Hähne im Korb

Wenn Werner Höfer im „Internationalen Frühschoppen“ Frauen zu Gast hatte

Von Torsten Körner
08.04.2020 •

Der Schriftsteller und Dokumentarfilmer Torsten Körner, der auch MK-Autor ist, hat ein neues Buch veröffentlicht. Es heißt „In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten“ und ist im Februar im Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) erschienen. In seinem Buch erzählt Körner, wie die Politikerinnen der Bonner Republik um Macht und Gleichberechtigung kämpften, und auch, welche Rolle die Medien dabei spielten. Dabei zeigt er, wie sich bestimmte diskursive und mediale Praxen bis heute fortsetzen, wie sie Frauen in der politischen Sphäre ausblenden und ihren Anteil am demokratischen Prozess unter den Tisch fallen lassen. Das Buch ist eine Zeitreise zu und mit den politischen Pionierinnen der Bonner Republik. In einem Kapitel geht es um die von 1952 bis 1987 ausgestrahlte ARD-Gesprächssendung „Der Internationale Frühschoppen“ (NWDR/WDR), deren Moderator Werner Höfer (1913-1997) war, und insbesondere darum, wie es war, wenn in diese Sendung, was zur damaligen Zeit nur selten vorkam, Frauen als Gesprächspartnerinnen eingeladen wurden. Im Folgenden mit freundlicher Genehmigung des Verlags ein ungekürzter Abdruck des Kapitels. Am 7. Mai sollte zum Thema Politikerinnen in der Bonner Republik auch Torsten Körners Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ (Fernsehbeteiligung: 3sat) in die Kinos kommen. Doch da aufgrund der Corona-Pandemie auch die Kinos geschlossen wurden, ist der Filmstart bis auf Weiteres verschoben worden. • MK

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„Guten Tag, meine Damen und Herren,
hier ist wieder der ‘Internationale
Frühschoppen’ mit sechs Journalisten
aus fünf Ländern.“
Egon Hoegen

Ihre Verlobung hielt sie lange geheim vor ihm. Werner Höfer war ein eifersüchtiger Chef und liebte es nicht, wenn er sich die Aufmerksamkeit seiner Sekretärinnen mit anderen Männern teilen musste. Sie waren doch seine fleißigen Helferinnen, sein Publikum, seine Mitternachtsgesellinnen. Bis tief in die Nacht gab er mitunter den Conférencier, Entertainer und glänzenden Moderator, der es durch seine virtuosen Formulierungskünste vollbrachte, die entferntesten Themen und Sätze glücklich zu verbinden. Ein Monolog von ihm war kein Monolog, sondern ein Geschenk. Und da wollte jemand nicht zuhören? Aus reiner Notwehr erfanden seine Mitarbeiterinnen bisweilen abendliche Frisörtermine oder Familienfeste, um dem Chef und seinen Arien zu entkommen.

Kaum eine andere Fernsehsendung hat die Bundesrepublik so geprägt und geeicht wie der „Internationale Frühschoppen“, der ab dem 6. Januar 1952 zunächst im Radio zu hören und ab dem 30. August 1953 dann auch im Fernsehen zu sehen war. Die sonntägliche Sendung lief bis 1987, und Werner Höfer, der Akrobat der politischen Plauderei, moderierte sie 1875-mal. Zur 1000. Sendung stellte sich sogar Willy Brandt zur Gratulation im Studio ein.

Als Werner Höfer es in den Anfangsjahren einmal gewagt hatte, die Sendung aus Urlaubsgründen ausfallen zu lassen, stapelten sich Wäschekörbe voller Protestbriefe. Fortan hielt sich der fanatische Zeitungsleser selbst für unentbehrlich und richtete sich danach. Selbst eine Sturmflut konnte ihn nicht mehr aufhalten. Zwar gelang es der tobenden Nordsee zu verhindern, dass Höfer den samstäglichen Nachtzug von Sylt nach Köln nehmen konnte, aber mundtot ließ er sich nicht machen. Der Fernsehmann stellte sich am Sonntag einfach unerschrocken in eine Telefonzelle auf der Insel und moderierte von dort aus die Sendung. Selbst als Geisterstimme aus dem Off gab er seinen Gästen noch parlierend den Takt vor.

