Ein verzerrtes und geschöntes Bild

Zur Dokumentationsreihe „BILD. Macht. Deutschland?“ bei Amazon Prime Video

Von Stefan Niggemeier
29.12.2020 •

Irgendwann, nachdem man mehrere Episoden und etliche Stunden hautnah mit den Leuten von „Bild“ verbracht hat, kann man kaum mehr anders, als nur noch Respekt zu empfinden für diese Redaktion, in der Journalisten noch arbeiten, wie Journalisten arbeiten sollten. Sie warten nicht darauf, dass die Agenturen etwas melden, sondern finden selbst Nachrichten heraus. Sie sitzen nicht am Schreibtisch, sondern gehen hinaus in die Welt, wenn die wichtigsten Leute aus der Welt sie nicht ohnehin gerade anrufen. Sie machen sich im Zweifel viel zu viel Arbeit, weil sie so viele Mitarbeiter zum Recherchieren losschicken, obwohl gar nicht klar ist, was genau davon am Ende überhaupt verwendet werden kann. Sie nutzen ihre Reichweite, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Und, ja, manchmal hauen sie auch ein bisschen daneben, aber das passiert halt schon mal auf dem Boulevard.

Es ist, mit anderen Worten, ein ganz anderer Eindruck, als man ihn bekommt, wenn man sich nicht diese Dokumentation ansieht, sondern das Ergebnis der Arbeit dieser Leute. Mehrere Monate haben Filmemacher der Produktionsfirma Constantin Entertainment im Auftrag des Streaming-Anbieters Amazon Prime Video bei der Produktion der „Bild“-Zeitung und ihrer digitalen Ableger zugesehen (verantwortlicher Produzent: Jochen Köstler; Regie: Peter Hirsch, Harald Hotz, Mark Reuter, Meik Schneider und Christoph Sievers). Entstanden ist eine siebenteilige Dokumentation mit dem rätselhaften Titel „BILD. Macht. Deutschland?“. Schon eine ARD-Dokumentation zum 60. Geburtstag von „Bild“ im Jahr 2012 hieß: „BILD. Macht. Politik.“ (vgl. diesen FK-Artikel).

Außergewöhnliche Einblicke, wie sie sonst nicht zugelassen werden

Die Amazon-Doku, die den Untertitel „Ein Jahr hinter den Kulissen der BILD“ hat und seit dem 18. Dezember 2020 abrufbar ist, bietet außergewöhnliche Einblicke in die Arbeit der Redaktion in Berlin – nicht nur, weil „Bild“ und der Axel-Springer-Konzern sich eigentlich seit Jahren die meisten Blicke hinter die Kulissen verbitten. Hier sind wir nun plötzlich sogar bei den täglichen Konferenzen der Redaktionsleitung und aktuellen Besprechungen im Zimmer des Chefredakteurs dabei. Das sind intime Situationen, in denen auch andere Redaktionen in aller Regel keine Blicke von außen zulassen, schon gar nicht über einen längeren Zeitraum.

Wir sind dabei, als Chefredakteur Julian Reichelt Anfang Mai 2020 plötzlich merkt, dass in diesen Corona-Zeiten die Führungsriege viel zu eng in einem kleinen Konferenzraum sitzt. Das gibt ein großes Hallo, die Kollegen können es nicht glauben, dass es ihm ernst ist, dass sie Masken tragen sollen, Reichelt misst mit seinem Smartphone die Breite des Tisches aus, sein Stellvertreter Florian von Heintze zieht sich den Mund-Nase-Schutz lustig über die Augen, es wird diskutiert, ob es nicht reicht, wenn jeder zweite eine Maske trägt. Es hat eine große Tragikomik.

Wir sind aber auch dabei, wie die Auseinandersetzung von „Bild“ mit dem Virologen Christian Drosten geplant wird, wie sie eskaliert, wie sie heftige Gegenreaktionen auslöst und wie sie auch in der „Bild“-Redaktion auf Zweifel und Widerspruch stößt. Drosten, seine Fachkompetenz und sein Einfluss auf die Politik scheinen dem Chefredakteur von Anfang an suspekt. „Ich weiß, die Merkel isst jeden Abend was Leckeres mit dem Drosten“, sagt Reichelt in einer Sitzung: „Herr Drosten sagt, wir werden alle sterben.“ Ein andermal fragt Reichelt: „Warum trauen alle diesem komischen Wuschelkopf?“, jemand wirft den Ausdruck „Wirrologe“ in die Runde, Gelächter.

