Im Kleinen das Große

Die Radioreformpläne des HR: Spiegelreflexe eines Systemproblems

Von Uwe Kammann
04.11.2019 •

Ja, mach nur einen Plan..: In Brechts „Dreigroschenoper“ wird dieses schöne Vorhaben, das individuelles wie institutionelles Vorgehen im besten Sinne ordnen und strukturieren soll, durch Lebenserfahrung konterkariert. Demnach geht weder Variante A noch Variante B. Von allen übrigen Modellen zu schweigen.

Sieht die Sache besser aus, wenn dem Wunsch nach Ziel und Richtung und den geeigneten Handlungsmustern ein Zauberwort zugrunde gelegt wird, das derzeit wie ein Mantra alle Medienfelder (und nicht nur sie) durchzieht: Digitalisierung? Wer beispielsweise am 15. Oktober der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2019 beiwohnte, konnte sich vor Digitalisierungsbeschwörungen kaum retten. Himmel und Hölle gehörten in den Reden (Spektrum: von Bundesaußenminister Heiko Maas bis Starautor Karl Ove Knausgard) untrennbar zusammen, während auf der Großleinwand ohne Unterlass ein Slogan aufpoppte: „Create Your Revolution“.

Mit welchen Augen und Ohren werden jene Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks (HR) diesen Kulturbefehl von oben aufgenommen haben, die im Frühjahr während zweier Klausurwochen in einer zehnköpfigen Arbeitsgruppe Pläne zu einer Neuformierung des Radioprogramms HR 2 Kultur geschmiedet haben? Pläne, die Teil einer digitalen Strategie des Senders sein und dabei ohne Zwangskopplung an tradierte Formen skizzieren sollten, wie künftig ein kulturelles Angebot sich anhören und im Netz aussehen müsste, das Ergebnisse der Medienforschung aufnimmt, die grosso modo sagen: Mit den klassischen Medienformen (gerade auch beim Radio in der linearen, als Programm komponierten Form) können junge Menschen immer weniger anfangen; oft werden diese Angebote nicht nennenswert oder gar nicht mehr wahrgenommen, erst recht, wenn es um Kultur geht.

Protestwelle aus der Kulturszene

Als einzelne Punkte der Überlegungen der sogenannten „Portfoliogruppe“ des HR im Sommer bekannt wurden – im Kern: eine teilweise Verlagerung der Kulturberichterstattung ins Netz, eine Verengung der Musikfarbe auf Klassik (vgl. MK-Meldung) – überrollte eine Protestwelle aus der regionalen Kulturszene den Sender. Keine Rede davon, dass hier im Rahmen der digitalen Welt mit ihren Möglichkeiten, ihren Zwängen und ihren inneren und äußeren Umwälzungen eine Revolution im positiven Sinne zu schaffen wäre. Stattdessen die Befürchtung, solche Pläne – auch wenn sie noch nicht im einzelnen ausformuliert waren – bedeuteten einen Ausverkauf der Kultur, die doch zum Kern des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags gehört. Diese Kulturverpflichtung wird ja tatsächlich im grundlegenden Rundfunkstaatsvertrag eigens betont, in einem Gesamtpaket, zu dem ansonsten Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung gehören (in dieser Reihenfolge), wobei der Unterhaltung abverlangt wird, einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil zu entsprechen.

Allerdings, seit das Bundesverfassungsgericht – letzter und oberster Hüter des öffentlich-rechtlichen Rundfunkprinzips – in seiner von 1986 stammenden Vorgabe die inhaltliche Paketbestimmung an die Schutzklausel „unerlässliche ‚Grundversorgung’“ gebunden hat, wird über die Interpretation dieser Vorgabe gestritten. Denn mit der Auslegung ist verbunden, was die dem Gemeinwohl verpflichteten Rundfunkanstalten zu tun oder zu lassen haben. Im Rahmen ihrer Programmautonomie, die sich gleichwohl in einem politischen Feld der Beauftragung bewegt.

Dass die Interpretation umso divergenter wird, je zersplitterter und unübersichtlicher sich die Medienlandschaft selbst darbietet, liegt auf der Hand. Dass – wie im konkreten Fall – ein bestimmtes Publikum, das sich in den Jahren und mit den Jahren an ein bestehendes Programm gewöhnt hat und dieses offensichtlich schätzt, keine Revolution, sondern höchstens eine behutsame Evolution des bevorzugten Angebots – hier also: HR 2 Kultur – wünscht, ebenso. Ein unerlässliches Gebot der (aktuellen) Stunde ist auf der anderen Seite, also jener der Macher und der Senderverantwortlichen, über die Gesamtsituation und alle damit verbundenen Konstellationen nachzudenken, welche die Zukunft betreffen.

Dazu gehören natürlich die Fragen, mit welchen Angeboten an welchem Ort ein Publikum zu finden ist, das mit höchst unterschiedlichen Interessen ebenso unterschiedliche Segmente bildet; und das dazu im Prinzip unendlich viele Möglichkeiten hat, sich höchst verschiedenen Inhalten zuzuwenden. Eben in jenem Medienraum, den die Digitalisierung aller Technikbereiche ermöglicht hat: im Netz, das als universelles Meta-Medium zu verstehen ist. Ein Meta-Medium, das den Transport herkömmlicher Inhalte ebenso bewerkstelligt wie es die Schaffung ganz eigener, lange Zeit undenkbarer Inhalte befördert. Und das in ständiger Allpräsenz unendlich viel sehen, hören und lesen lässt. Und zwar an jedem Ort, zu jeder Zeit, auf überall verfügbaren Geräten.

