Ins Zentrum des Selbstverständnisses

Zum Streit über die Reformpläne für das Kulturradio WDR 3

Von Dietrich Leder
09.03.2012 •

Wolfgang Schmitz, der Hörfunkdirektor des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Köln, muss sich dieser Tage an vergangene Zeiten erinnert fühlen. Denn der aktuelle Protest gegen die geplante Reform bei der Kulturwelle WDR 3, der sich in einem Offenen Brief der „Initiative für Kultur im Radio“ äußerte, hat viel mit dem Protest gemein, der bei dem Sender schon in den späten 1970er und 1980er Jahren durch Hörfunkreformen ausgelöst worden war – die Schmitz seinerzeit unter anderem als WDR-Radiomoderator miterlebte – und der sich durch gewisse Rituale auszeichnet. Und so kann man die erste harsche Reaktion des jetzigen Hörfunkdirektors in seinem an die Kritiker gerichteten „Offenen Antwortbrief“ vom 24. Februar als ritualisierte Abwehr zwar nicht akzeptieren, aber verstehen.

Nachdem die Initiative der Protestierenden, die sich auch „Die Radioretter“ nennen, in einem weiteren Offenen Brief am 29. Februar nachlegte und ihre Kritik im Detail begründete, hat der WDR-Hörfunkdirektor in seiner erneuten Replik seinen Ton nun versachlicht. So revidiert Schmitz in seiner öffentlichen Antwort vom 6. März vorsichtig den zuvor von ihm formulierten Vorwurf, die Kritiker frönten einem Kulturradio-Verständnis, „das in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts modern war“. Ihm liege fern, mit dieser Anmerkung irgendjemandem zu nahe treten zu wollen. Bleiben die strittigen Punkte der versachlichten Diskussion; von ihnen seien an dieser Stelle zwei thematisiert. 

Das Ende eines eigenständigen Feuilletons

Der erste Kritikpunkt betrifft geplante starke Einschnitte für die montags bis freitags zwischen 18.05 und 20.00 Uhr ausgestrahlte WDR-3-Kultursendung „Resonanzen“. Diese Sendung, anfangs ein eher zufällig gefülltes, dabei live moderiertes Magazin, hatte sich in den vergangenen Jahren zu einem qualitätsvollen und gut gebauten Feuilleton entwickelt, das in den Wortpausen Jazz in einer großen Bandbreite anbietet. Die Reformpläne sehen nun einen weitgehenden Verzicht auf jene bis zu fünf exklusiven Beiträge vor, die für die Sendung bislang jeweils produziert werden. Stattdessen sollen in den „Resonanzen“ künftig Beiträge wiederholt werden, die zuvor am Tag in anderen Sendungen des WDR zu hören gewesen sind.

Lediglich ein aktueller Kulturkommentar und ein Live-Gespräch sollen dann noch extra für die „Resonanzen“ produziert werden, was für Wolfgang Schmitz als „Alleinstellungsmerkmal“ dieser Kultursendung ausreicht. Tatsächlich bedeutet es aber das Ende eines eigenständigen Feuilletons des WDR-Hörfunks, das sich wie die entsprechenden Seiten der „Süddeutschen Zeitung“ oder der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ der großen Kultur- und Kunstthemen annimmt und deshalb auch vor politischen Analysen nicht zurückscheut. (Die tageskritische Begleitung vor allem der nordrhein-westfälischen Kulturszene hat schon seit vielen Jahren das von 6.05 bis 9.00 Uhr bei WDR 3 ausgestrahlte „Mosaik“ übernommen.)

Die Kritik der „Radioretter“ ist vielleicht auch deshalb so massiv, weil sie hier eine langfristige Entwicklung sehen. Zur Erinnerung: Die „Resonanzen“ gibt es als Sendeformat erst seit wenigen Jahren. Noch vor zehn Jahren war auf WDR 3 zwischen 18.00 und 20.00 Uhr eine gemischte, aber Musik und Information trennende Sendefolge zu hören, zu der die Nachrichten, das die Tagesereignisse zusammenfassende „Echo des Tages“, ein ausführlicher Kommentar, Bücherrezensionen und das Politik wie Kultur begleitende „Kritische Tagebuch“ gehörten. Diese Abfolge wurde nach und nach aufgelöst. Das hochgeschätzte „Kritische Tagebuch“ wurde erst umbenannt und dann unter einem weiteren neuen Namen nach WDR 5 verpflanzt, wo es seine Relevanz restlos einbüßte. Ein schleichender Verlust an Intellektualität und damit an Anspruch.

