Eine Maßnahme gegen das Verschwinden

Zum Tod des Radiokünstlers Hartmut Geerken

Von Hans-Ulrich Wagner
23.11.2021 •

Eher leise und kaum vernehmbar reagierte die Hörspielszene auf den Tod von Hartmut Geerken. Dabei war er es, der die Radiokunst-Bewegung ab Mitte der 1980er Jahre entscheidend mittrug und ihr großartige Produktionen voller Engagement, voller Spiel, Witz und Esprit beisteuerte. Zweimal, 1989 und 1994, wurde ihm der Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst verliehen, weitere größere Wertschätzungen blieben Geerken jedoch versagt. Vielleicht weil – wie so oft im Kunstbetrieb – er nicht in herkömmliche Schubladen passte. So etwas hätte der 1939 in Stuttgart geborene Hartmut Geerken auch konsequent unterbunden.

Konkreter Poet, Sprachspieler, Germanist mit Schwerpunkt Exilforschung, Mitherausgeber der Editionsreihe „Frühe Texte der Moderne“, Performance-Künstler und Free-Jazz-Musiker, Sun-Ra-Archivist und Filmschauspieler – allein diese doch beachtliche Aufzählung, als was er alles wirkte, ließe sich noch weiterführen; sie zeigt aber schon einmal, dass „klassische“ Rubriken für ihn als vielseitigen, intermedialen Künstler nicht passten. Auch wenn es etliche gedruckte Publikationen von ihm in Verlagen wie etwa dem Spenge-Klaus-Ramm-Verlag gab, man begegnete Geerken ebenso bei Auftritten in Filmen von Herbert Achternbusch, entdeckte Schallplatten- bzw. Tonkassetten-Einspielungen von ihm zusammen mit verschiedenen internationalen Jazz-Musikern und erlebte ihn – wenn man Glück hatte – als Teilnehmer bei Performance-Aktionen.

Der Hörfunk als Medium der Literaturvermittlung

Hartmut Geerken starb am 21. Oktober im Alter von 82 Jahren in Wartaweil am Ammersee. Seine Homepage www.hartmutgeerken.de weist noch für Mai, Juli und August 2021 Radiosendungen nach. Der Rundfunk hatte in diesem bunten Leben eine große Bedeutung. Geerken erlebte den Rundfunk, also den Hörfunk, zunächst wie viele seiner Generation in den Nachkriegsjahren als entscheidendes Medium der Literaturvermittlung. In einem Interview, das ich 1994 mit ihm führen konnte, erzählte er: „Das Radio war das Tor hinaus aus dem Land, in das die Erwachsenen vorher zwölf Jahre lang eingesperrt waren.“ Doch zur Rolle des Rezipienten gehörte sehr bald auch die eines freien Mitarbeiters. Bereits 1961 sendete der Süddeutsche Rundfunk (SDR) Geerkens Literatur-Feature über den expressionistischen, damals weitgehend vergessenen Autor Alfred Lichtenstein (1889-1914).

Der Rundfunk sollte in der Folge für Hartmut Geerken auch eine entscheidende ökonomische Rolle spielen. Das Studium der Orientalistik, der Philosophie, der Germanistik und der Religionswissenschaft, zunächst in Tübingen, später auch in Istanbul, finanzierte Geerken mit den Honoraren aus Literatursendungen. Charakteristisch ist dabei bereits die Liste der Literaten, mit denen er sich beschäftigte; sie umfasste neben Ezra Pound und E.E. Cummings vor allem Vertreter des Expressionismus – Jakob van Hoddis, Else Lasker-Schüler, Friedrich Koffka und immer wieder Alfred Lichtenstein. Dieser frühe Schwerpunkt seiner rundfunkjournalistischen Tätigkeit setzte sich ununterbrochen bis in die editorischen Arbeiten des Wissenschaftlers fort, wenn Geerken als Herausgeber von Texten expressionistischer Dichter fungierte. Doch auch viele der literarischen Publikationen des Schriftstellers Hartmut Geerken nahmen immer wieder ihren Ausgang bei expressionistischen Texten.