„HR 2 minus Kultur?“

Seit der Anfangsphase einer zunehmenden Digitalisierung und einer damit einhergehenden rasant wachsenden Konkurrenz um Aufmerksamkeit mussten sich alle Mitspieler der Medienbranche – ob Print mit Buch und Zeitungen, Sender per Radio und Fernsehen, Netzproduzenten oder Speicher-Hersteller mit CDs und DVDs, Kinobetreiber – fragen, wie sie ihre Publika erreichen, behalten oder neu gewinnen können. Eine existentielle Frage, mit wechselnden Antworten und stets variierenden Prognosen. Die Frankfurter Buchmesse ist auch dafür ein Seismograph. Als Mitte der 1990er Jahre die CD-ROM aufkam, befürchteten beispielsweise viele Verlage den schleichenden Tod des Buches. Er ist nicht eingetreten.

Aktuell, im Herbst 2019, ist die Buchmesse ein Musterbeispiel für Medienkoexistenz geworden. So mit einem speziell eingerichteten neuen „Marktplatz“ für Audio-Inhalte (inklusive Podcast-Studio und „Audio Summit“); so mit Großinszenierungen für bewegte Bilder (B3 Biennale); so mit dem integrierten Kulturfestival „The Arts+“, das ausdrücklich eine produktive Verschmelzung aller neuen Technikmöglichkeiten mit den überkommenen Kulturformen anstrebt, im Bewusstsein, dass dieses Herkömmliche der rasanten Beschleunigung des Technikrahmens kaum folgen, dabei aber gleichwohl dessen Innovationsdruck nicht entgehen kann.

Dass wiederum eine (nicht mehr ganz junge) Hörerschaft wie jene von HR 2 Kultur diese (relativ) neue mediale Welt der totalen Entgrenzung und der tendenziellen Verschmelzung hochentwickelter älterer Medienformen nicht als angesagtes Maß aller Dinge annehmen muss, ist verständlich. Es gibt dafür ja auch gute Gründe. In einer Diskussion, zu der eine „Initiative HR 2-Wort“ unter dem Titel „HR 2 minus Kultur?“ am 1. Oktober eingeladen hatte, wurden diese guten Gründe ausführlich benannt. Und in eine von annähernd 400 Teilnehmern befürwortete und verabschiedete Resolution gegossen, welche die angenommene Absicht verurteilte, „das Kulturangebot des HR in eine linear ausgestrahlte Klassikwelle und in eine vorrangig über Online-Kanäle laufende Kulturinformation zu spalten“. Schon zuvor hatten die heftigen Proteste aus der hessischen Kulturszene zu einer Internet-Petition geführt, die innerhalb kurzer Zeit mehr als 10.000 Unterstützer fand. Auf der Grundlage dessen, was zu den HR-Plänen an Information zu haben war.

Das, so stellte sich spätestens auf der Oktober-Diskussion heraus, war teilweise irreführend, im Ganzen nur Stückwerk und vor allem ziemlich entfernt von dem, was beim HR in Frankfurt erst demnächst in einem zweiten Schritt von einer Reformgruppe als Realisierungsmuster ausgearbeitet werden soll. Die öffentliche Aufklärungsarbeit übernahm auf der Veranstaltung der leitende HR-Redakteur Alf Mentzer (der zur „Portfolio-Gruppe“ des Frühjahrs gehört hatte). Er war als Vertreter des Senders eingeladen worden. Unverständlich, dass dies erst in letzter Minute von der Initiative beschlossen worden war, denn sonst wäre das Ganze zu einer stark verengten Einverständnis- und Kritikrunde geraten, im Kreis einer Gemeinde, die ihr Credo kennt und in der Wiederholung verstärkt.

Eine gleichsam liebevolle Zuneigung

Mentzer hatte es naturgemäß nicht leicht, weil die Vertreter auf dem Podium und auch das Publikum im Saal erkennbar das verteidigen wollten, was bislang den Charakter und die Mischung des Kulturprogramms HR 2 ausmacht. Beides wird offenkundig geschätzt, ganz so, wie es auch die „gegen den Kulturabbau in den öffentlich-rechtlichen Medien“ angetretene Initiative ausdrückt und bekräftigt. Was Mentzer – der die ersten Reformvorstellungen durchaus positiv sieht und sie deshalb auch offensiv verteidigt – von einer „gespaltenen Brust“ sprechen ließ. Denn trotz seiner Haltung sei er durchaus „erfreut, beeindruckt, gerührt“ von der Anhänglichkeit an das bisherige Programm.

Diese gleichsam liebevolle Zuneigung wird inzwischen auch von anderen Vertretern aus dem Sender – wie dem bei HR 2 Kultur für Literatur und Hörspiel verantwortlichen Hans Sarkowicz – als beträchtliches Pfund gewertet. Über so viel Zuspruch sei man sehr überrascht gewesen. Bedauerlich sei indes, dass sich die Debatte über die Reform verselbständigt habe, obwohl es noch nicht um ein Konzept gegangen sei. Der Ausgangspunkt sei allerdings nicht zu negieren: Das Kulturprogramm habe über die Jahre kontinuierlich an Hörern verloren, was Fragen nach der Konzeption und der Machart aufwerfe.

Laut der Statistik findet HR 2 Kultur täglich rund 90.000 Hörer, gegenüber den 2,1 Millionen Gesamt-Hörern der sechs HR-Radioprogramme natürlich ein geringer Wert. Der sich noch einmal relativiert, weil – so jedenfalls die Basisannahme – nur 7000 Hörer aus der Gruppe der Unter-35-Jährigen HR 2 Kultur einschalten. Diese Zahlen sind allerdings nur ein grober Anhaltspunkt, weil sie auf Umfragen beruhen, nicht jedoch auf einer recht genauen technischen Messung wie bei den Fernsehquoten.

