„Ich will hier nur sitzen“

Über das Nichtstun in einer mediatisierten Welt

Von Michael Jäckel
14.04.2021 •

Wo das Nichtstun beginnt oder ein Hauch von Aktivität registriert werden kann, darüber lässt sich trefflich streiten. Die Logik des Beobachters entspricht nicht immer dem subjektiv gemeinten Sinn des Beobachteten. Die Überschrift „Ich will hier nur sitzen“ erinnert an einen der berühmten Sketche von Loriot. Der Ehemann ruht einfach nur in seinem Sessel, während im Hintergrund seine Frau in der Küche ständig in Bewegung ist. Aus einem reduzierten Dialog – „Was machst du da?“ „Nichts.“ – entwickelt sich eine Kette von Missverständnissen, die sowohl den Ruhesuchenden als auch die Fragende mehr und mehr in Rage versetzt. Das Nichtstun wird nicht anerkannt, Empfehlungen werden ausgesprochen: lesen, eine Illustrierte nehmen. Nur das Dasein genießen und sonst nichts? In den eigenen vier Wänden scheint es nicht gestattet zu sein; als erholsame Form der Kontemplation wird es hingegen in natürlichen Kontexten anerkannt. Würde man einfach nur Musik hören, wäre die Rahmung schon eine andere.

Die Aufforderung, doch irgendetwas zu tun, stößt seit geraumer Zeit auf ein Angebot, dessen Entstehung und Nutzung gleichermaßen mit Fragen überhäuft wird. Unlängst fragte eine Autorin beispielsweise, was an der Zunahme von sogenannten Live-Streaming-Angeboten so faszinierend sei. Gegenstand des Beitrags war die chinesische Plattform Bigo Live, auf der alle möglichen Dinge zu sehen sind: Menschen im Fitnessstudio, Menschen bei der Arbeit, leere Räume, durch die gelegentlich jemand hindurchgeht, Sängerinnen und Sänger unterschiedlichster Qualität. Mit anderen Worten: Nicht alles ist erlaubt – Geschäftsbedingungen legen fest, was nicht geht –, aber es bleibt dennoch sehr viel übrig, von dem die meisten wohl auf den ersten Blick sagen würden: Darauf kann man doch verzichten. Aber dahinter steht mal wieder ein Geschäftsmodell, das offenbar von der Aufzeichnung des Alltags profitiert – wie die, die der Aufzeichnung zustimmen, auch. Am Ende des Beitrags schreibt die Autorin: „Die digitale Unterhaltungswelt entwickelt sich so schnell weiter, dass gestern noch Surreales bereits heute zum Alltag gehören kann.“

Die Entfesselung der Kommunikation

Ja, die Unterhaltungswelt entwickelt sich schnell weiter. Vor gefühlt 20 Jahren waren es Einblicke in eine Taxifahrt in Aspen, Colorado, oder in einen Kühlschrank in Schweden, die auf den damaligen Videokanälen nach Aufmerksamkeit suchten, aber zugleich eben zeigten, was da auf uns zukommen konnte. Andy Warhol gab dem Ruhm ein 15-Minuten-Format. Die sozialen Medien sind da strenger und werden heute bereits nach 15 Sekunden unruhig. Neben die klassischen Verbreitungsmedien, denen in Medienstaatsverträgen die Leitplanken ihrer Gestaltungsmöglichkeiten vorgegeben werden, haben sich Welten aufgebaut, die nunmehr mit dem Begriff „Bagatell-Rundfunk“ auch nur ansatzweise eingefangen werden können. Eigentlich ist es gar kein Nichtstun, das diese Filmwelt generiert. Von „Ist mir egal“ bis „Vielleicht habe ich Erfolg“ reicht das Motivspektrum, das Ergebnis hat keine Ordnung, es verdoppelt beziehungsweise vervielfältigt erneut Realität.