Bereits Ende der 1950er Jahre war die Sendung so erfolgreich, dass sich der „Spiegel“ mit einer Titelgeschichte an dem Journalisten abarbeitete. Die Hauptvorwürfe waren, dass der Gastgeber der „sechs Journalisten aus fünf Ländern“ sich selbst in den Mittelpunkt stelle, zu viel rede, eher seicht plaudere als politisch analysiere, teutonisch-undiplomatisch sei, dass er die Gäste zu Stichwortgebern degradiere, die Themen im rasenden Galopp wechsele und eher mittelmäßige Köpfe einlade, damit sein blank polierter Intellektuellenkopf umso heller strahle. Dass Höfer NSDAP-Mitglied und ein fleißiger Journalist in NS-Gazetten gewesen war, kam nur am Rande vor. Immerhin musste auch der „Spiegel“ zugeben, dass der „Internationale Frühschoppen“ „ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens in der Bundesrepublik“ sei („Spiegel“, Nr. 50/1959).

Die Männer im Fernsehsessel, die Frauen in der Küche

Die Sendung blieb durch die Jahre immer gleich: Zumeist saßen die Herren um einen keilförmigen Tisch, dabei handelte es sich in der Mehrzahl um die Auslandskorrespondenten des Bonner Pressekorps; es überwogen britische, französische und amerikanische Journalisten, auch russische Gäste waren hochwillkommen. Eine Spezialität des Gastgebers war es, den Frost des Kalten Krieges aufzutauen: Solange die Russen und die Amerikaner bei Werner Höfer miteinander sprachen, schossen sie wenigstens nicht aufeinander. Ganze Generationen wurden durch die Sendung sozialisiert, an Politik herangeführt, von ihr abgeschreckt oder für sie begeistert.

In den 50er und 60er Jahren waren Frauen sehr seltene Gäste, und selbst wenn eine vereinzelte Frau unter den Männern saß, sprach der Gastgeber die Runde gerne mit „Meine Herren“ an. Ausnahmen von der männlichen Regel waren die Engländerin Hella Pick, Hilde Purwin von der „Neuen Ruhr Zeitung“, die spätere WDR-Chefredakteurin Julia Dingwort-Nusseck und die Publizistin Carola Stern. Im Jahr 1969 beispielsweise lag der Frauenanteil der eingeladenen Journalisten knapp unter fünf Prozent.

Das lag auch daran, dass die Sendung männliche Rituale kopierte: den Stammtisch und den Frühschoppen. Den Journalisten wurde Rheinwein gereicht und im Bedarfsfall reichlich nachgeschenkt. Wie im Gasthaus waren es Schürzen tragende Frauen, die den Herren den Wein servierten. Ein weiteres maskulines Requisit des Stammtisches war die Zigarette, die Pfeife oder die Zigarre. Die Rauchschwaden waren bisweilen so dicht, dass der Gastgeber oder einzelne Gäste für Minuten hinter der blaudunstigen Nebelwand verschwanden.

Auch in den meisten Familien vollzog sich spiegelbildlich der Ausschluss der Frauen aus dem Männerkreis. Während die Männer zu Hause im Fernsehsessel politisierten, sich als imaginäre Gäste fühlten und die Sendung mit Zwischenrufen würzten, standen die Frauen in der Küche und bereiteten das Mittagessen zu. Die Journalistin Renate Färber-Husemann, die später selbst zu Gast im „Internationalen Frühschoppen“ war, erinnert sich daran, wie sie den Polit-Talk zu Hause erlebte: „Als wir noch kein Fernsehgerät hatten, haben wir den ‘Internationalen Frühschoppen’ im Radio gehört. Und in dieser knappen Stunde mussten wir zu Hause alle still sein, es durfte nicht geredet werden. Und natürlich war es mein Vater, der den ‘Frühschoppen’ gehört hat, nicht meine Mutter, die arbeitete in der Küche, denn gleich nach dem ‘Frühschoppen’ gab es Mittagessen. Als älteste Tochter hab ich manchmal mitgehört, anstatt in der Küche zu helfen. Und nach der Sendung wurde dann beim Mittagessen weiter diskutiert.“

