Es tönt schon wieder

Das Unterhaltungsfernsehen im Herbst: Gesangsshows in immer neuer schriller Variation

Von Senta Krasser
04.11.2020 •

Zum nächsten schrillen Ton in diesem auffallend musikalischen TV-Herbst setzt Sat 1 an. Am 27. November wird Michelle Hunziker, die blonde frühere „Wetten, dass..?“-Hälfte von Thomas Gottschalk, „Pretty in Plüsch – die schrägste Gesangsshow Deutschlands“ präsentieren. Sechs Prominente sollen dann mit sechs international bekannten, angeblich „stimmgewaltigen“ Puppen-Stars, die auf exotisch klingende Namen wie „Das Maki“ Polly und Francesca de Rossi hören, vor einer dreiköpfigen Jury an vier Freitagabenden in Duetten live auftreten. Das harmonischste „Puppette“, so die originelle Wortneuschöpfung von Sat 1, gewinnt. Dass von den plüschigen „Weltstars“ hierzulande noch kein einziges Tönchen durchgedrungen ist, egal. La Hunziker lässt sich mit den Worten zitieren, sie habe sich „sofort in ‘Pretty in Plüsch’ verliebt – eine Show, wie es sie noch nirgendwo auf der Welt gibt“. Ach, tatsächlich?

Über die Originalität respektive das originär Neue wird an späterer Stelle noch zu streiten sein. Die ausführende Produktionsfirma Endemol Shine Germany jedenfalls preist „Pretty in Plüsch“ als eigene Erfindung an. Demnach handelt es sich nicht um einen Show-Import wie sonst sehr oft üblich; und das ist bemerkenswert in einer Branche, die abgesehen von den TV-Tüftlern Stefan Raab und Joko & Klaas bislang das Risiko von Eigenkreationen scheute wie Heinos Augen das Sonnenlicht.

Der komplette „Made-in-Germany“-Weg

Die interne Brainstormerei und die Testeritis vorab am Zielpublikum, die aufwendige Zahlenexegese und der Korrekturprozess, bis eine Show fliegt – das verschlingt Unsummen, auch wenn nicht gerade eine Pandemie um die Ecke kommt und Produktionsprozesse stört oder sogar stoppt. Flops sind zudem teuer. Also wird lieber, statt selbst zu entwickeln, Konzept samt Set eingekauft in Holland („The Voice of Germany“, Sat 1/Pro Sieben, von John de Mol), in England („Deutschland sucht den Superstar“, RTL, von Simon Fuller) oder in Südkorea („The Masked Singer“, Pro Sieben, von Seo Chang-man). In dieser Strategie steckt die Hoffnung: Was woanders wuppt, muss auch hierzulande mit ein paar länderspezifischen Anpassungen klappen statt floppen.

Die Ankündigung von „Pretty in Plüsch“ und die folgenden Beispiele „Big Performance“ (RTL) und „Fame Maker“ (Pro Sieben) lassen indes durchschimmern: Die Ausnahmen von der Einkaufsregel mehren sich. Auch wenn es noch zu früh ist, von einer Trendwende zu sprechen, so gibt es doch Anzeichen dafür, dass sich das deutsche Privatfernsehen auch im Show-Bereich traut, was die serielle Fiktion schon länger tut: den kompletten „Made-in-Germany“-Weg von der Ideenfindung bis zur Produktion zu gehen. Während den öffentlich-rechtlichen TV-Veranstaltern ARD und ZDF gar nichts anderes mehr einfällt, außer ihre Hirschhausens, Pflaumes, Kerners und Nebels mit altbewährten, angestaubten Konzepten staffelweise von einer zur nächsten Saison zu hieven, setzen die Privaten Frischeimpulse. Wobei „frisch“ relativ ist.

„Big Performance“ bei RTL

Besagte Puppen-Liebhaberin Michelle Hunziker drehte an vier Samstagen im September und Oktober bei RTL eine Übungsrunde im Genre Gesangsshow mit Verkleidungsfirlefanz. „Big Performance“, so der Titel der Brainpool-Produktion, ist laut Abspann nach einer Idee von RTL-Unterhaltungschef Kai Sturm entstanden: Prominente Zeitgenossen lassen sich mit dick Silikon, Perücke und Kostüm bis zur Unkenntlichkeit verunstalten, auf dass sie als Prince, Jennifer Lopez, Tom Jones, Elton John, Mick Jagger oder Adele wiederauferstehen. Coaches trainieren Mimik, Gestik, Gesang und Tanzeinlagen. Beim Auftritt vor coronabedingt ausgedünntem Studiopublikum läuft zunächst Vollplayback, dann setzt die eigene Stimme ein. Die Illusion soll so perfekt wie möglich sein – und sie ist es auch streckenweise, wenn nicht gerade dem falschen Mick Jagger (alias Komiker Martin Schneider) mitten im falschen Gesang das falsche Gebiss herausfällt, was lustig ist. Sympathy For The Devil, please!

