Grenzen der Transparenz

Auch im Internet-Zeitalter hat das Geheimnis noch seine Berechtigung

Von Norbert Schneider
11.05.2012 •

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Das Transparenzversprechen gehört zu den großen Verheißungen der digitalen Welt. Es stimuliert die Hoffnungen auf eine herrschaftsfreie Kommunikation. Manche sprechen angesichts der Größe des Vorgangs gar von einer „zweiten Schöpfung“. Transparenz, wie sie durch digitale Medien zum ersten Mal in der Mediengeschichte möglich erscheint, schafft, verbunden auch mit Vorstellungen wie Partizipation und Ubiquität – so sagen es ihre Propheten – eine neue Freiheit. Sie wird nicht beschränkt und beschädigt von den (zumeist unsichtbaren) Akten und Eingriffen von Disziplinierungsagenturen und deren Personal, wie sie etwa Michel Foucault in der analogen Welt aufgespürt und analysiert hat.

Es ist nicht zuletzt diese neue Freiheit, die die Digitalisierung für junge Menschen so attraktiv macht, für jene Alterskohorten, die sich immer schon in ihren Spielräumen und Verhaltensweisen durch alle möglichen Begrenzungen der „Erwachsenen“ eingeschränkt gefühlt haben. Doch der Anspruch reicht weiter. Zum ersten Mal in der Kommunikationsgeschichte zeigt sich eine realisierbare Möglichkeit, Schutzbehauptungen zu entlarven, intransparente Hierarchien zu durchschauen, undurchsichtige Machkonstellationen wie die von Sender und Empfänger hinter sich zu lassen, die Annahme zu widerlegen, es gebe ein naturgegebenes Oben und Unten, die Verteilung von Macht und Ohnmacht sei kaum zu verändern, so wenig wie die von reich und arm. Dies alles mündet in die alte und immer wieder durch die Realität blamierte Idee von der Gleichheit aller Menschen. Doch nun ist dies zum ersten Mal nicht nur eine Idee, sondern kann endlich Wirklichkeit werden, wenn denn nur die Segnungen der neuen Technologien wahrgenommen werden und politisches Handeln sich von liebgewordenen Einstellungen und Verfahrensweisen verabschiedet. Wenn Transparenz durchgesetzt wird, gegen alle Widerstände.

Angesichts solcher Vorstellungen kann man nicht sagen, es gäbe heute keinen Geschmack für die Zukunft, keine Entwürfe, keine Visionen. Im Versprechen von Transparenz steckt nicht weniger als die Anzahlung auf eine neue, lebenswerte Welt, eine digitale Welt, in der einige gravierende analoge Mängel endlich durch den digitalen Überfluss abgelöst werden. Vieles könnte sich, wenn man der Transparenz nur Raum gibt, radikal erneuern, etwa die Verteilung der Güter, die Verfahren und Ziele der Erziehung oder auch der abgegriffene Gedanke der Demokratie. Wer außer eigenen Erfahrungen weitere empirische Belege für die zunehmende Attraktivität dieser Position sucht, der sei auf Phänomene wie die Anti-Copyright-Attacken, die Explosion der Social Networks, das Beschaffen von Beweisen bei aktuellen Skandalen, den kometenhaften Aufstieg der Piratenpartei oder auch die Post-Privacy-Bewegung mit ihrem Guru Jeff Jarvis, verwiesen. In alledem wirkt eine Transparenzvorstellung, die uneingeschränkt positiv gesehen wird und deren Anwendungsräume unbegrenzt sind.