Begeistert stürzt sich die Redaktionsleitung auf Kritik einiger Statistiker an einer Studie von Drosten. Es kommt zu der inzwischen berühmten „Bild“-Anfrage an den Mann von der Charité, wobei ihm die Redaktion nur eine Stunde Zeit gibt, auf die Vorwürfe zu antworten. Drosten veröffentlicht auf Twitter als Antwort den Satz: „Ich habe Besseres zu tun“ – zunächst mitsamt der Handy-Nummer von „Bild“-Redakteur Filipp Piatov, der daraufhin teils antisemitische Schmähnachrichten bekommt. Die „Bild“-Redaktion versteht Drostens Reaktion als Kriegserklärung. Reichelt ruft bei der Pressestelle der Charité an: „Grüß Gott, hier ist Julian Reichelt. Ich bin der Chefredakteur von ‘Bild’ und beginne, ein ganz massives Problem mit ihrem lieben Professor Drosten zu haben…“

Die Welt, wie sie aus der Perspektive der „Bild“-Redaktion aussieht 

Es ist faszinierend, all das zu sehen. Auch, wie Reichelt persönlich noch dafür sorgt, dass Drostens Studie in der Schlagzeile von „Bild“ nicht bloß als „falsch“, sondern als „grob falsch“ bezeichnet wird. (Für die Berichterstattung gab es später eine Rüge des Presserats.) Oder wie die Medizin-Redakteurin vorsichtig Widerspruch anmeldet – und später in die Kamera des Filmteams sagt, dass es vielleicht geholfen hätte, auf ihre Fachkompetenz in der Berichterstattung zurückzugreifen. Überhaupt ist es erstaunlich, wie offen auch im Einzelinterview Leute aus der „Bild“-Führung Kritik an Reichelt oder an nicht funktionierenden Abläufen üben. Einige von ihnen haben zum Zeitpunkt der Ausstrahlung das Unternehmen verlassen. Widerspruch schlägt Reichelt auch entgegen, als er „die große ‘Bild’-Abrechnung mit den Virologen insgesamt“ in Auftrag gibt. „Wen wollen wir reintun in diese Virologen-Sammlung“, fragt jemand. „Alle“, antwortet Reichelt wie im Rausch: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Von März bis September 2020 war das Filmteam regelmäßig in der Redaktion. Es hatte nach Angaben von Amazon „umfassenden Zugang zu allen Geschehnissen während des Produktionszeitraums“. Im Konferenzraum waren zum Teil Kameras fest installiert. Das soll an den Corona-Beschränkungen gelegen haben, half aber womöglich auch, dass die Beteiligten – wie im Dschungelcamp – vergaßen, dass sie gefilmt werden. „Bild“ hatte laut Amazon „kein allgemeines Abnahmerecht“, konnte die Folgen der Reihe aber „vorab sichten, um sicherzustellen, dass der Schutz von Quellen und Informanten gewährleistet ist sowie kein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte von Mitarbeitern erfolgt“.

Die Fehler und Verdrehungen von „Bild“ bleiben weitgehend unsichtbar

Dieses Reportage-Format im Fly-on-the-wall-Stil macht den besonderen Reiz der Reihe aus. Es ist gleichzeitig ihre problematischste Beschränkung. Es ist eine Dokumentation aus größter Nähe, mit geringster Distanz. Wir sehen die „Bild“-Redaktion, aber wir sehen auch die Welt fast ausschließlich durch den Blick der „Bild“-Redaktion. Einzelne Stimmen von Politikern, die gelegentlich vorsichtig Kritik formulieren dürfen, ändern daran kaum etwas.

Für den Zuschauer dreht sich die ganze Welt um die „Bild“-Zeitung. Die tatsächlich immer noch vorhandene und beeindruckende oder furchteinflößende Bedeutung des Blattes wird so noch zusätzlich verstärkt. Was die „Bild“-Zeitung hingegen regelmäßig anrichtet mit ihrer Berichterstattung, ihren Fehlern, Verdrehungen und Grenzüberschreitungen, ist für die Dokumentation weitgehend unsichtbar.