In der Mediengeschichte stand diese Beobachtung anfangs für die Einschätzung der Fotografie, die für sich genommen eine Kunstgattung darstellt, im Alltag aber ein Vergangenheits-Panoptikum schafft. Internet-Portale, die das Visuelle präsentieren, hoffen eher auf die ständige Wiederkehr von neugierigen Elementen in mehr oder weniger banalen Umfeldern. Aber liegt in der Beschreibung dieser Ansammlung von Skurrilem etwas Neues und Unbekanntes oder reiht es sich in eine lange Tradition medienkritischer Diskurse ein? Der US-amerikanische Journalist und Filmkritiker Neal Gabler hat seinem Buch „Das Leben, ein Film“ ein aufschlussreiches Zitat vorangestellt: „Was, wenn die Welt eine Art – Show wäre! […] Was, wenn wir alle nur Talente wären, vom großen Talentsucher dort oben zusammengestellt? Die große Show des Lebens! Jeder ein Schauspieler! Was, wenn Unterhaltung der Sinn des Lebens wäre!“ Als der Schriftsteller Philip Roth die Geschichte „On the Air“, aus der das Zitat entnommen ist, im Jahr 1970 schrieb, waren all jene Medien, die uns heute erneut über den Wert von Information und Unterhaltung nachdenken lassen, noch nicht als marktreife Angebote vorhanden. Die Entfesselung der Kommunikation stand gewissermaßen noch am Anfang.

Aber für Gabler begleitete diese Projektionen eine Frage wie: „Warum kann das Leben nicht so sein wie im Kino?“ Die Frage spielt mit der Banalität des Alltags und der Faszination von Idolen. Zum Spiel mit dieser Differenz gehörte eine explodierende Ratgeber-Literatur mit Titeln wie „Masterful Personality“ oder „How to Win Friends and Influence People“. Was der US-amerikanische Soziologe David Riesman später einmal die außengeleitete Gesellschaft nannte, fiel hier bereits, in den 1920er und 1930er Jahren, auf fruchtbaren Boden. Die Geschichten und die Dialoge, die Mode und die Requisiten, das Gestalten von Interaktionen, dies wird als Drehbuch, als Regieanweisung für das dann gar nicht mehr so eigene Leben genommen.

Besondere Formen der (Über-)Identifikation münden in die Einsicht: „Man kann sich ein ganzes Leben aneignen“ – hier der treue Familienvater, da der Held, da der Ruin. Keine dieser Botschaften enthält die Aussage: „So ist das Leben.“ Dennoch leiten die Szenen und Beschreibungen soziale Vergleiche ein, die eigene Umwelt greift die Signale auf, wirft damit Fragen auf, setzt Trends usw.; gespielt wird jeweils mit den Formaten, die verschiedene Erzählweisen gestatten und Reichweiten generieren. Aber wer nimmt sich Bewegungsabläufe aus unbekannten Kontexten zum Vorbild?

Was die grafische Revolution bewirkt hat

Die gerade genannten Beispiele zeigen, dass die Aneignung lesend, hörend oder sehend erfolgen kann. Die größte Wirkkraft aber wird dem Bild und seinen bewegten Varianten zugestanden. Der US-amerikanische Historiker Daniel Boorstin prägte zum Beispiel den Begriff „Grafische Revolution“ für eine Zeit, in der zunächst die Fotografie – später der Film – die Wahrnehmung veränderte. Grafische Revolution bedeutete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für ihn die „quantitative Zunahme von visuellem Material, das der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde“. Illustrieren bedeutete jetzt eben nicht mehr, etwas wortreich zu erzählen. Der reine Text schien nicht mehr zu genügen. Die Über-Illustration nahm zu, mit dem Bild stieg der Mehrwert, ohne Bild wurde es weniger zur Kenntnis genommen. Wir lesen auch heute noch viel, aber vor mehr als 120 Jahren wurde in den USA bereits – formuliert von einem Autor der Zeitschrift „The Atlantic Monthly“ – die Sorge geäußert, dass Bilder gewiss schon bald Sprache ersetzen und visuelle Symbole zur primären Form der Kommunikation würden. Ob die Erfinder von TikTok und Bigo von diesem prophetischen Wissen wussten?

Als der Kinematograph die ersten Bilder laufen ließ, gab es – quasi als Ausdruck eines konstanten kulturellen Reflexes auf Neuerungen jeglicher Art – die große Sorge, dass ein Zuviel solcher Illusionen die Zuschauer von den wirklichen Herausforderungen des Lebens zu sehr ablenken würde. Die Zuschauerrolle erhielt eine passive Rahmung, die bis heute kontrovers diskutiert wird. Die Anbieter galten hingegen als experimentierfreudig. Eine Pionierarbeit, Emilie Altenlohs Heidelberger Dissertation „Zur Soziologie des Kino“ (1912/13), enthält dazu eine schöne Beschreibung der Fast-Stummfilmära: „Um die Illusion der Wirklichkeit noch zu erhöhen, hat Edison den kinematographischen Apparat mit einem Grammophon gekuppelt, so daß die Gesten der Personen durch gleichzeitig gesprochene Worte unterstützt werden.“ Später wurde aus dem tönenden Publikum des Stummfilms das stumme Publikum des Tonfilms. Das waren sensationelle Erfahrungen, die regelrecht aus dem Alltag herausragten.