Ganz ähnlich denkt die Grünen-Politikerin Christa Nickels an die Sendung und ihre Bedeutung zurück: „Mein Vater war politisch sehr interessiert, und ich habe mich oft mit ihm, als ich noch sehr jung war, über Politik unterhalten. Und für meinen Vater war der ‘Internationale Frühschoppen’ der Gottesdienst nach dem Gottesdienst. Zunächst einmal war dieser Stammtisch ja ein absoluter Männerraum, jedenfalls erinnere ich nur ganz wenige Frauen, die dort mal zu Gast waren. Und was der Weihrauch in der Katholischen Kirche war, das waren die Pfeifen- und Zigarettenkringel der Herren, die ja offenbar den Eindruck verstärken sollten, dass sie geistreich waren. Man hatte ja den Eindruck – und vermutlich sollte der auch vermittelt werden –, dass diese Herrenrunde eigentlich viel besser wusste, wie Politik zu sein und wie man sie zu machen hätte.“

In den 70er und 80er Jahren nahm der Anteil von Journalistinnen zwar deutlich zu, aber die Frau blieb dennoch eine exotische Figur im Männerclub. In doppelter Weise machten diese Erfahrung die indische Journalistin Navina Sundaram und ihre Kollegin Roshan Dhunjibhoy, die eine der seltenen weiblichen Stammgäste wurde. In einem Artikel für die „taz“ beschrieb Navina Sundaram, welche Rolle ihr zugewiesen wurde: „Die pakistanische Journalistin Roshan Dhunjibhoy und ich wechselten uns als die vorzeigbaren Repräsentantinnen der anderen Welt ab. Da konnten wir nicht fremd genug aussehen. Ich kann mich erinnern, dass ich grundsätzlich nur in europäischer Kleidung erschien, zur ewigen Enttäuschung des Gastgebers Werner Höfer.“

Wenn man über Werner Höfer und seine weiblichen Gäste nachdenkt, muss man einen Augenblick bei Roshan Dhunjibhoy verweilen, denn an ihrer intellektuellen Biografie wird deutlich, was den deutschen Welt- und medialen Frauenbildern damals noch fehlte. Journalistisch lässt sich außerdem kaum ein größerer Gegensatz zum teutonischen Gastgeber denken. Während Höfer ein manischer Zeitungsleser war, das Reisen aber scheute und die Welt von seinem Schreibtisch aus durchdrang, war Roshan Dhunjibhoy eine frühe Kosmopolitin und Globetrotterin.

Eine attraktive Anomalie

Geboren wurde sie 1931 in Kalkutta, damals noch Britisch-Indien. Da ihr Großvater einige Jahre in Berlin als Professor für persische Geschichte gearbeitet hatte, besaß ihre Mutter die deutsche Staatsangehörigkeit. Auch die Teilung des indischen Subkontinents 1947 und seine Dekolonialisierung schärfte früh ihren Blick für Nationalismen und Klassengesellschaften. Die junge Frau wird Marxistin und geht zum Studium in die USA. Es ist die Zeit der McCarthy-Ära, die Zeit der Gesinnungsschnüffelei, in der man die „rote Flut“ und Unterwanderung fürchtet, in der Kommunisten verfolgt und mit Berufsverboten belegt werden. Diese antikommunistische Hysterie politisiert die junge Frau noch mehr, die schließlich aufgefordert wird, das Land zu verlassen, weil sie als politische Aktivistin unangenehm aufgefallen sei.

Eigentlich will Dhunjibhoy Schauspielerin werden, doch als sie nach Frankreich übersiedelt, studiert sie dort politische Wissenschaften an der Sorbonne. Ihre Vielseitigkeit zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie für ihre Promotion ein literaturgeschichtliches Thema wählt. In Paris beginnt sie ihre Arbeit als Filmemacherin, sie spezialisiert sich auf Dokumentationen aus schwer zugänglichen, medial oft wenig beachteten Ländern in Asien und Afrika. Dabei gilt ihr besonderes Augenmerk Kriegs- und Krisensituationen und der Rolle der Frauen in der Dritten Welt.

