Eine Choreografie der Ungewissheit

Bundestagswahl: Über Stephan Lambys ARD‑Dokumentation „Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr“

Von Hans Hütt
21.09.2021 •

Der Dokumentarfilmer Stephan Lamby beweist mit seinem Film „Wege zur Macht“ (Mo 20.9.21, 20.15 bis 21.30 Uhr, ARD) erneut sein Gespür für politische Dramen und hält mit diesem Film kunstvoll in der Schwebe, worauf wir in der kommenden Woche zusteuern: Gibt es eine Tragödie – das wäre die deutsche Orestie um den Machtkampf in der Union. Oder gibt es eine Komödie – dann dienten die Frösche des Aristophanes als Vergleichsmaßstab für die Beurteilung von Wichtigtuern, die die in sie gesetzten Erwartungen unterlaufen. Oder bleibt es bei einem Patt der Ungewissheit – dann erlebten wir Samuel Becketts Endspiel, das Ende der Welt läge bereits hinter uns, nur scheinen wir es noch nicht bemerkt zu haben. 

Der Berliner Religionswissenschaftler Klaus Heinrich, der in dieser Pandemiezeit an der Virusinfektion gestorben ist, hat in einem Erinnerungsband der Akademie der Künste über Jürgen Fehlings Inszenierung von Jean-Paul Sartres Drama „Die Fliegen“ geschrieben.* Für die Studenten der damaligen Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) gab das Stück im Jahr 1948 Anlass zu der Frage, in welcher Lage sie sich im Ostteil der Stadt befanden. Die Inszenierung im Hebbel-Theater in West-Berlin empfanden sie als Chance, darüber nachzudenken, ob sie unter der Besatzung durch die Befreier frei seien. In treuer Brechtscher Dialektik war diese Frage nicht zu beantworten, weil nach den so Fragenden mit Haftbefehl gefahndet wurde. Das war die Gründungsstunde der Freien Universität in West-Berlin.

Es hat den Charakter von Solo‑Prozessionen

Stephan Lamby stellt in seinem Film viele Fragen, erhält oft nicht die Antwort, auf die er dringt, aber gerade dadurch gelingt es ihm, sein Publikum wenige Tage vor der Bundestagswahl (26. September) mit der eigenen Ungewissheitsgewissheit zu konfrontieren. Wer noch nicht per Briefwahl den Konflikt mit sich selbst entschieden hat, bekam am Montagabend (20. September) im Ersten Programm der ARD unerwartet Bedenkzeit, sozusagen ein Demokratie-Geschenk, die Ungewissheit bis zum Gang in die Wahlkabine auszuhalten.

Lamby zeigt für das Genre der politischen Dokumentation, welchen Wert sein persönliches Netzwerk mit politischen Akteuren und deren journalistischen Beobachtern gewinnt, die trotz ihres extrem knapp gestrafften Tagewerks ihm erstaunlich ausführlich Rede und Antwort stehen. Im Wesentlichen sind es die politischen Spitzenkandidaten und ihre Wettbewerber, ihre engsten Mitarbeiter in den Parteizentralen und mit den Journalistinnen Melanie Amann („Der Spiegel“) und Kristina Dunz (Redaktionsnetzwerk Deutschland/RND) zwei Beobachterinnen, die durch ihre genauen Statements die Rolle des Chors einer antiken Tragödie übernehmen. Robin Alexander („Die Welt“) fehlt dieses Mal, dafür werden zu gegebener Zeit die zahllosen Tweets aus der Nacht eingeblendet, mit denen er im April 2021 die Entscheidungsschlacht im Bundesvorstand der CDU, wer zum Kanzlerkandidaten nominiert wird, in Echtzeit auf Twitter abgebildet hatte. Das hat ihn in einen Mitspieler verwandelt, der in dem Beobachtungschor falsch platziert gewesen wäre.

Kein Duell, kein „Triell“ der vergangenen Wochen hat auch nur annäherungsweise so detailliert dazu Gelegenheit gegeben, die Performanz der Kandidaten zu studieren. Es sind nicht die eingeübten 90-Sekunden-Statements oder das Textkneten des CDU-Generalsekretärs vor laufender Kamera am Abend der Wahl in Sachsen-Anhalt. Alles verwandelt sich in erwartungsvolle Anschauung auf dem Weg zur Entscheidung.

