Im Reich der Halbwahrheiten

Eine Tagung in Köln zur Medienethik im digitalen Zeitalter

Von Brigitte Knott-Wolf
17.01.2014 •

Wer kennt sie nicht: Ereignisse, die durch die Art der Medienberichterstattung über sie zu Skandalen werden, und Skandale, die daraus entstehen, dass Medien dabei Fehler unterlaufen, die ihre Tätigkeit in Frage stellen. Solcherlei provoziert immer wieder den Ruf nach einer nachhaltigeren medienethischen Reflexion. „Täuschung, Inszenierung, Fälschung: Medienethische Herausforderungen im digitalen Zeitalter“ lautete das Thema einer zweitätigen Fachtagung, die von der Zeitschrift „Communicatio Socialis“ und dem Katholisch-Sozialen Institut (Bad Honnef) am 9. und 10. Januar in Köln veranstaltet wurde. Die Ausrichter zeigten sich angesichts der Zahl von rund 70 Teilnehmern erfreut über das hohe Interesse für diese Tagung, das im Kern einer seit 45 Jahren existierenden Fachpublikation mit kleiner Auflage galt, die sich jüngst einen neuen Schwerpunkt gesetzt hat.

Die katholische Zeitschrift „Communicatio Socialis“ wurde 1968 gegründet. Ihre Redaktion befindet sich heute beim Studiengang Journalistik der Katholischen Universität Eichstätt. Das Fachblatt hat seinen Schwerpunkt nun auf medienethische Fragen verlagert. Herausgeber der Publikation sind Klaus-Dieter Altmeppen, Professor an der Katholischen Universität Eichstätt, Andreas Büsch, Professor an der Katholischen Hochschule Mainz und Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz, sowie Alexander Filipovic, Professor an der (Jesuiten-)Hochschule für Philosophie in München. Sie waren auch für die jetzige Kölner Tagung verantwortlich. Ebenso ist die Mehrheit der zwanzig geladenen Referenten zugleich mit einschlägigen Aufsätzen in der ersten Ausgabe von „Communicatio Socialis“ vertreten (Heft 3-4/2013), die sich verstärkt der Medienethik widmet. Die Vierteljahrespublikation nennt sich nun im Untertitel „Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft“.

Wissenschaftlicher Anspruch

Ein wichtiges Merkmal der Neuausrichtung ist die Absicht, hier ein Forum zu schaffen, bei dem Wissenschaftler aus den Bereichen der Kommunikationswissenschaft und der philosophischen Ethik mit Praktikern aus den Medien und dem Bildungsbereich diskutieren und ihre Erkenntnisse austauschen können. Eng verbunden sind die Initiatoren auch mit dem vergleichbare Ziele verfolgenden „Netzwerk Medienethik“, einem Zusammenschluss von Theoretikern und Praktikern aus dem Medienbereich, der bereits 1997 gegründet wurde. Dessen Jahrestagungen finden – in Kooperation mit der dem Netzwerk ebenso eng verbundenen Fachgruppe „Kommunikations- und Medienethik“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) – jeweils im Februar in München statt und werden geleitet von Rüdiger Funiok, Professor an der dort ansässigen Hochschule für Philosophie.

Sowohl im Vorwort zur Neuausrichtung von „Communicatio Socialis“ als auch in den einführenden Worten zu der Tagung betonen die Herausgeber ihren wissenschaftlichen Anspruch, der sich keineswegs auf einen etwa konfessionell begrenzten Innenraum beschränken wolle. Die von ihnen intendierte Medienethik versuche „moralische Probleme methodisch geleitet zu entdecken, begrifflich zu analysieren und zu klären“ und ziele „auf eine Veränderung im Handeln“. Ihr liege „kein Verständnis einer exklusiven christlichen (oder gar katholischen) Ethik zu Grunde, sondern ein inklusives“ im Sinne einer „zusätzlichen produktiven, auch kritischen Funktion“. Sechs Panels mit sehr unterschiedlichen Fragestellungen zeigten in Köln das Spektrum auf, in dem medienethische Fragestellungen relevant sind, gaben aber auch eine Ahnung davon, dass es sich hier – methodisch wie inhaltlich – um ‘ein weites Feld’ handelt.

Selbstverständlich kann eine solche Tagung kein fertiges System medienethischer Handlungsnormen bieten, sondern nur Bausteine dazu liefern. Zu Beginn ging es um die Journalistenausbildung. Darüber sprach Bernhard Remmers, Journalistischer Direktor des in München ansässigen Instituts zur Förderung des publizistischen Nachwuchses (ifp). Er beschrieb einige Probleme, die zu medienethischen Verstößen bei Journalisten führen können, wie etwa die Überhitzung einer Mediendebatte, die Abhängigkeit von Medien, die als Meinungsführer gelten, oder die prekäre Situation vieler, die als freie Journalisten oder Pauschalisten arbeiten. Zudem beeinflusst und verändert bekanntermaßen die Digitalisierung den Journalismus. 

Kampagnenjournalismus

Über Medien im Wahlkampf referierte in Köln Christoph Bieber von der NRW School of Governance der Universität Duisburg-Essen. Obwohl Wahlkämpfe hochprofessionalisierte Aktionen seien, an denen auch viele Journalisten beteiligt seien, gebe es bisher kaum wissenschaftliche Untersuchungen zu der dazu gehörigen ethischen Dimension. Als Beispiele dafür, dass hier ein großer Bedarf an medienethischer Reflexion bestehe, nannte Bieber – der auch Mitglied im WDR-Rundfunkrat ist – unter anderem die Instrumentalisierung der Pädophile-Debatte bei den Grünen durch den politischen Gegner im Wahlkampf sowie negative campaigningals Mittel der politischen Kommunikation im Wahlkampf, hier bezogen auf die Person von Peer Steinbrück, der im vorigen Jahr Kanzlerkandidat der SPD war. Nele Heise vom Hamburger Hans-Bredow-Institut beteiligte sich am ersten Panel mit einer kritischen Betrachtung des Quellcodes als Steuerungsinstrument bei digitalen Medien, dessen sich die wenigsten Menschen bewusst seien. Es mangele hier an Transparenz, Legitimation und Kontrolle. Sie forderte daher eine medienethische Fundierung in Form einer „digitalen Staatsbürgerkunde“.

Als Thema des zweiten Panels standen Formen und Mechanismen von Kampagnen zur Debatte. Es wurde eingeleitet mit einem theoretischen Aufriss von Ulrike Röttger, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster. Sie beschrieb die Wesensmerkmale einer politischen Kampagne, die geplant, dramaturgisch angelegt, publikumsorientiert, thematisch eng gefasst und zielgerichtet sei. Röttger erläuterte Informationsstrategien wie Personalisierung, Symbolisierung, Visualisierung, Eventisierung und Politainment. Kampagnen stehen unter den Bedingungen der Aufmerksamkeitsökonomie, für die eine Inszenierungsspirale festzustellen ist, weil die Reizschwelle der Wahrnehmung immer höher wird. Medienkampagnen erfüllen aber nach Meinung von Ulrike Röttger die dargestellten Kampagnenmerkmale nur eingeschränkt. Den Begriff „Kampagne“ möchte sie in der Wissenschaft als wertneutralen Fachbegriff für derartige Kommunikationsvorgänge verwendet sehen und nicht – wie umgangssprachlich üblich – als Schimpfwort. Ein ethischer Diskurs solle nicht darauf abzielen, Kampagnen zu verhindern; er solle vielmehr darüber geführt werden, welche als angemessen und akzeptabel anzusehen seien.

Eine konkreten Praxisbezug setzte Rechtsanwalt Gernot Lehr (Bonn), der viele prominente medienrechtliche Fälle vor Gericht vertreten hat und vertritt. Er behandelte in seinem Referat den in den Medien vielfach praktizierten Verdachtsjournalismus. Dieser steht mit seinen für die Betroffenen oft verheerenden Auswirkungen im Spannungsfeld zwischen der grundgesetzlich garantierten Presse-, Rundfunk- und Informationsfreiheit und dem Persönlichkeitsschutz. Lehr skizzierte ein Modell der zulässigen Verdachtsberichterstattung, das auf vier Grundpfeilern beruht: dem berechtigten öffentlichen Interesse, einem Mindestbestand an Beweistatsachen, der sorgfältigen Recherche und einer nicht vorverurteilenden Berichterstattung. Gegen letzteren Punkt werde am meisten verstoßen. Lehr beklagte zudem nicht nur den Multiplikatoreneffekt durch Online-Verbreitung, sondern auch die Zunahme von Anonymität im Internet bei der Verbreitung falscher Fakten und Anschuldigungen, die man deshalb juristisch nur schwer verfolgen könne.

Mit Martin Fuchs äußerste sich dann bei diesem Panel als dritter Referent ein ‘echter’ Blogger, der sich „Hamburger Wahlbeobachter“ nennt. Fuchs vertrat dabei die Ansicht, dass es keine reinen digitalen Kampagnen gebe, denn sie funktionierten nur im Zusammenspiel mit den analogen Medien. Als Impuls für eine digitale Medienethik forderte Fuchs ein digital caring, so beispielsweise einen Kodex, um Shitstorms zu diffamieren, die eine echte Diskussionskultur im Netz verhinderten. Als ein weiteres ethisch relevantes Problem sah er die digitale Verzerrung, die es beispielsweise für Newcomer im Netz unmöglich mache, sich neben den im Netz bereits etablierten Stimmen auch noch Gehör zu verschaffen.

Weil er den Ursprung vieler medienethischer Probleme in ökonomischen Strukturen sieht, ging es Matthias Karmasin, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Klagenfurt, im dritten Panel um eine wirtschaftsethische Fundierung der Medienethik. Wirtschaftliche Sachzwänge beeinflussen erheblich die journalistische Qualität. Entsprechend greifen auch Fragestellungen einer Wirtschaftsethik, die das Spannungsfeld zwischen unternehmerischem Erfolg und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft beleuchten. Daher, so Karmasin, sei auch die Frage nach dem Verhältnis von ethischer und ökonomischer Rationalität in der Medienethik aktuell. Mehr von der praktischen Seite behandelte dann Michael Rutz, zuletzt bis zu dessen Einstellung als eigenständige Publikation (Ende 2010) Chefredakteur beim „Rheinischen Merkur“, den Aspekt der ökonomischen Fundierung der Medien. Er beklagte die Verflachung der Inhalte durch den Kostendruck. Doch auch für die digitalen Informationsangebote, die heute weitgehend von den Printmedien subventioniert würden, sieht Rutz Finanzierungsprobleme für die Zukunft. Deshalb regte er an, über öffentlich-rechtliche Printmedien, etwa in Zusammenhang mit einer Pressestiftung, nachzudenken und auch über eine Haushaltsgebühr für Medien, die nicht nur dem Rundfunk zugute kommt.

Strategisch genutzte Kommunikation

Im Anschluss daran ging es im vierten Panel um das Thema „Täuschung und Fälschung“. Spätestens hier wurde klar, dass man mit dem traditionellen philosophischen Wahrheitsbegriff für die Grundlegung einer Medienethik nicht weiterkommt. Weitgehend sanktionierte Halbwahrheiten und strategisch genutzte Kommunikation stellen – anders als offensichtliche Lügen – das weitaus größere Problem dar, sowohl theoretisch als auch praktisch. Claudia Paganini, die an der Universität Innsbruck an einer medienethischen Habilitationsschrift arbeitet, behandelte diese Frage aus moralphilosophischer Sicht. Gibt es eine erlaubte Täuschung und wenn ja, wie grenzt man sie gegenüber einer verbotenen ab? Dabei sei es Aufgabe des Medienethikers, zwischen der Ebene theoretischer Normen und der empirischen Ebene, wo oft über Handlungen geurteilt werde, indem man Analogien herstelle, hin und her zu gehen.

Claudia Nothelle, Programmdirektorin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), erörterte Fragen dieser Art mit einem strikten Bezug zur eigenen Medienpraxis. Sie sprach über inszenierte Realität und mediale Täuschungen, die durch die digitalen Medien eine neue Dimension gewinnen. Medienethische Überlegungen können jedoch auch dazu dienen, dem Journalismus eine neue Legitimationsbasis zu geben, seit er hinsichtlich der Informationsvermittlung mit dem Internet konkurrieren muss. So ist nach Nothelles Einschätzung für eine qualifizierte journalistische Tätigkeit heutzutage nicht mehr deren Gatekeeper-Funktion entscheidend, also die Auswahl, was überhaupt an Informationen an die Öffentlichkeit dringen soll, sondern vielmehr das Auswerten und Bewerten von Informationen. Denn die sind längst durch die digitalen Medien quasi als Rohstoffe, unsortiert hinsichtlich Wahrheitsgehalt und Relevanz, allen zugänglich.

