Ein „Godcast“ und feministische Atomwaffen

Prix Europa 2021: Im Hörspielwettbewerb gibt es Preise für Parodie und Satire

Von Jochen Meißner
22.10.2021 •

Nachdem der Prix-Europa-Wettbewerb 2020 pandemiebedingt nur online stattfinden konnte, waren in diesem Jahr vom 10. bis 15. Oktober auf dem Gelände an der Potsdamer Schiffbauergasse die Autoren, Redakteure und Produzenten wieder vor Ort, um die Produktionen des letzten Jahres zu diskutieren und zu bepreisen.

Vom tschechischen Rundfunk kam die Überraschung des diesjährigen Wettbewerbs: Es war das Stück „Nauka o afázii“ („Eine Studie der Aphasie“) der deutschen Autorin, Theater- und Opernregisseurin Katharina Schmitt, die in Berlin lebt, in Prag Theaterwissenschaften studiert hat und dort weiterhin für das Radio und am Theater arbeitet. In ihrem Hörspiel, das sie auch selbst inszeniert hat, geht es um eine Opernsängerin, die mitten in einer Arie der „Elektra“ von Richard Strauss ihre Stimme verliert. Das Setting hat Schmitt aus dem Kinofilm „Persona“ von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1966 übernommen. Das komplexe, hochmusikalische und radiophone Stück (Komposition: Michal Rataj) dreht sich um die Fragen, welchen Anteil die Stimme an der menschlichen Identitätsbildung hat und auf welchen Kanälen und wie Kommunikation ohne Sprache funktioniert. Und vor allem wird die klassische Hörspielfrage „Wer spricht?“ um die Fragen „Wer spricht nicht?“ und „Wer wird nicht gehört?“ ergänzt.

Inhaftierte belarussische Journalistinnen

Leider vergab die Jury dafür keinen Preis. Der Prix Europa in der Hörspielkategorie ging stattdessen an die französische Produktion „Godcast“ von Claire Fegrinelli, die sie unter ihrem sprechenden Künstlernamen „Klaire fait Grr“ für arteradio.com produziert hat. In der 16-minütigen Podcast-Parodie tritt Gott – hier natürlich weiblich besetzt – in einem Aufnahmestudio vors Mikrofon. Denn was macht man, um sein Image aufzupolieren, wenn die Stellvertreter auf Erden den Markenkern ruinieren? Man macht einen Podcast. Weil aber ein Podcast ähnlich schwer zu definieren ist wie Gott, blödelt man sich durch die gängigen Podcast-Elemente und Gott muss sich wiederholt vom Regisseur ermahnen lassen, beim Manuskript zu bleiben.

Das Webradio des deutsch-französischen Kulturfernsehkanals Arte hat mit „Godcast“ zum wiederholten Mal den Prix Europa gewonnen – und es ist erstaunlich, wie einfach es manchmal ist, die die Jury bildenden Radiokollegen zu begeistern, die ja alle auch mit eigenen Stücken angetreten sind, in denen entweder viel gelitten wird – dann ist es Hochkultur – oder in denen es vermehrt um das Bedienen von Genres geht (vorzugsweise Krimi oder Horror). Der zweite Preis in dieser Kategorie, eine lobende Erwähnung, ging an die estnische Produktion „Lõvi“ („Der Löwe“) von Martin Algus, in der kurz nach der Unabhängigkeit Estlands ein aus einem rumänischen Wanderzoo ausgebrochener Löwe für Trubel sorgt: Die Verwaltung macht Risikoanalysen, die Bürgerschaft spaltet sich in Löwenleugner und Apokalyptiker. Der Löwe döst derweil im Wohnzimmer eines ex-kommunistischen Ökonomen, bevor er wieder in seinen Käfig zurückkehrt.

Preis für NDR-Fernsehreportage

Als beste Hörspielserie wählte die Jury den sechsteiligen Thriller „The System“ von Ben Lewis. In der BBC-Produktion geht es um einen sektenartigen Kult, um das, was man heutzutage „toxische Männlichkeit“ nennt, mithin jene paramilitärische Selbstoptimierung zu einem Alpha-Typ, die man in Deutschland von dem Rapper Kollegah kennt – den Jan Böhmermann mal zum Auftakt einer Staffel seines damaligen „Neo Magazins Royale“ parodiert hat. Der zweite Preis in der Hörspielserien-Kategorie ging quasi komplementär an das schwedische Comedy-Format „Utskanssverige“ („Außenbezirk Schweden“) mit der Folge „Feministische Atomwaffen“. In bisher mehr als 70 fünf- bis achtminütigen Episoden des Formats wurden bisher im Rahmen eines wöchentlichen Magazins aktuelle Phänomene satirisch überzeichnet. Sämtliche Rollen in ihrer Serie werden von den Autorinnen Åsa Asptjärn und Gertrud Larsson gesprochen, die in der prämierten Folge die CEOs einer durch Crowdfunding finanzierten feministischen Atomwaffenfabrik geben.

Und die deutschen Beiträge? Die ARD trat mit der zweiten Folge des dokumentarischen Hörspielmehrteilers „Saal 101“ an (vgl. MK-Artikel) und dem mit dem Kriegsblindenpreis ausgezeichneten Stück „Atlas“ (MDR) von Thomas Köck (vgl. MK-Kritik). Preise konnten beide Produktionen nicht abräumen. Lediglich in der Kategorie für digitale Medienprojekte wurde die vom Bayerischen Rundfunk produzierte interaktive „Radio-Tatort“-Folge „Höllenfeuer“ (Autor: Daniel Wild) mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet. In der Fernsehkategorie „Current Affairs“ wurde der ARD-Dokumentarfilm „Planet ohne Affen“ (NDR) von Felix Meschede, Manuel Daubenberger und Michel Abdollahi (vgl. MK-Kritik) über den illegalen Handel mit Menschenaffen mit einem Prix Europa ausgezeichnet.

Standing Ovations gab es am Ende der Preisverleihungen für die Auszeichnung der in Belarus inhaftierten Katsiaryna Andreyeva und Darya Chultsova als Journalistinnen des Jahres. Ausgezeichnet wurden sie für ihre Live-Reportagen von den Protesten gegen den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko.

22.10.2021/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `