Gekonnt, gewagt und sträflich übersehen

Ideenschmiede: Ein Blick auf das Fernsehserien-Schaffen in Großbritannien

Von Harald Keller
19.02.2019 •

Fernsehserien bleiben ein beliebtes Thema auf Medienseiten und in Feuilletons sowie vielerorts im Web. Dabei liegt das Augenmerk auf Serien aus US-amerikanischer Produktion oder auf solchen, die in anderen Ländern hergestellt und von US-amerikanischen Konzernen wie den Streaming-Anbietern Netflix und Amazon weltweit vermarktet werden. Das US-Serienschaffen dient vielen Rezensenten als Bezugswert, wenn sie programmhistorische Verläufe ansprechen und daraus Qualitätskriterien für die Gegenwart ableiten. Fehlannahmen ergeben sich dann beispielsweise aus dem Umstand, dass längst nicht alle US-Serien im deutschen Sprachraum zu sehen waren oder aber von der Kritik bei der Erstausstrahlung nicht wahrgenommen wurden. Problematisch auch, dass bei etlichen heute noch bekannten Serien Episoden ausgelassen, gekürzt oder auch verfälschend synchronisiert wurden – ein untaugliches Referenzmaterial.

Fernsehideen entstehen nicht nur in den USA. Sie werden global gehandelt. Mit konkreten Auswirkungen. Die dänische Politserie „Borgen“ (2010 bis 2013), in Deutschland unter dem Titel „Gefährliche Seilschaften“ bei Arte zu sehen, wurde kritikerseits als bahnbrechend gefeiert, hatte aber 2002 mit der niederländischen Produktion „Mevrouw de minister“ (für den Fernsehsender VPRO) einen inhaltlich erkennbar verwandten Vorgänger. Der Dreiteiler von Frank Ketelaar war seinerzeit in der „Top-Ten“-Reihe der Cologne Conference und im Rahmen weiterer Fernsehfestivals aufgeführt worden, also unter europäischen Fernsehschaffenden wohl bekannt.

Die „Witwen“-Macherin

Offensichtlicher als solche Zusammenhänge sind die nicht zuletzt sprachlich bedingten engen Verschränkungen zwischen dem US-amerikanischen und dem britischen Fernsehmarkt. Seit den 1960er Jahren gibt es Koproduktionen zwischen den Ländern wie beispielsweise die Serie „The Persuaders“ (ITV/ABC 1971) mit Roger Moore und Tony Curtis, die in Deutschland unter dem Titel „Die 2“ im ZDF lief. Unzählige britische TV-Serien wurden in den USA adaptiert. Dafür ist das Remake von „House of Cards“ (ab 2013, in Deutschland bei Sat 1 und Pro Sieben Maxx), das weiterhin fälschlicherweise Netflix zugeschrieben wird, aber von der unabhängigen US-Produktionsfirma Media Rights Capital entwickelt als fertiges ‘Paket’ auf den Markt gebracht und von Netflix angekauft wurde (vgl. hierzu FK-Heft Nr. 31/13), nur eines von vielen Beispielen.

Andere britische Mehrteiler dienten Hollywood als Vorlagen für Kinoproduktionen. Der brisante sechsteilige Politthriller „The Edge of Darkness“ aus dem Jahr 1985 (in Deutschland unter dem Titel „Die Plutonium-Affäre“ im Ersten) wurde 2010 zu einem robusten Mel-Gibson-Kinofilm, in Deutschland unter dem Titel „Auftrag Rache“ gezeigt. Russell Crowe, Rachel McAdams und Ben Affleck waren die Hauptdarsteller der Hollywood-Adaption des britischen Sechsteilers „State of Play“ (2003; in Deutschland „Mord auf Seite 1“, Arte).

Ein aktuelles Beispiel ist das britisch-amerikanische Krimidrama „Widows“ (2018). Das von Gillian Flynn und Regisseur Steve McQueen verfasste Skript fußt auf dem gleichnamigen britischen TV-Sechsteiler aus dem Jahr 1983. Seit der Erstausstrahlung (bei ITV) hat es ersichtlich Fortschritte bei den Aufnahme- und Erzähltechniken serieller Fernseherzählungen gegeben, eine Bewertung der Serie muss jedoch selbstredend im zeitgeschichtlichen Kontext erfolgen.

