Große Hoffnung Mediathek

Interview mit dem auf Dokumentarfilme spezialisierten Produzenten Erik Winker

Von Oliver Jungen
31.12.2021 •

Erik Winker ist Geschäftsführer der CORSO Film- und Fernsehproduktion, einer Firma mit Sitz in Köln und Stuttgart, deren Schwerpunkt auf der Produktion künstlerischer Dokumentarfilme für den deutschen und internationalen Markt liegt. Winker ist Mitglied der Deutschen Filmakademie, Gründungsmitglied der Documentary Association of Europe (DAE) und ehemaliger Vorsitzender des Filmbüros NW. Er ist tätig für Festival- und Auswahlgremien sowie für nationale und internationale Workshops wie Dok.Incubator, Documentary Campus oder Ex Oriente. Außerdem lehrt er Dokumentarfilm unter anderem an der Internationalen Filmschule Köln (ifs) und an der Hochschule Mainz, wo er derzeit eine Vertretungsprofessur innehat. Im folgenden Interview, das Oliver Jungen für die MK mit Erik Winker führte, geht es um die Situation und die Aussichten des Dokumentarfilms in einem sich massiv wandelnden Medienumfeld. • MK

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MK: Herr Winker, wie hat Ihre Produktionsfirma CORSO die Corona-Pandemie bislang überstanden?

Erik Winker: Wir sind erstaunlich gut durchgekommen. Als der erste Lockdown kam, hatten wir gerade mehrere Projekte in der Postproduktion. Schnittarbeiten, wie zum Beispiel an „Taming The Garden“, der jetzt gerade in den deutschen Kinos läuft, konnten in dieser Zeit gut weiterlaufen, dann eben ohne Sichtungen, dafür mit Ausspielungen und Zoom-Konferenzen. Außerdem waren wir mit mehreren Projekten noch in der Finanzierung beziehungsweise Entwicklung. Einige Filme befanden sich aber auch im Dreh und manche Produktion hat sich durch die Pandemie sehr verlängert. Richtig hart getroffen wurde aber bei uns nur ein einziges Projekt, „Formen moderner Erschöpfung“, ein Film über Burn-out und Erschöpfungsdepressionen. Drehort ist ein Sanatorium im Harz – dort ist ein Dreh bis heute noch nicht möglich.

MK: Corona-Hilfen…

Erik Winker: …haben wir gar keine beantragt. Wir haben uns da U-Boot-mäßig durchmanövriert. Es war bei vielen Hilfen auch nicht ganz klar, ob wir wirklich antragsberechtigt sind.

MK: Soeben beschweren sich Kinoverbände, die 2G-plus-Regel sei eine Art Lockdown für Kinos. Merken Sie diesen Rückgang?

Bisher kein wirklicher Online‑Boom feststellbar

Erik Winker: Ob es an 2G-plus liegt, weiß ich nicht, aber wir merken das ganz extrem und die Kinobetreiber sagen uns das auch. Die Leute gehen zur Zeit kaum noch ins Kino. Im November ist unser Film „Zuhurs Töchter“, ein Film über zwei syrische Transgender-Schwestern, gestartet, und er hat Schwierigkeiten, sich im Kino zu halten. Sogar bei Premieren mit Einladungen trauen sich gerade nur wenige Menschen ins Kino, trotz moderner Lüftungsanlagen. Es überwiegt wieder die Sorge.

MK: Zugleich hat die Pandemie den Medienkonsum befeuert. Bemerken Sie auch diesen Effekt?

Erik Winker: Unsere Filme laufen zwar auf verschiedenen Plattformen, aber ich kann bislang keinen wirklichen Online-Boom feststellen. Eine Ausnahme ist vielleicht unser zusammen mit dem Recherche-Netzwerk Correctiv für Arte realisiertes Projekt „Auf der Spur des Geldes“, dieser Film wird im Moment ausgesprochen gut in der Arte-Mediathek und im Arte-YouTube-Channel abgerufen.

MK: Sei es Überdruss am alternativen Krimi-Angebot, sei es Realitätshunger: Der Dokumentarfilm scheint derzeit äußerst gefragt zu sein. Man spricht schon vom neuen Goldenen Zeitalter.