Durch diese Arbeiten wird sie auch in Holland und Deutschland bekannt. Da die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten diesen weltläufigen Blick suchen und Roshan Dhunjibhoy als Frau in diesem Feld eine attraktive Anomalie darstellt, zieht sie Anfang der 60er Jahre in die Medienstadt Köln. Sie wird zum gern gesehenen und oft eingeladenen Gast im „Internationalen Frühschoppen“. Sie ist meinungsstark, polyglott, sie pflegt wie nur wenige einen globalen Blick und besitzt unbestrittene politische Kompetenz. Als marxistisch geschulte und links denkende Frau aus Pakistan ist sie im deutschen Fernsehen jener Jahre nicht nur eine Exotin, sie ist auch eine lebhafte Gegenspielerin zum liberal-konservativen Gastgeber Höfer. Ihre Widerspruchsfreude ist groß.

Das lässt sich gut an einer Sendung aus dem Jahr 1975 studieren, das von der UNO-Generalversammlung zum „Internationalen Jahr der Frau“ ausgerufen wurde. Aus diesem Anlass hatte Werner Höfer seine sonstige Einladungspraxis auf den Kopf gestellt und vier Frauen und nur einen Mann an seinen Stammtisch gerufen. Die Gäste der Sendung waren Julia Dingwort-Nusseck, Helmut Lölhöffel von der „Süddeutschen Zeitung“, Sushilar Nazir, eine indische Journalistin, Els Taverne, eine holländische Kollegin, und eben Roshan Dhunjibhoy. Und wie beginnt der Zeremonienmeister Höfer diese Sendung zum Thema Gleichberechtigung?

Männlich, eurozentristisch, hochmütig

Höfer: „Ja, bunte Reihe, das ist auch so ein Urväterausdruck aus dem Wörterbuch des Stammtisches und ist nur noch zu übertreffen von einem anderen Klischeewörtchen, das heißt da wohl ‘Hahn im Korb’… Es fällt mir schwer, das Wort über die Lippe zu kriegen, das ist die atavistische Vorstellung von Männern dieser kompakten Minorität, wenn sie sich in der charmanten Majorität von Frauen befinden. In dieser Rolle befinden sich ein Mann und noch ein Mann, aber wir werden uns hüten, uns wie Hähne im Korb aufzuführen, uns zu spreizen, es würde uns übel bekommen, weil die vier Damen, die wir eingeladen haben, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben – jetzt will ich das dritte schiefe Bild herunterschlucken, sonst hätt ich es auf der Zunge zu sagen, die haben Haare auf den Zähnen, aber sie wissen, was sie wollen, und das, was sie wollen, das wissen sie auch zu sagen. Ich selber habe mir den heißesten Stuhl ausgesucht zwischen zwei Damen, die aus Indien kommen.“

Man muss nicht besonders sprachsensibel sein, um den performativen Widerspruch zu entdecken: Der Mann will sich nicht wie ein Hahn im Korb spreizen, aber er spreizt sich gleichwohl mit unübersehbarer Begeisterung über sein Sprachvermögen und seine vermeintlich ironische Souveränität. Dabei, das ist hier im Schriftbild kaum zu vermitteln, schmeckt Höfer jedes Wort wie eine besondere Zutat ab, er setzt lange Pausen und spricht mit gutturaler Emphase. Herablassung tönt aus dem Wort „Damen“ bzw. der Art und Weise, wie Höfer es einsetzt und rahmt. Es soll galant klingen, tönt aber schlüpfrig, es soll den Gentleman zeigen, markiert aber den Gent. Dass die „Damen“ „Haare auf den Zähnen haben“, will er nicht sagen, sagt es dann ironisch abgefedert aber doch – und der „heißeste Stuhl“ provoziert unweigerlich sexuelle Assoziationen.

