„Dieser Diskurs hat keinen Anspruch auf mich“

Ein Gespräch mit dem Medienforscher und Filmemacher Lutz Hachmeister

Von René Martens
01.12.2019 •

Lutz Hachmeister, geboren 1959 in Minden (Westfalen), war unter anderem Medienredakteur beim Berliner „Tagesspiegel“ (1987 bis 1989), Leiter des Marler Grimme-Instituts (1989 bis 1995) und Direktor des von ihm gegründeten Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Berlin und Köln (2005 bis 2019). Er hat die Medienbranche in vielen Funktionen erlebt – als Kommunikationsforscher, Kritiker, Berater, Produzent, Festival-Organisator und Filmemacher. Zum 1. September 2019 gab er die Leitung des IfM an seinen Nachfolger Leonard Novy ab (vgl. MK-Meldung). MK-Mitarbeiter René Martens sprach mit Lutz Hachmeister über dessen Berufsbiografie in der Medienbranche. • MK

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MK: Herr Hachmeister, Ihre erste Festanstellung in den späten 1980er Jahren beim „Tagesspiegel“ in Berlin fiel in eine Zeit, als der Begriff Medienjournalismus gerade erst im Entstehen begriffen war. Medienressorts gab es jedenfalls noch nicht, die entsprechenden Seiten hießen „Rundfunk und Fernsehen“, oder, wie im „Tagesspiegel“, „Hörfunk und Fernsehen“. Wie kamen Sie zum „Tagesspiegel“ und was war charakteristisch für die damalige Umbruchsituation?

Hachmeister: Ich habe in Berlin seit 1984 zunächst als freier Journalist für das heutige „epd medien“ gearbeitet, das damals noch „epd/Kirche und Rundfunk“ hieß, auch für die „Frankfurter Rundschau“, und Literatur-Features gemacht für den WDR-Hörfunk – relativ bunt gemischt, etwa über Ulrike Meinhof, Georges Simenon oder Marshall McLuhan. Meine Münsteraner Dissertation hing zunächst in einem längeren Verfahren, Berlin bot sich an als Fluchtort vor der Bundeswehr, die mich offenbar immer noch ziehen wollte. Ich habe dann für epd immer für sehr kleines Geld als Berichterstatter an den Sitzungen des SFB-Rundfunkrats teilgenommen.

Der SFB war ein merkwürdiger Sender, in dessen Rundfunkrat aber die gesamte Pseudo-Elite West-Berlins saß, also zum Beispiel der CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus-Rüdiger Landowsky oder der Chef des DGB in Berlin, auch Intellektuelle wie Klaus Wagenbach und Historiker wie Hagen Schulze. Diese Konstellation sorgte dafür, dass der SFB eine auf sehr skurrile Weise umkämpfte Anstalt war. Der Rundfunkrat war so ein Mini-Parlament, in dem Ersatzauseinandersetzungen stattfanden. Da hatte man es als Intendant schwer, zu überleben – was nicht so sehr an den Intendanten selbst lag, also an Lothar Loewe und dem Ex-WDR-Justitiar Günter Herrmann, der sein Nachfolger war, sondern an dieser Stellvertreterkriegs-Atmosphäre. „Tagesspiegel“-Herausgeber war damals der Galerist und Rechtsanwalt Lothar C. Poll und am Rande dieser Rundfunkratssitzungen traf ich regelmäßig dessen Chefassistenten. Der fragte mich dann, ob ich nicht zu ihnen kommen wolle. Poll wollte die extrem trockene Zeitung damals modernisieren. Das war auch die Zeit, als etwa die Kulturjournalistin Susanne Kippenberger und die Theaterkritikerin Cornelia Köster, außerdem Harald Martenstein und Elisa Klapheck, die dann später Rabbinerin geworden ist, zum „Tagesspiegel“ kamen.

MK: Wie ging es dann weiter?

Hachmeister: Dann habe ich tatsächlich ein Konzept für eine Medienseite geschrieben – auch explizit mit diesem Titel. Die Kernüberlegung des Konzepts war, dass man Hörfunk, Fernsehen und – das war neu – Presse und Medienpolitik, auch ökonomische Fragen, auf einer Seite integriert behandeln sollte. Das Konzept ist dann offensichtlich interessiert aufgenommen worden und ich wurde Anfang 1987 fest angestellt. Nach einem verkürzten Volontariat von sechs Monaten habe ich diese Medienredaktion quasi aufgebaut. Im Grunde war ich wohl der erste fest angestellte deutsche Medienjournalist bei einer Tageszeitung – ohne dass ich jetzt besonders stolz darauf bin. Aber es ist natürlich immer noch besser als „Medienwissenschaftler“ oder „Medienexperte“ oder gar „public intellectual“, das sind so Journalisten-Kategorien.

MK: Wer hatte die Seite vorher betreut?

Dass da jemand über Medienpolitik oder RTL schrieb

Hachmeister: Es gab einen alten Redakteur für Hörfunk und Fernsehen, Ernst-Günther Lüer, der war vorher Chef vom Dienst beim „Abend“, der Anfang der 1980er Jahre untergegangenen Berliner Boulevardzeitung. Der machte den ganzen Tag lang wenig anderes, als den vorbereiteten Programmkasten zu aktualisieren, in den er die aktuellen Talkshowgäste oder die Themen von Politikmagazinen eintrug, und die zwei einlaufenden Fernsehkritiken zu redigieren: eine über das Ostfernsehen – das war ja ab 1964 die Spezialität des „Tagesspiegels“, diese Rezensionen hatte zunächst der Schriftsteller Uwe Johnson geschrieben – und eine über das Westfernsehen. Für Lüer war ich natürlich ein Schrecken, er war überhaupt nicht gewohnt, dass da jemand über Medienpolitik oder über RTL, Kabelfernsehen und das neu gegründete RIAS TV schrieb. Er hat sich dann nach wenigen Monaten pensionieren lassen und das Feld völlig freigeräumt. Ich hatte zunächst nur einmal in der Woche eine ganze Seite für dieses Experimentierfeld, am Samstag – was ein Segen war, weil man sich gut vorbereiten und dann publizistische Wirkungstreffer landen konnte. Der Seitentitel „Medien“ ist dann aber offiziell erst eingeführt worden, nachdem ich im Sommer 1989 zum Grimme-Institut gewechselt war.

MK: War die „Hörfunk-und-Fernsehen“-Seite, wie sie Lüer beim „Tagesspiegel“ bis dahin gestaltet hatte, vergleichbar mit denen anderer Zeitungen?

Hachmeister: Ja. Es gab zwar in der „Süddeutschen“ und der „Frankfurter Rundschau“ den einen oder anderen rundfunkpolitischen Artikel, aber in der Regel bestanden diese Seiten aus einem Programmkasten nebst Fernseh- und manchmal Radiokritiken, Vorschauen, mitunter Porträts. Beim „Tagesspiegel“ zum Beispiel waren medienpolitische Themen zunächst explizit im Lokalteil angesiedelt, weil es im Wesentlichen um den SFB ging. Dass ich mich dann in meinem neuen Bereich darum gekümmert habe, hatte schon ein bisschen etwas von einer Palastrevolution.

MK Wie verliefen die internen Diskussionen nach der Neukonzeption der Seite?

Hachmeister: Mit den drei damaligen Chefredakteuren gab es immer wieder teilweise deutliche Auseinandersetzungen. Diese übergeordnete, zum Teil auch politökonomische Betrachtungsweise war ihnen fremd. Am wenigsten traf das vielleicht noch auf Günter Matthes zu, den legendären Lokalchef und Vater des Schauspielers Ulrich Matthes, von dem man viel lernen konnte. Der Chef vom Dienst, Hans-Georg von Przychowsky, betreute einmal in der Woche seine „Flugseite“ über den internationalen und berlinischen Luftverkehr, hatte also einen geheimen Respekt vor Spezialistentum, fand aber etwa den Essayisten Michael Rutschky, den ich als Fernsehkritiker angeheuert hatte, vollkommen suspekt.

MK: Was missfiel den Chefs denn konkret?

Hachmeister: Es war schwierig, über Pressethemen zu schreiben. Überhaupt den Journalismus als Berufsstand zu kritisieren – das war man nicht gewohnt, das machte man nicht. Ich habe damals in einer Rezension des Buches „Journalismus im Dritten Reich“ von Norbert Frei und Johannes Schmitz geschrieben, dass sich strukturell überhaupt nichts verändert habe, was die Anpassungsfähigkeit von Journalisten angeht. Solche Sachen haben dazu geführt, dass ich regelmäßig nach oben in die Chefredaktion zitiert wurde, wenn ich mich recht erinnere. Zum anderen brachte meine Position paradoxerweise eine zumindest kommunikative Verlagsnähe mit sich, im Sinne eines Austausches mit Herausgeber Poll über medienpolitische Themen. West-Berlin war ja eine einzigartige politisch-publizistische Gerüchteküche, man musste sich nur in den sehr schönen Garten des alten Schöneberger „Café Einstein“ setzen, ganz in Redaktionsnähe, und schon hatte man Stoff für zwei, drei neue Knallerartikel – jedenfalls für West-Berliner Verhältnisse.

MK: Was war jenseits der besonderen Berliner Verhältnisse charakteristisch für die Medienbranche zu der damaligen Zeit?

Unternehmen, die keinen Druck spüren, mit Journalisten ernsthaft zu reden

Hachmeister: Sat 1 und RTL legten damals kräftig an Marktanteilen zu und es wurde klar, dass sie nicht ewig die Underdogs bleiben würden. 1989 hatte RTL schon erstmals einen zweistelligen Marktanteil. Es war also die Zeit, in der sich ein ausdifferenziertes Fernsehsystem überhaupt erst herausgebildet hat, etwa auch mit Silvio Berlusconi als Investor bei Tele 5. Und die Konflikte zwischen den Sendern, Unternehmensgruppen, Medienkonzernen wurden ja auch öffentlich auf eine sehr folkloristische Weise ausgetragen. Es gab damals auch mehr rauflustige Typen wie Helmut Thoma, Günter Struve oder Georg Kofler.

MK: Pressethemen findet man auf heutigen Medienseiten immer weniger und Texte über die Anpassungsfähigkeit von Journalisten werden sich noch schwerer finden lassen. Dafür ist, aufgrund des Aufkommens von Streaming-Plattformen und anderen Pay-TV-Angeboten, die Zahl der Rezensionen gestiegen. Hat sich der Medienjournalismus in diesem Sinne zurückentwickelt?

Hachmeister: Die Hochphase des Medienjournalismus, in der ich gearbeitet habe – in den 1990er und 2000er Jahren ja auch als Vertragsautor etwa für „Die Woche“ und die „Süddeutsche“ und auch nochmal als Kolumnist für den „Tagesspiegel“ –, hatte tatsächlich mit der Ausdifferenzierung des zentralen Massenmediums Fernsehen zu tun, mit der in Deutschland verspäteten Konkurrenz zwischen den Privaten und den Öffentlich-Rechtlichen. Da ergab sich eine hohe Politisierung, auch durch die undurchsichtige Rolle der Kirch-Gruppe mit ihrer Nähe zu Kohl und Genscher. Darüber war aber sehr viel einfacher zu schreiben als heute über Google, Facebook und Twitter. Diese US-Konglomerate sind geografisch weiter entfernt, allein deshalb kann man da schon viel schlechter recherchieren, und ihre bewusst harmlosen deutschen Dependancen verweisen auf den Sitz der Mutterkonzerne. Diese Unternehmen verspüren keinerlei Druck, mit Journalisten ernsthaft zu reden, mit der deutschen Politik auch nicht. Da redet Mark Zuckerberg dann mal lieber mit Springer-Chef Mathias Döpfner und nimmt danach von dessen Konzern einen Preis an – das ist viel bequemer. Ich glaube, dass der Medienjournalismus der eben beschriebenen Sorte mit der Durchsetzung des Internets perdu gegangen ist, also auch mit dem Niedergang einer kenntlichen nationalen Medienindustrie, und mit der Integration von Journalismus in übergeordnete Technologien, Apps und Plattformen.

MK: Wobei man den Medienseiten nicht mal den Vorwurf machen kann, dass Google und Facebook nicht greifbar sind.

Der Zusammenhalt unter Medienjournalisten war früher größer

Hachmeister: Genau. Das ist auch gar kein Vorwurf, sondern eine empirische Feststellung. Wenn du als Medienredakteur der „Süddeutschen“ im Silicon Valley anrufst, ist es, glaube ich, schwer, da überhaupt durchzukommen. Die Pressestelle von Leo Kirch hat früher auch alles abgeblockt, aber man kam über Informanten dann doch an wichtige Details heran. Und der Zusammenhalt unter denjenigen, die sich als Medienjournalisten verstanden, war in dieser Hochphase größer, also unter den Kolleginnen und Kollegen von „taz“, „Spiegel“, dpa, „Financial Times Deutschland“, „Zeit“, den kirchlichen Fachkorrespondenzen. Hans-Jürgen Jakobs beim „Spiegel“ und dann bei der „Süddeutschen“ war ein auch wirtschaftswissenschaftlich vorgebildeter Mann, der heute übrigens mit dtv-Chefin Claudia Baumhöver dem Senat des IfM vorsteht. Man hat intensiver miteinander telefoniert – das heißt jetzt nicht, dass wir Kampagnen abgesprochen hätten. Aber man hat sich zum Beispiel darüber ausgetauscht, wer welche Informationen über den Verschuldungsgrad der Kirch-Gruppe hat. 

Dieses Gruppenbewusstsein ist schon deshalb verlorengegangen, weil die Präsentation des neuen iPhones offenbar publizistisch relevanter ist als Vorgänge bei den klassischen Medienkonzernen, auch bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Das heißt nicht, dass die Qualität der medienjournalistischen Betrachtung schlechter geworden wäre, es findet ja viel im Netz statt. Das ist einfach medien- und systemtheoretisch die Folge eines Sprungs in der kommunikationstechnologischen Infrastruktur. Ich habe mal irgendwo sinngemäß geschrieben: Wenn die Kommunikation formell immer technischer wird, werden auch die Inhalte der Kommunikation tendenziell technischer. Mit allen neurotischen Begleiterscheinungen, die wir heute erleben, weil die Technologien immer noch auf psychophysische menschliche Körper und Geister treffen. Rasender Stillstand, wie es Virilio einmal formuliert hat.

MK: Aber war denn der gerade erwähnte Hans-Jürgen Jakobs, als er das Medienressort der „Süddeutschen Zeitung“ leitete, bekannter als heute beispielsweise Stefan Niggemeier?

Hachmeister: Nein, es gibt durch die Netzkommunikation eher verstärkte Möglichkeiten, sich individuell zu profilieren. Ich habe ja nur von einem Gruppenbewusstsein in der Endphase des reinen Printjournalismus gesprochen. Stefan Niggemeier hat an die 300.000 Follower auf Twitter, das ist schon eine sagenhafte Reichweite eigener Art. Allerdings in einer neuen Medienform, die auf Eskalation, Eitelkeiten und rituelle Selbstbestätigung aus ist – auch wenn man da einige schöne Entdeckungen machen kann. Es ist einfach eine für den Journalismus insgesamt deutlich gewandelte kommunikative Umwelt, damit muss man dann fertig werden, wenn man in diesem Feld arbeitet. Ich muss es ja seit geraumer Zeit nicht mehr. Um es verschärft zu sagen: Dieser öffentliche Diskurs, mit all den rituellen Zudringlichkeiten, hat keinen Anspruch auf mich.

MK: Parallel zu Ihrer journalistischen Tätigkeit haben Sie 1995 die Medienberatungsgesellschaft HMR International gegründet, die unter anderem für das ZDF gearbeitet hat. Wie sah die Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Sender konkret aus?

Der deutsche Dokumentarfilm, da scheint selten die Sonne

Hachmeister: Der Zusammenhang war anders. Die Gründung von HMR und vor allem die Entwicklung der Cologne Conference als internationales Fernsehfest haben sich organisch aus der Arbeit als Direktor des Grimme-Instituts ergeben und das hatte mit der journalistischen Arbeit nur bedingt zu tun, abgesehen von einer bestimmten Branchenbekanntheit. Ich hatte nach meiner Ankündigung, beim Grimme-Institut 1995 aufzuhören, Angebote von Leo Kirch, von Bertelsmann und auch vom „Spiegel“ und ich habe dann nach kurzer Überlegung bei einem gemeinsamen Spaziergang am Rhein Wolfgang Clement zu dessen Verblüffung vorgeschlagen, zunächst das kleine Kölner Fernsehfest weiterzuentwickeln, damals noch im Rahmen des Medienforums NRW. Die zusätzliche Gründung einer Beratungsfirma war eher die Idee von Petra Müller, die ja ursprünglich aus dem Beratungsgeschäft kam, dann Projektmitarbeiterin beim Grimme-Institut wurde und heute Chefin der Filmstiftung NRW ist. Für mich persönlich war es eine Entscheidung gegen die Arbeit in festeren institutionellen Bezügen, nach der durchaus anstrengenden Grimme-Zeit, und für eine freiere, mit mehr Risiko behaftete berufliche Existenz. Das Risiko hielt sich allerdings durch die vielfältigen Kontakte, die ich aufgrund des Grimme-Amts hatte, und auch durch die Verbindung zur Clement-Administration in Grenzen, wie ich zugeben muss.

Was das ZDF betrifft, habe ich Mitte der 1990er Jahre, damals noch mit Freddie Röckenhaus und Petra Höfer zusammen, zunächst populäre Formate wie die Reportagereihe „Mondän“ entwickelt. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu Dieter Stolte, der damals Intendant und der Kaiser des Lerchenbergs war. Obwohl Stolte und ich medienpolitisch wahrscheinlich nicht immer übereinstimmten, hat es da nie irgendwelche Verhinderungsstrategien gegeben, im Gegenteil, er hat mich sehr gefördert. Wie auch sein Nachfolger Markus Schächter, zu dem der Beratungskontakt noch enger war – dann wurde daraus auch ein eher professionell-freundschaftliches Verhältnis.

MK: Worum ging es bei „Mondän“?

Hachmeister: Das war im Grunde so eine Art modernisierte „VIP-Schaukel“, das war ein zuvor sehr populäres ZDF-Format mit Margret Dünser. Wir haben Giorgio Armani in Portofino getroffen, Omar Sharif und Claudia Cardinale in Deauville interviewt, auch den Verteidigungsminister von Dubai, der in der Normandie Pferde züchtete und bei Auktionen kaufte. Die Soziologie der Upper Class und die Orte, die dafür stehen – das hat mich immer interessiert. Vielleicht kann man das so sehen: Wenn man aus kleinen Verhältnissen kommt, wird man Kommunist oder man interessiert sich für die andere Seite. Ich will da gar keine Küchenpsychologie in eigener Sache entwickeln, aber den Jet-Set und die Geschichten mit Gunter Sachs und Brigitte Bardot fand ich immer spannend, insofern lag für mich dieses Format nahe.

MK: Das war dann ja nicht nur Beratung, sondern auch Autorenarbeit.

Hachmeister: Das hat sich im Lauf der Arbeit für das ZDF vermischt. Manchmal hat die Produktion eine Idee für Beratung hervorgebracht, manchmal ist in einem Beratungsgespräch eine Idee für eine Produktion entstanden. Ich habe aber die ZDF-Kasse, im Vergleich zu anderen Produzenten, nur sehr gering belastet.

MK: Wen hat HMR noch beraten?

Hachmeister: Unter anderem Arte, BBC Deutschland, die „Süddeutsche“ bei ihren TV-Aktivitäten, die nordrhein-westfälische Landesregierung. In letzterem Fall hatten wir – Freddie Röckenhaus war da der Frontrunner – die Idee, ein deutsches Discovery aufzubauen. Was 1997 mittelbar die Entstehung von Phoenix beeinflusst hat, weil der WDR natürlich Angst bekam, dass ein Dokumentationskanal auf privatrechtlicher Basis entsteht.

MK: Welche eigenen Fernsehprojekte haben Sie Ende der 1990er, Anfang der Nuller Jahre umgesetzt?

Man hat es mit halben Fußballmannschaften als Redakteursteams zu tun

Hachmeister: Die Nachfolge-Produktion von „Mondän“ war „Riviera“, ein Vierteiler für die ZDF-Primetime. Es kam dann aber, nach meiner Habilitation über den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD), auch schnell zu Produktionen wie über das Kriegsverbrechergefängnis von Landsberg, aus dem heraus Industrielle wie Flick und Krupp ihre Imperien wieder aufgebaut haben. Mir war immer wichtig, dass ich die Themen mischen kann – hier Kriegsverbrechergefängnis, dort Armani-Interview oder Côte-d’Azur-Recherchen. Variatio delectat. Das Problem bei den heutigen öffentlich-rechtlichen Redakteuren ist ja, dass sie einen partout festlegen wollen. Wenn man zwei-, dreimal mit biografisch-politischen Dokumentationen erfolgreich war, dann ist vor allem gewünscht, dass man genau das immer weitermacht. Ich habe ja Filme gemacht über Hanns-Martin Schleyer, Marcel Reich-Ranicki und Peter Hartz, und dann kommen die nächsten Anfragen immer genau für dieses Genre. Das finde ich sehr langweilig. Ich finde, man muss von softeren Stoffen zu harter politischer Zeitgeschichte wechseln können und umgekehrt, wenn man das kann. Der deutsche Dokumentarfilm hat ja eher ein bleischweres Image, da scheint selten die Sonne, und man sollte ab und an auch zu Irritationen beitragen können. Das hat ja nichts mit der Qualität der Filme zu tun. Das war damals beim ZDF möglich – heute nicht mehr.

MK: Im ZDF-Hauptprogramm gibt es, abgesehen von acht bis zehn Terminen nachts im „Kleinen Fernsehspiel“, ja nicht einmal einen Sendeplatz für lange Dokumentarfilme.

