Hörspielmacher Hoerschelmann

Zum Erscheinen einer vierbändigen Werkausgabe des Autors Fred von Hoerschelmann

Von Günter Peters
04.06.2020 •

Im folgenden Artikel beschäftigt sich Günter Peters mit dem Wirken des heute weitgehend vergessenen Hörspielautors Fred von Hoerschelmann, dessen Schaffen durch eine im vorigen Jahr im Wallstein-Verlag erschienene vierbändige Werkausgabe ins Gedächtnis zurückgerufen wurde. Günter Peters lehrte von 1995 bis zu seiner Emeritierung 2010 als Professor an der Technischen Universität Chemnitz Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Zur Hörspielforschung veröffentlichte er den Text „Stimmen im Dunkel. Momentaufnahmen zur Geschichte und Theorie des Hörspiels“ (in: „Das Gedächtnis der Schrift. Perspektiven der Komparatistik“, herausgegeben von Bernd Kiefer und Werner Nell, Wiesbaden 2005, S. 183-232). Zuletzt publizierte er das Buch „Prometheus. Modelle eines Mythos in der europäischen Literatur“ (Weilerswist, Velbrück Wissenschaft 2016). • MK

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In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts war der Name des Schriftstellers Fred von Hoerschelmann (1901-1976) einem Millionenpublikum geläufig. Zur besten Sendezeit versammelte es sich abends vor den Radioapparaten, um den neuesten Hörspielen zu lauschen, die von den westdeutschen Rundfunkanstalten produziert wurden. Hoerschelmann gehörte neben Günter Eich, Heinrich Böll, Marie Luise Kaschnitz, Siegfried Lenz, Martin Walser oder Erwin Wickert zu den produktivsten und im In- und Ausland meistgesendeten deutschen Autoren.

Von größerem Umfang noch als die Zahl seiner Originalhörspiele war die Menge der Funkfassungen, die er von Werken der klassischen und modernen Weltliteratur für das nach Nazi-Diktatur und Krieg literarisch ausgehungerte Publikum erarbeitete. Als aber der Glanz des Radios als kulturelles Leitmedium zugunsten des Fernsehens verblasste und sich die Hörspieldramaturgie vom realistisch erzählenden Problemstück abwandte, schwand auch der Hörspielmacher Hoerschelmann aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit. Denn während die Hörspielarbeiten der Kollegen im Zusammenhang ihres Œuvres oft auch als Texte gedruckt wurden, war dies bei Hoerschelmann nur für wenige seiner Hörspiele der Fall: „Das Schiff Esperanza“ wurde in den Kanon des Deutschunterrichts aufgenommen und wie „Die verschlossene Tür“ als Reclam-Bändchen verbreitet. Bis auf wenige Ausnahmen blieben all seine anderen Hörspiele ungedruckt. Mit den Radioarbeiten gerieten aber auch die in den Kriegsjahren entstandenen Dramen und das erzählerische Werk in Vergessenheit, das 1950 unter dem Titel „Die Stadt Tondi“ erschienen war. Ein bedeutender deutschbaltischer Schriftsteller und Hörspielautor drohte verlorenzugehen.

Vom Baltikum nach Baden‑Württemberg

Dank der editorischen Initiative des Germanisten und Historikers Hagen Schäfer in Verbindung mit der Technischen Universität Chemnitz ist nun die Grundlage für eine Wiederentdeckung Hoerschelmanns geschaffen worden: Der Wallstein-Verlag veröffentlichte eine von Schäfer mit großer Sorgfalt herausgegebene und aus genauester Kenntnis der Texte und Quellen kommentierte vierbändige Werkausgabe.

Fred von Hoerschelmann wurde am 16. November 1901 im estnischen Hapsal (Haapsalu) geboren und wuchs in der mehrsprachig geprägten, kulturell vielfältigen Landschaft des Baltikums auf. Er studierte Chemie und Philosophie in Dorpat (Tartu), später Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in München. Neben kleinen novellistischen Texten für verschiedene Zeitschriften bildete das Hörspiel „Die Flucht vor der Freiheit“ den markanten Auftakt seiner Funkarbeit. Mit dem Beginn der Nazi-Herrschaft brach die Hörspielkarriere des Autors ab. Hoerschelmann konnte sich während dieser Zeit mit feuilletonistischen Funkbeiträgen über Wasser halten, litt aber auch unter den Konzessionen, die er der herrschenden Ideologie etwa mit seinem Hörspiel „Fremde Scholle wird erobert“ (1935) nach Hans Friedrich Bluncks Roman „Die Weibsmühle“ (1927) machen musste, und wandte sich schließlich dem Theater zu.