Auch Hans Sarkowicz sieht die Zahlen, welche die Media-Analyse (MA) liefert, nicht ohne einige Skepsis, bezweifelt aber nicht die Grundtendenz. Die dort konstatierte fehlende Resonanz führe schon zu den Grundfragen, welche Inhalte noch relevant seien, wo sie am besten platziert würden, wie und in welcher Form Angebote besser im Netz aufgehoben seien; auch, wie die Strukturen aussehen müssten, wenn Wortinhalte zu Kulturthemen künftig auf mehreren Wegen und an anderen Plätzen verbreitet werden sollen (so kommen in Modellskizzen dafür auch die Informationswelle HR Info, das Portal hessenschau.de und die im Netz verfügbare ARD-Audiothek in Frage).

Ein irreführender Begriff

Eines allerdings, so Alf Mentzer, sei bei allen jetzigen Überlegungen sicher: „Wir wissen nicht, was dabei herauskommt.“ Als Reaktion auf einen Publikumszuruf mit Zweifeln am Erfolg der Mehrwege-Strategie und der damit verbundenen internen Umschichtung zugunsten des Netzes räumte der reformpositive HR-Redakteur ein: „Wir tappen noch im Dunkeln.“ Wie die einzelnen Formen aussähen und auf welchen Wegen man über die Plattformen das erwünschte jüngere Publikum erreichen könne, gehöre in jenen Bereich, den Kanzlerin Merkel einmal mit einem Begriff gekennzeichnet habe, der ihr viel Häme eingebracht habe, der aber gleichwohl die sich entwickelnden Netzrealitäten treffe: „Neuland“.

Gleichwohl brachte der Auftritt des HR-Vertreters in Kernfragen auch Klarheit. Das Programm HR 2 Kultur werde „nicht abgeschafft, es wird auch keine Klassikwelle“. Dieser von Hörfunkdirektor Heinz Sommer eingebrachte Begriff sei irreführend gewesen. Es gehe vielmehr um klassische Musik, die das Programm künftig dominieren solle, auch in den Magazinsendungen. Bislang liege der Anteil von Klassik zu Folk, Jazz, Singer-Songwriter, Chanson, Weltmusik bei 60:40. Doch die auch darin ausgedrückte Breitband-Kultur funktioniere nicht. Dagegen werde jetzt das Ziel gesetzt, über das lineare Radiokulturprogramm dasjenige Publikum zu erreichen, das einen „distinktiven, hochqualifizierten Kulturbegriff“ bevorzuge. Auch Kulturangebote wie Hörspiel, Feature oder Gesprächssendungen wie „Doppelkopf“ werde es bei HR 2 weiterhin geben.

Um die generelle Zielvorstellung zu unterfüttern, ein größeres, offeneres und jugendlicheres Publikum auch bei kulturellen Radiosegmenten eher über Angebote im Netz zu gewinnen, hatte der Hessische Rundfunk in seinen Verlautbarungen, die der Protestwelle etwas entgegensetzen sollten, auch den immer wieder und allerorten zitierten ehernen Grundsatz des einstigen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann aufgeboten, gleichsam als Rettungsanker: „Kultur für alle“. Dieses Ziel sei aber nicht durch einen einfachen 1:1-Transport von originären Sendungen aus dem linearen Programm ins Netz zu erreichen. Vielmehr müssten die dort zu platzierenden Angebote ganz eigenständig entwickelt und gestaltet werden. Dies – und das hatte HR-Intendant Manfred Krupp bei den Konditionen nicht verschwiegen – dürfe aber nicht mehr kosten.

Dem begrenzten Finanzierungsspielraum solle, so Alf Mentzer, durch eine personelle Verbundsituation entsprochen werden, in einer offenen Zusammenarbeit über die verschiedenen Medienformen. Das Modell: eine „crossmediale Kultur-Unit“, deren Mitarbeiter sowohl für das lineare Programm als auch für die spezifischen Bearbeitungen und eigenständigen Formen im Netz zuständig seien. Eine solche Bezeichnung wiederum befeuert offensichtlich, ebenso wie das Etikett „Portfolio-Gruppe“, alle Verdachtsmomente, hier gehe es um modische Managementformeln aus dem Skizzenblock von Beratungsagenturen. Bei der Diskussionsrunde in Frankfurt jedenfalls (an einem traditionellen Kulturort übrigens: der Deutschen Nationalbibliothek) wurde mit einem anderen Wortestrauß beschrieben, was denn den Reiz, den Wert und das Besondere eines von klugen Köpfen komponierten Hörfunk-Kulturprogramms ausmache. Das als tradierte, lineare Ausstrahlung nicht durch eine Zusammenstellung von Podcasts und Netzformaten ersetzt werden könne, sondern in seiner jetzigen Form unbedingt bewahrt werden müsse. Bestätigung übrigens hätte die Runde schon in zwei ausführlichen Interviews („FAZ“ vom 1.10. und 24.9.2019) von Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue und NDR-Hörfunkdirektor Joachim Knuth finden können: Beide sagen dem Linear-Radio noch eine solide Zukunft voraus.

Es gehe, so die übereinstimmenden Positiv-Setzungen auf dem Frankfurter Podium, um ein farbiges, vielstimmiges Programm, das mit Überraschungen aufwarte, das dem Hörer Zufallsfunde beschere und Neugier belohne, das nicht Faulheit bediene und Zerstreuung anstrebe, sondern Interesse wecke. Ein Programm zudem, das nicht zuletzt auch dann empfangen und gehört werden könne, wenn man nicht am Rechner sitze – in den klassischen Situationen also, von der Frühstücksbegleitung über das Autofahren bis zu den Hausarbeiten. Lauter Eigenschaften, die, so wurde deutlich, als genuin gesehen werden für ein Programm, das den Anforderungen an ein öffentlich-rechtliches Profil entspricht.

In der jetzigen Form, so urteilte auf dem Podium der Fachjournalist Michael Ridder („epd medien“) in seinem einführenden Diskussionspart, erfülle HR 2 Kultur den öffentlich-rechtlichen Auftrag „mustergültig“. Diesen Befund verband er mit der Hoffnung, dass die jetzige öffentliche Diskussion mit ihrer heftigen Kritik an Eckpunkten der Reform nicht zuletzt die Gremien des Senders beeindrucke und zum Umdenken führe; auch, um nicht den Gegnern des sich ohnehin in einer Legitimationskrise befindlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunks ohne Not Gründe für eine fundamentale Kritik zu liefern.

Wie weit eine solche Hoffnung auf eine Neuorientierung der jetzigen HR-Pläne trägt und somit die bestehenden Elemente und Konturen eines linearen, herkömmlich geprägten Kulturradios eine längere Überlebenschance haben, ist allerdings nicht absehbar. Grundsätzlich, so ließ der Rundfunkrat nach einer Sitzung im August in einer Stellungnahme verlauten, unterstütze eine deutliche Mehrheit des Gremiums die Initiative der Geschäftsleitung, die Möglichkeiten des HR „zur digitalen Nutzung seiner Angebote, zum Beispiel auch im Bereich der Kulturberichterstattung, auszubauen und die Attraktivität für jüngere Zielgruppen zu erhöhen“ (vgl. MK-Dokumentation).

Wer Gremiensprache kennt

Das Gremium unterstreicht in seiner Erklärung – eigentlich eine Selbstverständlichkeit –, dass „kulturelle Hervorbringungen und die Kulturberichterstattung zum Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags“ gehörten. Dabei sei Kultur – auch dies dann eine bemerkenswerte Feststellung – „für den Rundfunkrat nicht nur Musik, sondern auch Literatur, die Kultur des Hörens und Zuhörens und der gesellschaftliche Diskurs“. Begrüßt wird dann die „Zusicherung, dass alle weiteren Schritte zur Ausgestaltung der Programminitiativen in einem strukturierten Prozess unter Beteiligung der Beschäftigten und in enger Abstimmung mit den Gremien in den nächsten Sitzungen des Rundfunkrats und insbesondere auch in seinen Ausschüssen beraten werden“.

Wer Gremiensprache kennt, der ahnt: Dies wird tatsächlich nicht in einem Reformprozess aufgehen, der schon – wie zunächst anvisiert – zum April nächsten Jahres eine neue Konstellation bescheren wird. Wenn es, wie jetzt zu hören ist, tatsächlich nicht um Hierarchie-Entscheidungen gehen soll, sondern um interne Lösungsmodelle nach intensiven Mitarbeiter-Erörterungen und -Diskussionen, sind viele Positionsbestimmungen und Wendungen zu erwarten.

Die Beispiele aus anderen Sendern im ARD-Verbund zeigen, dass das Wort von den Mühen der Ebenen keine reine Floskel ist, die mit Vorliebe von den Verfechtern der Langsamkeit oder von den Totalbremsern gebraucht wird. Gerade hat Benedikt Frank in der „Süddeutschen Zeitung“ (vom 7.10.19) am Beispiel des Bayerischen Rundfunks (BR) in einer Vor-Ort-Reportage beschrieben, welcher Mühen es bedurfte und noch bedarf, um aus früheren Fürsten- und Erbhöfen von redaktionell festen Einheiten mit traditionell abgegrenzten Aufgaben neue übergreifende Teams zu formen, die ganz anderen Funktionsstrukturen gehorchen. Dass übrigens beim BR dieser Weg zur durchgehenden Trimedialität (funktionale Verbindung von Fernsehen, Radio und Internet) auch mit einer umfangreichen baulichen Neuausrichtung verbunden wird (ein „Aktualitätenzentrum“ und „Wellenhaus“ sollen Wesentliches unter ein gemeinsames 200-Millionen-Euro-Dach bringen), gehört allerdings in den Bereich der absoluten Ausnahme. 

Zukunftsmodelle und Spargedanken

Für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), der unter der Führung von Intendantin Karola Wille sehr früh und konsequent auf eine trimediale Ausrichtung gesetzt hat, fasste Kommunikationschef Walter Kehr (der Ende Oktober in Pension geht) das durchgängige Prinzip in einer kurzen Formel zusammen: „Wir denken in Themen.“ Erst danach folge die Überlegung, wie diese Themen für die verschiedenen Wege zu bearbeiten seien. Da dies ineinem festen finanziellen Rahmen geschehe, der nicht größer werde, bedeute dies in der Praxis, dass man umschichten müsse, inklusive der Option, sich von Dingen zu trennen.

Dass der Spargedanke bei allen Zukunftsmodellen unausweichlich ist, wenn es um Radiokultur geht, unterstreicht auch Patricia Schlesinger, Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Auch hier zunächst derselbe Grundbefund wie beim HR: „Wir müssen zur Kenntnis nehmen“, sagte sie, „dass die Reichweite unseres kulturellen Angebots im Radio zuletzt kontinuierlich gesunken ist.“ Eine Reform des Programms RBB Kultur sei deshalb zwingend. Sie könne und solle aber nicht auf Kosten anderer Kulturangebote des Senders gehen.

Bei den inhaltlichen Diskussionen mit allen Beteiligten, so beschrieb die RBB-Intendantin im September den Auftakt des „sehr transparenten“ Prozesses, gebe es keine Vorgaben, anders als bei den Finanzen. Das klare Ziel: eine Million Euro einzusparen. Eine solche Verminderung des Etats um gut zehn Prozent hat natürlich vor allem die freien Mitarbeiter auf den Plan gerufen, die diese Einschnitte vor allem treffen würden. Wie sozialverträglich die Transformation mittelfristig gestaltet werden kann – indem altersbedingt bislang feste Stellen wegfallen –, kann erst die Praxis erweisen.

In einem „Tagesspiegel“-Interview (online 3.9.19, Print 5.9.19) bezeichnet es Schlesinger unter strategischen Gesichtspunkten als „mittelfristiges Ziel“, eine „Quermarke RBB Kultur“ zu schaffen, „die über alle medienübergreifenden Verbreitungswege auch generationsübergreifend erfolgreich ist“. In der jetzigen Phase gehe es nicht darum, das Programm aufzulösen, sondern es zu verbessern: „Es geht um neue Gedanken, Abläufe, Strukturen.“ In den neuen digitalen Distributionswegen lägen „zusätzliche Chancen“, so die RBB-Intendantin.

