Er bleibt unvergessen

Zum Tod von Alfred Biolek

Von Dietrich Leder
26.07.2021 •

Alfred Biolek, der am vergangenen Freitag (23. Juli) im Alter von 87 Jahren starb, war ein Fernsehpionier der besonderen Art. Wie bei vielen vor ihm, die das noch junge Fernsehen der 1960er Jahre prägten, war seine Medienkarriere weder familiär noch durch die Ausbildung prädestiniert. Der mit seinen Eltern nach dem Krieg aus Böhmen in die spätere Bundesrepublik kam, hatte nach einem ihn beindruckendes Auslandsschuljahr in den USA zunächst Jura studiert, wie es ihm wohl der Vater, ein Rechtsanwalt, nahegelegt hatte. Alfred Biolek promovierte (nach dem ersten juristischen Staatsexamen) mit einem Thema, von dem er später vor allem erzählte, wenn er ein Lachen provozieren wollte: „Die Schadensersatzpflicht des Verkäufers und des Herstellers mangelhafter Waren nach dem englischen Recht.“ Danach erwarb er auch das Zweite Juristische Staatsexamen.

Seine erste berufliche Station war 1963 das Justitiariat des kurz zuvor gegründeten ZDF in Mainz. Dass ihn das Recht und dessen Anwendung in Medien- und sonstigen Fragen eher langweilte, merkte man daran, dass es ihn, der sich schon während seines Studiums an einer Kabarettgruppe beteiligt hatte, vor die Kamera zog. Vor ihr kannte er keine Scheu, ja, es schien so, als blühte er, der sonst eher zurückhaltend wirkte, im Scheinwerferlicht des Fernsehstudios gleichsam auf. Zu den Pointen seines beruflichen Lebens zählt rückblickend betrachtet, dass er seine ersten Moderationserfahrungen ausgerechnet bei der Sendung „Tipps für Autofahrer“ sammelte. Alfred Biolek als Fachmann für den Automobilismus konnte man sich spätestens seit den 1990er Jahren, als er für eine gesunde und ökologische Lebensweise stand, nicht mehr vorstellen.

Doch dabei blieb es nicht. Was heute aufgrund der betonierten Wege, die in die wichtigen Funktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens führen, unmöglich erscheint, war damals eine Kleinigkeit: Der Mann aus der Rechtsabteilung wechselte mühelos in die Programmdirektion des ZDF und dort in die Unterhaltungsredaktion. Für sie entwickelte er eine Sendung wie den „Nightclub“, in der Chansonsänger wie Kabarettisten auftraten.

Monty Python und Rudi Carrell

Mittlerweile war Biolek zum stellvertretenden ZDF-Unterhaltungschef aufgestiegen, aber die eher kleinbürgerliche Enge in Mainz behagte ihm nicht. So wechselte er 1970 zur Produktionsgesellschaft Bavaria Film nach München, bei der er den Bereich Fernsehunterhaltung ausbauen sollte. Hier gelang ihm ein Coup, der ihm schon früh einen Eintrag in die Geschichtsbücher des deutschen Fernsehens verschaffte. Denn er überzeugte eine englische Comedy-Truppe, die für die BBC seit 1969 eine Reihe namens „Monty Python’s Flying Circus“ produzierte, 1971/72 auch zwei deutsche Folgen davon in München aufzunehmen. Tatsächlich ist dann nur eine Folge in Deutsch produziert worden, in der John Cleese, einer der sechs Männer von Monty Python, als Moderator Deutsch sprach, was er später als mittlere Tortur bezeichnete.

Diese eine Sendung in Deutsch, die den Titel „Monty Python’s Fliegender Zirkus“ trug, bestach durch ihren enormen Bildwitz und die ironische Brechung dessen, was damals als „normales Fernsehen“ galt. Denn Moderator John Cleese wurde immer wieder von falschen Einspielfilmen unterbrochen, die mit dem kulturbolzenden Thema seiner Sendung, „Nürnberg und Albrecht Dürer“, nichts zu tun hatten oder deren Fehler er anschließend korrigieren musste: „Wir bitten Sie, diese Ungenauigkeiten, die sich in dieses Dürer-Porträt eingeschlichen haben, zu entschuldigen. Dürer hat nie eine Leihwagenfirma betrieben.“