Der zweite Kritikpunkt muss in diesem Zusammenhang gesehen werden, auch wenn er keine Sendung, sondern die Betriebsstruktur betrifft. Die „Radioretter“ beklagen zu Recht das geplante Ende der etablierten Programmgruppe Musik, die den Reformplänen zufolge in zwei eher von Wortthemen dominierte Redaktionen aufgelöst werden soll. Hier befürchten die Kritiker den schleichenden Verlust der Kompetenz der Fachredaktionen, die bislang die vielen Musiksendungen des Tages auf WDR 3 zusammenstellten. Es scheint darauf hinauszulaufen, dass künftig auch das WDR-3-Musikangebot wie das auf WDR 2 (eingängige Popmusik der letzten 30 Jahre) und WDR 4 (Volks- und Unterhaltungsmusik) von Computerprogrammen gesteuert werden soll, die nach Farben, Stimmungen und Längen die jeweiligen Titel auswählen. Darauf deutet auch die geplante Streichung der moderierten Sendereihe „Musikpassagen“ hin.

Rechnet man diese Entwicklung hoch, bedeutet das nichts anderes, als dass WDR 3 mittelfristig zu einem Klassikradio mutierte, das sich zwar noch eine Sendung wie das „Klassik Forum“ am Vormittag und am Abend die Konzertübertragungen leistet, ansonsten jedoch ein vom Computer generiertes Abspiel von proportionsgerecht geschnittenen Klassikhits präsentierte. Als Hörer eines solchen Programms ist derjenige gedacht, der Radio nebenbei hört, um nicht zu sagen: konsumiert. Längere Textpassagen stören da ebenso wie eine die Musik in ihrer Komplexität aufschließende Moderation oder eine Stimmungsgegensätze auslotende Programmierung von Redakteuren.

Große Unterstützung des Protestes

Noch ist das alles nicht Wirklichkeit, aber die Richtung, in die die jüngsten kleinen Reformschritte zielen, ist erkennbar. Das erklärt die Wut und auch die große Resonanz, die der Aktion der „Radioretter“ zuteilwurde. Über 12.700 Unterschriften wurden via Internet bereits gesammelt, sie sind Ausdruck großer Unterstützung des Protestes. Dies zeigt, dass sich hier etwas Bahn brach, was sich schon länger bei vielen Hörern aufgestaut hatte. Darüber wäre nun dringend zu diskutieren. Wolfgang Schmitz erklärt sich, wenn man mit ihm spricht, zu einer solchen Debatte etwa über die Zukunft des Kulturradios und dessen Akzeptanz bei den Hörern bereit. Doch das ändert nichts an den umstrittenen Plänen des Hörfunkdirektors. Sie beruhen zwar auf vielen hausinternen Diskussionen, die er nun aber einfach beiseiteschieben will.

Schmitz beklagt umgekehrt, dass die Kritik auf einer gewissen Blickverengung beruhe. „Sie übersieht, dass der WDR über sechs verschiedene Radiowellen verfügt, die sich wechselseitig ergänzen sollen. Jede Veränderung erfolgt im Rahmen dieser Flottenstrategie“, erläutert er gegenüber der FK. Bleibt nur die Frage, ob die Hörer ihrerseits die „Flottenstrategie“ begreifen, indem sie das, was sie auf WDR 3 bald vermissen werden, auf WDR 5 suchen und vielleicht auch finden. Oder ob sie nicht einfach zum Deutschlandfunk oder zum Deutschlandradio Kultur wechseln oder gar ganz ins Internet abwandern, in dem radiophone Angebote aller Art längst jede Musikspezialisierung überbieten, auf denen die „Flottenstrategie“ des WDR denn immer noch basiert.

Für Wolfgang Schmitz sind die nächsten Schritte klar: „Wir werden dem Programmausschuss am 20. März die Veränderungen auf der Basis einer Gesamtkonzeption der WDR-Hörfunkwellen erläutern, ehe sich dann der Rundfunkrat auf seiner Sitzung am 16. April damit beschäftigt.“ Das Aufsichtsgremium des Senders wird sich im Rahmen dieses Streits auch die Frage stellen müssen, was sich ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk an gehobenem Feuilleton, an einer intellektuellen Debattenkultur, an Fachkompetenzen in den Redaktionen leisten will. Und zwar ausdrücklich jenseits der Zahlen von Marktforschung und Nutzungsgewohnheiten. Eine Frage, die ins Zentrum des Selbstverständnisses des gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks führt.

• Text auf Heft Nr. 10/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

09.03.2012/MK

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