Hunziker und ihre beiden Co-Juroren Guido Maria Kretschmer und Motsi Mabuse müssen in „Big Performance“ derweil erraten, welcher „Star im Star“ steckt. Einspieler mit Hinweisen auf den Menschen hinter der Maske sollen helfen. Diese Einspieler sind allerdings so kryptisch, dass das Rate-Trio daraus nichts Zielführendes ableiten kann. Aber auch ohne Indizien wie etwa das rohe Steak bei Tom Jones liest die besonders helle Michelle Hunziker aus den gletscherblauen Augen des Imitators: Das muss der Schauspieler Uwe Ochsenknecht sein. Er war es dann auch, wie sich im Finale klärte, samt Indizienauflösung (Ochsenknecht machte mal in einem Video der Berliner Band Beatsteaks mit). Uwe Ochsenknechts Demaskierung wie auch die der anderen Kopisten – zum Beispiel steckte unter Elton John der RTL-Moderator Wolfram Kons und unter J Lo verbarg sich die Sängerin Vanessa Mai – zelebrierte „Big Performance“ auf dem hereingeschobenen Schminkstuhl so richtig „big“ wie, ja, wie eigentlich?

Wer unter 29 kennt schon Tom Jones?

Wie man es aus „The Masked Singer“ eben kennt. Nicht wenige twitternde Zuschauer hatten zurecht ein Déjà-vu. Sie sahen in „Big Performance“ nicht ein Original, sondern die Kopie jenes Pro-Sieben-Hits, der aus Südkorea importiert und in den USA getestet worden war und der dann in Deutschland per Erstaufschlag im Sommer 2019 ein lineares Publikum live elektrisierte wie seit seligen „Wetten, dass..?“-Zeiten nicht mehr. Donnerstags, 20.15 Uhr, das war über Wochen eine feste Verabredung mit Millionen Menschen.

Auch in der von der Coronakrise heimgesuchten zweiten Staffel von „The Masked Singer“ in diesem Frühjahr (zwei Kandidaten waren erkrankt, weshalb die Show pausieren musste; vgl. MK-Kritik zu der Staffel) bewährte sich das global taugliche Konzept: Bekannte Schauspieler, Sportler, Moderatoren und professionelle Sänger stülpen sich extravagante Ganzkörperkostüme über. Eine Jury muss erraten, wer unter der Maske singt. Seit dem 20. Oktober läuft die mittlerweile dritte Staffel der Show-Raterei, von Pro Sieben wieder zum Live-Event aufgeblasen. Ob sich der „Masked-Singer“-Hype fortsetzt? Gut möglich, denn die PR-Maschine inklusive Plüschtier-Merchandising und vor allem Werbeauftritten in anderen Sendungen des TV-Konzerns (etwa im Finale von „Fame Maker“) ist geölt.

Dass „Big Performance“ den Erfolg der Konkurrenz trotz ähnlich gestrickten Inhalts nicht reproduzieren konnte, könnte daran gelegen haben, dass Charaktere wie Adele kein putziges Mini-Me hergeben so wie „Das Monsterchen“ und „Fauli“ aus „The Masked Singer“, die in der Kuschelvariante von einer Drogeriemarktkette deutschlandweit vertrieben werden. Auch könnte die Wahl von Idolen und Juroren im RTL-Format abgeschreckt haben: Wer unter 29 kennt, bitte schön, die Alt-Stars Tom Jones und Mick Jagger? Möglicherweise hätte der Adrenalin-Kick einer Live-Sendung sowohl Guido Maria Kretschmer aus seiner Bräsigkeit herausgeholt als auch den Zuschauern mehr unmittelbare Emotion und Teilhabe durch Abstimmung per App beschert. Doch das größte Problem an der voraufgezeichneten Show „Big Performance“ ist anderer Natur und eine gruselige und gleichsam symbolische Szene aus dem Finale vom 3. Oktober könnte es nicht besser spiegeln.

„The Masked Singer“: Etwas sehr Eigenes

Nachdem die zweifelsfrei überaus talentierten Make-up-Artisten Schicht für Schicht das Silikon von Uwe Ochsenknechts Gesicht abgeschabt hatten, ließ er das Antlitz seines Alter Egos Tom Jones schlaff an der Lehne baumeln, anstatt es hinter die Bühne mitzunehmen. So sehr er sich bemüht hatte, den „Tiger“ Tom Jones in sich zu wecken, was ihm – Chapeau! – gut gelang, war sein Kampf doch aussichtslos. Eine noch so perfekte Maske lässt nie vergessen, dass es ein Original gibt, das unerreichbar ist. Die vorgegebene Hülle zu füllen, mag technisch anspruchsvoll sein, steht aber der freien künstlerischen Entfaltung im Weg. So gesehen bietet „The Masked Singer“ aufregendere und phantasievollere Möglichkeiten, etwas völlig Neues zu schaffen: Die Schlagersängerin Stefanie Hertel verwandelte sich im Panther-Aufzug zum Rock röhrenden Vamp. Die hochgewachsene Moderatorin Sonja Zietlow verschmolz mit ihren Plüschohren zum niedlichen Hasen. Der „Engel“ Bülent Ceylan machte aus Helene Fischers „Atemlos“ eine gebrüllte Neuinterpretation. Das waren allesamt unvergessliche Spaßauftritte, denen Ehrgeiz und Anspannung nicht anzumerken war wie beim ernsthafteren „Big Performance“.