Die meisten Einspielfilme parodierten ein Großereignis, das wenig später das Programm von ARD und ZDF über Tage beschäftigen sollte: Die Olympischen Sommerspiele in München. Viele der Scherze wirken heute drastisch-derb wie das Porträt eines Mannes, von dem die damaligen Staatsoberhäupter in nachsynchronisierten Statements behaupteten, dass er seit fünf Jahren keine Toilette aufgesucht habe. Oder die Sportwettbewerbe, bei denen Inkontinente oder Taube gegeneinander zu Wettrennen antreten, wobei Letztere natürlich den Startschuss nicht hören und Erstere erst einmal die Toiletten aufsuchen müssen. (Als Off-Kommentator ist hier der im Abspann als Produzent firmierende Alfred Biolek zu hören, wie er etwa den Start des Laufs der Männer „mit Sextanerblase“ ankündigt.) Abgesehen davon besticht die Sendung durch die rabiate Art und Weise, wie hier das Fernsehen mit seinen hektischen Live-Schaltungen und seiner steilen Kultursprache karikiert wurde – nicht nur in Sprach-, sondern vor allem auch in Bildwitzen.

Die eigene Produktionsfirma

1975 wechselt Alfred Biolek dann zum WDR nach Köln, wo er eine Redaktionsgruppe mit dem schönen Titel „Projekte“ leitete, die neue Unterhaltungssendungen entwickeln sollte. Zu diesem Zeitpunkt war er schon Redakteur der großen Unterhaltungsshow „Am laufenden Band“ mit Rudi Carrell, die von 1974 bis 1979 in der ARD lief. Nebenbei moderierte er im Kölner Kabarett „Senftöpfchen“ eine Gesprächsrunde, aus der dann ab 1976 die Sendereihe „Kölner Treff“ entstand, in der er zusammen mit dem WDR-Journalisten und späteren WDR-Hörfunkchefredakteur Dieter Thoma prominente und weniger prominente Zeitgenossen befrug.

Während Thoma, der während seiner Studienzeit ebenfalls als Kabarettist aktiv gewesen war, hier für die politischen Themen zuständig war, widmete sich Biolek den unterhaltenden. Die im Dritten Fernsehprogramm des WDR live ausgestrahlte Talkshow war Biolek bald zu klein. Ihn zog es wie Rudi Carrell ins Erste Programm der ARD und zum Massenpublikum. In seinen großen Abendshows „Bio’s Bahnhof“ (1978-1982) und „Mensch Meier“ (1985-1991) verband er die klassischen Elemente der Fernsehunterhaltung (Gesang, Comedy, Quiz und Talk) mit Erscheinungen der gehobenen Künste oder mit Mitteln der gesellschaftlichen Aufklärung. Dank seines Witzes und seiner Selbstironie wirkte das nur selten oberlehrerhaft, sondern meist außerordentlich unterhaltend.

Diese großen ARD-Shows produzierte er mit einer von ihm mit einem Partner gegründeten eigenen Firma. Das war damals im WDR vollkommen ungewohnt und wurde dort auch nicht gerne gesehen. Heute ist es längst Normalität, dass die bekannteren Moderatorinnen und Moderatoren ihre Sendungen von Firmen herstellen lassen, an denen sie selbst beteiligt sind. Auch in produktionstechnischer Sicht war Alfred Biolek also ein Reformator des deutschen Fernsehens, ohne je in die Gefahr zu geraten, sich selbst als ein solcher zu gerieren.

Zur Rolle seines Lebens fand er dann in „Boulevard Bio“ (1991-2003), einer wöchentlichen Talkshow im Ersten Programm, in der er sich mit bis zu drei Gästen unterhielt. In dieser Sendung erwies er sich als idealer Gastgeber, dem es einzig und allein darum geht, in meist eher heiter ablaufenden Gesprächen seinen Gästen eine perfekte Bühne für die Darstellung ihrer selbst zu bieten. Hier folgte Biolek zum einen dem Gastrecht der griechischen Mythologie, das den Gast ja vor Nachstellungen des Gastgebers schützte, und zum anderen nahm er den Begriff der Unterhaltung wörtlich: Seine Unterhaltungen sollten unterhalten. Die von so manchem geäußerte Kritik, dass er in „Boulevard Bio“ zu wenig als Journalist agierte, verfehlte also von vornherein seine Ambitionen.

Im Küchendialog ungekünstelter

Dass Alfred Biolek die Mechanismen seines Gewerbes durchschaute, kann man auch an einer weiteren Sendung ablesen, die ebenfalls Fernsehgeschichte schrieb: „Alfredissimo!“ (1994-2007). Sie begann im Dritten Programm des WDR, ehe sie ins Nachmittagsprogramm des Ersten wechselte. In der dreißigminütigen Sendung kochte Biolek mit jeweils einem Gast zwei Gerichte. Für eines war er zuständig, für das andere der Gast. In diesem Sinne war es eine klassische Kochsendung, wie es sie auch schon gab, bevor Biolek dieses Genre für sich entdeckte.