Erlebnisse dieser Art wurden mit einer eher unglücklichen Wortschöpfung bedacht: Massenkommunikation. Meist dachte man dabei an ein disperses Publikum, das trotz räumlicher Trennung in einem bestimmten Zeitraum ähnliches tat. Entspannung und Entlastung, aber auch parasoziale Formen der Kommunikation waren das eine, die Sorge um ein entfremdetes Dasein das andere. Vor dem Bildschirm waltete auch die Sehnsucht, der Situation als Ganzes wurde ein manipulativer Umgang mit den Verhältnissen unterstellt. In seinem Essay „Kann das Publikum wollen?“ schrieb Theodor W. Adorno 1963: „Lassen Sie mich mit dem Geständnis beginnen, daß ich den formalen Aspekt der Frage »Kann das Publikum wollen?«, Fernsehen überhaupt beeinflussen, für einigermaßen gleichgültig halte. Auf die sogenannte Einbahnstruktur der Massenmedien ist immer wieder hingewiesen worden; man weiß auch, daß das Publikum allerhand Möglichkeiten hat, ihr entgegenzuwirken: Briefe zu schreiben, zu telefonieren, wohl auch selber, mehr oder minder symbolisch, an Sendungen aktiv sich zu beteiligen. All das hält sich in engen Grenzen.“

Das Paradoxon von Isolation und Sichtbarkeit

Nichtstun wird als Kategorie nicht verwandt, aber der Eindruck, dass nichts getan werden könne, dominiert. In den 1970er Jahren formulierte der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett das Paradoxon von Isolation und Sichtbarkeit. Die öffentlich entleerte Sphäre kann im Fernsehen beobachtet werden. Aber: „Auf das, was der Fernseher verlautbart“, so Sennett, „kann man nichts erwidern, man kann ihn nur abstellen – eine unsichtbare Handlung.“ Wird daraus eine dominante Haltung, dann mündet es in ein „elektronisch befestigtes Schweigen“.

Unter dem Deckmantel der Vielfalt im Dienste der Gesellschaft platzierte sich dann in den 1980er Jahren neben leichter Kost ein modernes Hofnarrentum, das die Grenzen des Zulässigen kontinuierlich austestete und damit den Medienalltag auf andere Weise radikalisierte. Innerhalb und außerhalb der Kanäle wurde nun signifikant mehr kommuniziert, noch aber blieb eine Sender-Empfänger-Beziehung das dominierende Bild. Der Kontakt zum Publikum wurde verstärkt, es wurde vermehrt auch Teil des Programms. Die Schleusenwärter-Funktion (Gatekeeper) des Journalismus stand insgesamt unter einem vermehrten Druck, der sogenannte Appetit des Publikums nahm an Bedeutung zu. Reality TV avancierte zu einer Programmkategorie, die jenseits der Idolwelt operierte. Was jedem widerfahren kann, wurde medientauglich aufbereitet. Re-Fiktionalisierung war und ist mit im Boot. Aber das Authentische wurde hervorgehoben und als Qualitätsmerkmal von Programmen beworben. Zur Ausdifferenzierung gehörte dann auch das Show-Element. Der Zuspruch gelang somit auch über die Präsentation der anderen Leute. Weitere Abstufungen von Prominenz waren die Folge. Nebenbei wurde Zeit gefüllt und es musste nicht viel getan werden, um dabei zu sein.

Ein weiterer Schritt vollzieht sich seit geraumer Zeit nun in einer Loslösung von Sender und Inhalt und/oder in einer Multiaktivität des jeweiligen Senders, der sich nicht mehr auf einen bestimmten Kanal beschränkt. Kanaltreue wird heute großzügiger verteilt. Noch immer gibt es zum Beispiel Fernsehzeitschriften, aber sie werben nunmehr für „Fernsehen und Streaming“. Die Veränderung unserer Rundfunkwelt vollzog sich in vielen Schüben, deren Transformation in den 1960er Jahren von Richard Maisel als „The Decline of Mass Media“ bereits angekündigt wurde. Eigentlich hätte man damals schon davon sprechen können, dass die Massenmedien Presse, Rundfunk und Film in ihren „Lebensherbst“, so ein Beobachter der aktuellen Medienentwicklung im Jahr 2020, eingetreten sind.