Inhaltlich bleibt „Widows“ ein Meilenstein. Die Drehbücher sämtlicher Episoden stammten von der früheren Schauspielerin Lynda La Plante, die in Linda Agran von der innovativen britischen Produktionsfirma Euston Films eine mutige Produzentin fand. Denn La Plante war als Autorin noch wenig erfahren, ihr Konzept unkonventionell und gewagt: Die Hauptfiguren der Serie waren vier aus unterschiedlichen Milieus stammende Witwen von Berufsverbrechern, die nach dem gewaltsamen Tod ihrer Ehemänner deren misslungenen Raubzug zu wiederholen gedachten. Und, Achtung, eine spielverderberische Vorwegnahme: Die von Rückschlägen geprägten, unter den Augen der Polizei verrichteten Bemühungen wurden belohnt. Ein Verstoß gegen die bis dahin im britischen Fernsehen geltende Regel, dass sich ein Verbrechen in Fernsehspielen niemals auszahlen darf.

„Widows“ war ein Krimi und zugleich eine Reflexion über die Zwänge und Rollenvorgaben, denen sich Frauen in der britischen Gesellschaft ausgesetzt sahen. Die Serie wurde ein Publikumsrenner und in zwei Staffeln weitergeführt. Für Lynda La Plante erst der Anfang: Sie konzipierte weitere Erfolgsserien wie „Prime Suspect“ (ITV 1991 bis 2006; in Deutschland „Heißer Verdacht“, ARD) mit Helen Mirren und „Trial & Retribution“ (ITV 1997 bis 2009; in Deutschland „Der Preis des Verbrechens“, Arte/ZDF). Hier zeigt sich eine andere Art von Einfluss auf US-amerikanische Serienproduktionen: Signifikantes Merkmal von „Trial & Retribution“ war die seit den 1960er Jahren bekannte, in Bildschirmproduktionen vordem selten angewandte, hier nun aber besonders ausgefeilt genutzte Splitscreen-Technik. 

Wie Splitscreen bei „24“ landete

Auch in den USA stieß dieses Verfahren auf Interesse. Auf Anfrage der MK bestätigt Lynda La Plante, die mittlerweile ein eigenes Unternehmen besitzt: „Ich bekam einen Anruf von einer US-Produktionsfirma. Man wollte wissen, wie ich bei den Splitscreens vorgegangen war. Ich hatte das große Glück, eng mit der fantastischen Regisseurin Aisling Walsh zusammenarbeiten zu können, als wir herauszufinden versuchten, wie viele Splitscreens den besten Effekt bringen würden, wobei wir mit Rechtecken und Quadraten experimentierten. Von Nick Elliott, dem damaligen Leiter der Drama-Abteilung bei ITV, kam der Einwand, dass die meisten Zuschauer nur einen Fernseher mit kleiner Mattscheibe besäßen. Ich sah da kein Problem. Ich war der Meinung, dass die Splitscreens nicht irritieren, sondern vielmehr das Erzähltempo beschleunigen. Es nimmt beispielsweise viel Zeit in Anspruch, wenn man zeigen möchte, wie in einem kriminaltechnischen Labor ein einzelnes Haar untersucht wird. Die Splitscreens boten mir die Möglichkeit, parallel zu den forensischen Ermittlungen den dramatischen Hintergrund weiterzuführen. Wer immer mich damals kontaktiert hat, bat jedenfalls darum, etwas von dem aufgenommenen Material sehen zu dürfen.“

Die US-Produzenten – beteiligt waren unter anderem 20thCentury Fox Television und Brian Grazers und Ron Howards Imagine Entertainment – planten die Echtzeitserie „24“. Und ihnen gefiel, was sie sahen: Einige Einstellungen aus „Trial & Retribution“ wurden beinahe eins zu eins in die erste Staffel von „24“ (Fox, 2001 bis 2014; in Deutschland anfangs bei RTL 2) übernommen; die Machart prägte letztlich die gesamte Serie.