Nach der durch den Hitler-Stalin-Pakt bedingten Umsiedlung aus dem estländischen Hapsal ins Wartheland 1939 und der Einziehung zur Wehrmacht gelangte Hoerschelmann über Wien und Oberbayern 1945 nach Tübingen. Es entstanden Aufsätze zur französischen Literatur, Gedichte und ein Zyklus von Erzählungen, doch schon 1949 knüpfte er auch wieder an sein frühes Hörspielschaffen an. Bis 1970 wurden gut zwanzig Originalhörspiele produziert, zum Teil in mehrfachen Inszenierungen. Hoerschelmann starb am 2. Juni 1976 in Tübingen.

Das Paradigma einer radiophonen Dramatik

Die Bände I und II der neuen Werkausgabe sind mit ihren insgesamt 1379 Seiten den Hörspielen gewidmet. Hoerschelmanns erstes, 1928/29 verfasstes Hörspiel „Flucht vor der Freiheit“ wurde am 14. Januar 1931 von der ORAG (Ostmarken Rundfunk AG) urgesendet, in Arnold Bronnens umdeutender Fassung dann am 3. März 1933 von der „Berliner Funkstunde“. Es ist eines der frühesten Meisterwerke der Gattung und kann als Paradigma einer radiophonen Dramatik gelten, in der sich eine packende Handlung ineins mit den Bewusstseinsprozessen ihrer Protagonisten zur akustischen Szene verdichtet.

Diese novellistisch zugespitzte, aber zugleich ins Innere der Figuren (und des Hörers) zielende Dramaturgie lässt sich in Hoerschelmanns Hörspielarbeit beispielhaft an seinem vielfach inszenierten Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ (zuerst SDR 1953) erfahren. Dessen Themen Migration, Schlepperkriminalität und Generationenkonflikt machen es brennend aktuell. Doch schon mit seinem ersten Nachkriegshörspiel „Amtmann Enders“ (SWF 1949, zweite Fassung SWF 1952) setzt die Folge thematisch breit gestaffelter Hörwerke ein. Sie reicht von der Auseinandersetzung mit der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden über das Motiv des Generationenkonflikts und die Phänomene bürokratischer Verdinglichung bis hin zu einer Gruppe satirischer Endzeitszenarien.

Mit jedem seiner Hörspiele exponiert der Autor eine neuartige, dem Thema adäquate auditive Form. So führen die ‘Generationenkonflikt’-Hörspiele ihr Thema von einer im Stück „Das Schiff Esperanza“ fast spielfilmhaft anmutenden und doch ganz ‘funkisch’ gestalteten tragischen Dramenhandlung über das episch perspektivierte Kammerspiel „Ein Weg von acht Minuten“ (SDR 1955) hin zum verknappten Wechseldialog der drei Protagonisten in „Der Käfig“ (SDR 1962). Im Vergleich zu Günter Eichs Spiegelungsdramaturgie in „Die Mädchen aus Viterbo“ (NWDR 1953) oder Rolf Schneiders absurder Dialog-Parabel „Zwielicht“ (BR/WDR/HR 1966) – ebenfalls Hörspiele, in denen es um den Versuch geht, Juden vor dem Zugriff der Nazis zu verbergen – kommt Hoerschelmanns Art der Gewissenserforschung in „Die verschlossene Tür“ (SDR 1952) wiederum eher einer tragisch grundierten Dramaturgie nahe – aber auch hier wird jede Szene durch radiophone Gestaltungsmittel geprägt.

