Dokumentarfilme auf den Weg bringen

Gerd-Ruge-Stipendium der Film- und Medienstiftung NRW zum 20. Mal vergeben

Von Dietrich Leder
14.06.2021 •

Als die Film- und Medienstiftung NRW im Jahr 2002 ein Stipendium zur Entwicklung von Kinodokumentarfilmen einrichtete, gab sie dieser neuen Förderart den Namen von Gerd Ruge. Für manche, die Ruge vor allem als Moderator und Chefredakteur des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Erinnerung hatten, mag das überraschend gewesen sein. Das gilt aber nicht für diejenigen, die die Biografie des inzwischen 92-jährigen früheren Journalisten und die großen Fernsehreportagen kannten, mit denen Ruge dem deutschen Publikum die Welt nähergebracht hat. Reportagen, die von genauen Beobachtungen im Alltag leben, Menschen sorgfältig porträtieren und von den knappen Kommentarsätzen des Reporters geprägt sind, die er mit seiner unnachahmlichen Stimme sprach. Die Fernsehreportage, so wie sie Gerd Ruge verstand, ist dabei jener Form des Dokumentarfilms verwandt, die mit dem nach ihm benannten Stipendium unterstützt wird.

Eine der Besonderheiten des Gerd-Ruge-Stipendiums liegt im Verfahren. Anträge werden hier nicht von Produktionsfirmen oder Sendern gestellt, sondern von Dokumentarfilmern als individuellen Ideenträgen für ihre Projekte. Besondere Aufmerksamkeit, heißt es in den Informationen der in Düsseldorf ansässigen Film- und Medienstiftung NRW zum Stipendium, genießen Einreichungen des filmischen Nachwuchses. Zu den wenigen formalen Bedingungen gehört ein Beratungsgespräch, in dem die Möglichkeiten einer Einreichung erörtert und geklärt werden. Doch die Form der Einreichung bleibt, was die Darstellung der Projektidee selbst angeht, weitgehend frei. Wichtig ist es allerdings, die Kinoqualität eines aus dem zu beantragenden Projekt hervorgehenden Films herauszuarbeiten; damit sind konventionelle Fernsehdokumentationen von vornherein ausgeschlossen.

Weniger Vorabfinanzierung durch die Fernsehsender

Für die bisherigen jährlichen Vergabeverfahren des Gerd-Ruge-Stipendiums seit 2002 wurden insgesamt 993 Projekte eingereicht, von denen – unter Einschluss der Entscheidung in diesem Jahr – insgesamt 103 Projekte für ein Stipendium ausgewählt wurden. Die Zahl der Einreichungen pro Jahr, die mitunter über 80 umfasste, hat sich in der letzten Zeit bei rund 30 eingependelt. Auch die Zahl der ausgewählten Projekte variierte. Durchschnittlich wurden etwa fünf pro Jahr mit einem Stipendium versehen. Demzufolge veränderten sich bei einer stabilen Gesamtsumme von 100.000 Euro pro Jahr auch die Beträge, die für die einzelnen Stipendien vergeben werden. Im Durchschnitt der Jahre liegt die Höhe des jeweiligen Stipendiums zwischen 20.000 und 40.000 Euro.

Wofür wird nun das Geld beantragt und ausgegeben? Es geht um die Entwicklung von Dokumentarfilmen, von denen erste Rechercheergebnisse und ein umfassendes Konzept vorliegen. Mit den Stipendien kann sowohl die zeitintensive Beschäftigung mit den Themen, zu der etwa Nachforschungen in Archiven oder Vorgespräche mit Zeitzeugen gehören, als auch die Recherche an den mitunter weit abgelegenen Orten finanziert werden. Genau das können die Autorinnen und Autoren, die sich um ein Gerd-Ruge-Stipendien bewerben, nicht selbst finanzieren. Auch die vielen kleinen Produktionsfirmen, die gerade in Nordrhein-Westfalen sich verdienstvollerweise um den Dokumentarfilm bemühen, sind ökonomisch nicht so ausgestattet, dass sie das volle Risiko einer solchen Vorabfinanzierung auf sich nehmen können, zumal sich die Fernsehsender in den letzten zwei Jahrzehnten immer stärker aus einer solchen Vorabfinanzierung zurückgezogen haben.