Einfallsreichtum und Innovationskraft der britischen Fernsehschaffenden haben seither nicht abgenommen. Im Folgenden einige Beispiele aus jüngerer Produktion, die im Rahmen der deutschen Rezeption bislang kaum oder gar nicht beachtet wurden.

Spannungsfelder internationaler Politik

Zu den selten angesprochenen Praktiken des Streaming-Anbieters Netflix gehört es, andernorts entstandenes Know-how zu kannibalisieren. Das zeigt sich einmal mehr bei der Serie „Black Earth Rising“. Der Achtteiler entstand als Koproduktion von BBC und Netflix – dort ist sie seit Januar 2019 verfügbar – und zählt zu den besten Serien des Jahrgangs 2018. Geschrieben, inszeniert und produziert wurde sie von Hugo Blick. Ein Name, der Aufmerksamkeit verdient. Zuvor hatte Blick unter anderem auf sich aufmerksam gemacht mit „The Shadow Line“ (BBC 2011; in Deutschland bei RTL Crime zu sehen, aktuell bei iTunes abrufbar). „The Shadow Line“ ist eine Kriminalserie, die bereits Blicks typische Handschrift zeigt: Er nutzt bekannte Genremuster, verstößt aber immer wieder gezielt gegen die Erwartungen des Publikums. Kaum meint man als Zuschauer, den Drahtzieher trüber Machenschaften ausgemacht zu haben, wird dieser unerwartet ermordet. In einer Situation, die auf etwas völlig anderes hinauszulaufen schien.

Zugleich versteht es Blick, facettenreiche Charaktere zu entwerfen, die er als Regisseur mit exzellenten Schauspielern so präzise wie subtil in Szene setzt. Als Autor wagt sich Blick an Themen von höchster Brisanz. „The Honourable Woman“ (BBC/Sundance TV 2014; in Deutschland bei diversen Streaming-Anbietern) mit Maggie Gyllenhaal verhandelte im Thrillergewand das komplizierte Verhältnis von Israelis und Palästinensern und schloss europäische, speziell die britischen Sichtweisen und Interessen auf kritische Weise mit ein. 

In ähnlicher Form erzählt Blick in „Black Earth Rising“ von den mörderischen Konflikten zwischen den ruandischen Volksstämmen der Hutu und Tutsi, die oft mit rassistischen Untertönen als innerafrikanische Stammesfehden hingestellt werden. Zum Auftakt erscheint die Serie wie ein Gerichtsdrama: Eve Ashby (Harriet Walter), Anklägerin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, will dem ruandischen Kriegsverbrecher Simon Nyamoya (Danny Sapani) den Prozess machen. Die Handlung nimmt, typisch für diesen Autor, der selbst auch als Schauspieler zu sehen ist, dann einen ganz anderen Verlauf. Hugo Blick seziert und unterläuft hier – die Anfangssequenz deutet es schon an – den kolonialen europäischen Blick auf Afrika. Nicht zuletzt entlarvt er die von Europa, aber auch von den USA ausgehende wirtschaftliche Ausbeutung des afrikanischen Kontinents.

„Black Earth Rising“ wäre schon allein des Themas wegen bemerkenswert und ist zudem meisterlich inszeniert. Blick findet symbolstarke, dabei nie aufdringliche Bilder, wenn zum Beispiel weiße Protagonisten als Silhouetten vor hellem Hintergrund gezeigt und damit plötzlich schwarz werden. Auf musikalische Untermalung verzichtet er weitgehend, betont stattdessen die Geräusche, denen vielfach erzählerische oder kommentierende Funktion zukommt. Und auch in dieser Produktion ist das Publikum dank Blicks erzählerischem Geschick ganz nah bei den Figuren. Mit dem Effekt, dass er mit kleinsten Irritationen für spannende Momente sorgen kann – da genügen zwei Schrauben auf dem Boden des Badezimmers, wo sie nicht hingehören, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln. Eine Serienproduktion erster Güte.

