Ein Moment für die TV‑Annalen

Der Gouverneur von New York und sein am Coronavirus erkrankter kleiner Bruder von CNN

Von Harald Keller
03.04.2020 •

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat auch die Medienwelt verändert. Noch ist das Virus nicht unter Kontrolle, die Dinge bleiben in Bewegung. In Deutschland sehen sich alle TV-Anbieter gefordert, ob öffentlich-rechtlich oder privat. Gerade in den Vollprogrammen – aber nicht nur dort – nimmt die Berichterstattung einen besonderen Stellenwert ein, insbesondere die aktuelle Information über Maßnahmen der Regierungen und Behörden in einschlägigen Sondersendungen.

Andere Programmsparten sind gleichfalls betroffen. Unterhaltungssendungen finden ohne Publikum statt oder werden ganz abgesagt, das Bildungsprogramm für Schüler wird ausgeweitet, ebenso die Angebote für Vorschulkinder, deren Kitas geschlossen bleiben und die nicht auf die Spielplätze dürfen. Auch in der Hauptsendezeit am Abend gab und gibt es immer wieder kurzfristige Programmänderungen.

Die Gesamtheit der Auswirkungen wird sich erst mit zeitlichem Abstand erfassen und beurteilen lassen. Vorerst erlaubt die Situation nur Momentaufnahmen des medialen Geschehens. Zu den besonderen Erscheinungen gehörte am 2. April (Donnerstag) eine außergewöhnliche Live-Schaltung beim auch in Deutschland zu empfangenden US-amerikanischen Nachrichtensender CNN, die nicht nur in den sozialen Medien für Furore sorgte.

Fieber, Schüttelfrost, Humor

Der CNN-Journalist Chris Cuomo, Moderator der wochentäglichen Sendereihe „Cuomo Prime Time“ und bekannt als hartnäckiger, mitunter scharfer Interviewer, hatte sich mit dem Coronavirus infiziert. Ende März 2020 war die Lungenkrankheit Covid-19 bei ihm ausgebrochen. Er lebt seither in Quarantäne im Keller seines Wohnhauses in New York City und übermittelt von dort aus seine Erfahrungen, teils im Gespräch mit dem ebenfalls für CNN tätigen und derzeit im Dauereinsatz befindlichen Mediziner Dr. Sanjay Gupta.

Zufällig ist Chris Cuomo der jüngere Bruder des demokratischen Politikers Andrew M. Cuomo, Gouverneur des US-Bundesstaats New York und zu Zeiten der Coronakrise besonders gefordert und entsprechend medial präsent. Andrew M. Cuomo hält täglich eine Pressekonferenz ab, in der er über den jeweils aktuellen Stand informiert. Und gerade zu Beginn der Pandemie, damals noch im Widerspruch zu Präsident Donald Trump, warnte er eindringlich vor deren Folgen. Am 2. April berichtete der Gouverneur, dass er häufig nach dem Befinden seines erkrankten Bruders gefragt werde. Er habe daraufhin Chris gebeten, per Zuschaltung an der live übertragenen Pressekonferenz teilzunehmen, sofern sein Gesundheitszustand dies erlaube.

Dann ist Chris Cuomo tatsächlich auf dem Schirm, bei CNN in einer Splitscreen-Einstellung an der Seite seines Bruders. Chris Cuomo beschreibt seine Symptome, Fieber und heftiger Schüttelfrost. Dennoch beweist er, anders als in seiner politischen Sendung, Humor. Das andauernde Fieber sei nicht gut für seine Frisur, witzelt er: „Man sieht aus, als schneide man sich die Haare selbst. Manche Leute sind gut darin, andere nicht.“ In ernsterem Tonfall spricht Chris Cuomo seine privilegierte Situation an. Seine Familie kümmere sich um ihn, wisse um die Vorsichtsmaßnahmen, die einzuhalten seien. Er erinnert an jene Menschen, die im Kampf mit der Krankheit auf sich allein gestellt bleiben.

Die Krankheit entmystifizieren

Dann erzählt er, wieder feixend, von einem Fiebertraum, in dem er seinen Bruder Andrew tanzend in einem Tutu, einem Ballettkostüm, gesehen habe. Andrew Cuomo, um einen sachlichen Tonfall bemüht, bedankt sich artig dafür, dass Chris diese „metaphorische“ Szene mit ihnen allen geteilt habe. Der jüngere Bruder bricht in schallendes Gelächter aus. Andrew Cuomo: „Offensichtlich hat das Fieber dein geistiges Vermögen angegriffen.“ Chris Cuomos Riposte: „Ich kriege das Bild nicht mehr aus dem Kopf.“ Die Brüder lassen erkennen, dass sie sich häufiger gegenseitig hochnehmen.

Andrew Cuomo sagt, in dieser Situation wolle er nun aber darauf verzichten: „Prügle nie auf einen Bruder ein, wenn der schon unten liegt. Und du bist ja buchstäblich unten – im Keller.“ Chris Cuomo jedoch verweigert die Opferrolle und rät dem Älteren, den Moment seiner Schwäche zu nutzen. Er selber würde es tun. Andrew Cuomo bleibt staatsmännisch: „Ich habe keine Zweifel, dass du auf mich losgehen würdest, wenn ich am Boden wäre. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden.“

Einige Minuten hält der Schlagabtausch noch an, zum Schluss wird auch Chris Cuomo wieder ernst. Andrew Cuomo lobt den Bruder für seine Erfahrungsberichte, die dazu beitrügen, die Krankheit zu entmystifizieren und anderen helfe, Covid-19 zu überstehen. Er beendet die Schaltung mit dem brüderlichen Rat an Chris, sich mal etwas Ruhe zu gönnen. Eine Mahnung, die er auch schon von Dr. Gupta zu hören bekommen hatte.

In den sozialen Medien gab es nicht nur von amerikanischen Zuschauern viel Lob für diese Mischung aus Unverkrampftheit und Information aus erster Hand. Ein Vorbild für die Fernsehpraxis? Eher nicht, weil in dieser Form gar nicht reproduzierbar. Aber ein besonderer Moment, der mindestens dem US-Publikum im Gedächtnis bleiben und sicherlich in die Annalen des Senders, wenn nicht sogar in die Fernsehgeschichte eingehen wird.

03.04.2020/MK

Print-Ausgabe 10/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren