Ein Pionier des Fernsehens

Zum Tod des Dokumentarfilmers Thomas Schmitt

Von Dietrich Leder
06.04.2020 •

Thomas Schmitt, der am 28. März nach längerer Krankheit im Alter von 70 Jahren starb, gehörte Mitte der 1970er Jahre zu den Pionieren, die mit dem neuen Aufnahmemedium des analogen Videos zu arbeiten anfingen. Er war ein Vorreiter in mehrfacher Hinsicht.

Zum einen musste er, der zu dieser Zeit noch Theaterwissenschaften in Köln studierte, sich die neue Technik – ihre besonderen Verfahrensweisen etwa des linearen Schnitts, ihre Marotten und Möglichkeiten – im täglichen Versuch aneignen. So gehörte er zu einem Fernsehteam des Westdeutschen Rundfunks (WDR) um Wolfgang Drescher, das 1975 mit der neuen Technik die Demonstrationen gegen ein geplantes Atomkraftwerk im badischen Wyhl beobachtete und die Reportage tagesaktuell ins Erste Programm brachte. Das war politischer Journalismus, der damals die ARD aufgrund bayerischer Interventionen ins Wanken brachte, der aber 1976 der Sendung „Vor Ort: Bürger gegen Atomkraftwerk Wyhl“ einen Grimme-Preis eintrug.

Zum anderen musste Thomas Schmitt in der eigenen Praxis die künstlerischen Möglichkeiten ausloten, die Video im Vergleich zum herkömmlichen 16-mm-Film bot, mit dem das Fernsehen und auch die alternative Medienszene arbeiteten. So erlaubte Video die Möglichkeit, umfassender zu beobachten und längere Gespräche zu führen, da die Materialkosten der Bänder im Vergleich zu den Filmrollen ungleich niedriger waren.

Wie Minenhunde der Sender

Im Jahr 1979 gründete Thomas Schmitt dann mit seinem Studienfreund Gerd Haag in Köln die Produktionsfirma Tag/Traum, deren Name an die Lektüre der Bücher des Philosophen Ernst Bloch erinnerte und die auf allen Gebieten von Fernsehen und Kino tätig werden sollte. Sie investierten ihr Startkapital in die neue Videotechnik, die sie nicht nur für eigene Produktionen nutzten, sondern auch lukrativ an Sender wie den WDR vermieten konnten. Es waren solche eher kleinen Produktionsfirmen, die zum Experimentierfeld der neuen Technik wurden, und das ließen sie sich auch gut bezahlen.

Diese Firmen waren für die Sender wie Minenhunde, die sich auf ein unbekanntes Terrain vorwagten. Allerdings musste Tag/Traum zu diesem Zweck permanent aufrüsten – vom Zwei-Maschinen-Platz zum Drei-Maschinen-Platz, vom simplen Kopierpult, das nur einfache Schnitte zuließ, zu einem hochkomplizierten, das bereits erste analoge Tricks erlaubte, von einfachen zu komplexen Trickgeräten. Jemand, der wie Thomas Schmitt sich die Möglichkeiten der jeweils neuen Apparaturen im eigenen Versuchsbetrieb aneignete, war ein idealer Ansprechpartner für die Sender, weil er inhaltlich-ästhetisch und nicht nur technisch zu argumentieren verstand. Die Sender sparten auf diese Weise viel Geld, das sie sonst in Fehleinkäufe investiert hätten.

Diese Servicefunktion eröffnete für Haag und Schmitt umgekehrt alle Freiräume. Denn die Kameras, das Studio, die Schnitt- und Tonmischanlage standen ihnen ja in der restlichen Zeit – und das besonders hieß für Thomas Schmitt vor allem nachts – zur freien Verfügung. Tag/Traum muss man sich in dieser Zeit als eine Art Fernsehlaborvorstellen, in dem auch viele freie Mitarbeiter sich ausprobieren konnten. Mancher von ihnen wie Reinhold Beckmann machte später Karriere in ganz anderen Bereichen des Fernsehens.