Wer angesichts einer solchen Aura an dem Projekt einer unfassenden Transparenz auch nur vorsichtig Kritik äußert, riskiert einen Shitstorm. Er trifft auf den Hohn und die Verbitterung derer, die in Einwänden nichts anderes sehen können als sattsam bekannte reaktionäre Attitüden wie Besserwisserei, Bedenkenträgerei oder Technologiefeindlichkeit. Die Kritisierten wittern die Angst der analogen Eliten vor einem Kontroll- und damit einem Machtverlust. Doch gerade, wenn man im Transparenzpostulat einen wesentlichen Fortschritt für eine zeitgemäße Kommunikation und eine hierarchiearme, durch Gleichheit bestimmte Gesellschaft sieht, muss man diese Vision vor denen in Schutz nehmen, die sie – beflügelt vom Gedanken der Grenzenlosigkeit – am meisten erhoffen. Man endet, wenn man der Transparenz keine Grenzen setzt, leicht bei totalitären Zuständen.

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Transparenz ist als politisches Postulat ein Kind des 19. Jahrhunderts. Ihren Sitz im Leben hat sie im Gegenüber bzw. Gegeneinander von Staat und Bürgergesellschaft. Der Staat versteht sich als einzig legitimierte Kontrollinstanz des Bürgers. Aus seiner Sicht muss er den Bürger kontrollieren. Also muss er immer mehr über ihn wissen, von den ersten Daten zu Steuer oder Rekrutierung bis zum ausführlichen Zensus. Also hortet er Geheimnisse aus dem Privatleben der Bürger, die er dann zu Staatsgeheimnissen erklärt und von seinen Bürokraten, in schwerwiegenden Fällen von seinen Geheimdiensten bewachen lässt. Die Datenmenge, die inzwischen in den Arsenalen der Bürokratie lagert und gegen deren Veröffentlichung sich der Staat in Gestalt seiner Bürokraten vehement zur Wehr setzt, schürt zu Recht den Verdacht, dass Missbrauch mit diesen Daten getrieben werden könnte. Dass der unschöne, aber wichtige Begriff der informationellen Selbstbestimmung von den Richtern des Bundesverfassungsgerichts in den Rang eines Grundrechts erhoben werden musste (1983), ist ein Zeichen dafür, dass der Staat seine Absicht, über möglichst viele Daten seiner Bürger zu verfügen, mit den damals schon erkennbaren und praktizierten Möglichkeiten der Digitalisierung noch auszuweiten versucht. Ein Vorhaben wie die Vorratsdatenspeicherung ist das vorerst letzte Glied einer Kette, die dem Bürger unsichtbar um den Hals gelegt werden soll. (Das Bundesverfassungsgericht erklärte die deutschen Vorschriften zur Vorratsdatenspeicherung mit seinem Urteil vom 2. März 2010 für verfassungswidrig. Seither wird, auch durch die EU-Kommission forciert, um neue Formulierungen gerungen.)

Gegen solche Einschränkungen, Undurchsichtigkeiten und Übergriffe gewann und gewinnt der Transparenzgedanke seine so unverzichtbare wie aufklärerische Bedeutung – und seine Aura. Verbunden mit der und gestärkt durch die Karriere, die Öffentlichkeit (im Gegenüber zur Privatheit) ebenfalls seit der Mitte des 19. Jahrhunderts macht, bringt praktizierte Transparenz, zumeist unter dem Beifall der Gesellschaft, Licht in dunkle Machenschaften. Sie entlarvt – ein noch immer eindrückliches Beispiel ist die „’Spiegel’-Affäre“ aus dem Jahr 1961 – den Staat als den Krämer von Geheimnissen. Sie steht für praktizierten Bürgerschutz.