Eine enge Beziehung zum Rundfunk entstand darüber hinaus auch für den Jazz-Kenner und praktizierenden Jazz-Musiker Hartmut Geerken. Sein Debüt gab er bereits 1962, als in einer von Geerken arrangierten Lyrik-Jazz-Sendung der bekannte Rezitator Gert Westphal im Südwestfunk (SWF) Gedichte von Uwe Hasta sprach, was ein Pseudonym war, hinter dem sich der Schriftsteller Geerken damals noch verbergen wollte. Eine Vielzahl von Auftritten als Jazz-Musiker (vor allem als Percussionist und am Klavier) erfolgte in den nächsten Jahren bei ausländischen Rundfunkstationen, da Geerken seit 1966 Mitarbeiter des Goethe-Instituts war und nacheinander in Ägypten, Afghanistan und Griechenland lebte. Er trat mit Formationen aus den jeweiligen Gastländern auf, berichtete in den Sendungen der Radiosender vor Ort über Entwicklungen der Jazz-Musik oder stellte für ein deutsches Publikum Sendungen über Musiktrends in den von ihm besuchten Ländern zusammen.

Sein Beitrag in der vom SDR über lange Zeit hinweg gepflegten Reihe „Autorenmusik“, an der mitzuwirken Geerken vom damaligen SDR-Redakteur Helmut Heißenbüttel gebeten worden war, entstand unter technisch einfachsten Mitteln in Geerkens Wohnung in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Er stellte in der für den deutschen Zuhörer mehr als ungewohnten Übersicht nicht nur eine Auswahl seiner privaten Jazzplatten-Sammlung zusammen, sondern räumte befreundeten afghanischen Musikern breiten Raum ein. Der ironische Verbindungstext, der überdies verschiedene Sendeformen wie die des Wunschkonzerts parodierte, unterstrich das Ziel einer Durchbrechung eingefahrener Hörgewohnheiten.

Intensive Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk

Auf diesen beiden künstlerischen Beziehungen zum Medium Radio basierten die weiteren Hörfunkbeiträge und schließlich die Hörspielarbeiten, die Hartmut Geerken produzierte, nachdem er 1983 nach Deutschland zurückgekehrt war und als freier Schriftsteller in der Nähe Münchens lebte. In den ab dann entstandenen Hörspielsendungen spielten Geerkens intensive Nachforschungen über das Schicksal expressionistischer Dichter immer wieder eine entscheidende Rolle. Als Herbert Kapfer als Redakteur des Bayerischen Rundfunks (BR) 1986 im Programm des „Zündfunks“ in einer Reihe über Zeitschriften eine Sendung arrangierte über die von Anselm Ruest und Mynona (d.i. Salomo Friedlaender) herausgegebene egoistisch-anarchistische Zeitschrift „Der Einzige“, entwickelte sich ein erster Kontakt zu Hartmut Geerken, der umfangreiche Teile des Ruest-Nachlasses betreute. Kapfer, selbst Autor, Musiker und Jazz-Liebhaber, porträtierte in der Folge Hartmut Geerken in einer eigenen „Zündfunk“-Nachtausgabe. Eine intensive dramaturgische Zusammenarbeit begann, zumal Herbert Kapfer nur einige Zeit später zum Chefdramaturgen der unter Christoph Lindenmeyer 1988 neu geordneten Hörspielabteilung beim BR in München avancierte.

