Hörspiel in Zeiten des Umbruchs

Über die Jurysitzung und die Verleihung des 70. Hörspielpreises der Kriegsblinden

Von Hans-Ulrich Wagner
07.09.2021 •

Natürlich war man in Feierlaune, natürlich waren die pandemiebedingt nur wenigen Gäste, die der von Ute Soldierer moderierten Veranstaltung in Präsenz beiwohnen durften, bewegt und mit Sicherheit werden sich viele Hörspielbegeisterte gefreut haben, dass sie der Übertragung des Ereignisses per audiovisuellem Livestream folgen konnten: Am 18. August fand in Köln-Ehrenfeld die Verleihung des renommierten Preises für Radiokunst statt, der noch immer den 1951 grundgelegten Namen „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ im Titel führt. Seit nunmehr also sieben Jahrzehnten gibt es diesen Wettbewerb.

70 Jahre – sie machen diesen Hörspielpreis zu einem der traditionsreichsten Kulturpreise in der Bundesrepublik; 70 Jahre – sie markieren eine Zeitspanne, die zeitgeschichtlich kaum ereignisreicher hätte sein können und die hörspielgeschichtlich die größte Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten abstecken: Hörspielkunst à la Günter Eich und Ingeborg Bachmann, à la Wolf Wondratschek und Ernst Jandl/Friederike Mayröcker, à la Heiner Goebbels und Christoph Schlingensief. Sie und all die anderen Preisträger haben eine Tradition geschaffen, auf deren Basis immer neue radiophone Ausdrucksweisen entstehen – hoffentlich, denn es sind (nicht zum ersten Mal) Zeiten des Umbruchs, in denen die Radiokunst aktuell bestehen muss.

Die unterfinanzierte Kunstform

Der Hörspielautor Thomas Köck und die Hörspielautorinnen Gesche Piening und Luise Voigt, die drei für die diesjährige Auszeichnung Nominierten, wiesen bei der Preisverleihung darauf explizit hin. Wie soll sich das Schreiben fürs Radio, wie soll die künstlerische Arbeit für das akustische Medium auf hohem Niveau noch möglich sein, wenn Wiederholungs- und Übernahmehonorare rapide zurückgehen und das Einstellen in die Audiothek nur eine sehr geringe Vergütung erfährt? Köck, der diesjährige Preisträger des Hörspielpreises der Kriegsblinden, gehört zu den Unterzeichnern des offenen Briefes, den der „Verband der Theaterautor:innen“ (VTheA) und die „Hans-Flesch-Gesellschaft, Forum für akustische Kunst“ an die ARD gerichtet und am 18. Juni veröffentlicht hatten. In dem Brief fordern sie insbesondere bessere finanzielle Rahmenbedingungen für ihr künstlerisches Schaffen (vgl. MK-Dokumentation).

Nominierte Produktionen und gar das preisgekrönte Hörspiel erfahren nicht mehr automatisch die Wertschätzung, die sich bei den Autoren auch finanziell durch die Übernahme des Stücks durch die anderen Sender niederschlagen würde. Christian Wittmann und Georg Zeitblom, die als letztjährige Preisträger (vgl. MK-Meldung) ihre Auszeichnung in diesem Jahr persönlich in Empfang nehmen konnten (was damals wegen Corona nicht möglich war), machten das deutlich. Ihr Preisstück „Audio.Space.Machine“ wurde bisher nur von einer einzigen Rundfunkanstalt (über die koproduzierenden Sender hinaus) übernommen. Die nahe Zukunft wird zeigen, was mit „Atlas“ (MDR), „Fünf Flure, eine Stunde. Hörspiel in einem Take“ (HR) und „Einsam stirbt öfter. Ein Requiem“ (BR) passiert, den drei für den diesjährigen Preis nominierten Produktionen, sowie mit dem einen oder anderen Radiokunststück, das der Jury außerdem vorlag.