Während Höfer so spricht, lächelt Roshan Dhunjibhoy an der ein oder anderen Stelle vor sich hin, hebt amüsiert die Augenbrauen, sie kennt diesen Mann und sein selbstbezogenes Sprechen. Als der Gastgeber Julia Dingwort-Nusseck an einer Stelle recht barsch unterbricht, weil sie sich skeptisch zeigt gegenüber den Erfolgsaussichten einer UNO-Frauenkonferenz zum Thema „Gleichberechtigung in der Dritten Welt“, wird Dhunjibhoy unruhig.

Höfer: „Aber Frau Dingwort, meinen Sie nicht, dass Frauen wie Sie und die Millionen in Amerika und Europa, die wirklich alles haben, was sie brauchen, auch Selbstbewusstsein, dass es für Frauen in der Dritten Welt, ich sage nicht sogenannten, dass es für diese Frauen doch auch schon etwas ist, wenn die Welt sich mit ihnen beschäftigt. Ist das nicht eine Steigerung ihres Selbstwertes?“

Dhunjibhoy: „Entschuldigung, lieber Herr Höfer, darf ich hier einhaken? Ich finde das ein bisschen hochmütig, was Sie da sagen!“

Höfer: „Männlicher Hochmut oder europäischer Hochmut?“

Dhunjibhoy: „Männlich und eurozentristisch, ich finde das richtig europäisch hochmütig.“

Höfer: „Dann holen Sie mich runter!“

Dhunjibhoy: „Ich probier’s. Ich finde, Frau Dingwort-Nusseck und eine ganze Menge anderer Frauen sind wirklich selbstbewusst, aber das ist bei Weitem nicht der große Teil der Frauen in Europa und Amerika. Die sind genauso unterdrückt, nur auf eine ganz andere Weise.“

Höfer: „Frau Dhunjibhoy, für Millionen Männer in diesem Teil der Welt behaupte ich, dass wir nichts mehr wünschen als eine Frau, die nicht nur von Gleichberechtigung schwätzt, sondern sie sich wirklich verschafft.“

Dhunjibhoy: „Aber das ist doch nicht wahr, Herr Höfer!“

Höfer: „Wir wollen doch nicht ausgebeutete, unterdrückte, gedemütigte willenlose Wesen um uns!“

Dhunjibhoy: „Das ist nicht wahr, Herr Höfer, das möchten Sie am liebsten haben.“

Höfer: „Nein!“

Dhunjibhoy: „Jede Frau in jedem Land, das ist auch so in den Ländern, wo die Gleichberechtigung viel weitergegangen ist als in Europa, trifft in ihrem Kreis, ihrer Umgebung auf Schwierigkeiten, […] wenn sie ihren Mann übertrifft oder…“

Höfer: „Na und?“

Dhunjibhoy: „Es gibt kein ‘Na und?’. Es ist sehr schwer, und die Emanzipation der Frau sollte eigentlich mit den Männern anfangen.“

So viel Paroli bekamen Männer selten geboten

So viel Paroli bekamen Männer Mitte der 70er Jahre in politischen Sendungen nur sehr selten geboten. Dass Männer Frauen damals grundsätzlich als exotische Spezies betrachteten, wenn sie sich als Journalistinnen auf das politische Terrain begaben, lässt sich an einer Vielzahl von Biografien ablesen. Eines der bekanntesten Beispiele ist die helle Aufregung um Wibke Bruhns, als sie 1971 als erste Nachrichtensprecherin im deutschen Fernsehen antrat, exakt am 12. Mai 1971 um 22.14 Uhr in der „Heute“-Sendung im ZDF. Es hagelte Beschimpfungen, die Zuschauertelefone liefen heiß, es gab wütende Zuschauerpost, in den Leserbriefspalten der Zeitungen wurden Erregung und Ekel ausgedrückt. Es waren auch Frauen, die sich lautstark empörten. Eine Frau solle sich gefälligst um Kinder und Mann kümmern. Eine Frau verstehe rein gar nichts von Politik. Unmögliche Frisur, schreckliche Bluse! Schließen Sie die Bluse! Gott wird die Frauen strafen, die ihren angestammten Platz verlassen! Die Ausrufezeichen hinter solchen Sätzen sahen in diesen Zuschriften aus wie Knüppel.

Auch Karl-Heinz Köpcke, in den 70er Jahren „Mr. Tagesschau“ und Nachrichtenautorität schlechthin, hielt nichts von Frauen als Nachrichtensprecherinnen: „Eine Nachricht verlangt vom Sprecher sachlich unterkühlte Distanz. Frauen aber sind emotionale Wesen.“ In dieser Aussage steckte das noch dominierende Repräsentations- und Verhaltensmuster der öffentlich-rechtlichen Medien: Die Frau galt als unpolitisch, sie war als Gefühlswesen für das politische Geschäft, aber auch dessen Repräsentation ungeeignet; der Sprecher, verfügte ein damaliger „Tagesschau“-Redakteur, müsse eine „Sprechmaschine“ sein und sonst nichts.

Wie unsinnig und widerspruchsvoll solche Wesenseinteilungen und Hymnen auf die vermeintliche sachliche Kälte des Mannes waren, bewies der Starkult um den Nachrichtensprecher Köpcke selbst. Als er 1991 starb, widmete der „Spiegel“ ihm einen Nachruf: „Bis zu 300 Fanbriefe erhielt der Gentleman mit dem fein gekämmten Toupet am Tag, die meisten von einsamen Frauen, die ihren Seelenschutt bei ihm abluden.“ Die Geringschätzung der Frau und Zuschauerin troff auch aus diesen Zeilen.

Demütigende Erfahrungen im politischen Journalismus

Auch die Journalistin Sibylle Krause-Burger, die später zahlreiche politische Biografien vorlegte, machte Anfang der 70er Jahre demütigende Erfahrungen im politischen Journalismus. Der Ressortchef Innenpolitik der „Stuttgarter Zeitung“ herrschte sie an: „Was wollen Sie eigentlich hier? Sie haben doch ein Kind. Gehen Sie nach Hause in Ihre Küche!“ Als Krause-Burger 1980 ihre Biografie über Helmut Schmidt veröffentlichen wollte, wehrte sich der Verleger zunächst dagegen, ihren Vornamen auf das Titelbild zu setzen. Er fürchtete, eine Kanzlerbiografie würde nicht gekauft, wenn die Leser entdeckten, dass sie von einer Frau verfasst worden war.

Bis heute haben sich viele solcher Ressentiments und stillschweigenden Vorannahmen gegenüber Frauen in der politischen Arena gehalten. Zu diesen ständig weitergetragenen Ressentiments gehört auch die Ablehnung der weiblichen Stimme im politischen Feld. Die weibliche Stimme, lauten die Verdikte, sei nicht machtgeeignet, sie entbehre der Autorität, sie sei von Emotionen durchtränkt, sie könne nicht führen, sich nicht beherrschen und schlage – wenn es hart auf hart komme – um in Hysterie und Heulerei. Bis heute werden in politischen Fernsehdokumentationen die Texte sehr viel seltener von Frauen gesprochen, weil die Sender und Redaktionen sich lieber auf die Gravität männlicher Sprecher verlassen. Und wenn man den Rücktritt von Andrea Nahles als SPD-Vorsitzende (Juni 2019) und die Reaktionen darauf betrachtet, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, die Frau hätte sich ins Abseits „gebrüllt“, „gekreischt“, „gesungen“ und „gezetert“. In den sozialen Netzwerken werden Häme und Hass über die Politikerin ausgegossen, weil sie sich nicht rollenkonform verhalten und stattdessen versucht hat, auf dem Energie- und Leidenschaftslevel der Männer mitzuspielen. Die gleichen Kritiker, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihren wenig nuancierten, kühl wirkenden Sprechstil vorwerfen, verübeln es nun Nahles, dass die sich als Oppositionsführerin von der oft beklagten Leidenschaftslosigkeit der Kanzlerin auch rhetorisch absetzen wollte.

Politische Journalistinnen, die mit ihrer Stimme arbeiten, hatten lange Zeit mit denselben tief wurzelnden Aversionen und Antipathien zu kämpfen. Ada Brandes, die viele Jahre als politische Korrespondentin in Bonn arbeitete, zunächst für Associated Press (AP), dann auch für die „Stuttgarter Zeitung“ und den „Kölner Stadt-Anzeiger“, hat von den anfänglichen Vorbehalten gegen weibliche Stimmen berichtet. Sie bewirbt sich 1969 beim Hessischen Rundfunk (HR), der einen Korrespondenten für das Bonner Studio sucht. Ein Kollege von Ada Brandes stellt einen Kontakt her und reicht für sie die Bewerbungsunterlagen beim Sender ein. Kurz darauf erhält der Kollege einen Anruf vom HR. Ja, die Arbeitsproben seien ja sehr vielversprechend und verheißungsvoll, der Herr möge sich doch einmal persönlich vorstellen. Daraufhin muss der Vermittler erwidern: „Es handelt sich nicht um einen Herrn, sondern um eine Kollegin!“ Es folgt ein entsetzter Aufschrei am anderen Ende der Leitung: „Wir machen Politik! Wir können doch unseren Hörern keine Frauenstimme in einem politischen Kommentar zumuten!“

Auch im Bonner Büro von AP ist man zunächst nicht begeistert, dass eine Kollegin aus Berlin die Redaktion verstärken soll. Der damalige Redaktionsleiter knurrt abweisend: „Mer wollen keene Weiber in Bonn.“ Doch trotz dieser ablehnenden Haltung wechselt Ada Brandes an den Rhein und ist fasziniert von der euphorischen Reformstimmung der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt. Sie lässt sich auch im Alltag von anfänglicher diskriminierender Geringschätzung nicht abschrecken: „Wenn jemand in der Redaktion anrief – wir hatten keinen Empfang, daher landeten die gleich bei den Redakteuren – und ich mich meldete, hieß es immer: ‘Kann ich mal bitte einen Ihrer Herren sprechen?’ Dann antwortete ich: ‘Worum geht es denn? Sie sind mit der Redaktion verbunden.’ Der Anrufer: ‘Ich möchte einen Ihrer Herren sprechen!’ Dann musste ich dem erst mal darlegen, dass ich Redakteurin bin. Manche haben dann tatsächlich aufgelegt.“

Auch die Publizistin Carola Stern, die Anfang 1970 beim WDR arbeitete, erlebte Diskriminierendes: „Von bestimmten Tätigkeiten im WDR blieben Frauen auch weiterhin ausgeschlossen. Der Leiter der Nachrichtenabteilung ließ uns wissen, eine von ihm in Auftrag gegebene wissenschaftliche Untersuchung habe einwandfrei ergeben, dass die weibliche Stimme für das Nachrichtensprechen ungeeignet sei. Der Leiter des populären Mittagsmagazins weigerte sich, in das Team der Moderatoren auch eine Kollegin aufzunehmen. Das änderte sich erst 1986.“

Einzelne Journalistinnen erfuhren im persönlichen Umfeld viel Wertschätzung und Anerkennung, doch das grundlegende Misstrauen gegen Frauen auf diesem Feld blieb in der Gesellschaft noch viele Jahre erhalten und führte dazu, dass Frauen hier bis heute unterrepräsentiert sind. Durch prominente TV-Journalistinnen wie Anne Will, Caren Miosga, Marietta Slomka, Maybrit Illner, Dunja Hayali und Sandra Maischberger im Bereich der prominent platzierten Polit-Talkshow wird dieser Mangel lediglich verdeckt.