Doch nicht nur staatlichem Handeln gilt ihr Interesse. Sie will auch Licht in das Dunkel unternehmerischer Machenschaften bringen. Sie will dort unerlaubte Absprachen aufdecken, will Korruption an den Pranger stellen. Inzwischen ist, auch durch die Erfolge, so viel Druck entstanden, dass sich viele Unternehmen ostentativ mit Transparenzgeboten in ihren Unternehmenssatzungen schmücken – eine Vorsorglichkeit, für die der Medienjournalist Stefan Niggemeier nur Spott übrig hat: „Transparenz ist attraktiv. Deshalb spielen Unternehmen Transparenztheater.“(1)

Eine groteske Pointe des Transparenzgedankens in unternehmerischen Konzepten kann man darin sehen, dass Firmen wie Google einen Transparenzbericht publizieren müssen. Er soll dokumentieren, wer etwas über die Nutzer wissen wollte. Das sind dann freilich dieselben Nutzer, deren Daten Google zuvor ohne jedes Interesse an Transparenz (man weiß nicht, wie viele, von wem, man weiß nicht, wo und wie lange sie gelagert  und an wen sie verkauft werden)  gesammelt hat. Entsprechend skeptisch ist daher der Transparenzbericht 2011 aufgenommen worden, nicht zuletzt seiner offensichtlichen Lücken wegen.(2)

Dass staatliches wie unternehmerisches Handeln so transparent wie möglich sein sollte (wobei man bei allem Eifer auch für diese beiden Bereiche Grenzen setzen sollte), ist fraglos ein großer Fortschritt. Doch er sollte die Verfechter von Transparenz nicht übermütig und blind machen. Vor allem sollte dieser Erfolg nicht die Legitimation dafür liefern, dass mehr und mehr auch ein dritter Bereich in die Enthüllungsabsicht einbezogen wird: nämlich dass man, einmal auf den Geschmack gekommen, auch den „Privatmann“,  die privaten Räume, die Privatsphäre zum Operationsgebiet für Transparenzabsichten erklärt. Doch genau dies geschieht. In ihrem Drang, dunkle Machenschaften zu belichten, greift die Idee der Transparenz immer häufiger auch auf die Privatsphäre zu. Sie ignoriert dabei die fundamentale Differenz zwischen der Transparenz von Institutionen und Personen.

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Begonnen hat diese Ausweitung nicht erst mit der Digitalisierung, sondern schon mit dem Aufkommen der analogen Massenmedien. Deren Ziel, das Publikum zu unterhalten, begünstigte alle Vorhaben, das schon immer besonders Unterhaltsame, das bisher verborgene Private für die Befriedigung dieses Bedürfnisses „anzuschaffen“. Die Massenmedien sind nach und nach zu Orten geworden, an denen sich nicht nur Prominente, sondern auch bis dahin unbekannte Privatleute – um Aufmerksamkeit zu erregen, um Geld zu verdienen, um sich besser zu fühlen oder auch um eine Botschaft loszuwerden – vor den Augen unzähliger Menschen entblößen, entäußern, outen. Je stärker ein Medium auf Unterhaltsamkeit als erstes Programmziel setzt und sich dabei der bewährten Mittel des Boulevards, des Sensationalismus oder auch nur einer permanenten Personalisierung bedient, desto mehr tastet sich dieses Medium in den Intimbereich vor. Es lüftet Geheimnisse zum Gaudium seines Publikums. Im Zweifel mit Hilfe der Betroffenen. Und die Aufsicht runzelt die Stirn – und schweigt.

Man kann mit Blick etwa auf Talkshows und deren jüngste Tochter, die Reality-Show, von einem medial stimulierten Beichtzwang sprechen. Privates wird als Stoff der Unterhaltung öffentlich  und damit verbrannt. Denn es bleibt jetzt nicht mehr unter Zweien. Die Motive für diese Öffnung der Privatsphäre mögen sehr verschiedene (gewesen) sein – die Tauschformel heißt stets: Privatheit gegen Aufmerksamkeit, ein Handel, den man denen, die ihn wissentlich und willentlich betreiben, solange nicht verwehren kann, als sie damit nicht die Geheimnisse Dritter gegen deren Willen preisgeben. Das geschieht freilich oft genug, weil auf diese Weise so etwas wie ein Doppelverrat entsteht. Den zu beobachten hat auf das Publikum schon immer einen besonderen Reiz ausgeübt.