Der Kosmos eines Medienkünstlers

Sein zweites Weltkriegshörspiel „Aufgabe von Siena“ (SWF 1955) findet für sein Thema die Form eines vielepisodischen Stationendramas. Wo das Skandalon von Sterben und Tod in den Alltag eindringt, wählt Hoerschelmann surreale, absurd-komische oder parabelhaft-pointierte Hörspiellösungen. In den ‘Behörden-Hörspielen’ erprobt er wiederum neue akustische Strukturen: In „Der Hirschkäfer“ (Radio Bremen 1952) montiert er eine Ebene aus monologischen Reflexionen, Traumdialogen und imaginären Szenen in die gleichzeitige Inszenierung von Nicht-Kommunikation zwischen den Konfliktparteien, in „Sabab und Illah“ (SDR 1952) verkörpert er die innere Instanz des Gewissens in zwei antagonistischen Vertretern einer aus der Transzendenz in die Handlung eingreifenden himmlischen ‘Behörde’ – hörspielästhetisch eine Herausforderung, zu der nur wenige Autoren wie Günter Eich mit „Festianus Märtyrer“ (NDR 1958) und Christa Reinig in „Das Aquarium“ (SDR 1967) den Mut aufbrachten. Für sein nach wie vor aktuelles Mafia-Hörspiel „Sizilianischer Frühling“ (BR/HR/SWF 1967) schien Hoerschelmann nur ein realistischer Stil angemessen; dieser ‘Behörde’ gemäß spaltet er die Wahrnehmungsperspektive so auf, dass die Undurchdringlichkeit mafiöser Strukturen erlebbar wird, der Hörer aber auch einen authentischen Einblick in das kriminelle Milieu gewinnt.

Einen Umkreis vom Gerichtstag des Menschen über sich selbst bis zur ästhetischen Selbstreflexion des Hörspiels im Spiegel seiner Produzenten spannt Hoerschelmann an historischen Stoffen aus. Den sterbenden Tolstoi in „Was sollen wir denn tun?“ (SWF 1950) stellt er in den Gewissenskonflikt des Missverhältnisses von idealem Anspruch und gelebtem Pragmatismus. „Timbuktu“ (RIAS Berlin 1955) entfaltet in den imaginären Gesprächsszenen eines ‘balladesken Hörspiels’ den Gedanken, dass „die Kraft und Leidensfähigkeit des Menschen größer ist als die Wunder der Welt“.

Im „Palast der Armen“ (SWF/RIAS 1956) gestaltet Hoerschelmann in raschen, sich zum Ende des Hörspiels noch beschleunigenden Szenenwechseln die parallel geführten Handlungen von Alter und Tod des Kaisers Diokletian und des heute in der Palaststadt Split lebenden Fischers Antun. Für die Fälscherkomödie „Caro“ (SWF 1954), die aus der Gegenwart ins Zeitalter der Höhlenmalerei zurückreicht, nimmt er sich die Lizenz, einen Hund und dessen Stimme zum Protagonisten zu machen und den Regisseur und seinen Dramaturgen vorab über die Lautstärke des Gebells und die Disposition der Szenen diskutieren zu lassen. Hier, wie dann in den späten Endzeitszenarien, sehen wir Hoerschelmann in zeitkritisch-grotesker Nachbarschaft zu seinen Hörspielkollegen Friedrich Dürrenmatt, Wolfgang Hildesheimer und
Günter Eich.

Materialgrundlagen für die Hörspielforschung

Die neue Werkausgabe erschließt mit Hoerschelmanns Hörspielwerk einen Kosmos, wie er differenzierter und drängender kaum gedacht werden kann. Ihr Herausgeber Hagen Schäfer, der über Hoerschelmann promovierte („Das Hörspielwerk Fred von Hoerschelmanns“, Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2013), hat alle erhaltenen Produktionen und die überlieferten, weitgehend unpublizierten Sendemanuskripte durch hartnäckige Recherchen in den Funkhäusern zu beschaffen gewusst.

Aus den Akten der Hörspieldramaturgien und den Teilen des Nachlasses, der im Marbacher Literaturarchiv liegt, wie vor allem auch aus dem lebenslangen Briefwechsel Hoerschelmanns mit Elisabeth Noelle-Neumann gewinnt Schäfer erhellende Kommentare und Interpretationsansätze. Für die Mediengeschichte der ersten Nachkriegsjahrzehnte und die Hörspielforschung bieten die Bände wichtige Text- und Materialgrundlagen. Es ist zu hoffen, dass sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten durch die Werkausgabe motiviert sehen, die Stücke neu zu inszenieren und die in den Archiven schlummernden Produktionen einmal wieder ins Programm zu nehmen.

Mit den Hörspielen ist es aber bei weitem nicht getan. Band III der Werkausgabe enthält das gesamte erzählerische Schaffen Hoerschelmanns. Eine Entdeckung sind die zum größten Teil hier erstmals publizierten und allesamt lesenswerten Kurzgeschichten der frühen 1930er Jahre: Erzählungen von Menschen, denen ‘das Leben über den Kopf wachsen will’ und die sich dagegen wehren; Studien der Entfremdung, Humoresken der Selbstverwandlung, Anekdoten vom unverhofften Glück. Man wandert darin wie durch ein Panoptikum der kleinen Leute in der Weimarer Republik.

