Einer der größten Erzähler des Fernsehens

Zum Tod des US-amerikanischen Autors und Produzenten Steven Bochco

Von Harald Keller

12.04.2018 • Am 1. April 2018 verstarb der US-amerikanische Autor und Produzent Steven Bochco im Alter von 74 Jahren an den Folgen seiner Leukämie-Erkrankung. In den knappen Nachrufen deutscher Medien wurde, einer dpa-Meldung folgend, Bochcos Tätigkeit als Drehbuchautor der Kultserie „Columbo“ hervorgehoben. Mit „Tödliche Trennung“ (1971) hatte er das auf zwei Pilotfilme folgende erste Episodenskript für diese Kriminalfilmreihe beigesteuert. Inszeniert worden war der Neunzigminüter von dem damals 25-jährigen Steven Spielberg, was natürlich in kaum einem Nekrolog unerwähnt blieb.

Der im Dezember 1943 in New York geborene Bochco war ein geübter Serienautor und hatte bereits früh ein eigenes Serienkonzept entwickelt. Die Arztserie „The New Doctors“, ab 1969 ausgestrahlt unter dem Manteltitel „The Bold Ones“, zeigte im Ansatz, was Bochco zu einem der einflussreichsten Fernsehschaffenden machen sollte. Die Autoren kratzten am Nimbus der ‘Halbgötter in Weiß’, warfen Fragen nach medizinischer Ethik auf. Inhalte, die später in Serien wie „Chefarzt Dr. Westphall“, „Emergency Room“ und deren Erben zum Standard werden sollten.

Nach mehrjähriger Tätigkeit als Kontraktautor der Universal Studios wechselte Bochco 1978 zu MTM Enterprises. Die Produktionsfirma des Sitcom-Stars Mary Tyler Moore („The Mary Tyler Moore Show“) wurde von deren Ehemann und späteren NBC-Geschäftsführer Grant Tinker geleitet. Zunächst arbeitete Bochco für den neuen Arbeitgeber an einer nicht realisierten Krankenhausserie, gemeinsam mit Bruce Paltrow und Grant Tinkers Sohn Mark. Einige Jahre später gehörten Tinker und Paltrow zum Stab von „Chefarzt Dr. Westphall“, jener Krankenhausserie mit dem Originaltitel „St. Elsewhere“, die diesem TV-Genre bis dahin ungekannte Themen und Erzählformen zuführte.

Eine Serie, die das Fernsehen umkrempeln sollte

Der kalifornische Filmwissenschaftler Tom Stempel rechnet „St. Elsewhere“ – wie „Miami Vice“, „Twin Peaks“ und „Northern Exposure“ (deutscher Titel: „Ausgerechnet Alaska“) – zu den „Children of ‘Hill Street’“. Tatsächlich ließe sich unter personellen, inhaltlichen und gestalterischen Gesichtspunkten eine Art Stammbaum zeichnen, der von heutigen Qualitätsserien bis zurück zu „Polizeirevier Hill Street“ reicht, jener 1981 uraufgeführten Polizeiserie, die das US-Fernsehen umkrempeln sollte. Die es aber beinahe gar nicht gegeben hätte.

Mit Steven Bochco war der Szenarist Michael Kozoll zu MTM gekommen. Nach dem Scheitern des Klinikserienkonzepts sollten beide für MTM im Auftrag des Networks NBC eine Polizeiserie entwickeln. Beide waren das Krimigenre mit seinen repetitiven Mustern leid und wollten sich anderen Themen zuwenden. Der Legende zufolge suchten sie den Auftrag abzuwenden und legten deshalb ein überzogenes Konzept vor, bei dem sie kaum mit einer Umsetzung rechnen konnten: eine Polizeiserie mit verschränkten, übergreifenden Handlungsfäden, mit großem Ensemble, überlappenden Dialogen, Slangsprache, agiler Handkamera, halbdunkler Lichtführung. Keine allwöchentliche Mörderhatz, keine verlässliche Wiederherstellung der Ordnung, sondern ein realitätsnaher Einblick in den Alltag eines Großstadtreviers. Das Personal reichte vom Streifenpolizisten über die Scharfschützen bis hin zum Unterhändler und schloss noch eine Pflichtverteidigerin mit ein. Der Titel der mit schrägem Humor durchsetzten Serie lautete für die Ausstrahlung in Deutschland „Polizeirevier Hill Street“, im US-Original „Hill Street Blues“. Was die beiden Urheber nicht erwartet hatten: NBC griff zu.