Diese enge Zusammenarbeit zwischen Dramaturg und Autor ermöglichte von 1989 an mehr als ein Dutzend größerer Hörspielarbeiten Hartmut Geerkens. Hinzu kamen mehrere BR-Hörspielsendungen, an denen Geerken in unterschiedlicher Weise beteiligt war. Als Sprecher einer Textrolle beispielsweise trat er in „goldberg ein dutzend täuschungen“ auf, einem akustischen Gemälde der Münchner Autorin und Malerin Maria Volk, das eine Fülle von Szenen, fantastischen Geschichten und mythologischen Bildern in einem akustisch-musikalischen Reigen collagierte. An der Produktion „Tunguska-guska“, einem Audio-Art-Hörstück, das ausschließlich klanglich einen sibirischen Mythos erzählt, wirkte Geerken als Musiker mit, der Waterphone und Rhythmusinstrumente spielte. Weitere Hörspiele, wie Mechthild Rauschs Scheerbart-Sendung etwa, wurden von Geerken in der Funktion eines freien Regisseurs und Realisators eingerichtet.

In der Münchner Hörspielabteilung hatte Hartmut Geerken seit 1988/89 ebenso Raum zur Umsetzung seiner poetischen Arbeiten gefunden, wie umgekehrt die BR-Hörspielverantwortlichen in ihm einen Mitarbeiter gewonnen hatten für das von ihnen initiierte avantgardistische und zeitaktuell engagierte Hörspielprogramm. Diese bald als „Münchner Dramaturgie“ apostrophierte Hörspielarbeit versuchte mit einem sogenannten „Hörspiel-Pop“-Programm, musikalische Entwicklungen auf dem Gebiet von Pop, Jazz und minimal musicfür das Hörspiel nutzbar zu machen. Doch nicht nur solche Versuche einer „Musikalisierung der Hörspielform“ wurden damals beim BR-Hörspiel weiterverfolgt, sondern auch experimentelle Hörspielsendungen, die sich in brisante Themen einmischten. „Weltniwau – ein Umschaltprozeß“ etwa gelangte als Beitrag von Hartmut Geerken in das vom BR während des Golfkriegs ausgeschriebene offene Hörspielprojekt „Wüstensturm“.

Sich auseinandersetzen mit dem Prozess des Hörspiels

Kein Wunder also, dass dieses experimentierfreudige Klima in der Münchner Hörspielabteilung für viele Jahre zur Voraussetzung für die Geerkenschen Hörspielarbeiten wurde. „bombus terrestris“ (1998), „bunker“ (1996), „hexenring“ (1994), „kalkfeld“ (2001), „erwartet bobo sambo ein geräusch? erwartet er eine stimme?“ (1990), „nach else lasker-schülers tragödie ich&ich fällt der vorhang in herzform“ (1995) sind hier zu nennen. Den Höhepunkt seines Radiokunst-Schaffens stellt aber zweifelsohne die Trilogie „Maßnahmen des Verschwindens“ dar (vgl. FK-Heft Nr. 2/93). Bereits der erste Teil sorgte 1989 für großes Aufsehen: „südwärts, südwärts“ (vgl. FK-Heft Nr. 50/89) erhielt den Karl-Sczuka-Preis. Folgerichtig entwickelte sich hier aus Geerkens Poetik die Spielanordnung. Peter Fricke, der Sprecher, hatte bei offenem Mikrofon ein Tagebuch zu dechiffrieren. Ausgangspunkt waren die Aufzeichnungen des expressionistischen Schriftstellers und Philosophen Anselm Ruest (1878-1943), der als deutscher Emigrant bei Kriegsausbruch 1940 in Frankreich verhaftet und in den Süden deportiert wurde. Aber weniger die Notizen selbst spielen bei diesem Hörspiel „südwärts, südwärts“ eine Rolle als vielmehr der Versuch, sich einem historischen Dokument von 1940 von heute aus anzunähern. Der Sprecher tastet sich mühsam durch den hand­geschriebenen Text, er stockt, freut sich über eine Entzifferung und spricht Kommentare zu seiner Dechiffrierarbeit mit („kann man nicht lesen“; „alles durchgestrichen“).

Ähnlich ergeht es dem Hörer im Teil „fast nächte“, auch hier werden ihm nicht Dokumente vorgesetzt – in diesem Fall der Tischkalender Mynonas 1941 bis 1945 –, sondern er erlebt die Suche mit und muss sich seinerseits aktiv durch das ihm akustisch gebotene Material vortasten. Aleatorische, also zufällige Spielprinzipien, spielen dann vor allem in „stöße gürs“ (vgl. FK-Heft Nr. 38/91) eine große Rolle, wenn beispielsweise jede siebte Karte, die Heinz-Ludwig Friedlaender aus dem berüchtigten Internierungslager Gurs während sieben Jahren an seine Eltern schreiben durfte, aus einem Stoß gezogen und vorgelesen wird. Die Beschreibung einiger weniger solcher Spielvorgaben, innerhalb dessen sich dann das Hörspiel entwickelt, könnte detailliert fortgeführt werden. Sie lassen aber bereits erahnen, welch dichtes Beziehungsgeflecht in Geerkens Hörspielarbeiten entsteht. Dem Hörer, der allein auf eine inhaltliche Dimension hofft, muss vieles unverständlich erscheinen; umgekehrt jedoch können diese Spiele den Hörer in die Lage versetzen mitzuwirken, da er sich aktiv bemühen muss, aufgefordert ist, sich auseinanderzusetzen mit dem Prozess des Hörspiels.

Was bei diesen großen Radiokunst-Produktionen, die dankenswerterweise online im „Hörspiel-Pool“ des Bayerischen Rundfunks weiterhin nachzuhören sind, deutlich wird, kann für Hartmut Geerkens Ansatz insgesamt gelten: Die wichtigste Triebfeder seines Schaffens war die Aufgabe, zu „konservieren“ und zu „archivieren“. „Wo meine Väter zerstört haben“, so sagte er, wolle er all die Fundstücke in einem künstlerischen Prozess nutzbar machen. Ein umfassender Versuch entstand, „zu retten, was zu retten ist“. Als Sohn eines schwäbischen Beamten, der an seinen nationalsozialistischen Ansichten festhielt, wurden so Geerkens wissenschaftliche ebenso wie seine literarischen Arbeiten zu „Maßnahmen“ gegen das „Verschwinden“.

Die herkulische Gesamtaufgabe, den „Maßnahmen des Verschwindens“ etwas entgegenzusetzen, sie bildete die Grundlage für Hartmut Geerkens mediale Vielseitigkeit von literaturjournalistischer, editorischer, schriftstellerischer und radiokünstlerischer Arbeit. Nicht geradlinige Lebensgeschichten werden deutlich, sondern unterbrochene. Personen kommen zu Wort, die aus der Bahn geworfen wurden; Emigranten, die ihr Leben als Provisorium begreifen mussten. Genau hier setzte Geerkens Poetik eines „interaktiven“ und eben „nicht-erzählenden“ Hörspiels an. Die Durchbrechung jeder linearen Entwicklung, die ständige Konfrontation einzelner dokumentarischer Materialien in einer Collage, das sind die Kennzeichen eines Autors, der als Arrangeur auftritt. Den unterbrochenen und gebrochenen Biografien antwortet ein systematisches Chaos, eine geordnete Unordnung in seinen Hörspielen. Seine Montageformen rückten einzelne Dokumente in den Vordergrund, stellten sie aus und brachten sie zur Sprache. Nicht mehr Geschichte und Geschichten werden hier erzählt, sondern der Hörer muss ähnlich wie in der Dechiffrierarbeit von „südwärts, südwärts“ und „fast nächte“ sich durch das dargebotene Material tasten. Mühen für Radiokunst sind also aufzuwenden – sicherlich auch nach dem Tod Hartmut Geerkens. „Maßnahmen gegen das Verschwinden“ zu ergreifen, ist sicherlich eines seiner Vermächtnisse.

23.11.2021/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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