Hachmeister: Ja. In der Primetime wäre beim ZDF heute nicht einmal ein Format wie „Mondän“ möglich. Ich erinnere mich, dass wir noch einmal mit dem damaligen ZDF-Kulturchef Peter Arens darüber gesprochen haben, ob wir nochmal etwas in der Primetime über die Playboy-Kultur der 1960er Jahre machen wollen. Da sagte er, das sei für das ZDF zu intellektuell. Und das war nicht ironisch gemeint.

MK: Kann man mit den ARD-Anstalten besser zusammenarbeiten?

Hachmeister: Da gibt es ein anderes Problem: Man hat es ja mit halben Fußballmannschaften als Redakteursteams zu tun, weil ein einzelner Sender solche Produktionen, die ja nun wahrlich nicht teuer sind, gar nicht mehr finanzieren kann oder will. De facto gibt es im Ersten Programm ja nur sechs bis zwölf Dokumentarfilm-Sendeplätze pro Jahr, wenn man Kino-Koproduktionen einbezieht. Das ist eine Lotterie, das sorgt auf beiden Seiten für keine große Freude. Ich sage ja immer, dass man leichter ein Visum für Nordkorea bekommt als einen Dokumentarfilm-Sendeplatz in der ARD. Als Autor und Produzent hat man ja auch ein ökonomisches Risiko und wenn du mal kein Projekt hast für ein, zwei Jahre, landet man in einem erheblichen finanziellen Defizit. Das kann den fest angestellten Redakteuren komplett egal sein. Die sagen: ‘Das ist euer Risiko, wir sind hier keine Versorgungsanstalt.’ Ich kam gut zurecht, weil ich beim ZDF diese Kontakte zu Stolte, Schächter und zum langjährigen stellvertretenden Programmdirektor Hans Janke hatte, und ich bin auch noch sehr gut ausgekommen mit Fritz Raff vom Saarländischen Rundfunk, Peter Boudgoust vom SWR und anderen ehemaligen Intendanten, aber die sind jetzt alle in Pension. Fritz Raff, der leider verstorben ist, hat mir mal bei einem Besuch im Funkhaus des Saarländischen Rundfunks, auf dem Schloss Halberg – da ging es um eine mögliche ARD-Förderung des IfM – ein recht umfangreiches ARD-Dossier mit allen möglichen Anmerkungen über mich gezeigt, das er offenbar von seinen Vorgängern im ARD-Vorsitz geerbt hatte. Wir haben uns sehr darüber amüsiert und er hat die Förderung durchgesetzt.

MK: Inwiefern haben sich die inhaltlichen Anforderungen für Filmemacher verändert?

Hachmeister: Die Redakteure wollen immer mehr durchgeskriptete Konzepte. Es ist ja klar, dass man eine Idee haben muss, was man machen will – aber der Sinn des dokumentarischen Arbeitens ist doch, sich auf die Wirklichkeit einzulassen und sich auch überraschen zu lassen. Diese Bereitschaft ist radikal gesunken.

MK: Das gilt nicht nur für den Bereich der explizit formatierten Dokumentationen?

Hachmeister: Auch für den längeren Dokumentarfilm, ganz klar.

MK: Einer Ihrer Dokumentarfilme ist „Das Goebbels-Experiment“, der 2005 bei der Berlinale lief und 2007 im ZDF seine Fernsehpremiere hatte. Zu Wort kommt in dem Film nur Joseph Goebbels – in der Gestalt von Schauspieler Udo Samel, der dessen Texte spricht, beziehungsweise in der internationalen Version Kenneth Branagh. Einen derart formal kompromisslosen Film kann man sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen heute nur noch schwer vorstellen.

Redakteure mit einer gestrigen Einstellung

Hachmeister: Das weiß ich nicht, es gibt ja auch einige positive Betriebsunfälle im öffentlich-rechtlichen System. Dass dieser Film, mit Michael Kloft als Koautor, möglich war, hatte sicher auch mit der Person Hans Janke zu tun. Diese Leute sind einfach weg. Ein solches Konzept würde ich nicht mal mehr im Ansatz vorschlagen.

MK: Aber wieso gibt es denn heute keine Hans Jankes mehr?

Hachmeister: Das hat etwas mit einem biografischen und generationellen Wandel in den öffentlich-rechtlichen Sendern zu tun. Redakteure werden immer stärker selbstreferentiell im System sozialisiert – mit einer im Grunde gestrigen Einstellung. Die Redakteure und das mittlere Management sind ja immer noch vollständig gekettet an die alten Vorstellungen: Was kommt für welchen Sendeplatz in Frage? Welche Einschaltquote haben wir am nächsten Tag? Die sind vollkommen gefangen in einem Korsett, das technologisch hinfällig geworden ist. Inzwischen gibt es ja alle möglichen Ausspielkanäle jenseits der Linearität. Hinzu kommt, dass die Leute früher andere Biografien hatten.