Damit die Bigotterie des Blattes einmal ein Thema wird, muss der „Bild“-Chefredakteur sie selbst anprangern. Das tut er, weil die „Bild am Sonntag“ ein Paparazzo-Foto veröffentlicht hat, auf dem zu sehen ist, FDP-Chef Christian Lindner vor einem Promi-Restaurant in Berlin trotz Abstandsgebot einen befreundeten weißrussischen Honorarkonsul umarmt. Reichelt kritisiert, dass das größte Heuchelei sei, weil gleichzeitig die halbe „Bild“-Redaktion verbotenerweise in jenem eigentlich geschlossenen Restaurant gesessen habe. Es ist bemerkenswert, so eine interne Kritik zu sehen. Aber wenn Reichelt die Sache nicht angesprochen hätte, wäre sie auch kein Thema in der Dokumentation gewesen. Das ist der Reiz und das sind die Grenzen des Reportage-Formats.

Es gibt einige Szenen, die durchaus entlarvend sind, vor allem jene, in denen man das Gefühl hat, dass nicht nur Schwaden von Zigarettenrauch, sondern auch von Testosteron Julian Reichelt bei seiner Arbeit umnebeln. Besoffen von eigener Bedeutung plant er etwa, wegen Corona einen provozierenden Brief an den bösen „Ober-Chinesen“ zu schreiben. Dass er nicht einmal dessen Namen – Xi Jinping – kennt, ficht ihn nicht an.

Der Stoff reicht nicht für sieben Folgen

Bei vielen Themen, wie etwa einer Kampagne für härtere Straftaten für sexuellen Missbrauch von Kindern, macht sich die Dokumentation die „Bild“-Position ungebrochen zu eigen. Unterstützt wird das durch eine sehr moderne, sehr opulente Inszenierung, die mit großen Bildern und unterbrochener, treibender Musik auf maximale Dramatisierung setzt. Ob „Bild“-Reporter Paul Ronzheimer an der Front – möglicherweise – sein Leben riskiert oder die Sportredaktion überlegt, wie sie ohne Fußball-Bundesliga überleben soll, immer suggeriert der Soundtrack höchste Spannung und sorgt für ein Mitfiebern mit den „Bild“-Leuten. Zwischendurch ziehen dunkle Wolken über die Berliner Skyline, ein Regenbogen schmückt das Verlagsgebäude, mit der Drohne fliegen wir spektakulär an der goldglitzernden Fassade vorbei.

Doch all das und der sichtbar große Aufwand, der da betrieben wurde, täuschen irgendwann nicht mehr darüber hinweg, dass der spannende Stoff nicht für sieben Folgen reichte. Statt hinter die Kulissen zu blicken, verfilmt die Doku dann über weite Strecken nur noch „Bild“-Recherchen. Ein Kamerateam, das dreht, wie Ronzheimer gedreht wird, verdoppelt nur die Bilder, ohne einen Mehrwert zu bieten – außer einem werblichen für „Bild“. Spätestens als wir den „Bild“-Parlamentsreporter in den Bundesrat begleiten, wo er protokolliert, dass Bundeskanzlerin Merkel hier nur selten redet, aber diesmal eine Maske trägt, ist es um jede Relevanz geschehen.

Trotz der Einblicke in die Redaktion, in ihren alltäglichen Zynismus und Machthunger ebenso wie in ihren echten journalistischen Ehrgeiz und ihre internen Debatten, trotz gelegentlich offenkundiger Widersprüche, Täuschungen und Selbsttäuschungen, entsteht ein verzerrtes und geschöntes Bild dieses Mediums, seiner Arbeitsweise und vor allem seiner Wirkung. In der Woche, in der die Dokumentation Premiere hatte, brachte „Bild“ einen Artikel, der behauptete, dass die Ärzte der Intensivstation der Charité als Dank für ihre aufopferungsvolle Arbeit bloß einen „peinlichen Präsentbeutel“ mit Kondom, Zitronen-Limo, Energy-Drink und Slip-Einlage bekommen hätten. Die ganze Grundlage: ein schon vor der Veröffentlichung gelöschter Tweet eines anonymen Twitter-Nutzers. Tatsächlich handelte es sich offenbar um einen Präsentbeutel für Studenten.

Das ist „Bild“-Alltag, sogar die harmlosere Form davon. Man würde das nicht ahnen, wenn man diese Reportage gesehen hat.

29.12.2020/MK

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