Die Quelle der Gewalt

Eine ebenfalls politische, sehr provokante Serie ist „Guerrilla“ (Sky Großbritannien 2017), besetzt mit Stars wie Freida Pinto und Idris Elba. Eine Kühnheit besonders aus deutscher Warte: Der vierten Episode des Sechsteilers wurde ein Zitat der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof vorangestellt. Deutsche Terroristen sind es, die auf der Handlungsebene dieser Serie der Stadtguerilla „British Black Panthers“ in den 1970er Jahren helfen, sich zu organisieren und zu bewaffnen. Der afroamerikanische Autor, Produzent und Regisseur John Ridley entwirft in „Guerrilla“ ein differenziertes Bild von den Gewalttätern, entschuldigt ihre Taten nicht, benennt aber deren Ursachen. Ausgelöst werden sie durch den aggressiven Rassismus der britischen Behörden. Um einen populären schwarzen Bürgerrechtler auszuschalten, schleust die politische Polizei einen Agent Provocateur in eine friedliche Demonstration ein. Der Mann wirft den ersten Stein, stachelt andere an. Ausgewählte Polizisten lauern auf die Eskalation und nutzen sie, um den Schwarzenführer zu Tode zu prügeln. Die bittere Pointe: Das Opfer hatte an der Spitze der Protestierer die Gewalt einzudämmen versucht.

Seine Anhänger durchschauen das Komplott. Eine kleine Gruppe radikalisiert sich, zunächst zögerlich. Nach dem ersten Mord, der noch im Affekt geschieht, gibt es kein Zurück mehr. „Guerrilla“ führt am Beispiel einiger Individuen vor Augen, wie Militanz als Reaktion auf Unterdrückung und Willkür entsteht. Die Ereignisse werden nach den Gesetzen der Fernsehserie angeordnet, basieren aber auf historischen Tatsachen. Beteiligte Personen dienten der Produktion als Berater. „Guerrilla“ führt in die Vergangenheit, lässt dabei aber ganz andere Ambitionen erkennen als etwa das ziellos durch die 1980er mäandernde deutsche Agentenmärchen „Deutschland 83“ (RTL vgl. MK-Kritik) oder harmlose nostalgische Epen wie der ZDF-Dreiteiler „Ku’damm 56“ (vgl. MK-Kritik). Die Serie „Guerrilla“, bei der während der Produktionsvorbereitungen der US-Abonnement-Sender Showtime als Kofinanzier einstieg, erinnert an ein unrühmliches Kapitel der britischen Geschichte. Und richtet sich damit auch auf die Gegenwart.

Die fehlende dritte Staffel

Zwei Staffeln der ITV-Produktion „Broadchurch“ wurden hierzulande im ZDF ausgestrahlt und haben Spuren hinterlassen. Die zweiteilige ZDF-Eigenproduktion „Tod eines Mädchens“ (vgl. MK-Kritik) war der ersten Staffel des britischen Serie inhaltlich und inszenatorisch so nahe, dass man füglich von einem Plagiat sprechen kann. Die dritte und abschließende „Broadchurch“-Staffel aus dem Jahr 2017 ist dagegen bislang nur bei diversen Streaming-Portalen verfügbar. In diesem Zyklus geht es einmal nicht um Mord, sondern um eine Vergewaltigung. Ausgesprochen ernsthaft, das Gewicht, wie häufig in britischen Krimiserien – siehe „Five Days“ (BBC/HBO 2007), „Glue“ (E4 2014; in Deutschland bei Nickelodeon) und „The Missing“ (BBC/Starz 2014 bis 2016; in Deutschland unter dem Titel „The Missing – Wo ist Oliver?“ im ZDF und bei ZDFneo) –, auf die dramatischen Begleitumstände des Verbrechens gelegt, bringen in „Broadchurch“ der Autor Chris Chibnall, die beteiligten Regisseure und vorneweg die Hauptdarstellerin Julie Hesmondhalgh der Zuschauerschaft nahe, was sexuelle Gewalt für das Opfer und dessen Umfeld bedeutet. Die österreichische Drehbuchautorin Sarah Wassermair („Janus“) kommentierte in einer Facebook-Diskussion sehr treffend: „Die dritte Staffel ist die mit Abstand beste Aufarbeitung einer Vergewaltigung, die ich bisher in einem fiktiven Medium gesehen habe – ganz beim Trauma und dem Ins-Leben-Zurückfinden des Opfers, ganz, ganz weit weg von jedem Voyeurismus. Ganz, ganz groß.“

Beschämenderweise hat das ZDF mit der Eigenproduktion „Parfum“ (vgl. MK-Kritik) so ziemlich das Gegenteil dessen zustande gebracht. Ob das ZDF „Broadchurch 3“ noch ins Programm nehmen wird, konnte seitens des Senders urlaubsbedingt nicht bis MK-Redaktionsschluss beantwortet werden.

Eine Familienserie

Ein grassierender Irrtum im Rezensionswesen besteht in der Annahme, dass für eine Qualitätsproduktion zwingend große Budgets nötig seien. Unter anderem Produzenten des winzigen Fernsehlandes Israel beweisen mit Formatideen wie „BeTipul“ (2005), der Vorlage für die HBO-Serie „In Treatment“ (2008; in Deutschland bei 3sat), und „Hatufim“ (2010, hierzulande bei Arte), Vorlage für „Homeland“ (Showtime, seit 2011; in Deutschland unter anderem bei Sat 1), dass auch mit kleinem Etat fesselnde TV-Mythologien geschaffen werden können. 

Ebenfalls aus Israel stammt „Yellow Peppers“ (2010), von der BBC adaptiert und ab 2016 in zwei sechsteiligen Staffeln unter dem Titel „The A Word“ ausgestrahlt. Im Genregefäß einer Familienserie erzählen Konzeptautorin Keren Margalit und der britische Bearbeiter Peter Bowker, der eigene Erfahrungen in das Skript einbrachte, von einem Elternpaar, das nach und nach akzeptieren muss, dass der gemeinsame Sohn Joe (Max Vento) an Autismus – dies ist das tunlichst vermiedene „A-Wort“ – leidet. Die Schulbildung des Jungen muss neu geplant werden, sein unberechenbares Verhalten verändert den Alltag. 

Regisseur Paul Cattaneo („The Full Monty“, deutscher Titel: „Ganz oder gar nicht“) setzt die nachvollziehbare Geschichte ohne überbordende Theatralik um, vielmehr authentisch, einmal mehr mit exzellenten Schauspielerleistungen und bei aller Dramatik mit sporadisch eingestreutem trockenem Humor, der die von realistischen Sorgen und Nöten geplagten Figuren nie bloßstellt. Der Running-Gag zu Beginn jeder Episode – der abgängige Joe wird von Freunden der Familie auf einer einsamen Landstraße aufgegabelt – wirkt wie eine Einladung, der zu folgen man in diesem Fall nie bereut.

Von Deutschland aus müsste man gar nicht in andere Länder schauen, um solche Serienideen zu entwickeln: 1974 zeigte das ZDF die Serie „Unser Walter“ (vgl. FK-Heft Nr. 49/74) über eine Familie, die erfährt, dass der Sohn mit dem Down-Syndrom zur Welt kam. In sieben Episoden begleiteten die Zuschauer den anfangs zweijährigen Walter bis ins frühe Erwachsenenalter. Die von der Firma Eikon produzierte Serie (Buch: Heiner Michel, Regie: Peter Schubert) wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Eine visuelle Attraktion

Zwei vor allem formal aus dem Rahmen fallende Produktionen sollen noch Erwähnung finden. Die Serie „Rellik“ (BBC/Cinemax 2017) wird, wie der Titel verrät, rückwärts erzählt. Im Kino ein erprobtes Konzept, als sechsteilige Serie aber ungleich komplizierter zu handhaben. In der Krimihandlung des Autorenduos Harry and Jack Williams jagt die Londoner Polizei einen Serientäter, der seine Opfer mit Säure verätzt. Einer der Ermittler wird selbst Opfer einer solchen Attacke. Er überlebt sie, mit schwer entstelltem Gesicht.