Die Leute scheinen wieder zu merken, was der Dokumentarfilm kann

Erik Winker: Das Interesse an dokumentarischen Inhalten wächst total, das ist keine Frage. Das hängt sehr stark mit den Streaming-Portalen zusammen. Vor allem Netflix nimmt mit seinen dokumentarischen Filmen und Serien eine neue Vorreiterrolle ein. Es mag aber schon sein, dass man in Zeiten von Fake News eher Orientierung bei dokumentarischen Inhalten sucht. Die Leute scheinen jedenfalls wieder zu merken, was der Dokumentarfilm kann: sich abseits der teils sehr aufgeregten tagespolitischen Berichterstattung in Tiefe mit realen Ereignissen auseinandersetzen. Für mich hat das auch eine politische Dimension. Ich halte den Dokumentarfilm für einen wichtigen Beitrag zum demokratischen Diskurs.

MK: Das bürdet dem Dokumentarischen aber eine gehörige Verantwortung auf. Bei kleinen Fehlern wird dann schnell von bösartiger Fälschung gesprochen. Ich erinnere an die „Lovemobil“-Debatte, also den Fall vom Frühjahr 2021, als aufflog, dass die Autorin und Regisseurin Elke Lehrenkrauss verschwiegen hatte, dass sie in ihrem Dokumentarfilm „Lovemobil“, der im NDR Fernsehen ausgestrahlt worden war, ganze Passagen inszeniert hatte.

Erik Winker: Es hätte so einfach sein können, wenn Elke Lehrenkrauss die gestellten Szenen gekennzeichnet hätte. Sie beruhten ja auf echten Interviews und waren insofern durchaus auch wahrhaftig. Der Kunstgriff an sich wäre völlig in Ordnung gewesen, denn das Nachstellen oder Anschieben ist ja ein viel genutztes Stilmittel. Der Dokumentarfilm kann und darf erzählerisch sehr viel, das bringe ich auch meinen Studierenden bei. Man muss es natürlich kennzeichnen, sonst führt man, wie hier, alle in die Irre. Das war ganz klar ein Fehler. Und der wurde dann zu einem Problem für die gesamte Branche. Es hat uns alle in Verruf gebracht, so als würden Dokumentarfilmer nur lügen und betrügen, was ja Quatsch ist. Stattdessen hätte man über Mittel und Grenzen des Dokumentarischen debattieren sollen: Was hilft weiter? Was ist nicht legitim?

MK: Das haben sich aber auch die Sender, hier der NDR, nicht getraut.

Das lineare Programm ist zunehmend formatiert

Erik Winker: Nein, leider nicht. Das war zumindest nach außen hin eine starke Abwehrhaltung. Man wollte Thema schnell wegblocken, um nicht ins falsche Licht zu geraten. Dabei hätte etwas Konstruktives daraus erwachsen können, aber das scheint in unserer aufgeregten Atmosphäre gar nicht mehr möglich zu sein. Stattdessen werden Dokumentationen und Dokumentarfilme nun teilweise auf Fehler abgeklopft. Da hat sich an manche Stellen ein Misstrauen ausgebildet, das Auswirkung auf unsere Arbeit hat.

MK: Abgesehen von dieser Debatte: Wird das Dokumentarische von den öffentlich-rechtlichen Sendern Ihrer Meinung nach genügend wertgeschätzt? Etwa im Hinblick auf Sendeplätze?

Erik Winker: Ich würde da journalistische Dokumentationen trennen von den Filmen, wie wir sie hauptsächlich produzieren, also Autorfilme mit künstlerischer Handschrift. Wir machen fast keine Auftragsproduktionen, sondern zum großen Teil nationale und internationale Kino- und Fernseh-Koproduktionen, in der Regel mit zusätzlicher Förderung und weiteren Partnern. Solche Filme mit einem künstlerischen Anspruch haben es immer schwerer, weil das lineare Programm zunehmend formatiert ist. Es gibt immer weniger Sendeplätze, auf denen man wirklich frei von Vorgaben arbeiten kann. Ausgerechnet bei Arte ist das besonders stark zu beobachten. Man muss ins Formatraster passen, sei es Geopolitik, Geschichte, Gesellschaft, Popkultur, investigativer Themenabend et cetera.