Ein Stipendium erlaubt es also, das jeweilige Projekt bis zur Produktionsreife zu entwickeln. Ob es dann auch realisiert wird, bleibt allerdings offen. Denn noch muss ja die Produktion finanziert werden. Ob aber Fernsehsender und Förderinstitutionen die Projekte ähnlich einschätzen wie die jeweilige Jury des Gerd-Ruge-Stipendiums, bleibt erst einmal offen. Angesichts der Konkurrenzverhältnisse, die auf diesem Sektor der Filmproduktion in Deutschland herrschen, ist es einigermaßen verblüffend, dass mehr als die Hälfte der 103 Projekte, die seit 2002 ein solches Stipendium erhielten, realisiert wurde und im Kino oder auf einem Festival ihre Uraufführung erlebten. Das ist neben den unterschiedlichen Fördereinrichtungen in Deutschland auch einigen Fernsehredaktionen zu verdanken; zu erwähnen sind hier insbesondere die ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ und die Film­redaktion von 3sat, die viele der Filme mitermöglichten.

Das Risiko des Scheiterns

Nun besagt die Tatsache, dass ein Projekt nicht zustande kommt, ja nicht unbedingt, dass es an der Finanzierung scheiterte. Es kann auch sein, dass ein Projekt, weil sich auf einmal Zugänge zu Orten und Personen verschließen, in der Recherchephase endet oder dass sich Protagonisten überraschenderweise zurückziehen. Ein solches Scheitern gehört strukturell zur dokumentarischen Filmarbeit dazu und macht ihr spezifisches Risiko aus. Zur Stärke des Gerd-Ruge-Stipendiums zählt auch, dass es diesem Risiko Rechnung trägt. Der Film- und Medienstiftung gegenüber müssen die Stipendiaten zusammen mit der Abrechnung die Entwicklung des Projekts dokumentieren.

Positiv gesagt: Das Gerd-Ruge-Stipendium will etwas auf den Weg bringen und ermöglichen. Das befreit die jeweilige Jury von Überlegungen, die auf die Bedingungen des Medienmarkts rekurrieren. Ihre Entscheidungen basieren einzig und allein auf dem Urteil über die künstlerische Qualität der eingereichten Konzepte und Ideen. Wenn die Jury also über den möglicherweise zustande kommenden Film spekuliert, dann allein aus künstlerischer Sicht. Das erklärt vielleicht auch die enorme Bandbreite der Dokumentarfilme, die aus den dort geförderten Projekten erwuchs.

Einige dieser ungewöhnlichen Filme seien hier kurz erwähnt. Zu den ersten Projekten, die ausgewählt wurden, gehörte der Film „Weisse Raben“, für dessen Entwicklung Tamara Trampe ein Stipendium beantragt hatte und den sie gemeinsam mit Johann Feindt realisierte (unter Beteiligung von Arte und ZDF). In dem Film spüren Trampe und Feindt den seelischen und auch körperlichen Folgen nach, die der Tschetschenien-Krieg bei den dort eingesetzten Soldaten in Russland hinterlassen hatte. Eine Recherche über ein in Deutschland weitgehend unbekanntes Thema, ein Film, der über einen Zeitraum von drei Jahren entstand und so die Veränderungen der Protagonisten verfolgte, ein Film, der die, die ihn sahen, bewegte und beeindruckte. 2007 erhielt „Weisse Raben“, im Mai 2006 bei Arte ausgestrahlt, einen Grimme-Preis.

Über einen ähnlich langen Zeitraum beobachtete Christiane Büchner für „pereSTROIKA – umBAU einer Wohnung“ (2008) in Moskau die Arbeit von zwei Maklerinnen, die einen komplizierten Ringtausch zwischen Wohnungssuchenden organisieren. Ebenfalls in Moskau fanden Levin Peter (er erhielt 2016 das Stipendium) und Elsa Kremser die beiden Straßenhunde, von deren Leben in Moskau sie in ihrem Film „Space Dogs“ (2019) berichten; verwoben werden diese Alltagsbeobachtungen mit Erinnerungen an die Hündin Laika, die im Rahmen der sowjetischen Sputnik-Missionen als erstes Lebewesen mit einer Rakete ins Weltall geflogen wurde und dort ihr Leben ließ. Dieser Film mit seiner verblüffenden Verbindung zwischen Weltraum- und Straßenhund wurde auf dem Filmfestival Locarno mit zwei lobenden Erwähnungen ausgezeichnet.

