Integration und Vielfalt

70 Jahre ARD (und 57 Jahre ZDF): Zum Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Von Norbert Schneider
19.07.2020 •

Bezogen auf Stichworte wie Grundversorgung und Integration der Gesellschaft kann man für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland drei Phasen (mit gleitenden Übergängen) unterscheiden. Die erste Phase endete in den frühen 1980er Jahren. Bis dahin entwickelte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu einer der Institutionen, die, wie die Volksparteien, die Kirchen, die Gewerkschaften oder die Universitäten, eine integrierte Gesellschaft erst mit aufgebaut und dann gestützt haben. In einer zweiten Phase – etwa von Mitte der 1980er Jahre bis um 2010 – verlor der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach und nach diese systemische Bedeutung. Er reagierte sporadisch, unentschlossen, ohne klaren Plan auf einen gesellschaftlichen Wandel, der von Vielfalt geprägt war und für den Integration kein Selbstläufer mehr sein konnte.

In einer dritten Phase, die vor etwa zehn Jahren begonnen und noch kein Ende hat, sieht sich der deutsche „Gesellschaftsrundfunk“ nicht mehr einer primär gesellschaftlichen, sondern einer technologischen Veränderung ausgesetzt: der Digitalisierung der Kommunikation, die nicht zuletzt durch die aktuelle Corona-Pandemie einen neuen Schub erfahren hat. Der Umgang mit dieser prekären Lage könnte durch eine programmatische Rückkehr zu Programmzielen der ersten Stunde wie Grundversorgung und Integration erleichtert und zugleich produktiver werden. Die drei Phasen werden im Folgenden etwas näher in den Blick genommen.

I. Wie alles angefangen hat

Vor demnächst hundertundeinem Jahr, am 16. November 1919, beschrieb der Rundfunkpionier Hans Bredow vor Pressevertretern in der Berliner Urania die Aussicht, Musik und Wortbeiträge über einen Röhrensender zu übertragen, als die „Möglichkeit eines Rundfunks an alle“. Bredow meinte damals vor allem die technische Reichweite des Radios. Tatsächlich begründete das „an alle“ nicht weniger als ein Konzept von Rundfunk, das alle vor einem Programm versammelt: Rundfunk als eine Agentur, die die gesellschaftliche Öffentlichkeit maßgeblich konstituiert und zur gesellschaftlichen Integration beiträgt.

Es war Joseph Goebbels, der als erster den Effekt, der in dieser Kompetenz von Rundfunk liegt, erkannt und konsequent für die propagandistischen Absichten des Hitler-Regimes genutzt hat. Kaum im Amt, gab er einen leicht bedienbaren, für jedermann erschwinglichen „Volksempfänger“ in Auftrag, der dazu dienen sollte, die Integration einer Gesellschaft – in diesem Fall durch Indoktrination – voranzutreiben. Der NS-Propagandaminister machte damit aus Deutschland eine riesige Echokammer.

Als die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland installierten, wollten sie eine politische Instrumentalisierung durch ein einziges Programm ausschließen, indem sie eine dezentrale, föderale Struktur mit mehreren Sendern vorgaben. Auch als das Fernsehen zu senden begann und vor 70 Jahren am 9. Juni 1950 die ARD gegründet wurde, geschah dies und blieb so bis heute auf der Basis von Landesrundfunkanstalten (ARD) und später einer Anstalt der Länder (das seit April 1963 sendende ZDF).

Der Zweck der ARD ist, von Gesetzes wegen eine „Grundversorgung“ der Bevölkerung mit Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung. Immer wieder hat das Karlsruher Bundesverfassungsgericht in seinen Fernsehurteilen auf diese Aufgabe verwiesen. Das Gefäß für diesen Auftrag wurde das Vollprogramm mit festliegenden, linearen Abläufen, wie dies schon die britische BBC, das große Vorbild, erfolgreich praktiziert hatte.

Da es zunächst nur ein Programm, das Deutsche Fernsehen, gab, war eine Grundversorgung der Gesellschaft konkurrenzlos. Nichts hat die politische und kulturelle Karriere des einen Programms für das gesellschaftliche Leben behindert. Sie wurde dann noch verbreitert durch das ZDF, das 1963 auf derselben Grundlage wie die ARD zu senden begonnen hatte. Das Fernsehen hatte der ganzen Gesellschaft Neues, Interessantes und Relevantes zu bieten. Eine „Erfindung“ der 1920er Jahre, das Hörspiel, wurde neu belebt und zu einer eigenen Kunstform entwickelt. Nach einer anfänglichen Zurückhaltung schrieben viele der großen Erzähler Hörspiele (Eich, Lenz, Andersch…). Von Hans Werner Richter stammt die Bemerkung, sie hätten fast alle vom Rundfunk gelebt.

Für das neue Format des Fernsehspiels schrieben Autoren wie Wolfgang Menge, Tankred Dorst, Dieter Wellershoff oder Max von der Grün die Drehbücher. Die Orchester der ARD-Sender schufen (oft verbunden mit großen Dirigenten wie Ferenc Fricsay, Pierre Boulez oder Hans Rosbaud) ein Repertoire ohnegleichen. Für eine globale politische Bildung sorgten Reporter wie Peter von Zahn, Klaus Bölling oder Gerd Ruge. Die innenpolitisch ausgerichteten Fernsehmagazine reagierten nicht nur auf die Politik, sondern setzten selbst wichtige politische Themen. Moderatoren wie Joachim Fest oder Peter Merseburger kannte jeder. Nur Sportreporter übertrafen sie an Popularität. Einfallsreiche Unterhaltungsformate wie „Einer wird gewinnen“ (1964), „Klimbim“ (1973) oder „Ein Herz und eine Seele“ (1973) entzündeten das elektronische Lagerfeuer. Der Krimi-Sechsteiler „Das Halstuch“ (1962) von Francis Durbridge wurde mit 90 Prozent Sehbeteiligung, was man von Stund an einen Straßenfeger nannte.

Mit dem politisch-kulturellen Anspruch, der sich in solchen Angeboten manifestierte, wurde der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu einer wesentlichen gesellschaftlichen Kraft. Sein Aufstieg in die „Liga“ der Integrationsagenturen war freilich auch deshalb so erfolgreich, weil die Nachkriegsgesellschaft alle Voraussetzungen dazu geboten hat. Sie formierte sich als Bundesrepublik „zu einer nahezu allumfassenden middle class mit einer verhältnismäßig starken sozialen Gleichheit und kulturellen Homogenität“ (Andreas Reckwitz). Das machte dem Rundfunk das Integrieren leicht und machte ihn zum gesellschaftlichen Leitmedium. Er wurde so mächtig, dass Hans Bausch, der Intendant des Süddeutschen Rundfunks (SDR) in Stuttgart, gelegentlich durchblicken ließ, eigentlich sei er der Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

II. Der gesellschaftliche Wandel

Doch es blieb nicht bei dieser mächtigen Position des Rundfunks. Auf dem Höhepunkt der systemischen Bedeutung und Wirksamkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geschah etwas, zunächst kaum sichtbar, was diese ideelle Symbiose von Rundfunk und Gesellschaft vor eine neue Situation stellte. Während sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch stolz und selbstbewusst als Stütze und Repräsentant einer integrierten Gesellschaft verstand, entfernte sich diese Gesellschaft – unsichtbar und unhörbar ebenso wie durch dramatische Ereignisse – von den fast vier Jahrzehnte lang praktizierten „Maß-und-Mitte“-Vorstellungen einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky). Seit dem Ende der 1960er Jahre zerfaserte diese „allumfassende middle class“.

Das Jahr 1968 wurde im Rückblick ein Jahr des Aufbruchs. Es begann, um nur ein Beispiel eines langsamen Wertewandels zu nennen, ein Umdenken über gleichgeschlechtliche Sexualität. Es entstanden neue Milieus, neue Lebensformen, neue Freizeitgewohnheiten. Es gab sogenannte Bastelbiografien und neue Formen der Familie, Patchworkfamilien. Der Club of Rome verkündete 1972 das Ende des Wachstums. Im Zuge der Ölkrise gab es autofreie Sonntage (1973). Die gesellschaftliche Geschlossenheit machte der Vielfalt Platz. Soziologen wie Ulrich Beck („Die Risikogesellschaft“, 1986) und Gerhard Schulze („Die Erlebnisgesellschaft“, 1992) haben diesen Wandel je auf ihre Weise beschrieben.

Dass dieser Wandel durch Vielfalt in Spannung zu einem Rundfunk für alle geriet, liegt auf der Hand. Doch die Veränderungen sind von den Verantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Sender in den ersten Jahren nicht erkannt oder als ein Abfall vom rechten Glauben gesehen worden. Sie haben zunächst nicht erkannt, dass dieser Wandel auch die Bedeutung des Rundfunks reduziert hat, sowohl was seine Akzeptanz als auch was sein Ansehen betraf. Er war nicht mehr so wichtig. Das eher heldenhafte Image des Journalisten begann zu verblassen (ähnlich wie das Image der anderen systemischen Institutionen und ihres Personals, der Politiker und Pfarrer, der Lehrer und Professoren).

Skandale als Folge einzelner Programme, bisher von der ganzen Gesellschaft wahrgenommen, rückten an den Rand. Das Massenmedium Fernsehen wurde von seinen Kritikern wieder mit einem alten Ressentiment behelligt: dass es sich als unfähig erweise, die neuen gesellschaftlichen Strömungen aufzugreifen und stattdessen den Massen mit Brot und Spielen zu Diensten sei. Fernsehverachtung und Fernseh-Bashing kamen in Mode. Neil Postmans These „Wir amüsieren uns zu Tode“ (1985) findet große Aufmerksamkeit. Was Günther Anders auf einer Tagung in Baden-Baden schon 1955 gefordert hatte, „das Verhältnis von Fernsehen und Freiheit und Fernsehen und Lüge“ müsse geklärt werden, ist plötzlich wieder in aller Intellektuellen Munde.

Die Reaktion darauf war bei den Programmverantwortlichen eine wachsende Empfindlichkeit gegenüber ihren Kritikern, eine von gekränktem Hochmut nicht freie Abschottung und schließlich der Rückzug in eine Wagenburg. Was sich Redakteure als Sendungen ausdachten, die auf Vielfalt reagierten, die den Rundfunk entzaubern und Transparenz praktizieren wollten (zum Beispiel: „Glashaus“, Drittes Programm des WDR, ab 1970; „Betrifft: Fernsehen“, ZDF, ab 1974; oder die Dokumentation „Wie informiert das Fernsehen? Ein Indizienbeweis“, ZDF, 1975) wurde von den Hierarchien der Anstalten mehr verfolgt als erwünscht. Die Sendungen blieben Einzelgänger. Stattdessen setzte man, um Legitimation bemüht, auf Zahlen. Die Demoskopie lief der Phantasie den Rang ab. Denn versprachen die Demoskopen nicht genaue Kenntnisse über das, was das Publikum wollte? Nicht zur Debatte stand, dass das Publikum nur aus dem wählen konnte, was es schon gab. Gestützt auf die Daten der GfK-Marktforschung machte die Quote Karriere. Sie wurde der Beleg für Erfolg oder Scheitern. Die Vorstellung war, dass – Wandel hin oder her – der Integration gedient sei, wenn man ein Maximum an Publikum erreichen würde. Das Resultat dieses Ansatzes war der Ausbau der Unterhaltung, eine wachsende Bedeutung von Sport. Man bemühte sich nun auch erstmals um ein gemeinschaftliches Design. Dazu verpflichtete man mit Coordt von Mannstein einen PR-Experten für Wahlkämpfe von Volksparteien.

Rückblickend muss man feststellen, dass die funktionale Unsicherheit, die der gesellschaftliche Wandel damals für den Rundfunk ausgelöst hat, zu keinerlei grundlegenden Reformen oder neuen Ansätzen von Dauer geführt hat. Vielleicht wäre es dazu doch noch gekommen, wenn nicht (seit 1982) die Konkurrenz privater Veranstalter die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Jetzt konkretisierte sich, was bis dahin nicht zu greifen gewesen war: ein Feindbild, an dem man sich abarbeiten konnte.

Die ersten Reaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf privates Fernsehen waren eine Mischung aus Hohngelächter und Erschrecken: der Oberförster im Anblick des Wilddiebs. Man verachtete die Neulinge und fürchtete sie zugleich als Konkurrenten um ein Publikum, das man auf der Suche nach der jeweils höchsten Quote daran gewöhnt hatte, Fernsehen vor allem als ein Unterhaltungsmedium gegen jede Form der Langeweile zu sehen. Doch was ausgesehen hatte wie eine schwere Krise, erwies sich je länger je mehr als eher harmlos.

Es dauerte allerdings bis in die Mitte der 1990er Jahre, bis ARD und ZDF erkannten, dass das private Fernsehen für sie keine echte Gefahr darstellte. Immer öfter zeigten die allein zählenden Zahlen am Morgen danach, dass man wieder einmal „Tagessieger“ in einem Wettbewerb geworden war, den es aufgrund der völlig unterschiedlichen Programmziele – Integration versus Gewinn – eigentlich gar nicht geben konnte. Vorübergehend ergab sich ein so altes wie nun neues Feindbild: die Zeitungsverleger, mit denen man über die Frage zu feilschen begann, was noch Fernsehen und nicht mehr Zeitung (und umgekehrt) war.

Auch wenn von der Bedeutung und auch vom Glanz der ersten Phase nichts mehr übriggeblieben ist, bleibt festzustellen, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk am Ende als stabil und – anders etwa als PBS in USA – als einigermaßen krisenfest erwiesen hat. Noch immer sind ARD und ZDF – zumindest in Krisenzeiten – das Leitmedium. Noch immer erfüllt dieser Rundfunk – gelegentlich mit Abstrichen – die Aufgabe der Grundversorgung. Doch darf man daraus auf eine Stärke der besonderen Art schließen?

Hätten die Gesetze des Marktes gegolten, dann gäbe es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vermutlich heute so wenig wie es noch Kliniken gibt, bei denen Ärzte nicht Profis des Profits sein müssen. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk den gesellschaftlichen Wandel und neue Konkurrenz ohne Dauerschäden überstanden hat, dann nicht, weil er die Programme entsprechend „renoviert“ hat, sondern vor allem aus drei eher externen Gründen. Erstens sendet er auf der Basis von Gesetzen, und zwar so lange, bis sie geändert werden. Dazu ist es bisher durch keines der Bundesverfassungsgerichtsurteile gekommen. Zweitens hängen seine Ausgaben nicht von der Höhe der Einnahmen ab. Er lebt von Rundfunkbeiträgen. Und drittens agiert er unter dem Schirm des Föderalismus. Er hat die Politik auf seiner Seite, egal ob dies aus Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeiten oder aus Eigeninteressen der Fall ist.

III. Alles auf digital

Diese drei Gründe muss man auch im Blick behalten, wenn man sich der dritten Phase nähert, die geprägt wird von der Digitalisierung der Kommunikation, neuen Produzenten und neuen Produkten, wenn man sich diesem überwiegend neuen Medienmarkt zuwendet. Aus diesem Medienmarkt ist – und das wird diesmal auch so gesehen – die erste wirkliche Krise entstanden, die das Ende des Gesellschaftsrundfunks bedeuten könnte. Die Veränderungen durch Digitalisierung rühren an den Grundlagen des gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

In dieser neuen Krise (die nicht nur diesen Rundfunk zerstören könnte) stehen sich ein engmaschig regulierter Rundfunk, der auf der Grundlage von Gesetzen eine „öffentliche Aufgabe“ wahrnimmt, der einen public value erbringen muss, und ein total dereguliertes Modell gegenüber, dessen Akteure bisher schalten und walten können, wie sie wollen.

Das Resultat spricht für sich. In den letzten zwei Jahrzehnten überschwemmte eine Fülle neuer, unterschiedlichster mehr oder weniger publizistischer Angebote einen sich überwiegend selbst regulierenden Markt: unterhaltende, informierende, beratende und auch bildende Produkte, all das eben, was auch auf der Agenda eines Rundfunks „für alle“ steht, doch nun einzeln adressierbar, nicht-linear, jederzeit verfügbar, häufig kostenlos, und wenn mit Kosten verbunden, dann offenbar billig genug, um die Masse zur Kasse zu locken. Die unterschiedlichen Veranstalter bedürfen keiner Lizenz. So sucht man bei vielen Produkten vergeblich nach einem Impressum. Es gibt zwar Adressen, aber sie sind nicht adressierbar im klassischen Sinne. Oft gibt es keine Antwort auf die Frage, wer die Produkte finanziert. Was die Inhalte betrifft, so gibt es neben belegbaren Informationen und jede Menge Meinungen auch jede Menge Lügen. Dazu ermuntert die Kommunikatoren die Vorstellung, sie agierten in einem rechtsfreien Raum. Vor allem auf zwei Gebieten setzen die digitalen Angebote den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (und partiell auch den privaten) unter Druck: auf dem Gebiet der Fiktion und dem der Information.

Die digitalen Streaming-Anbieter verfügen über beträchtliche Mittel für aufwendige Produktionen und vermarkten ihre Produkte global. Sie locken das technische und künstlerische Personal, das sich bei den Auftragsproduzenten von ARD und ZDF über Jahre hin entwickeln konnte, mit Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Sie locken das Publikum mit monatlichen Abo-Preisen, mit denen verglichen die knapp 20 Euro Rundfunkbeitrag pro Monat, die jeder Haushalt für das Angebot von ARD, ZDF und Deutschlandradio zahlen muss, überhöht wirken, auch wenn man dafür Vollprogramme bekommt. Denn wer braucht die noch, wenn man über Video-on-Demand sieht, was man tatsächlich haben will, und nicht weiter darüber nachdenkt, was man noch wirklich wollen kann, wenn andere das Gewollte aus meinen Daten längst herausgelesen haben, es anbieten und dann behaupten dürfen: Das hat der Nutzer gewollt.

Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass die Abwanderung des Fernsehpublikums zu den Streaming-Plattformen schon 2022 die Anzahl der TV-Nutzer mehr als halbieren wird. Von den 14- bis 29-Jährigen sollen gar nur noch 11 Prozent Fernsehtreue übrigbleiben. Lediglich die über 60-Jährigen bleiben, was sie schon immer waren: treue Fernsehzuschauer. Kein Wunder also, dass im Anblick solcher Zahlen die Untergangsunken zu raunen beginnen, das klassische Fernsehen sei tatsächlich bereits mausetot! Schon ist von dem Tag die Rede, an dem auch ARD und ZDF ihre Redaktionen für Fiktion auflösen und bei den Streaming-Konzernen kaufen.

Doch Totgesagte leben nicht selten länger. Man kann die Fakten, die diese Krise begründen wollen, auch anders bewerten. Dass die Jugendlichen, seit es Alternativen gibt, das Fernsehen links liegen lassen, ist nur die halbe Wahrheit. Die Abwanderung hat schon lange vor der Digitalisierung begonnen, mit der Einführung des Videorekorders und dem Aufkommen der DVD (beides ist inzwischen rückläufig). Junge Menschen für das Fernsehen gewinnen zu wollen, ist daher ehrenwert, war aber nie sehr aussichtsreich. Das hätte nur Erfolg, wenn es etwas gäbe, was die digitalen Erlebnisse überbieten kann. Vorerst ist das Neue in der Art, wie kommuniziert wird, einfach interessanter.