Insgesamt 22 Produktionen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz waren für den Wettbewerb 2020 eingereicht worden und lagen der 14-köpfigen Jury unter dem Vorsitz der Kulturwissenschaftlerin Gaby Hartel vor. In einer Online-Abstimmung, die vor der Jurysitzung am 18. Mai 2021 durchgeführt worden war, wurden elf Produktionen für eine intensivere Diskussion ausgewählt. Zum zweiten Mal seit der Corona-Pandemie trafen sich die Juroren im virtuellen Raum, diskutierten, stimmten ab, einigten sich auf drei nominierte Stücke und auf den Preisträger, der erst auf der Veranstaltung in Köln bekannt gegeben wurde.

Mehr Perspektiven wagen

Allzu leicht könnte man beim Überblick über den Hörspiel-Jahrgang 2020 den Eindruck gewinnen, die Hörspielwelt sei in Ordnung. Denn es gibt sie, die künstlerisch innovativen, stimmlich und von der Regie überzeugend in Szene gesetzten Stücke, die packenden Themen und die überraschenden Höreindrücke. Ein paar Beispiele können dies schlaglichtartig verdeutlichen. Spot 1 zeigt: Das Hörspiel ist hervorragend geeignet, multiperspektivisch zu erzählen. Spot 2: Das Hörspiel erfindet und erkundet Welten. Spot 3: Das Hörspiel erzählt Geschichte(n).

Beginnen wir mit Spot 1. Trotz aller Nähe zu den Themen unserer Zeit, die journalistisch aufgegriffen und uns täglich nahegebracht werden, gelingt dem akustischen Medium noch etwas anderes: Es eröffnet neue Perspektiven, es vervielfacht den Blick auf ein Ereignis. Auch deswegen und weil Individualität und Vergemeinschaftung zu den zentralen Fragen der Gesellschaft gehören, kommen nicht selten chorische Elemente und Einzelstimmen zum Einsatz, die komplex miteinander verzahnt um Erkenntnis ringen. Im Hörspiel „Türken, Feuer“ von Özlem Özgül Dündar sind es vier Mütter, die ihre Stimmen erheben, ergänzt von der einer Stimme, die als Person den Brandanschlag in Solingen 1993 nicht überlebt hat. Diese wird zur reflektierenden Erzählerin; die Stimmen der Mütter von Opfern und Tätern bilden eine chorische Totenklage. Sie alle rufen nach Dialog, nach dem Gespräch miteinander; sie erinnern sich, wie oft dieser Dialog im Zusammenleben nicht stattgefunden hat. Die als „Hörspiel des Jahres 2020“ ausgezeichnete Produktion des WDR (vgl. MK-Artikel) wurde in dieser Jury lange diskutiert und scheiterte nur knapp an der Grenze zu den drei Nominierungen.

Alte und neue Welten

In Luise Voigts Stück „Fünf Flure, eine Stunde“, einer Koproduktion des hier federführenden Hessischen Rundfunks (HR) mit dem Südwestrundfunk (SWR) und Deutschlandfunk Kultur, bestimmt die Form, wie ein aktuelles Thema aufgegriffen wird, nämlich das Leben in Altenpflegeheimen. Das „Hörspiel in einem Take“ sammelte an einem Tag, dem 20. Mai 2019, von 8.00 bis 9.00 Uhr morgens, die Gesprächsfetzen von Pflegerinnen und Bewohnern. Es lässt die Sätze und Satzteile im Studio professionell nachsprechen, so dass das künstliche Arrangement ein neues Wahrnehmungsspiel eröffnet. „Alles, was wir hören, ist echt, und ist es auch wieder nicht! Luise Voigt wirft einen neuen, angst- und vorurteilsfreien Blick auf diese letzte Etappe des Lebens“, heißt es in der Jurybegründung zur Nominierung. Das Hörspiel als Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven künstlerisch gewinnbringend aufeinander zu beziehen, das wird hier überzeugend eingelöst.

Doch so etwas gelingt nicht immer. Wenig Zustimmung der Jurymitglieder fand beispielsweise das Hörspieldebüt von Maja Zade mit dem Titel „Die Einzigen“, eine Produktion des SWR. Dem Spiel um das Doppelleben von Anna, einer Bühnenbildnerin, die in London einen Liebhaber hat, wurde in der Diskussion vorgeworfen, zu klischeehaft in seiner Sprache und zu selbstverliebt in der Selbstbespiegelung der sogenannten neuen Mitte zu sein. Das akustische Medium kann, darin war man sich einig, viel mehr Geheimnis vertragen.

