Historische Momente

Der Wahlmann des ZDF und letzte Intendant des SFB: Zum Tod von Horst Schättle

Von Karl-Otto Saur
01.10.2020 •

Der Traum aller Journalisten ist es, im richtigen Moment am richtigen Platz zu sein. Ein Printjournalist kann zur Not ein Ereignis auch noch nach dem Geschehen rekonstruieren. Für einen Reporter im Fernsehen ist das schwieriger. Horst Schättle, der 1966 erst nach einem Umweg über die Wissenschaft zum Journalismus gekommen war, hatte zweimal das Glück rechtzeitig bei einem historischen Moment dabei zu sein.

Der erste war der Abend der Bundestagswahl 1969, als viele der Journalisten und der Politiker nach den ersten Hochrechnungen davon ausgingen, dass die große Koalition von Union und SPD weiterregieren werde. Der Wunsch von Willy Brandt und Walter Scheel, der Parteivorsitzenden von SPD und FDP, eine sozialliberale Koalition zu bilden, schien geplatzt zu sein. Erst nach langen Stunden wandelte sich am Wahlabend das Bild: Nach einem anfänglichen Patt stand kurz vor Mitternacht fest, dass die beiden potenziellen Partner einen Vorsprung von zwölf Sitzen im Bundestag auf sich vereinen konnten – genug, um den „Machtwechsel“ zu wagen.

Kein Wunder, dass nach dieser Wahlnacht der ZDF-Berichterstatter Horst Schättle, der die ganze Zeit dabei war, sich zum Wahlexperten seines Senders hocharbeitete; er wurde als der Wahlmann des ZDF bekannt. Aber da ja nicht immer Wahlen sind, fand er beim Sender in Mainz viele andere Gelegenheiten, auf dem Bildschirm zu erscheinen. Er wurde Leiter und Moderator der „Heute“-Sendung, lange bevor man auch in den anderen Sendern dazu überging, die Nachrichten von Journalisten präsentieren zu lassen. Er war einer der ersten, der sich nicht damit begnügte, den Namen einer asiatischen Hauptstadt korrekt auszusprechen, sondern ihm war wichtiger, einen komplizierten Sachverhalt so zu präsentieren, dass auch Zuschauer ohne Hochschulstudium den Inhalt nachvollziehen konnten. Um der wachsenden Routine in der Redaktion zu entgehen, ging Schättle ab 1983 für fünf Jahre als ZDF-Korrespondent nach Paris, von wo er nicht nur als Berichterstatter für Frankreich, sondern gleichzeitig auch für die Berichterstattung aus dem frankophonen Afrika zuständig war.

Fusion: Aus SFB und ORB wird RBB

Das Jahr 1989 war nicht nur für Deutschland das Jahr der Wende, sondern auch für Horst Schättle. Er wechselte den Sender und den Ort. Der Ort wurde Berlin, der Sender der Sender Freies Berlin (SFB), der durch die politischen Ereignisse eine ganz neue Bedeutung gewonnen hatte. Von Oktober 1989 bis Februar 1998 war Schättle Fernsehdirektor der ARD-Landesrundfunkanstalt für Berlin. Danach wurde er für fünf Jahre deren Intendant.

Vor ihm hatten schon zwei renommierte Journalistenkollegen das Spitzenamt beim SFB bekleidet. Die Erfahrungen, die Lothar Löwe und Günther von Lojewski dabei gemacht hatten, hätten Schättle warnen können, wie schwer es in dieser politisch so lange gebeutelten Stadt war, einen unabhängigen öffentlich-rechtlichen Sender zu leiten. Doch allen Berliner Unbilden zum Trotz schaffte er es am Ende, die Anstalt zu stabilieren und seinen Teil dazu beizutragen, dass schließlich die Länder Berlin und Brandenburg mit dem neuen Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) einen gemeinsamen Sender gründeten, der zum 1. Mai 2003 aus der Fusion von SFB und Ostdeutschem Rundfunk Brandenburg (ORB) entstand und damit auch der ARD-Sender war, der für die politische Hauptstadtberichterstattung zuständig wurde und blieb. Mit der Fusion, einem historischen Moment für Schättle als Rundfunkmanager, endete seine Amtszeit; er war der letzte SFB-Intendant und ging dann in den Ruhestand.

Der zweite historische Moment, den Horst Schättle als Journalist schon Jahrzehnte zuvor miterlebt hatte, war beim Empfang nach der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland im August 1970 im Kreml, bei dem keine Journalisten zugelassen waren. Schättle gab sich einfach als Tontechniker aus und erhielt so Zugang. Und mit Ton hatte er ja in der Tat viel zu tun.

Horst Schättle, geboren 1939 in Oberndorf am Neckar, starb in der Nacht vom 27. auf den 28. September im Alter von 80 Jahren.

01.10.2020/MK

Horst Schättle (1939-2020)

Foto: RBB/Anna-Katharina Schulz


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