Doch die Steigerung der Individualisierungschancen, ein Pfund, das die Digitalisierung geschaffen hat und mit dem die Anbieter wuchern, wird weniger attraktiv, sobald jeder dasselbe hat, sieht und tut. Gewöhnung schadet jedem Geschäft. Es könnte passieren, dass nicht nur die Jungen, sondern auch ältere Fernsehverweigerer eines Tages feststellen müssen, dass man sich mit niemandem mehr über das unterhalten kann, was man am Vorabend gesehen hat, weil es bei jedem etwas anderes war. Und was, wenn die Angebote sich, weil massenhafter Erfolg die Phantasie schwächt, immer ähnlicher werden? „Breaking Bad“ und „The Handmaid’s Tale“ sind nun einmal nicht die Regel. Es gibt auch jede Menge B- und C-Serien. Doch für solche, die Gewinne machen wollen, reicht der aktuelle Hype allemal.

Aber weiß man, ob die Anbieter nicht machen, was sie schon immer am besten konnten: die Zitrone ausquetschen, wegwerfen und weiterziehen? Sich etwas Neues, nie Dagewesenes einfallen lassen? Und wer füllt dann die Lücke? Und was bleibt von der digitalen Herrlichkeit, wenn Vorschriften wie die Werberichtlinien oder der Jugendschutz vielleicht demnächst für alle Medienprodukte gelten? Wenn Steuern dort bezahlt werden müssen, wo Gewinne gemacht wurden? Was, wenn das schnelle Individuum, das sich auch unsäglich Asoziales wie Hassreden und Morddrohungen massenhaft leistet, das Image des Netzes auf Dauer schwer beschädigt?

Dass die Älteren ihr Medienverhalten ändern, darf man nicht erwarten. Dazu sind sie zu abgeklärt. Sie haben ja schon viel gesehen. Und sie verbringen ihre Zeit nicht mit Gebrauchsanweisungen für Smart-TV, die nicht einmal ihre Hersteller verstehen, und verzichten auch gerne auf die elfte Fernbedienung. Sie wechseln nicht mehr die Spur, wenn sie auch so ans Ziel kommen, zu Olli Dittrichs Parodien stoßen, sich von Anne Gellinek, Ulf Röller oder Anja Reschke die Welt erklären lassen oder Fernsehfilme von Matti Geschonneck einschalten oder, wenn ihnen Radio reicht, den Deutschlandfunk hören. Es gibt bei ARD und ZDF auch bei fallenden Quoten noch immer genug intelligente Unterhaltung und zuverlässige Informationen für einen konkurrenzlosen Preis.

Vor allem aber sind Streaming-Angebote oft auch noch dies: stromlinienförmig. Sie erzählen aus ökonomischen Gründen globale Geschichten, die global verständlich, die eher allgemein sind. Öffentlich-rechtliche Sender erzählen aus kulturellen Gründen „lokale“ Geschichte, Geschichten aus der Nähe, von „Heimat“ bis „Weissensee“. Sie haben ein regionales Gen. Darin sind sie unschlagbar, wenn sie sich denn darauf einlassen.

Auch die neuen aus dem Internet sprudelnden Informationen bedrohen das klassische Angebot von Sendern (und das Geschäft der großen Zeitungen). Sie führen zu der Frage, wozu man sich noch eine Nachrichtensendung zu einer festgesetzten Zeit ansehen soll, wenn man all das, was dort zu erfahren ist, längst weiß, weil man jederzeit und überall den Tag über im Netz gefischt hat. Die Erfolgsformel „In Jetztzeit alles jederzeit für alle“ scheint die Mühe und die Zeit, die eine seriöse Nachricht verlangt, geradezu zu verhöhnen.

Es ist offenbar unerheblich, dass digital weltweit verbreitete Fake News zwar kein gutes Image haben, aber unterhaltsamer sind als harte Fakten und daher offenbar mehr Quote oder Klicks bringen als das täglich grüßende Murmeltier einer Newsshow mit viel News und wenig Show. Schon immer suchte das Publikum das Schrille, das Schnelle, das Bunte, Hauptsache, es ist irgendwie neu, Hauptsache, es weicht von der Norm ab, weil Normen das Langweiligste sind seit der Erfindung der Gießkanne. Die erste Frage, die dem Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen gestellt wurde, hieß: Was gibt es Neues?

So kann am Ende jeder, der auf drei zählen kann und von Performance etwas zu verstehen glaubt, sagen, er wisse was. Das wirkt phantasievoll und – was heute den Unterschied macht – authentisch. Doch dies alles erleidet das Schicksal von Aerosolen. Es fällt in sich zusammen, solange es nicht in ordnende Hände fällt, die in der Lage sind, zwischen Performance und Relevanz zu unterscheiden. Diese Hände müssen nicht erst wachsen. Die gibt es. Die Informationsangebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben immer wieder bewiesen, dass sie das Relevante vom Müll trennen können, dass sie in der Lage sind, für das Ungeordnete, das Chaotische einen Überblick zu schaffen. Sie haben dafür die Zeit, und sie haben dafür (!) das Geld. Dass sie das Publikum nicht immer haben, ist wahr, aber kein Einwand. Niklas Luhmann hat darauf aufmerksam gemacht, dass mit den Massenmedien eine allen gemeinsame Welt entsteht, dass alle zumindest dieselben Nachrichten gesehen/gehört/gelesen haben. Kann man aus dieser Welt auf Dauer aussteigen und sich in seinen ganz persönlichen Informationswinkel zurückziehen? Kann man „Blase leben“?

Die attraktive Alternative zu einem Informationschaos im Netz (in und mit dem man gewiss auch diesen oder jenen essbaren Fisch findet) kann für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk so schwer gar nicht sein. Er muss keine Quote machen, keine Klicks generieren. Er muss nicht Kasse machen. Er kann, anders als die Minutentakt-Anbieter, die Echtzeit-Experten und die publizistischen Rauchmelder in Ruhe sortieren und bewerten, was die Informationen wert sind, die aus trüben Quellen sprudeln und, kaum im Tageslicht der Öffentlichkeit angekommen, sich in heiße Luft auflösen. Er kann sich als unabhängig, nicht käuflich, weil unbezahlbar, als kompetent anbieten. Und als ernsthaft an der Sache interessiert. Und erst dann an der Inszenierung.

Was der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu alldem freilich unbedingt braucht, ist das Vertrauen des Publikums und eine erkennbare Ernsthaftigkeit der „Macher“, die zwischen der Inszenierung einer Nachricht und einer Selbstinszenierung unterscheiden, die Senderinteressen nicht Selbst- und/oder Nutzerinteressen opfern. Dieses Vertrauen entsteht auch aus der Beachtung von Kleinigkeiten. Nachrichtensendungen, die in Programmtrailer münden, nützen allenfalls dem Sender. Muss Schnee- und Eissport aller Art wirklich das halbe Winterwochenende belegen? Es gibt keinen vernünftigen Grund, an Feiertagen auf Informationen fast komplett zu verzichten, so, als passiere an solchen Tagen weltweit überhaupt nichts. Muss ein Informationsprogramm um zwanzig Minuten oder länger verschoben werden, nur weil noch zwei oder drei Quizfragen erstmals in der Menschheitsgeschichte unbedingt gestellt werden müssen? Muss es wirklich sein, das Trailer-Tralala zwischen zwei Programmen? Muss der Abspann eines Fernsehfilms so rasend durchrauschen, dass dies den Tatbestand der Vertuschung erfüllt? Und muss der Ton so schlecht sein, dass man glauben könnte, da schäme sich jemand für die Dialoge?