Für die einen mag darin ein melancholischer Abschied formuliert sein, andere hatten überzeugt auf die Chancen einer neuen Ära geblickt und ein Gegenprogramm zum Nichtstun erblickt. Immer wenn in der Welt der Medien(nutzung) von mehr Beteiligungsmöglichkeiten die Rede war und ist, wird auf die Illusionen, die damit einhergehen können, hingewiesen. Das Neue wird mit dem Vorhandenen verglichen. Der Medientheoretiker Steven Johnson hingegen ließ sich auf ein Gedankenspiel ein und fragte beispielsweise, wie man argumentiert hätte, wenn etwa das Videospiel vor dem Buch da gewesen wäre. Hier sein Szenario: „Das Lesen von Büchern unterfordert auf Dauer alle Sinne. Die lange Tradition des Computerspielens bindet das Kind in eine lebendige, dreidimensionale Welt ein, die mit bewegten Bildern und musikalischen Klanglandschaften gefüllt ist.“

Auch die Tendenz zur zunehmenden Vernetzung, die gestiegene Zahl der Schnittstellen und der Überschuss an Informationen, deren Filterung und Ordnung dem Nutzer neue Kompetenzen im Umgang mit diesen abfordern, werden unter dem Gesichtspunkt einer Einbindung in eine neue, gewissermaßen lebendigere Welt gesehen, wie es Johnson formuliert: „Mit seinem rasanten Aufstieg hat das Internet unseren kognitiven Apparat gleich dreifach auf Touren gebracht. Erstens, weil es uns zur Anteilnahme auffordert. Zweitens, weil es uns gezwungen hat, neue Schnittstellen zu meistern, und drittens, weil es uns neue Möglichkeiten bietet, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.“ Da staunt man auf den ersten Blick. Wer käme da noch auf die Idee, von Nichtstun zu reden?

Unentwegt senden und empfangen, ordnen und löschen

Wer das Ergebnis der Vernetzung betrachtet, sieht in der Tat unentwegt Aktivitäten, die mit Senden und Empfangen zu tun haben, aber auch mit Ordnung halten, sortieren, löschen, Verwaltung in eigener Sache eben. Zugleich ist es eine seltsame Mischung aus Selbst- und Fremdbestimmung, aus Freiwilligkeit und Verkettung, aus Begeisterung und Erschöpfung, aus Neugier und Überforderung, aus Spaß und Zweifel oder Misstrauen. Im Dezember 2019 beschrieb eine Autorin ihre Erfahrungen mit diesem Schnellkurs in Medienentwicklung mit aufschlussreichen Worten. Ein eher zufälliger Besuch bei einem Online-Anbieter, dessen Dienste fast schon in Vergessenheit geraten waren, machten ihr das Tempo dieses Lebens, dieses unentwegten Monitorings, bewusst: „Das war achtzehn Jahre her. Ich musste auf einem sehr, sehr langen Trip gewesen sein. Wie eine Cartoonfigur, die merkt, dass sie über dem Nichts rennt, nachdem sie schon sehr lange über dem Nichts rennt, schaute ich zum ersten Mal zurück. Ich sah: ein Jahrzehnt, von dem mir gar nicht bewusst war, dass es stattgefunden hatte.“

Es ist nur einer von vielen Medienerfahrungsberichten, die nunmehr bereits mehreren Generationen das Gefühl vermittelt, Teil eines nicht enden wollenden „Menschen-Daten-Kultur-Amalgams“ zu sein. In solchen Beschreibungen ist auch die Faszination angesichts all der Dinge, die nun möglich sind, zu spüren. Aber es hat doch zugleich viel von einer vorbeiziehenden Welt, die einen dazu auffordert, immer in Rückkopplungsschleifen eingebunden zu bleiben. Nichtstun passt auch hier nicht, aber viele scheinen live dabei zu sein. Alles vollzieht sich in einer Medienumgebung, die einem dauernden „Lebensfrühling“ anheimgefallen ist. In den frühen Jahren des Fernsehens schrieb Hans Magnus Enzensberger einmal: „Das Fernsehen ist noch nicht erfunden.“ Der Satz könnte auch heute noch für ein staunendes Nachdenken sorgen.

