Europäisches Fernsehabenteuer

Peter Wien, der erste Chefredakteur von Arte, ist 80 geworden

Von Sabine Rollberg
04.03.2020 •

Kaum ein Kandidat für diesen Posten wäre geeigneter gewesen als er. Bei der Gründung von Arte hatte die französische Seite allerdings gar nicht an einen Chefredakteur, der die journalistische Sparte des deutsch-französischen Kultursenders verantwortet, gedacht. Die deutschen Gründer aber forderten diesen Posten ein und bestanden auch darauf, dass er am Senderstandort in Straßburg direkt bei Arte angesiedelt war.

Der Arte-Chefredakteur und die Chefredaktion sind die einzigen, die dort, schon aus Gründen der Aktualität, selbst Programm produzieren dürfen. Nur die Nachrichten und die journalistischen Reportagen von Arte sind genuine Produktionen des Senders, werden also nicht von den Gesellschaftern in Paris (Arte France) oder Köln, Hamburg, Mainz, also WDR, NDR, ZDF und weitere (Arte Deutschland) produziert. Der Arte-Chefredakteur hat außerdem Sitz und Stimme in der Programmkonferenz, wo über jede andere Sendung, die bei Arte laufen soll und von den Gesellschaftern geliefert wird, entschieden wird. Über die Programmbestandteile der Chefredaktion hat der Chefredakteur die Hoheit. Es ist also ein wichtiger Posten. Am 30. Mai 1992 nahm Arte den Sendebetrieb auf.

Für Peter Wien war diese neu geschaffene Aufgabe wie auf den Leib geschneidert. Er war in den 1960er Jahren für den damaligen Südwestfunk (SWF) Hörfunkkorrespondent in Paris. Er hatte zu den französischen Kollegen vielfältige Kontakte, sie hatten ihn kennen- und schätzen gelernt. Wegen seiner fast muttersprachlichen Kenntnisse des Französischen luden sie ihn zu gemeinsamen Interview-Sendungen mit den Großen der Zeit ein und sie waren immer wieder Gäste in seinen Reportagen und Diskussionssendungen beim SWF. Eine Vorstufe von Arte im Hörfunkformat.

Mai-Unruhen 1968: Zu Fuß durch Paris

Im Mai 1968, auf dem Höhepunkt der Mai-Unruhen, begleitete Peter Wien den französischen Präsidenten Charles de Gaulle im Journalistentross beim Staatsbesuch in Rumänien – eine eher gespenstische Unternehmung. Beim Rückflug wurde den Journalisten eröffnet, dass sie, wegen der Sperrung der Flughäfen der französischen Hauptstadt infolge der Aufstände nicht in Paris landen könnten und ihr Flug in der Nacht in Basel enden würde. Mit seinem Fernsehkollegen Peter Scholl-Latour (WDR) organisierte Peter Wien einen Bus für alle Kollegen, der sie dann morgens um 4.00 Uhr auf dem Marsfeld ablieferte. In Paris war Ausnahmezustand, Generalstreik, keine Métro, keine Busse, Taxis nur zu total überhöhten Preisen, keine geöffneten Banken, um Geld abzuheben… Also Marsch, einmal zu Fuß quer durch Paris zu den jeweiligen Standorten, mit allem Gepäck, inklusive technischem Equipment.

Und, schlimmer noch, es gab auch kein Benzin mehr. Als der damalige SWF-Intendant Helmut Hammerschmidt davon erfuhr, schickte er umgehend seinen Fahrer mit einem Kleinbus nach Paris, um seinen Korrespondenten mit 50 Kanistern Benzin zu versorgen. Natürlich blieb es den Kollegen nicht verborgen, dass Peter Wien, als einer der wenigen in dieser Situation, Zugang zu Benzin gehabt haben musste. Das sprach sich herum und ließ die Zahl der Freunde sprunghaft ansteigen. Um den zu jener Zeit in ganz Frankreich hängengebliebenen deutschen Touristen zu helfen, einigermaßen ungeschoren das Land wieder verlassen zu können, sorgte er auch dafür, dass über die französischen Radiosender deutschsprachige Informationen über Sammelpunkte zu organisierten Rückfahrten ausgestrahlt wurden.