Apropos propagierte Wege-Vielfalt: Ein für die Radiokultur so bedeutendes Haus wie das Deutschlandradio mit seinem Programm-Trio Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova schafft es seit dem Frühjahr 2019 nicht mehr, im Kabelreich von Unitymedia weiterhin präsent zu sein. Um welche Summe an Einspeiseentgelten gestritten wird, legen die Beteiligten nicht offen. Kabelhörer, die auf beste Übertragungsqualitäten setzen, dürfen sich geprellt fühlen. Ein Musterbeispiel für Ausspielstringenz und anspruchsvollen Radioalltag?

Das Verhalten der jüngeren Mediennutzer

Doch zurück zum Rundfunk Berlin-Brandenburg: Deutlich zeigt sich, dass dessen strategische Planung unter dem Gesichtspunkt der Internet-Präsenz vorsichtiger, tastender ist als jene des Hessischen Rundfunks. Beim Sender in Frankfurt ist die Hoffnung erkennbar größer, mit einer Reihe ganz eigenständiger Angebote die jüngeren Mediennutzer dort zu erreichen, wo sie inzwischen tendenziell den ersten (und oft einzigen) Zugang zu Medieninhalten suchen und finden: im Netz. Laut einer gerade erschienen „Standortbestimmung“ im Rahmen der ARD/ZDF-Studien zur Massenkommunikation liegen Live-Radio und Musikstreaming inzwischen fast gleichauf; das Internet werde mit der zunehmenden Digitalisierung „zur Universalplattform für Kommunikation, Information und Unterhaltung“.

Die gerade vorgelegte neue Shell-Jugendstudie bestätigt die Tendenz. Und kommt auf den erstaunlichen Wert von knapp vier Stunden, in den die Jugendlichen smart im Netz unterwegs sind. Bei politischen Themen informiere sich die Mehrheit der Jugendlichen inzwischen online, so bei Nachrichtenportalen oder auf YouTube. Fernsehen spiele als Informationsquelle noch bei 23 Prozent der Jugendlichen eine Rolle, das Radio und klassische Printmedien liegen hier nur noch bei jeweils 15 Prozent. Interessant ist dabei die Feststellung, dass das größte Vertrauen nach wie vor den Nachrichten von ARD und ZDF sowie den überregionalen Tageszeitungen entgegengebracht werde.

Doch inwieweit diese positive Einschätzung das tatsächliche Nutzungsverhalten bestimmt, ist mehr als fraglich. In einer Ausgabe der Sendereihe „Der Tag“ – ein journalistischer Leuchtturm bei HR 2 Kultur – machten kürzlich Experten wenig Hoffnung, dass speziell die jüngeren Normalmusikhörer noch auf längere Zeit zum Radiokreis gehörten. Die Streaming-Dienste seien als Bedientheken mit hohem Individualisierungsgrad nicht zu schlagen. Allerdings, diese Prognosen sind nicht auf ein spezifisches, ausdifferenziertes Kulturprogramm zugeschnitten. Bei dem eben, wie in Hessen, zu fragen ist: Markieren knapp 90.000 tägliche Hörer wirklich eine bedenkliche Untergrenze? Zieht ein merkliches Umsteuern nicht die Gefahr nach sich, ein spezifisches Publikum, das erkennbar an bestimmten Werten hängt und vielleicht am besten als qualifizierte Minderheit zu bezeichnen ist, zu verlieren – ohne das angepeilte jugendliche Publikum im Netz zu gewinnen? Am Ende also eine reine Lose-Lose-Situation?

Schon grundsätzlich sollte die Skepsis groß sein. Denn die Diskrepanz zwischen einem fröhlich bekundeten Kulturinteresse – das sich in Umfragen natürlich unter Prestige- und Renommee-Gesichtspunkten gut macht – und dem tatsächlichem Einschaltverhalten ist groß. In der Praxis verengt sich der Kreis auf vielleicht fünf Prozent. Deren Aktivitäten sich dann wieder verteilen, in vielfältiger Weise, vom Theaterbesuch bis zur Lesung. Und dem Einschalten von Arte.

Die Struktur des öffentlich-rechtlichen Systems

Arte und 3sat, die kulturgeprägten Fernsehprogramme, kommen jeweils auf knapp über ein Prozent am tatsächlichen Zuschaueranteil, allen immer wieder beschworenen Bemühungen um eine Ausweitung des Interesses (auch der Jüngeren) zum Trotz. Und Kulturmagazinen wie „ttt“ (ARD) und „Aspekte“ (ZDF) geht es bezüglich ihrer Resonanz nicht viel anders. Wenn also tatsächlich der Kreis der Kultur-Imprägnierten nicht allzu groß ist und um die Realzahl von fünf Prozent schwankt, dann lassen sich die Hörerzahlen für ein Kulturprogramm leicht erklären. Das ist auch in anderen Ländern so. France Culture beispielsweise, das landesweite (und einzige richtige) Kulturradioprogramm in Frankreich, hat einen Publikumsanteil von 2,3 Prozent.