„Rellik“ sprengt das Genremuster durch die eindringliche psychologische Komponente. Eine weitaus reichhaltigere Motivik bietet „The City & The City“ (BBC 2018, in Deutschland bei RTL Crime), die Adaption des gleichnamigen Romans (deutscher Titel: „Die Stadt & Die Stadt“, Verlagsgruppe Bastei Lübbe) des vielfach preisgekrönten Fantasy-Schriftstellers China Miéville. Eigentlich ein unverfilmbarer Stoff: Miéville hat zwei Städte erfunden, die geografisch an identischer Stelle, aber in unterschiedlichen Dimensionen liegen. Ein Übergang ist möglich, an einigen Schnittpunkten kann man sogar in die andere Stadt hin­einsehen. Was aber bei Strafe verboten ist. Ein komplizierter Mordfall zwingt den verwitterten Inspector Tyador Borlú (David Morrissey), in beiden Städten zu ermitteln.

Regisseur des Vierteilers ist Tom Shankland, der die schwierige Aufgabe, die im Buch beschriebene unwirkliche Sphäre der zwei Städte mit ihren unterschiedlichen Architekturen, Sprachen und Panoramen in filmische Bilder umzusetzen, meisterlich löst, indem er mit präzise angelegten Unschärfen und bis weit in die Hintergründe hinein sorgfältig komponierten Einstellungen arbeitet. Die visuelle Anmutung ist eine Attraktion für sich, doch „The City & The City“ wendet sich nicht nur an Genrefans. China Miéville ist ein politischer Autor und dem Szenaristen Tony Grisoni gelingt es, diesen Romangehalt in die Fernsehproduktion zu übertragen. Neben renommierten britischen Schauspielern agieren die Dänin Paprika Steen und aus Deutschland Maria Schrader in dieser Serie.

Das Zerrbild

Gerade auf längere Sicht fällt auf, dass das britische Fernsehen häufig wach und schnell auf das gesellschaftspolitische Geschehen eingeht. In der BBC-Agentenserie „Spooks“ (2002 bis 2011; in Deutschland bei ZDFneo zu sehen) gab es eine Episode, in der ein untergeordneter Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes illegale Abhöraktionen öffentlich preisgeben wollte. Die Folge lief, Monate bevor die Welt erstmals den Namen Edward Snowden hörte. In einer anderen Episode plant ein rechtsgerichteter Medienmogul die Regierungsübernahme. Aus heutiger Warte liest sich die Geschichte wie eine Vorwegnahme der politischen Strategien Donald Trumps und der Desinformationskampagne rund um den Brexit.

Kurz erwähnt sei aus jüngerer Produktion noch „Press“ (BBC/PBS 2018), eine Serie über das Zeitungswesen. Erstaunlich: In Folge 3 wird ein Reporterskandal beschrieben, der frappierend an die deutsche Affäre um den als Fälscher entlarvten „Spiegel“-Reporter Claas Relotius erinnert. „Trust Me“ (BBC 2017; seit dem 31. Januar unter dem Titel „Verrate mich nicht“ bei Arte) verhandelt die Missstände im britischen Gesundheitssystem; schon 2013 zeigte die BBC mit „Frankie“ eine sechsteilige Dramedy zum Thema Pflegedienst (in Deutschland bei ZDFneo).

Bei Verallgemeinerungen ist Vorsicht angebracht, aber erkennbar wird schon, dass das britische Serienschaffen seit langem von dem geprägt ist, was deutsche Rezensenten, beispielsweise Thomas Klingenmaier in der „Stuttgarter Zeitung“ (online, 9.1.2019), als typische Netflix-Qualitäten ausgemacht haben wollen: „Ernste Themen, durchgefeilte Bilder, beseelte Schauspieler und kluge Dialoge – das zeichnet die besten Serien von Netflix aus.“ Ein Zerrbild und Auswuchs der grassierenden Netflix-Sektiererei, die diesen Anbieter aus Sicht des Publikums als Monopolisten erscheinen lässt, also bestenfalls ein Ausschnitt der Medienwirklichkeit. Zumal Netflix häufig bereits entwickelte Serienkonzepte von anderen übernimmt respektive fertig einkauft, jüngst auch die Comic-Adaption „Chilling Adventures of Sabrina“ (2018). Der US-amerikanische Streaming-Riese ist also nicht in jedem Fall Quell neuer Ideen, sondern immer wieder auch einfach nur deren Verkäufer. Dennoch dominieren Netflix-Serien die deutsche Berichterstattung, während britische Serien, die zum großen Teil auch in Deutschland verfügbar sind, sträflich übersehen werden.

19.02.2019/MK