Leidenschaft und Ausdauer

Die Themen, mit denen sich Thomas Schmitt in den folgenden Jahren beschäftigte, waren radikal subjektiv. Er musste auf etwas neugierig sein oder von etwas begeistert werden, dann widmete er sich dem mit Leidenschaft und Ausdauer. So realisierte er eine Reihe von Porträts bildender Künstler – etwa von HP Adamski, Jürgen Klauke, Harry Michels oder dem „Sprayer von Zürich“ (so ein Filmtitel), als der Harald Naegeli bekannt wurde. Gleiches galt für einen Schriftsteller wie Charles Bukowski, den er in East Hollywood besuchte und den er auf einer Deutschland- und Lesereise begleitete. Nebenbei dokumentierte er eine Reihe von Performances – auch von Jürgen Klauke – und Konzerte und erschuf so viele Zeugnisse der Kölner Subkultur der 1970er und 1980er Jahre. Sein reichhaltiges Archiv war in den letzten Jahren immer wieder eine Anlaufstelle von Filmemachern, die nach besonderen Dokumenten dieser Zeit suchten. Und sie wurden fündig, zuletzt etwa Oliver Schwabe für sein Porträt von Jürgen Zeltinger mit dem Titel „Asi mit Niwoh“.

Für die ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ drehte Thomas Schmitt zusammen mit Peter Steinbach 1978 einen klassisch beobachtenden Dokumentarfilm, der sich unter dem Titel „Entfernte Nähe – Menschen am Zaun“ den westdeutschen Bewohnern der Grenzregion zur DDR widmete. Für den WDR kontrastierte er (zusammen mit Stefan Köster) 1981 unterschiedliche Jugendkulturen im Gruppenporträt „Randale und Liebe“, dem er vier Jahre später „Cooltour“ folgen ließ. Den Extremen der Subkulturen, die er da aufspürte und dokumentierte, fühlte er sich verwandt. Das ermöglichte ihm Zugänge und Beobachtungen, die anderen verwehrt blieben. Die sozialen und kulturellen Randzonen der Stadt Köln kannte niemand so gut wie Thomas Schmitt, den man sich als nächtlichen Flaneur vorstellen muss.

Seine Entdeckerfreude wie seine Lust am kombinatorischen Spiel schlugen sich dann vor allem in seiner zehnteiligen Fernsehreihe „Freistil“ nieder. Diese zunächst von Dagmar Rosenbauer, später von Christhard Burgmann und Reinhard Wulf betreute WDR-Reihe, die 1989 begann und 1992 endete, war ein Unikum im deutschen Fernsehen – ein 45-minütiges Magazin ohne Moderator, das zu zentralen Themen, die sich den Titeln der einzelnen Sendungen wie „Das Geheimnis des Rattenkönigs“, „Das Fleisch der Götter“ oder „Der Geist ist ein Knochen“ kaum entnehmen ließen, möglichst vielfältige Materialien zusammenklaubte und in aberwitzigen Montagen miteinander verband. Da wurde vom Videoclip einer Heavy-Metal-Band mühelos zur Sentenz eines Philosophen geschnitten, da folgte auf die Beobachtung einer religiösen Zeremonie der Ausschnitt aus einem Spiel- oder das Fragment eines Animationsfilms.