In Deutschland hingegen ist die bundesweite bzw. regionale Konkurrenzsituation zu berücksichtigen, ein Sonderfaktor, welcher der so stark ausgeprägten föderalen Struktur geschuldet ist. Hier kommt, weit über das aktuelle HR-Exempel hinaus, der Systemgedanke ins Spiel. Wenn tatsächlich der Umbruch in der Medienlandschaft als Folge des unaufhaltsamen digitalen Beschleunigungsprozesses so tiefgreifend ist und sein wird wie überall angenommen: Kann es dann sinnvoll sein, die bisherigen Strukturen im öffentlich-rechtlichen System so zu belassen wie sie sind? Eine Frage, die natürlich in besonderer Weise an die ARD zu richten ist, wobei hier das komplette Radioangebot als Musterbeispiel für Wildwuchs und verfehlte Quantitätsansprüche gelten kann. Hier springen sichtbar alle Beteiligten in allen Sendern viel zu kurz, eben mit der Folge, dass die einzelnen Reformbemühungen wie jetzt beim HR oder beim RBB als jeweilige Einzelmaßnahmen nebeneinander stehen, allen kleineren Kooperationslinien und Austauschprojekten zum Trotz. Überall wird gleichsam das Rad neu erfunden oder das Modell neu konstruiert.

Tatsächlich gäbe es viele Möglichkeiten (gerade im Blick auf den Gesamtverbund der neun ARD-Landesrundfunkanstalten, vom Deutschlandradio und vom ZDF einmal abgesehen), das lineare Hörfunkspektrum zu durchforsten, auf eine verstärkte Zusammenarbeit in vielen Bereichen zu setzen und tatsächlich Synergieeffekte zu heben, ohne an Einzelqualität einzubüßen. Allein sechs Radioangebote beim HR, insgesamt 64 bei allen ARD-Anstalten, dazu die drei bundesweiten Programme vom Deutschlandradio: Das ist des Guten (besser: oft nur Durchschnittlichen, nicht selten Unsäglichen) viel zu viel.

Das Immer-Mehr im dichten föderalen Geflecht

Dieser Befund des Viel-zu-viel gilt inzwischen auch für die Internet-Plattformen der Öffentlich-Rechtlichen. Da sind viele Etiketten zu finden – in den Sendern selbst ebenso wie im ARD-Verbund –, die wie in einem Verwirrspiel aufzusuchen sind und keinem klaren Prinzip gehorchen. Um ganz konkret beim jetzigen Projekt zu bleiben: Wie sinnhaft ist es, Radioangebote des HR unter hessenschau.de zu suchen? Eine relativ neue Plattform wie die ARD-Audiothek zeigt – nicht zuletzt wegen ihres tatsächlichen Erfolgs –, in welche Richtung es gehen müsste.

Die Masse aller linearen Programme, ob Radio oder Fernsehen, schreit geradezu nach einer Reduzierung/Neuordnung in einem gemeinsamen Muster. Auch hier böte die Digitalisierung mit den neuen Verteilwegen (DAB plus inklusive) die Möglichkeit, über eine weit geringere Zahl von linearen Programmen klare inhaltliche Profilierungen anzustreben – im Radio von Musikfarben bis zum Strauß der vielfältigen Wortformate, im Fernsehen mit stringent journalistischen Blöcken oder Kultursektoren – und dies zugleich mit schnell zu erkennenden, leicht zu verstehenden und gut strukturierten Netzplattformen zu verknüpfen. Darin läge zugleich ein wesentlicher Spareffekt. Konzentration und Qualität statt Expansion und zerfließender Beliebigkeit: Das könnte die Kurzformel sein, um der Gefahr eines immer beliebigeren Quellmediums zu entgehen.

Das Immer-Mehr im dichten föderalen Geflecht ist allerdings eine heilige Kuh bei jeder Reformdiskussion. Eine Diskussion, bei der wie im Ping-Pong-Spiel die Sendersysteme auf die Länder als verantwortliche Entscheider und die Länder auf die Sender als Akteure und Impulsgeber verweisen. Bei der SWR-Fusion im Südwesten waren ja die Sender auch tatsächlich die Treiber. Zwei mutige ARD-Vorsitzende (die früheren Intendanten Udo Reiter, MDR, und Hartwig Kelm, HR) sind jeweils komplett gescheitert, als sie hier mit guten Argumenten ein grundlegendes Umdenken und eine gehörige Straffung der Gesamtstruktur vorgeschlagen haben. Nicht zuletzt gehörte eine Verringerung der Anzahl der Landesrundfunkanstalten zum Kern ihrer Modelle. Ziel war, die Gesamtapparatur umfassend und spürbar zu verschlanken, zugunsten der Inhalte (was keine Vermehrung, sondern eine qualitative Anreicherung bedeuten sollte).

Doch eine solche grundlegende Reform – die natürlich auch ein ganz anderes Programmspektrum in allen Bereichen und auf allen Wegen/Plattformen nach sich ziehen würde – scheint weiterhin nur ins Reich der Utopie zu gehören. Denn schon der seit bald drei Jahren laufende Prozess, sowohl den öffentlich-rechtlichen Auftragskern und -rahmen und das Anforderungsprofil von ARD, ZDF und Deutschlandradio zu präzisieren als auch die Arbeits- und Verwaltungsstrukturen im Sinne von Effizienz und Sparsamkeit zu optimieren, befindet sich immer noch im Schwebezustand.

Obwohl die Länder als Entscheidungsträger in der Medienpolitik durchaus – entsprechend ihren internen Regierungsmehrheiten – verschiedene Vorstellungen haben, sind sie sich in einem Punkt weitgehend einig: Die bisherigen Reformvorschläge der Sender seien nur unzureichend. Vor allem ein Forderungspunkt aus der aktuellen Medienstaatsvertrags-Beschlussvorlage für die Ministerpräsidenten gilt als offen und völlig unbeantwortet: „Es soll eine Profilschärfung des Auftrags vorgenommen werden. Danach soll in allen Bereichen künftig das öffentlich-rechtliche Profil der Angebote, das nicht marktwirtschaftlichen Anreizen folgt, sondern zu einer inhaltlichen Vielfalt beiträgt, die allein über den freien Markt nicht gewährleistet werden kann, als Gegengewicht zu den Angeboten der privaten Rundfunkanbieter stärker zum Ausdruck kommen.“

Aus dem operativen Kreis der Länder heißt es informell, in pauschaler Zuspitzung, die Politik sei enttäuscht über die Haltung der Sender. Mit nicht absehbaren Konsequenzen. Dass die sichtbaren Spannungen bei allen Diskussionen – im Kern: Wie müssen die Mischungen, die Proportionen und die Segment-Qualitäten der Programme aussehen, welcher Finanzrahmen und welches Beitragsmodell können die Erfüllung des Auftrags garantieren? – schon bald beigelegt werden können, ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Vor dem Hintergrund der kommenden Rundfunkbeitragsempfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) dürfte sich die Situation noch zuspitzen. Denn auch innerhalb des Länderkreises selbst gibt es erhebliche Differenzen, wie das öffentlich-rechtliche System künftig aussehen sollte und wie es dafür finanziell auszustatten ist.