Gelegentlich scheint es so, als gäbe es für diesen Blick durchs Schlüsselloch keine Grenzen. Doch der Schein trügt, wohl auch, weil sie weit gezogen sind und daher die Aufsicht zu Unrecht oft alt aussehen, wenn Programme auf massiven öffentlichen Protest treffen. Die Presse- und Rundfunkfreiheit deckt ihren Mantel über vieles. Doch nicht über alles. Bis heute gilt etwa, dass das Sterben eines Menschen in Deutschland nicht öffentlich (durch Massenmedien verbreitet) gezeigt werden darf, weil dies, selbst bei Einwilligung des Betroffenen, eine Verletzung der Würde dieses Menschen wäre – ein Beispiel, das die Probleme für die praktische Anwendung von Artikel 1 des Grundgesetzes, Satz 1 und 2, zeigt.

Doch auch solche Begrenzungen im Bereich der analogen Kommunikation verlieren in der digitalen Kommunikation weiter an Bedeutung, weil der Schutz des Privaten nicht mehr selbstverständlich, sondern aufgrund der technologischen Möglichkeiten, die ihrerseits dem Transparenzgedanken neue Kraft verleihen, das Private überwiegend schutzlos dem Auge und dem Gebrauch Dritter ausgesetzt ist. Auch Eigentumsdelikte im Kontext des Urheberrechts sind Einbrüche ins Private. Ein Indiz für den aktuellen Trend ist, dass Geheimnissen, die ein Mensch mit sich herumträgt, immer mehr die Anerkennung verweigert wird. Wer Geheimnisse hat, verbirgt etwas und muss damit rechnen, deshalb diskriminiert zu werden – eine Haltung, die auch vor absurden Postulaten nicht zurückschreckt. Die Aufklärung simulierende Parole heißt: „Ergebt euch!, rufen die Post-Privacy- und Post-Copyright-Verfechter neuerdings immer lauter. Denn der Kampf gegen Naturgewalten ist wie der gegen Windmühlen: zwecklos. Es drängt sowieso alles zur Sonne, ans grelle YouTube-Licht. Und wehe, ihr versucht das zu kontrollieren, regulieren, kanalisieren. So, und jetzt zeigt uns endlich den erschossenen Kopf von Osama Bin Laden. Früher oder später leakt es sowieso.“(3)

Dabei mag man sich über die Legitimation für Google Street View noch mit jeweils guten Gründen streiten. Eine echte Bedrohung der Privatheit sind diese Fotosafaris kaum, eher ein Lackmustest auf die Sensibilität der Bürger. Problematischer ist da schon die Absicht, alle Krankendaten auf einen Chip zu laden. Problematischer ist, den Wohnort ehemals Krimineller im Netz identifizierbar zu machen. Oder bereits die Identität von Verdächtigen am digitalen Pranger des Netzes zu plakatieren. Bedrohlich ist die Kompetenz von solchen Digitalexperten, die man fast zärtlich nur Hacker nennt. Sie können es sich erlauben, sich über die informationelle Selbstbestimmung des Bürgers im Zweifel totzulachen. In all diesen und weiteren Beispielen wirkt sich eine Vorstellung von und ein Wille zu schrankenloser Transparenz aus.