Also ein idealer Kandidat. Denn Peter Wien ist ein Kenner Frankreichs, ein politischer Kopf mit journalistischer Distanz, der anpackt und kollegial ist. Zudem hatte er Romanistik und Germanistik studiert und er war vom NDR, bei dem er inzwischen war, schon im Vorfeld der Gründung von Arte in die Programmkommission entsandt worden, die sich Gedanken über die Philosophie des neuen Senders machen sollte. Er wusste mithin, auf welches Abenteuer er sich einließ. Dabei hatte er selbst eigentlich andere Pläne gehabt. Denn nach fünf Jahren als Hörfunkchefredakteur bei Radio Bremen (1978 bis 1983), wohin er vom SWF gewechselt war, und acht Jahren als Fernsehchef und stellvertretender Funkhausdirektor im NDR-Landesfunkhaus in Hannover sollte er eigentlich Nachfolger des ausscheidenden Funkhausdirektors werden.

Es kam aber ganz anders. Denn nachdem Gerhard Schröder 1990 die Landtagswahl in Niedersachsen zwar gewonnen hatte, die SPD-Mehrheit aber nicht zu einer Regierungsbildung reichte, brauchte er die Grünen dazu. Und die stellten natürlich Forderungen. Unter anderen, als Morgengabe, die Direktorenstelle im NDR-Landesfunkhaus Niedersachsen. Der damalige NDR-Intendant Jobst Plog wollte Gerhard Schröder wohl diesen Gefallen erweisen und ernannte zum 1. Februar 1991 Lea Rosh zur neuen Direktorin in Hannover. Peter Wien war damit draußen, Plog bot ihm stattdessen die Arte-Chefredaktion an. Es könnte sein, dass die Personalzwickmühle des NDR-Intendanten der Grund dafür war, dass Arte überhaupt einen Chefredakteur bekam. Doch in dem Fall traf die Kungelei wenigstens den Richtigen.

Die Personalzwickmühle des NDR‑Intendanten

Peter Wien hinterließ nachhaltige Spuren bei dem deutsch-französischen Kultursender. Er entwickelte mit seinem Team die multiperspektivische Nachrichtensendung „8½“. Der Name war Programm, weil sie um 20.30 Uhr ausgestrahlt wurde und für Cineasten, also den gewünschten Arte-Zuschauer, gab es die Assoziation zu Fellini. Einmal pro Woche sendete Arte „Transit“, ein einstündiges politisches Magazin, das Peter Wien abwechselnd mit Daniel Leconte moderierte, einem französischen Starjournalisten und Filmemacher. Im Anfangsteam von „Transit“ war auch Luc Rosenzweig, der einstige deutsche Hauptstadt-Korrespondent der Tageszeitung „Le Monde“.

Im Mai 1994 sollte es ein Treffen zwischen dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand und dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl im elsässischen Mülhausen geben. Naheliegend, dass der Chefredakteur des Straßburger Senders Arte davon ausging, dass Daniel Leconte und er selber in ihrem Magazin Interviews mit den beiden Staatslenkern führen würden. Der Élysée war sofort einverstanden. Das Bundeskanzleramt hingegen verlangte nach einem ihm vertrauteren Journalisten und rief, obwohl die Verabredungen bis dahin selbstverständlich über die Chefredaktion liefen, den damaligen Arte-Präsidenten Jérôme Clément an. Der war sofort einverstanden, dass statt seines Chefredakteurs ein Journalist von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) zusammen mit dem französischen Kollegen Leconte das Gespräch führen sollte. Peter Wien erfuhr dies erst, als er im Kanzleramt in Bonn nachfragte, ob das Interview denn nun zustande komme.