So würden beispielsweise Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt einen möglichen KEF-Vorschlag für eine Ein-Euro-Erhöhung des Rundfunkbeitrags auf 18,50 Euro pro Monat nach derzeitiger Einschätzung nicht mittragen. Da weiterhin Länder unter Mitregierung der FDP einen delikaten Faktor in ihren Reihen haben (die Partei drängt vehement auf eine Fundamentalreform), wird ein Kompromissweg als ausgesprochen steinig gesehen. Bis hin zur Befürchtung, es könne zu einer Explosion oder zu einer Implosion der Medienpolitik und/oder des öffentlich-rechtlichen Systems kommen.

Die Reformforderung ist berechtigt

Wie weit ein solch düsteres Szenario sich tatsächlich schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt am Horizont abzeichnet, ist natürlich fraglich. Möglicherweise soll ein Ausmalen des möglichen Scheiterns – dies vor dem Hintergrund der laufenden Gespräche zu einem neuen Medienstaatsvertrag – lediglich zur Beschleunigung des Einigungsprozesses führen. Auch indem gegenüber den Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Systems eine Drohkulisse errichtet wird. Denn wer könnte sich vorstellen – und wer wollte/könnte es verantworten –, was geschähe, wenn dieses auch in seiner Rechtskonstruktion hochkomplexe Gebilde auf eine Erosionsschiene geriete? Denn klar ist auch, ungeachtet aller jetzigen Legitimationsdebatten: Dieses System hat einen alles in allem hohen Demokratisierungs- und Kultivierungswert.

Aber, nochmals unterstrichen: Die Reformforderung, wie sie vehement auch aus der Politik kommt, ist berechtigt. Und Begründungs- und Perspektivanstrengungen – wie sie das ZDF schon 1999 mit einem Gutachten zum spezifischen Funktionsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorgelegt hatte (vor drei Jahren vom professoralen Autorentrio Dieter Dörr, Bernd Holznagel und Arnold Picot erweitert unter dem Zusatz „in Zeiten der Cloud“) – sind unerlässlich, auch mit allen sich daraus ergebenden Perspektiven. Die natürlich bedeuten, das Gesamtsystem speziell unter Plattform-Gesichtspunkten neu zu denken und aufzustellen.

Ist es wirklich nur ein schöner Traum, eine große nationale Plattform zu konstruieren und zu etablieren, die mit attraktivem Namen und kinderleichter Navigation Zugang zu dem verschafft, was ARD, ZDF und Deutschlandradio an Gutem und Bestem schaffen? Die ohne Zeitkollisionen journalistische Flexibilität ermöglicht, die ein Kaleidoskop thematischer Vielfalt ist, die erlaubt, sich von der jetzigen Kanal-Unübersichtlichkeit zu trennen? Und die verspricht und hält, dass jeweils in jedem Segment die bestmögliche Qualität zu finden ist? Zum Traum würde auch gehören, dass eine große Inhalte-Autonomie innerhalb eines festen Rahmens den beteiligten Sendern viel Spielraum verschafft, bei einem klugen, neu zu entwickelnden Kontrollsystem, dem ein intelligentes Lastenheft vorausgeht.

Wenig Charme hätte es, wenn diese Streaming-Plattform – wie beim englischen Modell „BritBox“ und beim französischen Plankonstrukt „Salto“ (vgl. diese MK-Meldung und diese MK-Meldung) – auf einer Kombination aus öffentlich-rechtlichen und privaten Medieneinrichtungen beruhen sollte. Diese Vermischung brächte zwar mehr Masse, aber weniger Klasse. Nein, viel sinnvoller erscheint es, das ganz und gar Eigene an unübersehbarer, unüberhörbarer Qualität herauszustellen. Kombinationen – wie sie die ARD bei ihrer „Babylon-Berlin“-Koproduktion mit Sky praktiziert hat – verwässern die Kenntlichkeit und lassen das Eigene erodieren. Das gilt auch für alle Spielformen mit Streaming-Playern wie Netflix.

Das Lieblingsprojekt des BR-Intendanten und jetzigen ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm – eine übernationale, europäische Kultur- und Medienplattform – schwebt wiederum so hoch in einem imaginären und ideellen Raum, dass es weit entfernt ist von jeder Realisierungschance. Zudem: Von Übersichtlichkeit wäre es weit entfernt. Und wie es kuratiert und redaktionell verantwortet werden könnte (ohne diese Voraussetzung kann es nicht funktionieren), das steht ebenfalls in den Sternen.

Die große Säule unseres Kulturlebens

Vielleicht erscheint es hier zu weit ausgeholt, den übergeordneten großen Rahmen zu bemühen, wenn es um einen viel kleineren Reformprozess bei einem einzelnen, auf eine Minderheit zielenden Radioprogramm einer nur mittelgroßen ARD-Landesrundfunkanstalt geht. Doch dieser Vorgang ist bestens geeignet, ihn als exemplarisch zu betrachten. Und, in einer Verknüpfung der Konstellation, zu fragen: Was wäre, wenn die Gesamtkonstruktion neu überlegt und gezeichnet würde? Welche Konsequenzen hätte das im Regionalen, wie wären die Anforderungen bei den kleineren Einheiten zu definieren und zu deklinieren? Welche Potenziale wäre zu entfalten, welche zu bewahren, welche ganz neu zu entdecken?