Die Vielfalt der Reihe „Freistil“

In der Vielfalt der insgesamt zehn „Freistil“-Ausgaben blieben die Ingredienzien stets dieselben: Fundstücke aus den Archiven des WDR, Entdeckungen im Bereich der bildenden Kunst und des künstlerischen Films, selbstgedrehte dokumentarische Aufnahmen in Europa und in Asien, von Schmitt selbst geführte Interviews mit geisteswissenschaftlichen Koryphäen der Zeit wie Christina von Braun, Eva Meyer, Jochen Hörisch, Rudolf Kaehr, Friedrich Kittler oder Peter Weibel, schließlich selbstgedrehte oder übernommene Musikclips vom Avantgarde-Pop, die den Takt der jeweiligen Ausgabe vorgaben. Feste Bestandteile beim Ton waren die Kommentartexte (Koautor: der Literaturkritiker Hubert Winkels), die von Christian Brückner gesprochen wurden, während die jeweiligen Einleitungs- und Schlusstexte Egon Hoegen las, der die legendäre Stimme vom „7. Sinn“ war, der verkehrskundlichen Reihe der ARD. Hinzu kam als Auftaktmusik das Gitarrenriff von „Pinball Wizard“ der Band The Who, das signalisierte, dass es hier stets rasch zur Sache gehen würde.

Vieles, wenn nicht alles, wurde steil formuliert – im Kommentar wie von den Geistesgrößen. Manches entpuppte sich im Abstand als wilde Spekulation oder gar als gedanklicher Kurzschluss. Anderes war von Beginn das, was man heute einen Fake nennt. Doch das machte und macht bis heute nichts aus. Denn es ging in „Freistil“ weniger um Wahrheiten als vielmehr um die Irritation dessen, was in den Jahren von 1989 bis 1992 als alltäglich galt. Thomas Schmitt unterminierte in seinen „Mitteilungen aus der Wirklichkeit“ (so der Untertitel von „Freistil“) eben das, was wir als Wirklichkeit so ernst nehmen, dass es als selbstverständlich gilt. Das trug der Sendereihe die Anerkennung einer neuen Medienkritik ein, die sich nicht mehr allein an Inhalten orientierte, sondern die längst die Routinen des Fernsehens selbst kritisch prüfte. Diese Medienkritik fand sich im intellektuellen Spiel von Thomas Schmitt wieder. Anerkennungen wie der Grimme-Preis 1990 für die „Freistil“-Ausgabe „Krieg und Fliegen“ – Sprachspiele und Kalauer gab es in seinen Sendungen jede Menge – und hymnische Diskussionen auf der Duisburger Filmwoche waren der Lohn.

Dass so etwas in der Kulturredaktion des WDR selbst zu einer Zeit möglich war, als die private Konkurrenz für die öffentlich-rechtlichen Sender und deren Programme spürbar war, lag nicht nur an den engagierten Redakteuren, sondern auch an einem Hauptabteilungsleiter wie Hansjürgen Rosenbauer, der Experimente geradezu forderte. Für die Redakteure war „Freistil“ aber nicht nur eine intellektuelle, anregende Produktion, sondern stets auch eine besondere Herausforderung in arbeitstechnischer Hinsicht. Denn Thomas Schmitt, der – wie gesagt – am liebsten nachts arbeitete, schnitt an den einzelnen Ausgaben mitunter bis wenige Stunden vor der Ausstrahlung, so dass immer neue Fassungen ad hoc redaktionell abzunehmen waren. Aber in der Redaktion taten sie das gerne und mit Begeisterung.

Vergebliche Suche im WDR Fernsehen

Als Hansjürgen Rosenbauer 1991 den WDR verließ, um das Intendantenamt beim neu gegründeten Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) zu übernehmen – der 2003 mit dem Sender Freies Berlin (SFB) zum Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) fusionierte –, wurde es für jemanden wie Thomas Schmitt deutlich schwerer, Unterstützung für seine Ideen zu finden. Im heutigen Dritten Fernsehprogramm des WDR sucht man solch eine intellektuelle Herausforderung wie „Freistil“ vergebens: Im gegenwärtigen Programm ist alles überdeutlich, alles zu Ende erklärt und das meiste in Sentenzen gestanzt. Die Wirklichkeit, die von Thomas Schmitt unterminiert wurde, ist im Fernsehen längst wieder zubetoniert und als sakrosankt erklärt.