Natürlich kann sich ein verantwortlicher Chefredakteur die Entscheidung, wer ein Interview in einer seiner Sendungen führt, in keinem Fall aus der Hand nehmen lassen. Deshalb schrieb Wien einen empörten Brief an seine Vorgesetzten, den Arte-Präsidenten Clément und den Vorsitzenden der Arte-Gesellschafterversammlung, Jobst Plog, dass sein journalistisches Selbstverständnis es ihm verbiete, der Politik die Entscheidung darüber zu überlassen, wer ihr die Fragen stelle. Clément war schon auf dem Weg nach Kanada zum Filmfestival in Banff und telefonisch nicht erreichbar. Peter Wien wandte sich deshalb an den stellvertretenden Arte-Präsidenten Dietrich Schwarzkopf, der vollstes Verständnis für den Anspruch auf die Unabhängigkeit des Chefredakteurs äußerte und versprach, die Sache mit Clément zu klären.

Das abgesagte Interview mit Kohl und Mitterrand

Inzwischen war die Zeit bis zum Interviewtermin knapp geworden und die Pressemitteilung über die „Transit“-Sendung mit dem Doppelinterview herausgegangen. Es war aber offengelassen worden, wer es führt. Journalisten fragten nach. Und Peter Wien sagte seinem Programmdirektor, dass er, falls er bis zum darauffolgenden Tag keine Bestätigung dafür bekomme, dass er zusammen mit Daniel Leconte das Interview führen könne, es absagen würde – mit der Begründung, dass der Arte-Präsident zusammen mit dem Bundeskanzleramt entschieden habe, dass an Wiens Stelle ein FAZ-Mitarbeiter die Fragen an Kohl und Mitterrand stellen würde. Das Doppelinterview kam nicht zustande.

Die deutsche Presse reagierte daraufhin mit heftiger Kritik an Arte. Es waren die ersten negativen Schlagzeilen für den noch jungen Sender. Die französische Presse und der Pariser Journalistenverband zogen nach und lobten die von der deutschen Seite gezeigte journalistisch vorbildliche Unabhängigkeit von Arte gegenüber der Politik – eine Tugend, die in Frankreich nicht immer so gepflegt wird. Arte hat denn auch bis heute kein Interview mit einem deutschen oder französischen Regierungschef geführt.

Jobst Plog wurde von epd und der „Süddeutschen Zeitung“ zu dem Vorgang befragt und musste die Vorgehensweise seines früheren Mitarbeiters und aktuellen Arte-Chefredakteurs verteidigen. Das führte dann zu vorübergehenden atmosphärischen Störungen zwischen dem französischen Arte-Präsidenten und dem deutschen Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung, die sich sonst auch angesichts ihrer benachbarten Ferienhäuser im Luberon sehr gut verstanden.

Ein geschätzter Ratgeber

Im selben Jahr, 1994, stand für Peter Wien die Vertragsverlängerung als Arte-Chefredakteur an und er wunderte sich, dass niemand mit ihm darüber sprechen wollte. Auch seine Nachfragen wurden nicht beantwortet. Der damals amtierende Arte-Programmdirektor Victor Rocaries versicherte ihm, dass er keinen Anlass zu Sorgen habe. Personalentscheidungen in der Arte-Hierarchie werden jeweils auf der Mitgliederversammlung gefällt, zu der sich die Chefs von Arte France und Arte Deutschland (Intendanten von ARD-Anstalten und ZDF) in Straßburg treffen. Die Ergebnisse dieser Sitzung wurden damals den Mitarbeitern im Innenhof des Arte-Gebäudes verkündet. Peter Wien hörte von der dritten Etage, wo er sein Büro hatte, von oben zu und erfuhr auf diese Weise, ohne jede Vorankündigung, dass seine Amtszeit ende.