Die weltliterarische Bildung eines Homme de lettres

In dem Prosaband „Die Stadt Tondi“, an dem Hoerschelmann zwischen 1946 und 1950 schrieb und der noch im selben Jahr veröffentlicht wurde, verändert sich die Erzählperspektive. Waren die frühen Erzählungen Momentaufnahmen aus der unmittelbaren Gegenwart, so schaut der Autor nun über Nazi-Zeit und Weltkrieg hinweg zurück in eine verlorene Welt des Baltikums. Vorbild für Tondi ist Hoerschelmanns Heimatstadt Hapsal, aber es ist auch ein baltisches Seldwyla, von dessen Bewohnern erzählt wird: mit mal zärtlicher, mal kopfschüttelnder Sympathie, spöttisch und augenzwinkernd, liebevoll, sarkastisch und auch mit grausamer Härte, dabei immer mit psychologischem Tiefblick und soziologischer Genauigkeit, aber niemals verklärend oder Illusionen nährend.

Der Band IV präsentiert mit den Dramen, Gedichten und literaturkritischen Essays keineswegs nur den Beifang der Werkausgabe, sondern dokumentiert eindrucksvoll die Vielseitigkeit und weltliterarische Bildung dieses einzelgängerischen Homme de lettres. Die Komödie „Das rote Wams“ (1935) ist ein auch heute noch theatertauglicher, moritatenhafter Bilderbogen von der tragikomischen Doppelexistenz des braven Bauern Duca im Gewand des edel denkenden Räuberhauptmanns Rinaldo Rinaldini.

„Die zehnte Symphonie“ (1940) entfaltet in psychologisch eindringlicher Dramatik den zermürbenden Kampf Beethovens mit der Witwe seines Bruders um die Vormundschaft des Neffen Karl. Von Szene zu Szene verwandelt sich die Imago des Komponisten vom kantianischen Weisheitspriester Sarastro in den gemarterten Menschenbildner Prometheus. Wie eine dramatische „Schimmelreiter“-Paraphrase thematisiert „Wendische Nacht“ (1942) am Beispiel der Eindeichung des Oderbruchs um 1750 das Eindringen des industriellen Fortschrittsdenkens der Aufklärung in die naturmythische Vorstellungswelt der Wenden. Allerdings muss die gelassen-resignative Art, mit der Hoerschelmann am Ende des Stücks seine Hauptfigur, den leitenden Baurat von Haerlem, den Flammenopfertod eines Mädchens ad acta legen lässt, den heutigen Leser zum Widerspruch auffordern.

Ein Gedichtzyklus für Elisabeth Noelle‑Neumann

Nach dem Ende des Nazi-Regimes plant der deutschbaltische Europäer, ausgehend von einem umfangreichen, handbuchartigen Artikel zur französischen Literatur der 1920er bis 1940er Jahre, eine französische Literaturgeschichte. Das Buchprojekt scheitert an der Währungsreform, aber der damalige NWDR Hamburg springt ein und sendet von 1948 bis 1950 eine Serie von fünf Features über Valéry, Proust, Bernanos und den Surrealismus. Die hier erstmals veröffentlichten Texte haben nichts von ihrer analytischen Kraft eingebüßt.

In Band IV sind auch alle im Manuskript erhaltenen, aber unveröffentlicht gebliebenen Gedichte abgedruckt. In den schwermütigen Seelenbildern dieser Lyrik schlägt sich wohl am reinsten die Prägung Hoerschelmanns durch die von den Stürmen der Geschichte durchwehte Landschaft seiner baltischen Heimat nieder. Der Zyklus von 13 Gedichten, den Hoerschelmann um 1970 für seine langjährige Freundin Elisabeth Noelle-Neumann zusammenstellte, bildet die Quintessenz seiner Lyrik. Er kann neben dem Besten bestehen, das in dieser Zeit in deutscher Sprache geschrieben wurde.

Durch die äußerst verdienstvolle Werkausgabe ist eine wichtige Stimme der deutschen Nachkriegsliteratur und Hörspielgeschichte wieder vernehmbar geworden. Für die Mediengeschichte wird es ein großer Gewinn sein, wenn auch die geplante Ausgabe des Briefwechsels Fred von Hoerschelmanns mit Elisabeth Noelle-Neumann demnächst erscheinen kann. Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund eines halben Jahrhunderts bietet er einen permanenten Kommentar zu Hoerschelmanns Hörspielschaffen.

04.06.2020/MK