Noch publiziert Wikileaks vor allem staatliche Dokumente. Aber die Frage ist, ob es dabei bleiben wird. Zu befürchten ist, dass das grenzenlose Unterhaltungsbedürfnis des Publikums – unter dem Vorwand, man enthülle ja nur –dazu führen wird, dass die Privatsphäre im Unterschied zu analogen Zeiten für Neugierige unbegrenzt zum Steinbruch für unterhaltsame Enthüllungen gemacht wird. Die bei Wikileaks publizierten Akten aus US-Botschaften waren zwar staatliche Dokumente, doch sie bedienten bereits jene Schadenfreude des Publikums, die in vielen Unterhaltungsangeboten das Salz in der Suppe sind. Die Post-Privacy-Bewegung ebnet den Unterschied zwischen privater und öffentlicher Person vollends ein. Für sie wäre diese Unterscheidung das größte Hindernis auf dem Wege zu dem, was sie unter Freiheit versteht. In der „Internet-Charta“ vom 30. März 2010 heißt es unter Paragraph VIII: „Was öffentlich ist, ist ein öffentliches Gut. Das Netz ist öffentlich; es ist ein tatsächlich öffentlicher Raum (viel mehr als ein Trägermedium). In dem Drang, die Privatsphäre zu schützen, müssen wir uns der Gefahr bewusst sein, die Definition der Öffentlichkeit nicht zu beschränken. Was öffentlich ist, gehört auch der Öffentlichkeit. Der Versuch, solche Dinge als privat oder geheim zu deklarieren, unterstützt Korruption und Tyrannei.“

Aber was, wenn das öffentliche Netz voller Privatheiten, voll von Privateigentum ist, das den Eigentümern nebenbei abhanden kam oder ihnen entwendet worden ist?

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In dem zunächst plausiblen Drang, das Dunkle aufzuhellen, wird übersehen: Nicht in jeder Dunkelheit steckt auch eine Machenschaft. Aber wo verläuft dann die Grenze? Auch in der digitalen Welt verläuft sie in der Grauzone zwischen privat und öffentlich. Wo genau – das hängt auch davon ab, was die Einzelnen preisgeben wollen und was nicht. Das steht nie ein- für allemal fest. Es muss immer wieder ausgehandelt, es kann nicht dekretiert und es kann auch nicht durch öffentlichen Druck entwendet werden. Eine definitive Grenze sollte man allerdings dort setzen, wo die Geheimnisse eines Menschen – sein personaler Kern, seine Einmaligkeit – ausgeforscht werden sollen. Wo in Frage gestellt wird, ob der Mensch überhaupt Geheimnisse braucht (oder haben darf).

Denn was immer das Geheimnis sonst noch sein mag – es ist ein zunächst unberührbares Stück persönliches Eigentum, auf das man zwar jederzeit verzichten, das dem Menschen aber gegen seinen Willen niemand nehmen kann. Spätestens am Umgang mit dem Geheimnis lässt sich erkennen, welche Wertschätzung oder auch welche Missachtung der privaten Sphäre im Interesse von Transparenz und Öffentlichkeit für das Zusammenleben Einzelner zugesprochen wird.

Jeder Mensch hat Geheimnisse, die ihn, für Dritte unbemerkbar, sogar beherrschen können. Etwa das Geheimnis einer Schuld, von der im Zweifel nur der weiß, der sie auf sich geladen hat. Manche Menschen wollen ihre Geheimnisse um jeden Preis – in bestimmten Fällen selbst unter Androhung der Folter – bewahren. Andere wiederum wollen sie unbedingt loswerden, sei es, weil sie mit einem Geheimnis nicht länger leben können, sei es, weil sie sich dadurch interessant machen wollen. Beide Male ist dies eine autonome Entscheidung des Einzelnen. Einerseits drängen manche Geheimnisse darauf, gelüftet zu werden. Andererseits wäre das Ende für das Geheimnis – eine Welt, in der es überflüssig geworden ist – auch das Ende eines bestimmten Menschenbildes, zu dessen Rahmen unabdingbar private Räume gehören, in denen Geheimnisse ihren Platz finden.