Ähnlich unerwartete Verbindungen stellten eine Reihe von Filmen her, die man als „Essays ohne Worte“ bezeichnen könnte. In „I Want to See the Manager“ (2015) montierte Hannes Lang Arbeitsszenen, die er in sieben Ländern rund um den Globus aufnahm, zu einem Gesamtbild der weltweiten Ökonomie; hier füllt sich der abstrakte Begriff „Globalisierung“ mit dem Inhalt unterschiedlicher Arbeits- und Ausbeutungsweisen. Marie Wilke wiederum verbindet in „Aggregat“ (2018) Momentaufnahmen aus der Wirklichkeit des bundesrepublikanischen Politikbetriebs dergestalt, dass sich politische Handlungen, mediale Berichterstattung und gesellschaftliche Erregung zu einem sich wechselseitig beeinflussenden Geflecht verbinden. „Aggregat“, 2013 mit einem kleinen Incentive-Stipendium mit auf den Weg gebracht, erhielt 2019 den Preis der deutschen Filmkritik als bester Dokumentarfilm.

Eine Vielfalt von Temperamenten und Stimmungen

Einen radikal persönlichen Zugang suchte Andreas Goldstein für seinen Film „Der Funktionär“ (2018), in dem er seinen Vater Klaus Gysi porträtiert, der als Minister und Botschafter zu den führenden Kadern der sich 1990 auflösenden DDR gehörte. Eine Familiengeschichte, die sich zur Geschichte Deutschlands weitet. Ungewöhnlich in der Montage aus privaten Fotos und Archivfundstücken, radikal im subjektiven Kommentar des Sohnes. Auf der Duisburger Filmwoche, die zu den wichtigsten Diskussionsorten des Dokumentarfilms zählt, erhielt der Film im Jahr 2018 den Förderpreis der Stadt Duisburg.

Radikal im Zugang wie in der Bildgestaltung ist auch „Searching Eva“ von Pia Hellenthal (2020). Der Film porträtiert eine junge Frau, die gleichsam mit allem, was sie lebt und liebt, in die Öffentlichkeit geht, die sich für Fotos und Filmbilder selbstinszeniert, die ihre Gedanken unvermittelt und ungeschützt im Internet postet und die über ihre Arbeit als Sexarbeiterin umfassend und tabulos Auskunft gibt. Der Film zeigt sie bei dieser ihrer Selbstdarstellung, begleitet sie bei ihren Reisen durch Europa und zitiert immer wieder das, was sie über sich selbst mitteilt. Einem Kaleidoskop gleich besteht der Film aus vielen Ansichten der Protagonistin, die sich weniger ergänzen als überlagern. Zugleich eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit einem Problem, dem sich der Dokumentarfilm in den letzten Jahren verstärkt stellen muss: Wie soll er darauf reagieren, dass die Menschen sich zunehmend für eine mediale Abbildung drapieren und inszenieren?

Schaut man auf die Liste der 103 Stipendien, die seit 2002 vergeben worden sind, finden sich dort thematisch klassische Recherchen zu politischen und sozialen Verhältnissen, Ortserkundigungen im In- wie im Ausland, filmische Versuche, die tendenziell unsichtbaren Verhältnisse der Computer- und Internetökonomie zu erfassen, Darstellungen von Menschen, die von der aktuellen Berichterstattung aller Medien übersehen werden, und Langzeitbeobachtungen von Personen, die sich an neue Lebens- und Arbeitsbedingungen anpassen müssen. Formal – das haben auch die erwähnten Beispiele gezeigt – gibt es persönlich gehaltene Darstellungen von Recherchen und Begegnungen, Essays, die von der wechselseitigen Beziehung von Filmbild und Kommentartext leben, Montagefilme, die sich noch die unterschiedlichsten Materialien anverwandeln, experimentelle Produktionen, in denen die Autoren der Filme auch einmal selbst ins Bild treten und die dargestellte Wirklichkeit zur Kenntlichkeit treiben.

Eine Vielfalt von Themen und Formen, von Temperamenten und Stimmungen, von Handschriften und Bildeinfällen. Eine starke Bilanz des Gerd-Ruge-Stipendiums, das jetzt zum 20. Mal vergeben wurde.

14.06.2021/MK

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