Auch Bettina Reitz, Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks (BR), widmete sich in ihrem Beitrag auf der Kölner Tagung der Vermischung von Realität und Fiktion in den Medien. Sie plädierte am Beispiel der US-amerikanischen Serie „House of Cards“ für das Erzählen guter Geschichten im Fernsehen. Zu den ethischen Aufgaben von Rundfunkmachern gehöre es, für anspruchsvolle Inhalte einzutreten, die zweifellos auch im Programm eine Zukunft hätten. Aus theoretischer Sicht referierte Kerstin Thummes von der Universität Fribourg (Schweiz) über die Grauzonen der Halbwahrheiten. Auf Basis einer Analyse von PR-Strategien großer Unternehmen formulierte sie Kriterien für verantwortbare Täuschungen interessengeleiteter Kommunikation aus neo-institutionalistischer Perspektive. 

In einem weiteren Panel sprach Margreth Lünenborg, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin, über Inszenierungen und deren Verhältnis zur Authentizität, unter anderem am Beispiel einer Analyse des „TV-Duells“ zwischen den beiden Spitzenkandidaten (Kanzlerin Merkel und Herausforderer Steinbrück) bei der Bundestagswahl 2013. Sie stellte fest, dass eine präzise Unterscheidung zwischen faktischer, authentischer, inszenierter und fiktionaler Kommunikation nicht möglich sei. Das habe Folgen für die Medienethik, der es deshalb stärker um das Sichtbarmachen der Bedingungen medialer Produktion gehen sollte, um Transparenz herzustellen und die Möglichkeit zu schaffen, den Wahrheitsgehalt von Medienaussagen zu bewerten. Im sechsten und letzten Panel sprach Klaus Arnold, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Trier, über Qualitätsnormen im Journalismus und einen produktbezogenen Qualitätsbegriff. Matthias Rath, Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, hielt den Qualitätsbegriff für ungeeignet als medienethische Kategorie. Medienqualität sei eine Frage der Medienkompetenz der Nutzer, denn „Qualität erweist sich in der Rezeption“. Ethische Normen seien daher nicht über die Eigenschaften der Medienprodukte, sondern über die Medienkompetenz der Rezipienten zu begründen, so Rath.

Medienethische Einmischungen

Medienethik ergänzt die empirische Medienforschung um normative Gesichtspunkte. Zwischen klassischen Begriffspaaren wie wahr/falsch, authentisch/inszeniert, real/fiktiv oder gut/schlecht gibt es jedoch einen Bereich an Mischformen, der einen viel differenzierenderen Begriffsapparat erfordert. In dem Maß, wie Massenmedien Wirklichkeit konstruieren, um sie übermitteln zu können, bewegen wir uns hier im Reich der Halbwahrheiten. Auch und gerade sie fordern die Medienethik heraus. Die Medienethik reflektiert dabei nicht nur die Empörung des Publikums über Medienskandale, sondern sie wird außerdem benötigt, um dem Journalismus im Zeitalter der digitalen Medien eine neue Legitimationsbasis zu geben. Davon betroffen ist gerade auch die Spezies der Medienjournalisten, die im Sinne einer Selbstreflektion das eigene Metier hinterfragen und/oder Produktionen der Massenmedien nach anderen Kriterien bewerten möchten als bloß nach Quantitäten wie etwa der Höhe der Einschaltquoten.

In seinen einleitenden Worten zu der Kölner Veranstaltung hatte Klaus-Dieter Altmeppen von der Notwendigkeit medienethischer Einmischungen gesprochen. Es gebe keinen Mangel an medienethischen Fragestellungen, auch nicht an wissenschaftlichen Erörterungen darüber; allerdings bestimmten Diskontinuität und Beliebigkeit weitgehend den Diskurs. Auch auf dieser interdisziplinären Tagung wurden von den an ihr mitwirkenden Wissenschaftlern teils sehr unterschiedliche medienethische Ansätze vertreten. Ebenso behandelten die Referenten, die aus der Medienpraxis kamen, die medienethischen Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven. So blieben auch hier viele Positionen unvermittelt nebeneinander stehen und die Absicht, das zu ändern, wird Anlass für viele weitere Tagungen sein. Wären die Aktualität medienethischer Fragen und der lange Weg, der noch zurückgelegt werden muss, um Theorie und Praxis konstruktiv miteinander zu verzahnen, die alleinigen Maßstäbe, von denen das Weiterbestehen der Zeitschrift „Communicatio Socialis“ abhinge, ihre Zukunft wäre auf lange Zeit gesichert.

• Text aus Heft Nr. 3/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

17.01.2014/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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