Nicht zuletzt im Licht des massenmedial induzierten Geheimnisverrats wird deutlich, dass die Vorstellung von einem Menschen mit Geheimnissen sich von der eines geheimnisfreien Menschen fundamental unterscheidet. Viel spricht dafür, dass „erst das Geheimnis […] Individualität“ ermöglicht: Eigenart durch eine ganz besondere Art von Eigentum, das man mit niemandem teilen möchte, einem Eigentum, auf das nur das Individuum einen unmittelbaren Zugriff hat. So argumentiert zum Beispiel der investigative Journalist Hans Leyendecker, ein Fachmann für bestimmte unternehmerische Geheimnisse.(4) Als professionell an Transparenz interessierter Journalist plädiert er gleichwohl für den Schutz der Privatheit und damit genau für die Auffassung, die derzeit ums Überleben kämpfen muss, weil die Grenze zwischen privat und öffentlich unter dem Druck digitaler Praktiken massiv zu Ungunsten des Privaten verschoben wird.

Lange Zeit war ein bevorzugter Ort für bestimmte Geheimnissen der Beichtstuhl. Doch auch im Sündenbekenntnis blieb das Geheimnis immer noch privat, intransparent, unter einem Gott und zwei Menschen. Das war es auch, was dem Sünder die Beichte leichter machen sollte: dass er sein Geheimnis zwar teilen und mitteilen konnte, aber nicht (mit) allen. Er konnte sich darauf verlassen, dass sein Geheimnis dieses Dreieck nicht verlassen würde, weil es ein sogar rechtlich geschütztes Beichtgeheimnis gibt. Der Beichtstuhl wird später teilweise von den Praxen der Therapeuten abgelöst. Auch dort blieb die Diskretion ein Merkmal der Kommunikation, ja, schon das Faktum einer Therapie war geheim, wofür man ein schönes Beispiel in der „etwas anderen“ US-Familienserie „Die Sopranos“ findet: Als geraunt wird, dass Tony Soprano sich therapieren lasse, muss er sich nicht nur um sein Ansehen als Oberhaupt der „Familie“ schwere Sorgen machen, er muss vor allem die undichte Stelle finden.

Das Geheimnis ist ein Unterfall des Verborgenen. Es ist für Hannah Arendt ein Kernbereich des Privaten. „Das zweite, wesentlich nicht-privative Merkmal des Privaten hat mit seiner Verborgenheit zu tun, damit, dass die eigenen vier Wände der einzige Ort sind, an den wir uns von der Welt zurückziehen können [...] von ihrer Öffentlichkeit, von ihrem Gesehen- und Gehörtwerden.“(5) Zum Verborgenen zählen schon immer „alle körperlichen Funktionen .., all das, wozu der Lebensprozeß unmittelbar nötigt“.(6) Zum Verborgenen gehört die individuell gelebte Sexualität (allerdings einmal mehr, einmal weniger). Zu dem, was vor beliebigen Dritten unsichtbar gehalten werden soll, was im Oikos stattfinden soll, gehör(t)en nicht zuletzt Geburt und Tod. Daran ändert die Digitalisierung nichts. Das bleibt als der analoge Einwand.

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Es gibt drei Zielvorstellungen, die auf die Privatsphäre im Allgemeinen und das Geheimnis im Besonderen zielen – um sie auszubeuten, um sie zu lüften. Die erste entspringt der Absicht zu unterhalten. Ihre Grenzen liegen nicht ein- für allemal fest. Sie werden im gesellschaftlichen Diskurs immer neu ermittelt werden müssen – am Ende, indem man auf die Präambel des Grundgesetzes referiert. Es gilt: Zwar ist die Privatsphäre jederzeit bedroht, aber sie ist nicht schutzlos.

Die zweite Zielvorstellung fühlt sich dem unbeschränkten Willen zur Aufklärung verpflichtet. Doch gerade auch für sie gibt es Grenzen. Weniger ist fast immer mehr. Es muss nicht alles transparent sein, damit das Transparenzversprechen gehalten wird. So bedeutend Transparenz auch ist, sie muss sowohl ganz praktische Grenzen für das Enthüllen von allem und jedem beachten als auch die schutzwürdige Privatheit eines Menschen, sein Streben nach einer autonomen Lebensführung. Sie muss auf jeden Fall das Geheimnis achten und leben lassen. Ohne solche Selbstbeschränkungen droht jene Tyrannei der Transparenz, deren Profil sich in manchen Äußerungen von indolenten Internet-Avantgardisten und ihrer Enthüllungswut abzeichnet.