Erfolgreich dank Zielgruppenprogrammierung

„Polizeirevier Hill Street“ startete in einer Phase des Umdenkens und einer sich wandelnden Programmpolitik. Die qualitative Zuschauerforschung gewann an Bedeutung. „Polizeirevier Hill Street“ erzielte anfangs nur magere Quoten, konnte aber bei der demografischen Auswertung punkten. Die vielfach preisgekrönte Serie fand ihr Publikum in gehobenen, gebildeten, dem Medium sonst eher abgeneigten Milieus – ein attraktiver Faktor für Werbekunden, die vordem auf andere Weise oder gar nicht im Fernsehen präsent gewesen waren. Die neue Devise: Nicht mehr das größtmögliche Publikum ansprechen, sondern das Programm auf eine bestimmte Zielgruppe abstellen. Ideale Voraussetzungen für ambitionierte Serienproduzenten, um mit neuen Erzählformen zu experimentieren.

„Quality TV“ war der Slogan der Stunde. Als führender Protagonist dieser Entwicklung erhielt Steven Bochco unerhörten Freiraum. Nachdem er mit „L.A. Law“ – gemeinsam mit Terry Louise Fisher – bei NBC einen weiteren Erfolg gelandet hatte, bot ihm das Network ABC einen Vertrag über zehn Serien an, was die finanzielle Basis wurde für die Gründung der Steven Bochco Productions. Gemeinsam mit dem von Bochco geförderten David E. Kelley, der Bochco bei „L.A. Law“ in der Rolle des verantwortlichen Produzenten ablöste, schuf er die erfolgreiche, exzeptionelle Arztserie „Doogie Howser, M.D.“ mit dem jungen Neil Patrick Harris („How I Met Your Mother“) in der Hauptrolle. Bochco nutzte die Möglichkeiten seines Zehn-Serien-Deals zugleich, um gewagtere Ideen zu realisieren – „Cop Rock“ beispielsweise kombinierte das Polizeigenre mit dem Musical. Ein Flop. Vom Gewohnten abweichende Serien wie diese würden heute im Spartenfernsehen, sei es im Kabel oder im Internet, gezeigt werden. Sie sind in diesen Nischen auch am besten aufgehoben.

Steven Bochco tat erst im Jahr 2007 den Schritt zu den neuen Anbietern, produzierte fürs Web und für den Pay-TV-Kanal TNT. Zwischenzeitlich machte er noch Furore mit „NYPD Blue“. Mit Koautor David Milch („Deadwood“) nahm er hier den Faden von „Hill Street Blues“ wieder auf, verkleinerte aber das Personal, betonte den dramatischen Gehalt, ließ die Kamera noch nervöser agieren. Und provozierte Sender, Werbekunden und konservative Verbände mit einer derben Sprache und – nach deutschen Maßstäben äußerst dezenten – Nacktdarstellungen. 57 mit dem Network ABC verbundene TV-Stationen verweigerten die Ausstrahlung von „NYPD Blue“, radikal-religiöse Wortführer riefen zum Boykott auf, Werbeschaltungen wurden storniert. Der Zuschauernachfrage tat die öffentliche Skandalisierung keinen Abbruch, eher im Gegenteil. „NYPD Blue“ brachte es auf eine Laufzeit von stolzen zwölf Jahren.

Polizisten artgerecht fluchen lassen

Steven Bochco und David Milch ging es erklärtermaßen nicht um die Provokation schlechthin. Sie wollten ihren Figuren eine realistische, milieugerechte Sprache zumessen. Und Polizisten einmal artgerecht fluchen lassen. So wie es den Abokanälen erlaubt war, während bei den frei empfangbaren US-Sendern noch heute gewisse Einschränkungen herrschen.

Ein weiterer Meilenstein: In „Murder One“ (ABC) erzählte Bochco 1995 konsekutiv und mit Episoden-Cliffhangern über eine volle Staffel hinweg von nur einem Mordprozess und der dazugehörigen Ermittlung. 2005 wagte sich Bochco nochmals auf Neuland: In „Over There“ (FX) machte er den Irak-Krieg zum Thema, während der noch anhielt. Und er machte es wieder in typischer Bochco-Manier: kritisch, kontrovers, ungeschönt. Mit großer Einfühlung auch in menschliche Schwächen, die in Bochcos Fernseherzählungen nie ausgespart wurden.

Anlässlich von Steven Bochcos Tod schrieb der amerikanische Fernsehkritiker Robert Bianco: „Wenn wir heute eine Goldene Ära des Fernsehens erleben, dann deshalb, weil Steven Bochco sie begründet und zu ihrem Fortbestand beigetragen hat. Jede anspruchsvolle moderne Dramaserie steht in ‘Hill Streets’ Schuld.“

Mit Steven Bochco hat das Fernsehen einen seiner größten Erzähler verloren.

12.04.2018/MK