Sicher war Alfred Biolek das Kochen, das Essen und das Trinken wichtig, aber für ihn als Talkmaster war ein anderer Aspekt noch bedeutsamer. Anders als im klassischen Fernsehstudio, in dem sich seine Gäste angesichts der vielen Kameras, der Scheinwerfer und des Publikums sehr darauf konzentrierten, als die Person zu erscheinen, als die sie wirken wollten, waren seine Kochpartner bei den Unterhaltungen am Herd viel zu sehr mit dem Schnibbeln von Gemüse, dem Braten von Fleisch und Fisch und dem Probieren des Weins beschäftigt, als dass sie daran dachten, sich selbst als öffentliche Figur zu präsentieren. Im Küchendialog wirkten sie somit ungekünstelter, spontaner und widersprüchlicher.

Auch in „Alfredissimo!“ war Biolek stets der perfekte Gastgeber. Nie kam ein kritisches Wort über die Lippen, wenn er kostete, was seine Gäste ihm da vorsetzten. Befragt, wie er sich denn äußere, wenn es ihm wirklich nicht geschmeckt habe, verriet er, dass er es dann gesagt habe: „Interessant.“ Seitdem war dieses im Fernsehen gerne verwendete, da nichtssagende Geschmacksurteil gewissermaßen vergiftet: Als „interessant“ wird das bezeichnet, was nicht schmeckt.

Dass er in der Studioküche so sicher als perfekter Gastgeber agieren konnte, lag auch daran, dass er diese nach seiner privaten Küche hatte nachbauen lassen. Wer ihn dort einmal erlebte, wusste, dass Alfred Biolek den um das Wohl seiner Besucher besorgten Gastgeber nicht spielt, sondern dass er ihn mit Leib und Seele und Verstand verkörpert. Bei allem Unterhaltungscharakter der Sendung hatte sie einen aufklärerischen Kern. Wer „Alfredissimo!“ sah, wurde auf sympathische Weise zum Selbstkochen verführt. Die Rezepte, die er in seiner Sendung kochte und später in mehreren Büchern erfolgreich publizierte, waren auch vom Laien leicht nachzukochen und zugleich so lecker wie nahrhaft.

Schwierig: Schweigen bei „No Talk“

Seit 1990 lehrte Alfred Biolek als nebenberuflicher Professor an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM). Hier vermittelte er keinen festen Wissenskanon, sondern schuf so etwas wie ein Laboratorium, in dem die Studenten erste Fernsehideen ausprobieren konnten. Dass sie dabei mit dem Fernsehen, seinen ritualisierten Formen und starren Strukturen ironisch umgingen, störte ihn nicht. In der Unterhaltungsshow „Farbfernsehen“, die die damals moderne Form der Personality-Show persiflierte und von KHM-Studenten für das Dritte Programm des WDR erfunden und 1996 produziert wurde, trat er selbst auf; hier war er für einen kurzen Moment als Bühnenarbeiter zu sehen, der einen Luxuswagen ins Rampenlicht schob, der als Quizgewinn ausgelobt wurde.

Bei dieser Show war Uli Wilkes für das Design zuständig, der in seinem Diplomprojekt die wohl beste Travestie der Talkshow ablieferte, die dieses Fernsehformat je erlebte: Für „No Talk“, als Nachtprogramm für das Dritte Programm des WDR entwickelt und dort im Mai 1999 auch um 2.00 Uhr nachts ausgestrahlt, waren sieben bekannte Talkshow-Moderatoren in ein Studio geladen worden, in dem sie 30 Minuten zu schweigen (und kleinere Aufgaben zu lösen) hatten. Einer von ihnen war Biolek selbst, dem das Schweigen sichtbar schwerfiel.

Alfred Biolek war ein großzügiger Mensch, nicht nur als Gastgeber, sondern auch und vor allem als Unterstützer und Förderer von sozialen und kulturellen Projekten und von ambitionierten Studenten. Als sich sein erstes „Alfredissimo!“-Kochbuch sehr gut verkaufte, gab er die nebenberufliche Professur an der KHM zurück und setzte seine Arbeit dort als deren erster Honorarprofessor fort, der eben nur der Ehre halber und also unhonoriert wirkte. Dass er später einmal in die Riege jener Prominenten eingereiht wurde, die den Titel einer Honorarprofessur erhalten hätten, weil sich auf diese Weise die den Titel vergebende Hochschule mit der Prominenz schmücke, schmerzte ihn, auch wenn er das nicht zugab. Er, der eine gewisse Eitelkeit nie verleugnete, war ein Mensch des Fernsehens, wie er schon zu Beginn seiner Karriere selten war und wie er seitdem immer seltener geworden ist. Er bleibt unvergessen. 

26.07.2021/MK

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