MK: Öffnen die Themenabende, wie es sie bei Arte gibt, nicht auch Chancen?

Erik Winker: Aber auch die sind inzwischen sehr formatiert. Es scheint klar zu sein, wie die Filme auf dem jeweiligen Sendeplatz aussehen sollen. Vermutlich geht es da um Wiedererkennbarkeit. Freie Filme mit eigener Handschrift unterzubringen wird jedenfalls immer schwieriger, obwohl es viele großartige Redakteurinnen und Redakteure bei Arte gibt. Aber sie sind genauso an die Vorgaben gebunden und dadurch in ihrer redaktionellen und inhaltlichen Arbeit eingeschränkt. Allein das „Grand Format“ bei Arte, der abendfüllende, künstlerische Dokumentarfilm, hatte vor einigen Jahren noch rund 40 Sendeplätze im Jahr. Wir haben dafür etwa „Work Hard Play Hard“ von Carmen Losmann produziert, sogar als Regie-Debüt, was besonders ungewöhnlich war. Inzwischen sind es nach meiner Kenntnis nur noch etwa 14 Sendeplätze pro Jahr. Einige freie Sendeplätze gibt es noch bei ARD-Anstalten, dem ZDF, also bei der Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“, oder bei 3sat. Doch auch da weiß man nicht, wie es weitergeht. Daneben existiert auf Arte der späte Sendeplatz „Lucarne“, auf dem großartige experimentelle Filme laufen, allerdings sind die Budgets dabei derart niedrig, dass sich für eine Produktionsfirma eine Zusammenarbeit wirtschaftlich kaum noch lohnt.

Die Sender tragen maximal noch ein Drittel zur Finanzierung bei

MK: Sind die übrigen Senderbeteiligungen denn hoch genug?

Erik Winker: Die sind über die Jahre in etwa gleichgeblieben, aber auf einem zumeist nicht ausreichenden Niveau. Eigentlich hätte das längst mehr werden müssen. Und manche Senderbeteiligungen sind eben so gering, dass man ernsthaft überlegen muss, ob man die Rechte dafür überhaupt abgeben möchte.

MK: Wie teilt sich die Finanzierung bei Ihren Koproduktionen mit Sendern denn in etwa auf? Halbe-halbe?

Erik Winker: Halbe-halbe so gut wie nie. Es ist noch maximal ein Drittel, das die Sender zur Finanzierung beitragen. Aber es gibt auch Projekte, wo die Sender nur noch mit 15 oder 20 Prozent an einer Finanzierung beteiligt sind. In solchen Fällen gilt es wirklich zu überlegen, ob man den Film nicht besser anders auswertet. Substantiell mitfinanziert werden noch TV-Koproduktionen mit aktuellem Bezug, die schnell zur Ausstrahlung kommen. So war das gerade bei „Auf der Spur des Geldes“. Eine vorherige Kinoauswertung ist dann nicht möglich, aber das ist eben der Deal und der ist in Ordnung.

MK: Es fällt auf, dass immer mehr Dokumentarfilme in einer speziellen Fernsehfassung laufen. So als ließe sich ein durchkomponiertes Stück beliebig komprimieren.

Erik Winker: Ja, das höre ich auch von vielen Kolleginnen und Kollegen, dass Dinge plötzlich noch einmal umgeschnitten werden sollen, um auf eine bestimmte Länge zu kommen. Oft soll auch noch ein Kommentar hinzugefügt werden, damit die Zuschauer besser verstehen, worum es geht. Dem Publikum wird einfach nichts mehr zugetraut. Man glaubt es in dieser Weise bei der Hand nehmen zu müssen. In erster Linie ist das ein massiver Eingriff in die künstlerische Freiheit der Autorinnen und Autoren, die sich bei ihren Entscheidungen ja etwas gedacht haben. Das sollte respektiert werden. Außerdem wird das Herstellen der zugänglicheren Fassungen auch nicht extra bezahlt. Zum Glück betrifft das noch nicht alle Filme, die wir im Fernsehen zeigen. Das ist von Redaktion zu Redaktion verschieden. Aber wir sehen schon den nächsten Trend, was verschiedene Fassungen betrifft. Da sich die Öffentlich-Rechtlichen vermehrt auf die Mediatheken konzentrieren, gibt es eine Fassung fürs Lineare, zum Beispiel einen Neunzigminüter, plus möglicherweise dreimal 30 Minuten für die Mediathek. Das ist natürlich ein großer Aufwand, der extra vergütet werden muss.