Um Begriffe, die dem Neuen gegeben werden sollen, ist man nicht verlegen: Produtzer meint ein Amalgam von Produktion und Nutzung. Die Wortbildung erinnert an den Prosumenten, den Alvin Toffler anlässlich der Do-it-yourself-Bewegung in den 1970er Jahren erschuf. Mit Arbeitsteilung wird das nicht assoziiert. Dennoch kennt auch diese Medienwelt ungleiches Engagement, unterschiedliche Interessen, Vorlieben und Kompetenzen. Sichtbarkeit steht nicht immer für die Hoffnung auf Erfolg. Was immer die Nutzerinnen und Nutzer antreibt: Es geht erneut um eine Zunahme der Kommunikation mit visuellen Elementen. Heute steht broadcasting themselves für bildlastige Formen der Internet-Performanz, die Anerkennung, aber auch den schnellen Absturz vom e-Podest bedeuten kann. Auch hier leben Aktivität und Passivität voneinander. Die Neugier des Umfelds sollte nicht unterschätzt werden. Privatsphäre ist und bleibt das Ergebnis von geteilten sozialen Normen und sozialen Bindungen. Beschreibungen dieser Art erinnern an Modelle der politischen Partizipationsforschung, die zwischen Gladiatoren und Zuschauern („spectators“) unterscheiden. Ein wenig vom Alten ist also auch im Neuen: Mehr oder weniger Nichtstun.

Influencer – ein Modell des klassischen Nachahmens

Diese Vielfalt der Übertragungswege und Intentionen ist eine große Herausforderung für die Gestaltung der Medienordnung. Geregelt werden so schwierige Themen wie Diskriminierungsfreiheit, aber auch, was Rundfunk ist. Der aktuelle Medienstaatsvertrag enthält eine Zulassungsfreiheit für Rundfunkprogramme, die entweder nur geringe Bedeutung für die individuelle und öffentliche Meinungsbildung entfalten oder (voraussichtlich) nur wenige Nutzer gleichzeitig erreichen. Die zuständige Landesmedienanstalt kann die Zulassungsfreiheit auf Antrag durch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung bestätigen. Warum ist es zu einer Differenzierung dieser Art überhaupt gekommen? Weil sich Meinungs­äußerungen in klassischerweise Nicht-Rundfunkkanälen offenbar als wirkungsvolle Äußerungen erwiesen haben.

Längst ist also auch hier der Terminus „Massenkommunikation“ eingekehrt, ergänzt durch den Zusatz „digital“. Erneut entsteht eine Welt von Massenmedien, die sich an traditionellen Erfolgsindikatoren orientiert. Das weiß auch das Medienkonzentrationsrecht. Um Meinungsmacht zu verhindern, hatte man im Jahr 1997 in Deutschland die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) gegründet. Heute wird diskutiert, ob das fernsehzentrierte Konzentrationsrecht überholt sei. Jetzt tauchen in Fachzeitschriften Titel auf wie „Die Regulierung von Algorithmen aus Expertensicht“. Es geht vermehrt darum, Transparenz über die Filterung oder Priorisierung von Nachrichten unterschiedlichster Qualität zu erhalten. Es ist nicht mehr die Vernunft, sondern die Kontrolle, die zu einer aufklärerischen Universalinstanz wird.

Neue Performanz-Szenen sind hinzugekommen, die die Dynamik der Kommunikationsgesellschaft ausmachen. Es ist kein Zufall, dass sich in diesen Umwelten ein Begriff etablierte, der in sich die ganze Vorläufigkeit und Vergänglichkeit dieser neuen Strukturen vereint: Influencer. Der Name suggeriert bereits eine Marktgängigkeit von Einfluss. Die Wirkungskette hinter diesem Modell ist dem klassischen Nachahmen empfunden. Etwas wird aktiv vorgelebt, gezeigt, kommentiert. Aber immer häufiger wird hier einfach auf Menge gesetzt: Mal sehen, wer auf den Weltmarkt überzeugt werden kann. Von persönlichem Einfluss kann eigentlich nicht gesprochen werden. Es ist eine bunte Mischung von Laien-, semi-professioneller und professioneller Kommunikation. Auffallen ist Trumpf, auch und vor allem in der Welt der alltäglichen Dinge. „In zehn Jahren lachen wir darüber“, so lautete die Überschrift des eben zitierten Medienerfahrungsberichts. Das Visuelle wirkt wie eine magische Formel, die aus nichts etwas macht. Es mag auch einmal genügen, wenn da einfach nur jemand sitzt. Wie sonst ließe sich die Bekanntheit des Loriot-Cartoons erklären?

• Prof. Michael Jäckel ist Präsident der Universität Trier.

14.04.2021/MK

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