MK: Zum Beispiel?

Hachmeister: Bleiben wir bei Hans Janke, der hat ja zunächst als Kritiker gearbeitet, unter anderem für „epd/Kirche und Rundfunk“, war dann mein Vorgänger als Chef des Grimme-Instituts und ist danach zum ZDF gegangen. Solche Karrieren sind im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mittlerweile fast nicht mehr möglich. Die Funktionsträger verstehen sich nur noch als Verwalter von absehbaren Programmstrategien und Formaten und nicht mehr als kulturell oder zeithistorisch oder als an ungewöhnlichen Zugängen interessierte Zeitgenossen. Ich habe ja noch das Glück gehabt, Peter von Zahn, Hanns Joachim Friedrichs, Georg Stefan Troller oder Dagobert Lindlau kennenzulernen, auch WDR-Redakteurinnen wie Gisela Marx oder Helga Kirchner – völlig andere Typen als die heutigen Mitarbeiter von ARD und ZDF. Das muss man ohne Nostalgie ganz einfach so sagen.

MK: Dieses System scheint ja auch Leute zu absorbieren oder quasi zu verspeisen, die Ende 20, Anfang 30 noch Ideen hatten, die vom Erwartbaren abweichen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender und die tödliche Gefahr für sie

Hachmeister: Manche haben eben als junge Wilde angefangen und sich dann zu Systemfunktionären entwickelt, die eisern aus der Wagenburg heraus argumentieren. Das geht nur mit einem hohen Maß an Schizophrenie. Natürlich wissen die, was sie da machen. Es gibt natürlich auch noch Leute, die sich im System einen gewissen Freiraum und eine Spielfreude bewahrt haben, aber die werden weniger.

MK: Das heißt, Reformen von innen heraus sind unrealistisch?

Hachmeister: Das System ist zu sehr mit sich selbst verkrustet und an der Bürokratie erstickt, als dass das noch möglich wäre. Es finden auch kaum noch wirklich relevante Diskussionen statt – weder innen noch von außen nach innen.

MK: Wo fanden diese Debatten denn früher statt?

Hachmeister: Es gab die medienpolitischen Akademietagungen in Tutzing oder Loccum, die „Mainzer Tage der Fernsehkritik“ beim ZDF, das Grimme-Institut spielte noch eine andere Rolle. Auch die Fernsehmessen in Cannes wären hier noch zu nennen. In Mainz wurden Programme ja eine Zeitlang öffentlich vorgeführt und die Branche hat sehr heftig diskutiert. Heute findet eine öffentlich sichtbare Programmdebatte nicht mehr statt – abgesehen von einigen eher unbedarften Journalisten, die die Öffentlich-Rechtlichen sinngemäß fragen: Warum schafft ihr es nicht, so zu werden wie Netflix?

MK: Beabsichtigen Sie trotz allem, weiter Dokumentarfilme zu machen?

Hachmeister: Ich habe doch schon sehr viel von dem, was ich machen wollte, auch durchgespielt. Es sind noch zwei, drei Projekte in Planung, bei denen man auch mal über andere Finanzierungsformen und Verbreitungskanäle nachdenken muss. Beim Dokumentarfilm werden wir mit dem bisherigen System nicht mehr weiterkommen. Je komplexer ein Projekt ist – und das meine ich jetzt nicht im Sinne von Avantgarde, sondern die Härte der Recherche oder eine ungewöhnliche Anmutung betreffend –, desto geringer sind die Chancen, dass es umgesetzt wird. Die öffentlich-rechtlichen Sender, zu deren Kernauftrag ja nun mal Realitätsbeobachtung in international konkurrenzfähiger Form gehört, sind sich auch immer noch nicht der tödlichen Gefahr bewusst, in die sie durch mangelnden Modernisierungswillen und neue Plattformen geraten sind.

MK: Zehn Jahre nach HMR haben Sie das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, das IfM, gegründet. Was war damals der Impuls, es zu gründen?