Wir haben gewonnen, wir haben verloren

Das hat auch etwas mitunter Komisches, weil der Zuschauer immer wieder Zeuge wird, wie die Kandidaten sich in den Fluren der Parteizentralen bewegen und in die Kamera sprechen. Es hat den Charakter von Solo-Prozessionen. Lamby kennt natürlich die Kamerafahrten der großen US-Spielfilme und Dokumentationen, die die Akteure in Kellern oder in grauenvollen Fluren auf ihren Wegen zu Sieg oder Niederlage zeigen. Er kann diese schrecklich öden Bilder aufhübschen, weil die Berliner Parteizentralen diese langen Flure oberhalb der Innenhöfe haben, in denen am Wahlabend die Statements abgegeben werden: Wir haben gewonnen, wir haben verloren, wir wissen noch nicht, wie das Rennen tatsächlich ausgehen wird. So wird es kommen. Die Prognosen der letzten Tage sind ein Beleg der Ungewissheit.

Überschattet ist der Wahlkampf vom Geschehen der Corona-Pandemie, das ist die Parallele zur Jean-Paul Sartres Drama von der Fliegenplage. Daher die Erinnerung an Jürgen Fehlings Inszenierung. Zeigen sich die Akteure der Plage gewachsen? Sind sie unwirsch darüber, dass die Plage ihnen Entscheidungen abverlangt, die unpopulär sind? Beneiden sie die Konkurrenten, die nüchtern begründen können, was im pandemischen Geschehen an Entscheidungen geboten ist?

In Lambys Film (2,25 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,1 Prozent) kommt mit dem Pianisten Igor Levit eine weitere Figur mit einer anderen Haltung ins Bild. Er ist der fassungslose Zeuge des Geschehens, steht auch für die Künstler unserer Zeit, die über ein Jahr nicht auftreten durften. Mehrfach erklingt Bachs Aria der Goldberg-Variationen, ein Stück, das selbst wie eine Choreografie angelegt ist, in der wir durch unsere Ohren zu hören bekommen, wie gemessen wir auf eine Tragödie oder auch auf die Erlösung zuschreiten können. Levits Vorteil ist es, durch Anschlagstechnik zu Tönen zu finden, die in uns nachhallen, auch wenn wir ihm nicht immer folgen. Unfassbar traurig und beglückend – alles ist drin. Fast sieht es so aus, als lieferte der Wahlkampfslogan der Grünen (eben: „Alles ist drin“) durch den Schnitt der Dokumentation das Leitmotiv für die Ungewissheitsgewissheit, die diese Dokumentation in der Woche vor der Wahl so wertvoll macht.

Der Machtkampf zwischen Markus Söder (CSU) und Armin Laschet (CDU) um die Kanzlerkandidatur der Union liefert genügend Material, um von einer Tragödie zu sprechen. Nie sah ein Sieger so unglücklich aus der Wäsche. Nie blieb ein Verlierer so stark nach der erlittenen Niederlage.

Ein atemberaubender Satz 

Ähnlich sieht es bei den Grünen aus. Annalena Baerbock, die Gewinnerin um die Kanzlerkandidatur, begnügt sich mit rhetorischen Hülsen. Der unterlegene Co-Vorsitzende Robert Habeck zeigt sich auch in der Niederlage als ein Denker, der die Trauer um die verpasste Gestaltungschance glaubhaft macht. In einer beiläufig wirkenden Szene geht es um die Frage, wie gewissenhaft vor der Entscheidung um die Kandidatur alle Fakten und Unterlagen der Grünen geprüft worden sind – oder auch nicht. Die Amerikaner nennen diese Prozedur das „Vetting“. Da wird jeder Teppich umgedreht, jedes Dokument mehrfach geprüft. Auch hier bleiben die Agierenden ihrer Rolle treu. Es bleibt offen, wer gesiegt haben wird – oder auch nicht. Aussagen über die Kandidatin, dass sie sattelfest auch über komplexe Sachverhalte der grünen Politik Auskunft geben kann, erinnern an eine Bemerkung des Freiburger Politikwissenschaftlers Wilhelm Hennis, der im Wahlkampf des Jahres 2002 über den Kanzlerkandidaten Stoiber (CSU) gesagt hatte, immer wenn er Stoiber reden höre, frage er sich, wo dessen Vorgesetzter sei. In politischen Krisen entscheidet nicht das Wissen um die Sachverhalte, da geht es um das Einhegen von Gefahren abseits des Gewussthabens.