Es wäre damals möglich gewesen, ihm als Alternative den Posten des Geschäftsführers von Arte Deutschland in Baden-Baden anzubieten; dieser Vorschlag wurde auch vom ZDF unterstützt. Es war zwar keine journalistische, sondern eher eine administrative Aufgabe, aber eine einflussreiche. Aber der Intendant des Südwestfunks, Peter Voß, hatte noch ein anderes Personalproblem zu lösen: Er brauchte den Chefposten bei Arte Deutschland für den früheren Referenten des vorherigen SWF-Intendanten Willibald Hilf.

Voß behauptete dann gegenüber Peter Wien, dass auch Jobst Plog ihn nicht unterstütze. Das teilte Wien seinem ihn entsendenden Intendanten Plog mit. Das wiederum führte zu atmosphärischen Störungen zwischen Peter Voß und Jobst Plog. Beide versöhnten sich dann aber auf Kosten von Peter Wien wieder, dem dann, anstatt eines ihm zunächst versprochenen Korrespondentenpostens in Osteuropa, vom Arte-Programmdirektor Victor Rocaries angeboten wurde, dessen „Conseiller de Programme“, also sein Berater zu sein, um neue Programme für Arte zu entwickeln.

Peter Wien nahm sich diese Machenschaften zu Herzen, er erlitt einen Infarkt und konnte einige Monate nicht mehr arbeiten. Nach seiner Genesung gab man ihm bei Arte, als er zurückkehrte, ein winziges Büro unterm Dach. Peter Wien wurde zum von allen Straßburger Mitarbeitern geschätzten Ratgeber, war in vielen Redaktionskonferenzen gern gehörter Gast, entwickelte das Kulturmagazin „Metropolis“, das heute noch emblematisch für Arte ist. Dann holte ihn der Geschäftsführer von Arte Deutschland, dessen Job er eigentlich davor hatte bekommen sollen, als seinen Stellvertreter nach Baden-Baden, um den Sachverstand des früheren Chefredakteurs im Bereich Fernsehen zu nutzen. Peter Wien kann in diesem Bereich alles, nur vielleicht mit einem höheren Maß an Demut als andere.

Angebotsfernsehen, das die Menschen fordert

Heute, seit seinem Ruhestand, kümmert sich der im Schwarzwald Aufgewachsene in Baden-Baden um den Verein „Forum Zukunft Baden-Baden“, dessen Vorsitzender er ist. Seit neun Jahren lädt er einmal im Monat führende Köpfe zu Gesprächen ins nobelste Hotel am Platz; viele, die Ideen und Visionen haben, waren bereits da. Eine Stiftung und das Hotel finanzieren die Veranstaltungen, zwischen 100 und 200 Interessierte hören zu. Fit hält sich der in Berlin geborene Literaturexperte mit Nordic Walking und Fahrradtouren, inzwischen erlaubt er sich ein E-Bike. Und gelesen hat er immer bereits alles, wenn man ihn zu relevanten Neuerscheinungen fragt.

Arte schaut er noch immer mit Begeisterung, er ist stolz, bei einem der spannendsten Fernsehabenteuer in Europa mittendrin prägend dabei gewesen zu sein. Und nach wie vor ist er der Meinung, dass das Arte-Konzept richtig und wichtig ist. In einer Zeit, in der Massenmedien auch nur Massen bedienen, sagt er, muss eine Gesellschaft darauf achten, dass es Angebote gibt, ein Angebotsfernsehen, das die Menschen fordert, die bereit sind anspruchsvolle Programme wahrzunehmen und zu nutzen. So, wie, Gott sei Dank, Arte sie immer noch anbietet, mit seiner Besonderheit des „regard croisé“, der permanenten Perspektivwechsel, die den Blick in andere Dimensionen ermöglichen. Am 22. Februar ist Peter Wien 80 Jahre alt geworden.

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Sabine Rollberg wurde Mitte 1994 (bis 1997) Chefredakteurin von Arte und damit Nachfolgerin von Peter Wien. Sie arbeitete zuvor ab April 1989 als ARD-Fernsehkorrespondentin in Paris. Rollberg war über 35 Jahre für den WDR tätig und ist seit Anfang 2018 im Ruhestand.

04.03.2020/MK