Ein schöner Anderthalb-Jahrgang in Mundarten

Regionalhörspieltage 2021 in Zons: Schweizer Groteske gewinnt den Wettbewerb

Von Waldemar Schmid
30.11.2021 •

Acht Einreichungen gab es für den Zonser Regionalhörspielpreis 2021, der im Rahmen der Zonser Hörspieltage vom 20. bis 22. Oktober ermittelt wurde. Für das Internationale Mundartarchiv „Ludwig Soumagne“ war es seit Beginn der Corona-Pandemie, die zweimal die jeweils im Mai geplanten Hörspieltage und deren Wettbewerb ausfallen ließ, die erste öffentliche Veranstaltung überhaupt. Die Mitglieder der Jury tagten unter 2G-Bedingungen. Das Mundartarchiv im Dormagener Stadtteil Zons ist Veranstalter der Regionalhörspieltage, die nun erstmals seit anderthalb Jahren wieder stattfanden, diesmal im Herbst statt im Frühling.

Die Wettbewerbsbeiträge der ARD-Landesrundfunkanstalten und von ORF (Österreich) und SRF (Schweiz) erschienen zunächst wie eine Invasion von Großmütterthemen, denn vier der acht Stücke handelten – auf unterschiedlichen Beziehungsebenen – von Erinnerungen älterer Frauen und deren mittelbaren Nachwirkungen in den nachfolgenden Generationen. Aber die dramaturgische Originalität der Stücke war insgesamt eindrucksvoll wie noch selten, so dass sich von einem schönen Anderthalb-Jahrgang der Mundart-Hörspiele sprechen ließ.

Die Erinnerungen älterer Frauen

Eines der markanten Beispiele hierfür war das Stück „Luzies Erbe“ nach einem Roman der früheren Radio-Bremen-Redakteurin Helga Bürster, von Regisseur Wolfgang Seesko als Hörspiel eingerichtet und in den Programmen von Radio Bremen und des NDR ausgestrahlt. Helga Bürster lässt ihre Großmutter Luzie Mazur (Edda Loges) auf Plattdeutsch von ihrer verbotenen Beziehung zu einem polnischen Zwangsarbeiter während der NS-Zeit sprechen. Auf mehreren Zeit- und Reflexionsebenen wird auf Platt wie auch auf Hochdeutsch und Polnisch aus den nachfolgenden Generationen ein Familiendrama entwickelt – eine anspruchsvoll inszenierte Produktion.

Eine weitere Romanadaption war das Stück „Ein Lebensweg“ von Maria Beig. Regisseurin Felicitas Ott hatte den Roman als Hörspiel eingerichtet, gesendet wurde es im Programm SWR 4 Baden-Württemberg. Die Schriftstellerin Maria Beig (u.a. „Die Kunst der scheinbaren Kunstlosigkeit“) hatte die Autobiografie „Ein Lebensweg“ auf Hochdeutsch geschrieben, Dietlinde Elsässer übersetzte die Hörfassung ins Schwäbische und sprach sie dann auch. Es ist eine von Klangsignalen und diskreten Musikakzenten elegant aufgelockerte Erzählung geworden.

Im gemütlichen Berner Dialekt, aber mit umwerfend grotesk entfalteter Thematik und einer bizarren Verschränkung von Unsinnsebenen kam das Hörspiel „Obsi“ daher. Radio SRF 1 hatte den Schriftsteller und Hörfunkautor Heinz Stalder anlässlich seines 80-jährigen Geburtstags gebeten, sein 1981 erstaufgeführtes Theaterstück „Fischbach – oder wie Ungehüür us Amerika“ aus der Jetztzeit kommentierend fortzuschreiben. Herausgekommen ist dabei ein Stück, das ein Verweis darauf ist, wie sich Mundartstücke intelligent und absurd ausdenken lassen.

Drastische Sprachmittel, dunkle Radikalität

Im Dialekt von Baselland lieferte Nicole Bachmann mit „Die Bewächter“ eine Folge unterschiedlicher Sprechsituationen, produziert wurde das kriminalistische Stück unter der Regie von Susanne Janson vom SRF-1-Studio Basel: Zwischen einer Kontrolleurin und den Mietern eines abrissreifen Hochhauses gibt es Konflikte; mit seiner sozialkritischen Thematik lebt das Stück von den Möglichkeiten, drastische Sprachmittel der Basler Mundart zu Gehör zu bringen.