Armin Laschets Sieg um den CDU-Vorsitz führte auch zu einem Tragödien-Satz: „Aber ich bin Armin Laschet und darauf können Sie sich verlassen.“ Dieser Satz ist atemberaubend. Er oszilliert zwischen Moses’ Begegnung mit Gott im brennenden Dornbusch („Ich bin, der ich bin“) und Arthur Rimbauds Satz „Ich ist ein Anderer“. Zweifelt Armin Laschet daran, wer er tatsächlich ist oder klammert er sich an das Bild, das sich die anderen von ihm machen? Ist das der Grund für die Mimik, mit der er sich den Fernsehkameras unentwegt als ein Gequälter zeigt, auch nachdem er hinter dem Rücken des Bundespräsidenten an einem falschen Ort und zur falschen Zeit gelacht hat?

Dieser Wahlkampf liefert dem politisch interessierten Publikum unentwegt Bilder, die sich für beide Formate eignen: mal für die Tragödie, mal für die Komödie, mal bleibt uns das Lachen im Angesicht der Katastrophe so im Halse stecken, dass die Zunge aus dem Mund herausmuss.

Es gibt einen weiteren virtuellen Zulieferer zu dieser Dokumentation. Das ist der Denker Lukrez, der in seinem Werk „De rerum natura“ die Wahrnehmungshäutchen aus der Ferne der beobachtenden Augen an das Begreifen der Sachverhalte annähert, sozusagen ein Vorherseher der Pixel unserer heutigen Bildwelten, ohne dass wir dafür Finger in offene Wunden legen müssten. So einen Zeugen des politischen Geschehens kann man nicht erfinden, aber mit Igor Levit ist er leibhaftig da, ein Glücksfall. Mit ihm kehren wir aus den Pixeln der Skype-, Zoom- oder Teams-Bildschirme zurück in die wirkliche Wirklichkeit, für welche die aktuelle Politik nur eine Randerscheinung ist, so viel Demut ist ihr zumutbar.

Die Unwirklichkeit im Wirklichen

Als die Pandemie erneut zu einem Lockdown führt, reagiert der frisch gewählte Vorsitzende der CDU nur genervt. Später machte die Bundeskanzlerin in der ARD-Talkshow von Anne Will deutlich, dass sie Wankelmut in einer Krise nicht für nützlich hält. Affären von einträglichen Nebengeschäften von Unionsabgeordneten werden im Vorübergehen abgetan. Die unwürdige Selbstausfertigung von „Ehrenerklärungen“ von Abgeordneten der Unionsfraktion ist im Film nicht einmal der Rede wert. Das ist angemessen.

Mit Selina Fullert kommt auch eine Hamburger Bürgerin ins Bild, die quasi zur Halbzeit der 75-minütigen Dokumentation sich von den sogenannten „Querdenkern“ verabschiedet, weil sie ihre Familie vor einem Polizeieinsatz in der eigenen Wohnung bewahren will. Sie vertraut in der Katastrophe auf ein Bauchgefühl, das mit dem Denken, egal in welche Richtung es gehen mag, nicht viel im Sinn hat. Sie beglaubigt durch ihren Auftritt eine absolut gesetzte unreflektierte Befindlichkeit, die sich aus Furcht vor dem Ernst der Lage in die Büsche schlägt. Ihre Furcht mag sogar begründet sein, aber sie stellt Leitmotiv des „Querdenkens“ ein angemessenes Zeugnis aus. Wenn es ernst wird, schlägt man sich besser in die Büsche, von Denken ist da nichts zu sehen.

Zum Eindruck der Tragödie trägt schließlich auch bei, dass die politischen Versammlungen im Jahr der Wahl in menschenleeren Räumen stattfinden. Den Darstellern auf den Bühnen des politischen Betriebs fehlt das Leibhaftige ihrer Organisationen. Das führt zu dem Eindruck von Unwirklichkeit im Wirklichen, das ist die riesige Keimzelle, die im Inneren am Selbstbewusstsein der Kandidaten nagt. Der virtuelle Beifall bestätigt nicht, er nährt Selbstzweifel. Das mit der Kamera eingefangen zu haben, ist das politisch und ästhetisch größte Verdienst dieser Dokumentation. (Der Film, der am 23. September um 18.00 Uhr auch bei Phoenix ausgestrahlt wurde, ist in der ARD-Mediathek noch bis zum 22. September 2022 zum Anschauen verfügbar.)

--------------------------------------

* Klaus Heinrich: Erinnerungen an die Fliegen. In: „Das Theater des deutschen Regisseurs Jürgen Fehling. Jürgen Fehling zum 100. Geburtstag, 1. März 1985“, hrsg. im Auftrag des ‘Jürgen Fehling Archivs Joana Maria Gorvin’ von Gerhard Ahrens. Mitarbeit: Carsten Ahrens, Berlin 1985, S. 204-213

21.09.2021/MK

` `