Konjunktiven und einem Fragezeichen in der Überschrift oder im Vorspann versehen. Solche fundierten oder scheinbar fundierten Hypothesen haben für mich nicht mehr viel mit journalistischer Beobachtung von Entwicklungen zu tun. Ganz anders die Reporter, die ich für den Film kennengelernt habe. Die haben wahnsinnig wenig Zeit, machen ein Foto, nehmen sich ein, zwei Leute, mit denen sie reden, und ob das die richtigen oder die falschen sind – die Frage stellt sich gar nicht, denn sie müssen ja gleich zum nächsten Termin. Sie arbeiten unter unglaublichem Zeitdruck, aber immer noch mit einem gewissen Enthusiasmus. Ich habe diese Leute einfach gemocht, schon bei der Vorrecherche, weil sie für ihre Sache brennen.

MK: Den Enthusiasmus spürt man besonders bei Thomas Willmann von der „Schweriner Volkszeitung“.

Jean Boué: Als wir ihn bei seiner Berichterstattung von den Kreisjugendspielen in der Leichtathletik begleitet haben, hat er zu mir Sätze gesagt wie „Sag mal, Jean, ist das nicht toll, dass es so etwas gibt?“ oder „Das ist richtig Journalismus hier!“ Er war so angefasst von der Freude der Kinder und Jugendlichen und von der gesamten Atmosphäre.

MK: Willmann ist aufgrund seiner Originalität im besten Sinne eine Figur, für die man als Filmemacher vermutlich dankbar ist. Aber angesichts dessen, dass er 2019, zu Beginn der Dreharbeiten, noch kein Smartphone hatte, sondern als Handy nur einen „Knochen“, wie er es nennt, dürfte er ein alles andere als repräsentativer Lokaljournalist sein.

Jean Boué: Keiner der drei Protagonisten ist eine repräsentative Figur. Mir ist auch in zwei, drei Kritiken vorgeworfen worden, ich hätte diesen oder jenen Aspekt nicht berücksichtigt. Ich habe aber auch gar nicht versucht, irgendeinen Status in seiner Gänze zu erfassen.

MK: Weil es nicht die Aufgabe eines Dokumentarfilms ist, das filmisch umzusetzen, was schon in vielen fachjournalistischen Texten ausführlich beschrieben wurde?

Abhängig von einem großen Zeitungshaus

Jean Boué: Ja. Die Veränderung der Medienrezeptionsgewohnheiten, die Einnahmeverluste aufgrund des ganzen digitalen Wandels – das ist ja alles drin im Film. Ich habe das aber nicht besonders herausstellen wollen, sondern eben nur „angetippt“, wie eine Kritikerin schrieb.

MK: Um beim Thema Geld zu bleiben: Man kann den Titel „Die letzten Reporter“ auch so interpretieren, dass es in Zukunft immer weniger dieser Reporter geben wird, weil es für die Redaktionen offenbar schwieriger wird, neue Leute zu finden. Beim Lokalsportforum des Verbands Deutscher Lokalzeitungen, bei dem Sie gedreht haben, sagt ein im Publikum sitzender Sportjournalist: „Es gibt Verlage, die stellen ein, kein Witz, für 2000 Euro brutto.“

Jean Boué: Wobei die finanzielle Lage für die freien Journalisten natürlich noch viel ärger ist als für die fest angestellten. Aber das im Film zu zeigen, war nicht möglich, weil der Freie, den ich gern dabei gehabt hätte, von einem großen Zeitungshaus abhängig ist. Der hat sich am Ende nicht getraut, offen über seine Situation zu reden.

MK: Wer ist Uli Fiedler, der im Nachspann unter „in memoriam“ genannt ist?

Jean Boué: Ich habe ihn vor über 30 Jahren beim NDR kennengelernt und mit ihm für einige Zeit beim Satiremagazin „Extra 3“ zusammengearbeitet. Uli Fiedler hatte jahrelang als Lokalreporter für den NDR aus Lüchow-Dannenberg berichtet, vor allem über den Kampf gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben. Sein Widersacher war ein Atomlobbyist und örtlicher CDU-Politiker. Uli hat ihn nicht in Ruhe gelassen. Er setzte sich in dieselbe Kneipe, er hat ihn nie bedrängt, aber ihm signalisiert, dass er ihn immer im Auge hat. Das war typisch für seine Hartnäckigkeit. Weil Uli Fiedler, der viel zu früh verstorben ist, der größte Lokalreporter war, den ich kennengelernt habe, habe ich ihm diesen Film gewidmet.

16.11.2021/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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