Zwei bemerkenswerte Produktionen – Spot 2 – widmeten sich 2020 dem Reisen, dem Suchen, der Erkundung neuer Welten: Jan Wagners „Mandeville. Vaudeville“ (Deutschlandfunk), ein kunstvolles Spiel um den Pilger und Ritter Jean de Mandeville, ging dabei zurück ins 14. Jahrhundert; Magdalena Schrefels Stück „Ein Berg, viele. Hörspiel über ein erfundenes Gebirge“ (BR) führte ins 18. Jahrhundert und das erfundene Kong-Gebirge. Büchner-Preisträger Jan Wagner, zum zweiten Mal mit einem Hörspiel im Wettbewerb vertreten, gelingt ein schönes Plädoyer für die Phantasie. Seine Fülle von dichterischen Einfällen wird von den die Musikstile durchschreitenden Kompositionen von Sven-Ingo Koch kongenial ergänzt. Regisseur Leonhard Koppelmann hält die Don-Quijoterie zusammen, unterstützt von den beiden großartigen Stimmen von Wolf-Dietrich Sprenger und Aljoscha Stadelmann. Magdalena Schrefel hingegen verknüpft die reale Welt des Mittelmeerurlaubs einer Radioautorin und ihrer Begegnung mit Ismael, einem Strandverkäufer aus Afrika, mit der Suche nach Mont Kong, einer kolonialistischen Erfindung über das Innere des „schwarzen“ Kontinents. Auch wenn die Figur der weißen Autorin im postkolonialistischen Diskurs arg strapaziert wird, gelingt ein geistreiches Spiel.

Geschichte und Geschichten

Kommen wir zu Spot 3. Bei den ARD-Hörspieltagen im vorigen Jahr hatte Christoph Buggert den Deutschen Hörspielpreis der ARD erhalten, zugesprochen für sein Stück „Einsteins Zunge. Aus dem Nachlass meines Bruders“ (vgl. MK-Kritik). Das Stück war vom Künstlerduo Liquid Penguin Ensemble im Auftrag des Saarländischen Rundfunks (SR) und Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) produziert worden. Auch wenn dieses Erzählhörspiel vom Feinsten in der Jurydiskussion in diesem Wettbewerb nicht reüssierte, so ist es ein persönlicher Favorit des Verfassers, wenn es um das Erzählen im Radio geht. Buggert, mit seinen 84 Jahren sicherlich einer der erfahrensten Radioautoren, schöpft noch einmal aus dem Vollen und verknüpft hier persönliche Geschichte aus dem Pastoren-Haushalt, Zeitgeschichte von Krieg und Überleben, Philosophieren über Glaube, Wissenschaft und Welt sowie über „alternative Welttheorien“. Ausgangspunkt ist die Apophänie des Bruders, seine Fähigkeit, Gesichter wie die vom Zunge zeigenden Einstein zu sehen, wo unsereins nichts sieht und erkennt. Auch hier ist die Stimme des Schauspielers Wolf-Dietrich Sprenger noch einmal ausdrücklich hervorzuheben.

Beleuchten wir an dieser Stelle auch das „Requiem“ mit dem Titel „Einsam stirbt öfter“. Es geht um das Thema des Sterbens von Menschen, die zwar mitten in der Stadt leben, denen aber alle sozialen Bindungen abhandengekommen sind. Sie sterben und werden von Amts wegen bestattet. Gesche Piening hat sich dazu als Journalistin auf die Suche begeben, Aussagen gesammelt über die, die sie naturgemäß nicht mehr befragen konnte. Das war zunächst für ein Feature, das auch gesendet wurde. Dann aber folgte eine zweite Arbeit, für die sie die fiktive Form des Hörspiels wählte. Hier nun lässt sie das sprachliche Material durch Schauspieler bearbeiten und nachsprechen. Menschen, die ohne soziales Umfeld aus dem Leben scheiden, treten in den Mittelpunkt eines Erzählraums. „Stilistisch arbeitet die Autorin, die auch Regie führte, mit einem reichen Formenrepertoire, das aus fiktionalen, dokumentarischen, lyrischen und musikalischen Mitteln besteht. Jede Szene hat ihren speziellen Rhythmus, ihre eigene Formensprache und lebt in ihrem eigenen akustischen Raum“, heißt es in der Jurybegründung für die Nominierung.

Bleibt am Schluss das Hörspiel „Atlas“ zu würdigen. Thomas Köck, 1986 in Oberösterreich geboren, wird seit 2014 mit Preisen bedacht, darunter dem Mülheimer Dramatikerpreis. Nun wird seine Erzählkunst im akustischen Medium mit dem „Preis für Radiokunst“ ausgezeichnet. Das Springen zwischen den Zeitebenen, zwischen dem Schicksal der vietnamesischen Boat People und dem Erleben der deutschen Wiedervereinigung als Vertragsarbeiter in der zu Ende gehenden DDR, das Wechseln der Spielorte in Westdeutschland, Ostdeutschland und Vietnam – all das gelingt ihm im Radio unter der Regie von Heike Tauch spielend leicht und gleichzeitig so überzeugend. Was diese wechselvolle Geschichte über Migration, über Identität, über Überleben, Fremdheit, Suche nach Ordnung und das Erleben der Zeit so spannend macht, ist ihre Verdichtung und ihr Überfluss. Diese Geschichte ist berührend und beklemmend, der sprachliche Reichtum des Autors beeindruckend, so dass sich die Jury entschied, den Hörspielpreis der Kriegsblinden 2021 für dieses Stück zu vergeben.

Das Kulturverständnis der öffentlich-rechtlichen Sender

Überreicht wurde Thomas Köck die Auszeichnung von Klaus Hahn, dem Präsidenten des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV). Im vorigen Jahr hatte der DBSV die Mitträgerschaft des Preises vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BKD) übernommen, der sich nach 69 Jahren zurückgezogen hatte. Der andere Mitträger des Preises ist weiterhin die Film- und Medienstiftung NRW (Düsseldorf). Anlässlich des Trägerwechsels und des 70-jährigen Bestehens des Wettbewerbs wurden ein neues Logo und eine neue Plastik geschaffen, die den Preisträgern übergeben wird. Der Künstler Udo Koch wählte die Form einer kreisrunden, gipsweißen Platte, deren Gravuren den Namen „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ ertastbar machen sollen und die gewissermaßen auch das traditionsreiche Element der Ätherringe als Assoziation aufgreifen.

Um noch einmal auf das Hörspiel in Zeiten des Umbruchs zurückzukommen. Die Fragen, auf die der Preisträger durch den Hinweis auf den Offenen Brief der Hörspielautoren abzielte, sind klar: Wird Radiokunst weiterhin wirklich gewollt? Und wird sie von den Verantwortlichen in den Sendeanstalten entsprechend möglich gemacht? Das Feiern anlässlich des 70. Geburtstags des renommiertesten Hörspielpreises darf nicht den Blick darauf verstellen, dass es alarmierende Anzeichen von scheinbar alternativlosen Sparzwängen gibt und dass es bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gravierende Verschiebungen gibt hin zu einem Kulturverständnis, das das Unterhaltsame und Leichtkonsumierbare zum Maßstab nimmt.

Kunst im Radio liefert, wenn sie richtig gut ist, aber etwas anderes, nämlich den Wechsel von Perspektiven, das Durchdringen von Komplexität, das Schaffen von Frei- und Denkräumen. Mit Blick auf die derzeitige Podcastisierung scheint es auch ein Bedürfnis des Publikums nach solcher audiophonen Kunst zu geben. Es wird also spannend, zu beobachten und mitzugestalten, wie dies alles zusammengeführt werden kann. Eine Auszeichnung wie der Hörspielpreis der Kriegsblinden liefert dazu einen bedeutsamen Beitrag.

Hans-Ulrich Wagner, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut,
war Mitglied der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2021.

07.09.2021/MK

` `