Jetzt, im ganz konkreten Fall, wären die Verantwortlichen und Entscheider des Hessischen Rundfunks gut beraten, wenn sie ihren sehr viel kleineren (und in seinen Parametern offenen) Realitätsrahmen anerkennen und auch unter dem spezifischen Publikumsvotum ausloten. Mit der erklärten Zusage, für eine qualifizierte Minderheit ein qualitätsvolles Programm zu wollen, zu erstellen und zu verteidigen – und zwar eines, das die linearen Eigenschaften und die Online-Qualitäten komplementär interpretiert und verbindet. Wenn, wie in der aktuellen Diskussion zu erkennen, ein qualifiziertes Publikum eine solche Leidenschaft für ein Programm zeigt, eine geradezu liebende Zuneigung, dann wäre es fahrlässig, dies als unzureichendes Echo anzunehmen oder auszugeben. Auch der Senderverweis auf eine „eher abgehängte“ Jugend kann kaum verfangen. Oder ist die HR-Welle You FM gar nicht für die Jugend gedacht und gemacht?

Doch auch die Verteidiger des Bestehenden aus dem Kultursektor müssen sich fragen (lassen), ob alle ihre Argumente über Vorurteile, Pauschalschelte oder engeres Eigeninteresse hinausgehen. Auch auf dem Podium der „Initiative HR 2-Wort“ und in der begleitenden „Frankfurter Erklärung“, die man am 1. Oktober verabschiedete, wurde wieder stereotyp die Quote als vermeintliche Zwangsjacke bemüht, war vom „statistischen Wahn“ die Rede, verstieg sich ein Diskutant aus der Theaterszene sogar in eine pauschale Diffamierung der am Reformprozess Beteiligten („Denn sie wissen nicht, was sie tun“).

Dazu wurde – dies gehört anscheinend zum Ritual – eine allgemeine Einengung von Kulturangeboten beklagt. Jeder, der sich international umtut, weiß: Die Kulturlandschaft in Deutschland ist reich und auch finanziell überdurchschnittlich ausgestattet. Die öffentlichen Aufwendungen von zuletzt mehr als 10 Milliarden Euro (Bund, Länder, Kommunen) sind in zehn Jahren um mehr als 30 Prozent gestiegen. Das ist kein Pappenstiel. Dazu kommen eine weltweit beneidete Verlagslandschaft und eine große Zahl von Medienakteuren. Und natürlich gibt es noch viele private Initiativen und Aktivitäten. Wie relevant dies alles ist, welche Kraft in den einzelnen Aktionen und Formen steckt, welches Potenzial sie wecken können, welches Gewicht sie für die gesellschaftliche und die individuelle Selbstvergewisserung haben: Das ist eine ganz andere Debatte.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wiederum ist – dies müsste eigentlich unstreitig sein – die große Säule unseres Kulturlebens (alle medialen Hervorbringungen eingerechnet), eine Säule, die nun seit sieben Jahrzehnten eine hohe Bedeutung für das gesellschaftliche wie zigmillionenfach für das individuelle Leben hat. Kein System, so das Urteil exzellenter Kenner der gesamten kulturellen Szene, biete einen höheren Gegenwert; es sei, auch mit all seinen apparativen Eigenheiten und Wucherungen, ein im Grunde spottbilliges ‘Pfund’. Trotz des den BBC-Finanzrahmen um fast das Doppelte übertreffenden Budgets mit seinen 8 Milliarden an Beitragseuros.

Eine (über)lebenswichtige Frage

Gleichzeitig sagen solche, die selbst an verantwortlicher Stelle im System gearbeitet haben: Ja, es ließe sich vieles anders und besser organisieren; ja, die geheiligte föderale Struktur ist oft nur ein Klotz am Bein, nicht selten ein reiner Bremsklotz und auf jeden Fall ein gewaltiger Kostentreiber; ja, Kleinstanstalten sind ebenso auf ihre Existenz hin zu befragen wie Kleinstländer; ja, es gibt auch im bisherigen Gesamtapparat viel Luft und Luxus; ja, eigentlich sind die mehr als ein Dutzend Klangkörper ein überproportional teures Relikt aus den Gründungsjahren; ja, nicht wenige Leistungen sind unzureichend, angefangen bei den journalistischen Graubrotsorten; ja, die Mischung und Sortierung der Einzelformate und der Programmsegmente hat Schlagseiten, ebenso wie die Zuwendungen für die einzelnen Sektoren; ja, und und…

Aber gleichwohl, am Ende steht das Urteil: Es wäre ein großer, in seinem ganzen Ausmaß schnell spürbarer Verlust, wenn dieses System in einen Erosionsprozess geriete, weil keine politische Verständigung mehr möglich wäre. Denn die, tatsächlich, ist existentiell, vor aller innergesellschaftlichen, oft sehr kontroversen und abwertenden Diskussion.

 Dass leidenschaftlich darüber zu streiten ist, wofür und in welchen Proportionen die Beitragsgelder auszugeben sind, auch darüber, welcher Bonus an Qualität wo und wie zu erzielen ist: Das ist völlig klar. Wie dieser Prozess im großen Apparat mit all seinen Routinen, Ritualen, Gewohnheiten und oft über Jahrzehnten gewachsenen Strukturen so zu organisieren ist, dass an vielen Stellen zugleich der Status quo radikal auf den Prüfstand gestellt werden kann – übergreifend und ohne Rücksicht auf die bestehenden Anstaltsgrenzen und apparativen Schnittmuster –, das ist die große Frage. Eine Systemfrage, die (über)lebenswichtig sein kann. Vielleicht schon übermorgen.

04.11.2019/MK