Schmitt arbeitete dann verstärkt für den 1991 gegründeten und Ende Mai 1992 auf Sendung gegangenen deutsch-französischen Kulturkanal Arte und dort vor allem mit Kathrin Brinkmann, einer Redakteurin, die auf Seiten des ZDF für den Sender zuständig war. Es entstanden Porträts wie „Die unstillbare Sehnsucht des Dr. Speck“ (1998) über den Kölner Kunstsammler und Proust-Kenner. Und er produzierte Fernsehessays über den Wald, über die Geschichte der Kartographie, über den Schlaf und die Träume, über den Zorn und über Blut. Für den WDR entstand 2003 der Film „Das Tribunal“, für den Schmitt den Prozess gegen jugoslawisch-serbischen Politiker Slobodan Milosevic vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag über längere Zeit beobachtete. Das trug ihm ein, als Quelle in der grundlegenden Studie „Medien der Rechtsprechung“ von Cornelia Vismann genannt zu werden.

Zusammen mit Thomas Steinfeld realisierte Thomas Schmitt 2004 den Film „Exil, Eden, Endstation: Die Luftschlösser von Capri“, der Gegenwart und Vergangenheit der mondänen Urlaubsinsel untersuchte und schöne Bilder mit wildesten historischen Assoziationen verband. Noch zweimal ließ er „Freistil“ wiederaufleben: 2012 gab es im Doppelpack die Folgen „Was die Waschmaschine träumt“ und „Wer hat Angst vor der Schwarzen Frau“, die Kathrin Brinkmann in einem Arte-Thementag „Schwarz/Weiß“ unterbringen konnte (vgl. FK-Kritik).

Der Niedergang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Sechs Jahre später schmuggelte die Arte-Beauftragte im WDR, Sabine Rollberg, ein letztes Mal Konterbande von Thomas Schmitt ins Programm des Kultursenders: „Ein Aal im Kornfeld“ war erneut eine Mischung, wie Reinhard Lüke in seiner Kritik schrieb, aus „luzidem Filmessay und launiger Revue“ (vgl. MK-Kritik). Es ging um Lebewesen der Meere und Flüsse – von einer riesigen Sardine, die vor einer kanarischen Insel ins Netz von Fischern ging, über den Aal als Sexualsymbol bis zum Biber, der vom Konstanzer Konzil im 15. Jahrhundert zum Fisch erklärt wurde, damit man ihn während der Fastenzeit verspeisen durfte.

1995 wurde Thomas Schmitt auf eine Professur für Fernseh-Essay an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) berufen, wo er bis zum Erreichen der Altersgrenze Anfang 2017 lehrte. In der Hauptsache unterrichtete er dort Dokumentarfilm, weil das Essayistische als Einstieg für die Studenten dann doch eine Überforderung darstellte. Wie kein anderer Lehrender setzte er sich meist selbst an den erst linearen analogen Videoschnittplatz, später an die digitalen Schnittcomputer. Betulichkeit, umständliche Erklärungen, langwierige Einleitungen waren seine Sache nicht. Wenn es ihm zu langweilig wurde, konnte er sein Verdikt schon mal scharf formulieren. Aber das klärte Verhältnisse und schuf eine Vertrauensbasis, auf der viele wichtige Arbeiten entstanden von an der KHM Studierenden wie Bettina Braun („Was lebst Du?“), Laurentia Genske und Robin Humboldt („Am Kölnberg“), Hannes Lang („I Want to See The Manager“), Oliver Schwabe und vielen anderen mehr.

Thomas Schmitt war ein Radikaler im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der sich nicht korrumpieren ließ, nach eigenen Ausdrucksformen suchte und der für seine Themen kämpfte. Dass er es in seinen letzten Lebensjahren in allen Sendern schwer hatte, zeugt davon, dass er von seinen ästhetischen und thematischen Vorlieben nicht abließ. Und es zeugt vom Niedergang eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems, das sich freiwillig an die privaten Marktkonkurrenten bis zur Besinnungslosigkeit anpasst.

06.04.2020/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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