Es gibt freilich noch eine dritte, in jeder Hinsicht neue Absicht: sich der privaten Daten und damit all dessen zu bemächtigen, was ein Mensch bisher geheim halten konnte, seiner Vorlieben, seiner Begierden, seiner Vorbilder – und zwar ohne jede Zustimmung des Betroffenen. Die entprivatisierten Daten eines Menschen werden zunächst geheim gesammelt und geheim gehalten, bevor sie verkauft und damit Dritten zugänglich gemacht werden. Damit sind sie öffentlich. Daraus wird zwar keine Tyrannei, die den Einzelnen vor Dritten bloßstellen möchte. Daraus wird – nur – ein Geschäft.

Diese Entprivatisierung ist eine völlig neue Art der Enteignung, gegen die, wie auch sonst, wenn es um den Schutz von Eigentum geht, nur gesetzliche Maßnahmen etwas ausrichten können. Der Gesetzgeber sollte sich von dem Hinweis, er vergehe sich damit am Versprechen der Transparenz, nicht beeindrucken lassen. Er ist den Werten verpflichtet, die sich eine Gesellschaft leisten möchte, bestimmten an Werte gebundenen anthropologischen Vorstellungen, einem bestimmten Bild vom Menschen. Solche Werte begrenzen auch die Transparenz. Es ist – unter anderem – der Mensch, der Geheimnisse haben und behalten darf und der, damit ihm dieses Recht erhalten bleibt, heute besonderen Schutz braucht. Mit der Behauptung, wer Geheimnisse habe, habe etwas zu verbergen, wird er grundlos diskriminiert. Man treibt mit dem wichtigen Begriff der Transparenz Schindluder, wenn man unter dem Vorwand, man müsse aufklären, private Geheimnisse lüftet, die, außer den Unterhaltungsbedürfnissen des Publikums zu dienen, keinerlei Bedeutung für die Öffentlichkeit, aber große Bedeutung für das private Leben eines Menschen haben. Es ist danach zerstört.

Transparenz ist kein Zweck an sich. Wer die Vorstellung von Transparenz hochhält, muss klarmachen, mit welchem Ziel er das verbindet. Es macht keinen Sinn, dass am Ende alles offen zu Tage liegt, so dass alle, je auf ihre Weise und für ihre Interessen, etwas davon haben – bis auf den dann transparenten Menschen selbst, der in dieser gläsernen Klarheit zerbricht.

• Norbert Schneider, 71, war von 1993 bis 2010 Direktor der in Düsseldorf ansässigen Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). In Kürze erscheint von ihm im Vistas-Verlag im Rahmen der Publikationsreihe der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) das Buch „Autonomie und Transparenz – Privatsphäre und öffentlicher Raum im Zeitalter der Digitalisierung. Ein Zwischenbericht“.

Fußnoten

1  Stefan Niggemeier: Fetisch Transparenz, in: „Der Spiegel“, Nr. 43 vom 24.11.11, S. 68

2  vgl. hierzu etwa Jan Wiele: Sie verraten alles, nur keine Geheimnisse, in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 27.10.11, S. 35

3  Astrid Herbold: „Es leckt. Warum das Internet alles ans Licht bringt“, in: „Der Tagesspiegel“ vom 12.5.11, S. 27

4  Hans Leyendecker: Verrat am Verrat, in: „Süddeutsche Zeitung“, 4./5.12.10, Wochenendbeilage, S. 1

5  Hannah Ahrendt:  Vita activa oder Vom tätigen Leben, Stuttgart, 1960, S. 68

6  Ebd. S. 71

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• Text aus Heft Nr. 19/12 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

11.05.2012/MK

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