Auch an solchen Kleinigkeiten erweist sich, wie ernst man sein Publikum nimmt. Doch das ist nur der Rahmen. Das Bild ist derzeit die Pflege von Informationen, die gegen eine unübersichtliche Zerfaserung und schamlose Lügen ein angemessenes Bild der Wirklichkeit bieten. Angemessen heißt: anbieten, was richtig und belegbar ist, zu klären, was Faktum und was Behauptung oder Meinung ist und wo beide ineinanderfließen. Es gab wohl noch keine Phase in der Mediengeschichte, in der es angesichts zahlloser Teil-Öffentlichkeiten so notwendig war, Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Für Journalisten ist das keine völlig neue Aufgabe. Aber sie ist in einem Zeitalter, das man inzwischen, ohne rot zu werden, postfaktisch nennen darf, größer denn je. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, den sich eine Zivilgesellschaft leistet, muss sich die Deutungshoheit über den Unterschied zurückholen, wohlwissend, dass die Frage nach der Wirklichkeit nicht nur leichte Antworten kennt.

Solange alles, was ist, eine auf Erfahrungen und Wissen basierende Konstruktion ist, die von allgemein anerkannten Abmachungen lebt, die es nicht unabhängig von dem gibt, der sie beschreibt, bleibt hier ein Rest, eine graue Unschärfe. Doch sie ist nicht dasselbe wie eine bewusste Fälschung, die der Logik eines Kindes folgt. Pippi Langstrumpf darf fröhlich singen: „Zweimal drei macht vier.“ Erwachsene Politiker, die so singen, sind, maligner Narzissmus hin oder her, ganz ordinäre Lügner. Ihre Lügen gehören nicht unter den Teppich, sondern auf den Schirm. Tag für Tag. Eine nach der anderen.

Nicht weil man nicht lügt, sondern weil Lügen spalten. Die Spaltung einer Gesellschaft, die Beschädigung der Integration zu thematisieren, ist eine Aufgabe, für die der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach wie vor alle Voraussetzungen mitbringt. Er muss sich anders als seine Konkurrenz nicht zweimal am Tag neu erfinden. Er muss sich auch nicht in aller Hektik (wie etwa die alten Volksparteien meinen) permanent erneuern. Er muss tun, was er soll. Was das ist, steht im Gesetz. TV-Verantwortliche mögen weiterhin von großen Zahlen träumen, von denen nichts im Gesetz steht. Weiter würde die Einsicht führen, dass die großen Zahlen in einer von Vielfalt geprägten Gesellschaft nicht (mehr) zu haben sind. Noch weiter die Erkenntnis, dass das kein Unglück ist. Drei Krimis an einem Fernsehabend sind nicht die Lösung, sondern das Problem. Die große Zahl war nie das Ziel. Das Ziel war und ist ein „an alle“: Integration. Daran ändert sich auch nichts, weil jetzt alles digital geworden ist.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt: Das Publikum versammelt sich in der Not nicht im Netz, sondern bei seinem Leitmedium, dem es vertraut, wenn und solange es sich ernsthaft um dieses Publikum kümmert. Das ist ein Statement, auf dem man aufbauen kann. Das macht es nicht überflüssig, über die Frage nachzudenken, wie man sich in einer von Vielfalt bestimmten und von Spaltung bedrohten Gesellschaft als Rundfunksender gleichwohl um alle kümmern kann. Schnelle Antworten und einfache Rezepte, die PR-Experten jederzeit vorschlagen können, sind hier weder ein neuer Plan noch ein Weg, der zum Ziel führt.

Nach wie vor gibt es drei Gründe für eine gute Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: das Gesetz, das Geld und die Politik. Der daraus resultierende vierte Grund ist das Programm. Wenn etwas fehlt, sind es Einsicht und Wille. Und die entspannende Erkenntnis, dass die Medienmesse noch lange nicht gelesen ist.

Norbert Schneider, geb. am 7.8.1940, war Referent und später Direktor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt am Main (1971 bis 1981) und von 1981 bis 1986 Fernseh- und Hörfunkdirektor der damaligen ARD-Landesrundfunkanstalt Sender Freies Berlin (SFB). Danach war er Geschäftsführer der Produktionsfirma Allianz-Film. Von 1993 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2010 war er Direktor der in Düsseldorf ansässigen Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM).

19.07.2020/MK