Im Vergleich zu Adaptionen in anderen Ländern lässt sich anerkennen, dass Pro Sieben mit seiner Interpretation der „Mystery Eumakshow Bongmyeongawang“, wie sich der Bestseller „The Masked Singer“ in der Sprache seines Herkunftslandes Südkorea nennt, etwas sehr Eigenes geschaffen hat, das nicht so K-Pop-quietschig daherkommt, aber auch nicht so kurzweilig, weil schnell geschnitten wie die US-Variante. Der aktuell weltweite Erfolg von Gesangswettbewerben scheint den deutschen Privatsender darüber hinaus zur Formaterfindung „Fame Maker“ ermutigt zu haben.

„Fame Maker“ bei Pro Sieben

Hinter „Fame Maker“, das bei Pro Sieben ab dem 17. September an zwei Donnerstagen und zwei Samstagen (dann im direkten Show-Duell mit „Big Perfomance“ von RTL) ausgestrahlt wurde und in der Live-Ausgabe vom 1. Oktober seinen Abschluss fand, steht der kreative Kopf von Stefan Raab. Musikshow, das hat er in der Vergangenheit etwa mit dem ebenfalls für Pro Sieben veranstalteten „Bundesvision Song Contest“ bewiesen, kann er. Als „Antithese zur deutschen Einfallslosigkeit“ wurde er schon gelobt. Nur, Musik in Kombination mit Comedy, das ging diesmal nicht gut aus.

In „Fame Maker“ (produziert von Raab TV und Brainpool) treten gänzlich unprominente Kandidatinnen und Kandidaten unter einer schalldichten Glaskuppel auf. Carolin Kebekus, Luke Mockridge und Teddy Teclebrhan, alle drei aus dem Comedy-Fach, müssen anhand der tonlosen Performance einschätzen, ob ein echtes Talent darunter steckt. Ziehen sie den Hebel, hebt sich die Kuppel. Bis zu diesem Moment der manchmal grausamen, manchmal ohrenschmeichelnden Wahrheit vergeht allerdings gefühlt eine Ewigkeit der Stille. An der Herausforderung, sie mit eigener komischer, abwechslungsreicher Wortbegleitung zu durchbrechen, scheitern die drei „Fame Maker“. Resultat: eine viel zu lange Weile ein Nichts. Das irritierte besonders, weil RTL nur vier Wochen zuvor mit einem ähnlichen, aber lauteren Konzept vorgeprescht war: der recht gut gelungenen Musik-Comedy-Show „I Can See Your Voice“ (vgl. MK-Kritik).

Ist das Angebot schon überreizt?

Das Finale der Pro-Sieben-Glaskuppel-Show war dann nicht wie die vorherigen vier Ausgaben vorab aufgezeichnet, sondern live, was die Sache grundsätzlich nicht besser machte. Denn in die letzte Runde schafften es eben auch jene „Künstlerinnen und Künstler“, die über sich selbstbewusst Behauptungen kundgetan hatten wie: „Ich bin ein Rohdiamant, den man doppelt schleifen muss“. Doch trotz Schleiferei bzw. Coaching durch Kebekus & Co. klafften sehr oft Performance und Gesang weit auseinander. In Erinnerung bleiben zwei Dinge: der dreimalige Klamottenwechsel von Moderator Tom Neuwirth formerly known as Conchita Wurst, der sonst nicht weiter aufgefallen ist, und eine gewisse gesellschaftspolitische Note, nämlich insofern, als der von den Zuschauern ermittelte „Fame-Maker“-Sieger Basti die Bühne nutzte, um ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz der LGBTQ-Community zu halten, aus der er selbst kommt. Auf dem nigelnagelneuen TikTok-Kanal mit blauem Haken, den ihm Pro Sieben – wie originell – als Hauptpreis schenkte, wird sich möglicherweise zeigen, ob seine Worte Widerhall gefunden haben.

Einmal in der Pro-Sieben-Show sagte Luke Mockridge übrigens etwas sehr Kluges: „Musik ist so viel mehr als gesungene Töne.“ Das stimmt. Nach „Fame Maker“, „Big Peformance“, „The Masked Singer“, „I Can See Your Voice“ und bald „Pretty in Plüsch“ stellt sich aber die Frage, ob das Angebot an Musikshows mit skurrilem Twist nicht schon überreizt ist. Und da ist es völlig egal, wer sie wo erfunden hat.

04.11.2020/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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