Der Lehrmeister mit der Deutungshoheit

Werner Höfers „Internationaler Frühschoppen“ war die Mutter aller heutigen politischen Talkshows, denn ihm gelang es über drei Jahrzehnte, politische Konflikte in ein unterhaltendes Körper-, Köpfe- und Sprechschauspiel zu übersetzen. Im Zentrum der Macht saß er und beanspruchte nach zeitgenössischen Messungen etwa ein Drittel der Redezeit für sich. Was Höfer vollführte, war eine Rehabilitation der Deutschen am Tisch der Besatzungsmächte; so wie Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) 1949 auf dem Petersberg gegen das Protokoll verstieß und sich zu den Hohen Kommissaren auf den Teppich stellte, so thronte Höfer inmitten der alliierten Journalisten und gab den politischen Lehrmeister. Er antizipierte sprachlich und symbolisch die Souveränität der Deutschen und gab dem Zuschauer das Gefühl, erst durch deutsche Brillen könne die Welt wirklich begriffen werden. Da nicht alle seine Gäste ein fließendes, fehlerfreies Deutsch sprachen und man dem Gastgeber ohnehin zumeist höflich die Steuerung überließ, fiel es Höfer zumeist nicht schwer, die Deutungshoheit zu behalten. Seine bisweilen umständlichen, selbstverliebten Sprachgirlanden wurden von den Zuschauern goutiert, von den Gästen jedoch bisweilen nicht verstanden.

Nicht zuletzt deshalb war der „Internationale Frühschoppen“ von einer eigentümlichen Ambivalenz geprägt: Er machte das deutsche Publikum mit der Welt und internationalen Konflikten bekannt, er öffnete ein Fenster nach außen – und zugleich schien der Gastgeber die ganze Welt jederzeit aus dem Ärmel schütteln zu können, was ein kulturelles Überlegenheitsempfinden etablierte. Höfer politisierte, interessierte für Politik, nahm aber (durch Wein und harmoniesüchtige Formulierungen) den Konflikten die Spitze, wenn das muntere Gespräch den kameradschaftlich-geselligen Ton zu verlassen drohte. Für den Gastgeber war es leichter, Männer in die Kameraderie einzubeziehen. Den meisten Frauen gegenüber nahm Höfer eine joviale, bisweilen galante Haltung ein; wenn sie aber aufmüpfigere Töne hören ließen, wurden sie seltener in das Gespräch einbezogen oder aber geschulmeistert. Er blieb immer der Patriarch, Gottvater.

Keine Angst vor emanzipierten Frauen

Der unfreiwillige Abgang Werner Höfers und das Ende der Sendung kamen 1987. Dass der Talkmaster ein viel beschäftigter Feuilletonist in Nazizeitungen gewesen war, wusste man schon lange. Auch dass er am 15. September 1943 im „12-Uhr-Blatt“ die Hinrichtung des 27-jährigen Pianisten Karlrobert Kreiten wegen „Feindbegünstigung“ und „Wehrkraftzersetzung“ begrüßt hatte. Nun griff der „Spiegel“ den Fall noch einmal auf und nannte Höfer einen „Schreibtischtäter“. Diesmal konnte sich der Starjournalist nicht mehr herausreden und wie so oft behaupten, man habe ihm die Passage in den Text hineingeschrieben.

Werner Höfer wäre gerne mit einem Glas Wein in der Hand während der Sendung gestorben. Dieser Wunsch blieb unerfüllt.

Aber wie endete die Sendung aus dem Jahr 1975 zum Thema Gleichberechtigung?

Julia Dingwort-Nusseck: „Selbstbewusste Männer sind diejenigen, die keine Angst vor emanzipierten Frauen haben.“

Werner Höfer: „Das ist ein Wort an mich, denn das Meinige hat etwas gelitten in den letzten 43 Minuten. Ich werde es mit einem männlichen Schluck wiederaufzufrischen versuchen, aber da entdecke ich mich schon wieder bei konventionellen Atavismen. War das nicht früher so in den feinen bürgerlichen Kreisen, dass ein Mann geziemend auf eine Dame trank, und die musste dann züchtig unter sich blicken und durfte dem Mann nicht ins Auge und schon gar nicht ins Glas blicken? [An dieser Stelle blickt Höfer Roshan Dhunjibhoy lange an.] Vielleicht können wir jetzt mal die Sitte einführen, emanzipiert, wie wir sind, und gleichberechtigt, wie wir zu sein haben, dass wir nicht auf jemanden trinken, sondern miteinander trinken, auf das Jahr des Menschen!“

Höfer hebt das Glas, die anderen folgen.

08.04.2020/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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