Da entwickelt sich gerade eine Netflix-Sprache

MK: Sind Streaming-Anbieter die Rettung für den anspruchsvollen Dokumentarfilm?

Erik Winker: Da gibt es Unterschiede. Insbesondere bei Netflix gibt es viele interessante Produktionen wie zum Beispiel „American Factory“ vor zwei Jahren. Das sehe ich bei Amazon im Moment noch nicht. Auch da wird zwar viel Dokumentarisches gestreamt, aber das sind dann oft eher Fußball-Geschichten oder Homestorys wie die von Bushido.

MK: Die Bayern-München- oder die „Bild“-Zeitungs-Doku von Amazon ließe sich hier noch ergänzen. Sind das Produktionen, bei denen Zugang mit Wohlwollen belohnt wird?

Erik Winker: Ja, das sind in meinen Augen eher PR-Vehikel. Das finde ich schwierig. Auch die englischen Fußballvereine hat man bei Amazon fast alle durch. Dass man das auch ganz anders angehen kann, hat Netflix mit „Sunderland ’til I Die“ gezeigt. Da wird nicht einfach ein Verein in einer Art Fan-Doku abgefeiert, sondern zugleich ein vielschichtiges Porträt einer strukturschwachen Region gezeichnet. Es kann sich ja auch bei Amazon noch ändern. Disney plus zeigt ebenfalls Dokumentationen und als interessanter Player auf diesem Feld erweist sich gerade Apple TV. Da sind zum Beispiel künstlerisch spannende, teils fast experimentelle Musikerporträts zu Billie Eilish oder den Beastie Boys erschienen.

Die DNA des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

MK: Was sind denn Ihre direkten Erfahrungen mit diesen Anbietern? Man hört ja, dass die Zusammenarbeit nicht immer einfach ist.

Erik Winker: Mit Netflix hatten wir einmal ein Jahr lang sehr intensiv zu tun. Das war tatsächlich ein bisschen frustrierend, denn obwohl die betreffende Serie nach komplexen Verhandlungen schließlich inhaltlich abgesegnet und bereits fertig budgetiert war, wurde sie am Ende dennoch abgesagt. So etwas passiert einem bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eher nicht.

MK: Haben Sie Angst vor dem Netflix-Algorithmus?

Erik Winker: Schon ein bisschen, denn am Ende sehen dann alle Produktionen irgendwie ähnlich aus. Das sieht man ja schon. Da entwickelt sich gerade eine Netflix-Sprache, was legitim ist, zumal sich die Geschichten erzählerisch auf sehr hohem Niveau bewegen, aber visuell wirkt einfach vieles sehr ähnlich. Gerade die True-Crime-Geschichten, auf die man auch bei Netflix noch massiv setzt, sind von der Optik und vom Storytelling her ziemlich verwechselbar.

MK: Was halten Sie von kuratierten Streaming-Angeboten wie MUBI?

Erik Winker: Ein großartiges Angebot, weil man da ein sehr schönes Umfeld hat. Da laufen auch einige unserer Filme. Aber erlöstechnisch fällt das kaum ins Gewicht. Da kommen dann vielleicht dreistellige Summen bei uns an. Trotzdem ist so eine Zweit- oder Drittverwertung natürlich gut, weil die Filme dann immerhin noch gesehen werden können.

MK: Überformatierte Dokumentationen im Fernsehen, ästhetische Vorgaben und asymmetrische Verhandlungen bei den Streamern – was wäre denn der Ausweg?