Um die Erinnerungen einer gealterten Frau, gesprochen von Maria Hofstätter, geht es im Stück „Wurlitzergassen 22, Zwozl Zwozl“ von Autor Felix Mitterer. Regisseur Martin Sailer inszenierte das Hörspiel im ORF-Studio Tirol. Die alte Dame erzählt dem Papagei Gogol alle möglichen Dinge aus ihrem Leben. Und das krächzende Federvieh gibt seinen Senf dazu. Es ist in sehr österreichisches Zwiegespräch, das jenseits des unterlegten Themas Alterseinsamkeit durch seine wunderbaren Verrücktheiten wirkt. Die Papagei-Sprecherin Gerti Drassl (man kennt sie beispielsweise aus der ORF/ARD-Fernsehserie „Vorstadtweiber“) wird im nächsten Jahr, wie heuer entschieden wurde, den Zonser Darstellerpreis erhalten.

Vom ORF Wien kam die Milieustudie „Vom Land“, der Hörspiel-Erstling von Dominik Barta, basierend auf seinem gleichnamigen Roman (Bearbeitung und Regie: Elisabeth Weilenmann). Die Mutter einer Familie (Linde Prelog) wird durch ihre elende Situation stumm und krank, einer ihrer Söhne (Johannes Nussbaum, der die Szenen zudem auf Hochdeutsch kommentiert) verpartnert sich mit einem Asylanten, der Vater (Wolfram Berger) geht mit einer Bekannten fremd. Die Mutter namens Theresa hatte ihr ganzes Leben als Bäuerin gearbeitet und sich um die Familie gekümmert, jetzt kann sie nicht mehr. Am Schluss des Hörspiels schießt sie sich ins Herz. Das Stück löste in der Jury eine engagierte Diskussion unter anderem um die dunkle Radikalität der Inszenierung aus.

Sibylle Mumenthaler beste Darstellerin

Von Deutschlandfunk Kultur und vom Bayerischen Rundfunk (BR) gemeinsam produziert, ließ das von Christine Nagel inszenierte Werner-Fritsch-Stück „Mutter Sprache“ (vgl. MK-Kritik) bayerischen Sprachduktus vorwiegend in „bayerischer Grammatik“ hören. Das schien der bundesweiten Ausstrahlung bei Deutschlandfunk Kultur geschuldet zu sein. Mit dem entsprechenden Dialekt, in diesem Fall dem sächsischen Sprachduktus, ebensowenig zu tun hatte das im Programm MDR Kultur ausgestrahlte Stück „Die Entgiftung des Mannes“ von Holger Böhme, die achte Folge einer zehnteiligen Reihe. Diese Hörkomödie beeindruckte vor allem durch die Sprechvirtuosität des Dialogs.

Bei der Schlussabstimmung der Jury wurde entschieden, dass die Schweizer Groteske „Obsi“ und somit deren Autor Heinz Stalder den mit 2500 Euro dotierten Zonser Hörspielpreis 2021 der „Stiftung Kulturpflege und Kulturförderung der Sparkasse Neuss“ erhalten (das Stück steht im Online-Angebot des SRF noch zum Anhören bereit). Der undotierte zweite Preis wurde für die SWR-Produktion „Ein Lebensweg“ an die Regisseurin Felicitas Ott und die Schwäbisch-Sprecherin Dietlinde Elsässer vergeben. Den ebenfalls undotierten dritten Preis erhielt Helga Bürster für „Luzies Erbe“.

Zudem wurde zum siebten Mal der von ARD, ORF und SRF mit 2000 Euro dotierte Zonser Darstellerpreis vergeben: Die Auszeichnung ging an Sibylle Mumenthaler für ihre Hauptrolle als ledige Mutter Anna Weibel im SRF-Hörspiel „S Geburtsverhör“ (vgl. hierzu auch diesen MK-Artikel). Die Preisvergabe fand coronabedingt vor reduziertem Publikum statt.

30.11.2021/MK

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