Erik Winker: Unsere öffentlich-rechtlichen Sender können auf eine lange Tradition des dokumentarischen Erzählens zurückblicken, denken Sie an die „Stuttgarter Schule“, an Hans-Dieter Grabe oder Klaus Wildenhahn. Das waren bahnbrechende Filme. Das Dokumentarische war einmal die DNA des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, sein Qualitätsmerkmal, und das könnte es wieder sein. Unsere große Hoffnung richtet sich deshalb heute auf die Mediatheken der Sender. Da ist eine viel größere Freiheit möglich, erzählerisch wie formattechnisch. Ob ein Film ins 45-Minuten-Schema passt, spielt da ja keine Rolle mehr. Ich hoffe wirklich, dass die Sender den Streamern mit den Mediatheken etwas Starkes entgegensetzen. Das kann aber nur funktionieren, wenn diese echte eigene Budgets bekommen. Statt kleine Beträge aus dem linearen Programm umzuschichten, braucht es Verantwortliche, die entscheiden, was für die Mediatheken entwickelt und auch finanziert wird. Die zentrale Frage ist die nach der Finanzierung, denn es ist ja nicht billiger, für die Mediathek zu produzieren.

Die falsche Richtung: Gleichbleibende Budgets, weniger Rechte

MK: Im Gegenteil, es könnte ja sogar teurer werden, wenn es etwa längere Vorhaltezeiten geben soll.

Erik Winker: Ja, das kostet im Grunde mehr, weil wir als Produzenten mehr Rechte abgeben. Es wird teurer, wenn die Catch-up-Zeit weiter anwächst. Sie liegt heute schon zwischen 30 und 90 Tagen. Ich hätte kein Problem damit, dass Filme lange in der Mediathek stehen, wenn es vernünftig bezahlt wird. Arte etwa zeigt Filme über YouTube europaweit und für 90 Tage, das muss natürlich anders berechnet werden als ein Film, der nur in Deutschland einen Monat zu sehen ist. Weil uns dann weniger Erlösmöglichkeiten bleiben. An die Total-Buy-out-Budgets der Streamer werden die Öffentlich-Rechtlichen sicher nie herankommen, aber in der letzten Zeit ging es eher in die falsche Richtung: Bei gleichbleibenden Budgets sollen immer mehr Rechte übertragen werden.

MK: Versuchen die immer noch üppig ausgestatteten Sender an dieser Stelle zu sparen oder verstehen sie den modernen Streaming-Markt einfach nicht?

Erik Winker: Meines Erachtens ist das alles noch nicht richtig geregelt, weil man in manchen Sendern teilweise noch mit dem Werkzeugkasten des Linearfernsehens unterwegs ist. Und es kommen ja auch noch ganz andere Fragen hinzu: Bei einem europaweit gezeigten Film fallen die Rechtekosten etwa für Archivmaterial, Bildrechte und Musik natürlich bedeutend viel höher aus als bei nur einem Territorium. Das muss alles einzeln geklärt werden. Bei unserem gescheiterten Netflix-Projekt war ein sehr großer Posten allein für die weltweite Rechteklärung vorgesehen. Das sind alles höchst komplexe Fragen rund um die Mediatheken, die es zu klären gilt. Wichtig ist zudem die Aufbereitung der Mediatheken – sie müssen klug kuratiert werden und vor allem personalisierbar sein, zum Beispiel eine Merkfunktion haben. Wenn ich einen Film unterbreche, muss ich beim nächsten Mal wieder dort einsteigen können wo ich zu sehen aufgehört hatte. Die Streamer haben da Standards gesetzt, hinter die kann man nicht mehr zurück.

MK: Glauben Sie denn wirklich, dass für die Mediatheken aufwendige künstlerische Dokumentarfilme beauftragt werden und nicht bloß halbstündige Doku-Reportagen?

Erik Winker: Das wäre natürlich wahnsinnig schade, wenn es da bloß reine Internet-Formate geben würde, die so auch auf YouTube laufen könnten. Dieser kurzatmige Content, mit dem man vermeintlich junge Zielgruppen erreichen will. Dann wäre tatsächlich eine riesige Chance vertan. Ich hoffe aber noch – und das tut wohl die gesamte Dokumentarfilm-Branche –, dass man hier hochwertig dokumentarisch wird arbeiten können. Die ARD-Programmreform verspicht jedenfalls eine Aufwertung des Dokumentarischen in der Mediathek, eine dokumentarische Serie plus ein langer Dokumentarfilm sollen pro Monat dort programmiert werden. Da mag auch der Druck der Streaming-Konkurrenten helfen, die ja vormachen, dass solche Inhalte gefragt sind.

31.12.2021/MK

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