Hachmeister: Es gab mehrere Gründe – zum einen das Angebot, noch einmal etwas in Berlin aufzubauen. Dann die Absicht, Projekte wie die Medienkonzerndatenbank mediadb.eu in eine stabilere, gemeinnützige Form zu überführen. Und nicht zuletzt: Das medien-und kommunikationspolitische Feld ist ja radikal unterforscht und personell schwach besetzt. Als das IfM in der Charlottenburger Fasanenstaße seinen Betrieb aufgenommen hat, kamen ja Facebook, Twitter, Instagram oder YouTube überhaupt erst auf. Es ist ja interessant, wie sich das Gefüge der Konzerne verändert hat, die heute in diesem Ranking oben stehen – siehe Facebook und Comcast und vor allen Dingen AT&T. Das ist im Grunde ein Konzern neuer Art, ein Telekommunikationskonzern, der sich in Teilen zum Medien- und Internetkonzern gewandelt hat. Ohne eine genaue Beobachtung und Analyse solcher Prozesse und Akteure wird man medienpolitische Strategien, im Sinne eines gesellschaftspolitisch verantworteten, kenntlichen Politikfeldes, wohl kaum entwickeln können.

MK: Zum 1. September 2019 haben Sie die Leitung des IfM abgegeben. Nach einem Abschied von der Medienpolitik klang bereits ein im vergangenen Jahr von Ihnen gemeinsam mit Fabian Granzeuer und Justine Kenzler verfasster Artikel zum Zustand der deutschen und europäischen Medienpolitik, der in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ erschienen ist. Dort schreiben Sie: „Im Prinzip eint die Akteure in der Medienpolitik seit Jahren die Einsicht, dass das Mediensystem und die Medienregulierung in Deutschland wie auch in der EU reformbedürftig sind. Das gilt für den Umgang mit den digitalen Mono­polisten ebenso wie für Auftrag und Budgetierung der öffentlich-rechtlichen Medien.“ Das wirkte jedenfalls fast, als ob es danach zum Thema Medienpolitik nichts mehr zu sagen gäbe.

Anstrengungen zur Rettung des öffentlich-rechtlichen Grundgedankens

Hachmeister: Ich habe das Gefühl, dass ich jedenfalls seit drei Jahrzehnten dasselbe schreibe, mit einem hohen Grad an Vergeblichkeit. Dennoch: Es gibt, den Möglichkeiten der Netzkommunikation sei Dank, jetzt die Chance, eine Art drittes System aufzubauen, jenseits der bisherigen starren „dualen“ Struktur, unter einem neuen öffentlich-rechtlichen Dach oder stiftungsbasiert, medienübergreifend. Da lohnen sich noch einmal alle intellektuellen Anstrengungen, daran zu arbeiten, durchaus im Sinne einer Rettung des öffentlich-rechtlichen Grundgedankens.

MK: Das ist ja auch das Thema eines aktuellen Strategiepapiers, an dem das IfM arbeitet. Was ist genau die Idee hinter dem dritten System? Ist das Konzept vergleichbar mit einer öffentlich-rechtlich-privatwirtschaftlichen Mischform wie Channel Four in Großbritannien?

Hachmeister: Ja, man könnte einen Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunkbeitrags für eine Art „freie Spitze“ verwenden, in die auch Gelder von Stiftungen fließen könnten, auch ein bestimmter Teil der Werbeeinnahmen der privaten Anbieter – das war ja das alte Channel-Four-Modell. Es geht bei den Überlegungen zu einem „dritten System“ darum, mehr Wettbewerb zugunsten von Autoren und Produzenten zu schaffen, eingefahrene Abhängigkeiten aufzubrechen, vor allem das mortal gatekeepingdurch Redakteure und Programm-Manager. Da ist ja eine gut dotierte Verhinderungsindustrie entstanden, auch durch medienpolitisches Versagen. Die Chancen sind nicht ganz so schlecht, dass sich solch ein Modell in einem Systemumbruch noch einmal herausbilden kann. Alexander Kluge hat ja beim Aufkommen des kommerziellen Fernsehens in Deutschland auch gezeigt, dass Programm-Modelle jenseits der eingefahrenen Strukturen möglich waren, ganz gleich, ob man Kluges eigene Sendungen nun mag oder nicht.

MK: Was wird das Strategiepapier darüber hinaus beinhalten?

Es geht um den kommunikativen Haushalt der Gesellschaft

Hachmeister: Ich will da jetzt nicht zu viel verraten, weil das IfM mit externen Fachleuten daran ja noch arbeitet – wir wollen das Papier im Januar nächsten Jahres präsentieren. Aber natürlich wird es auch um die Besteuerung von Online-Konzernen gehen, die auch dem publizistischen Sektor zugutekommen sollte – jenseits der Mildtätigkeit von Google oder Facebook –, um eine Reform der Verwertungsgesellschaften, um den Evergreen einer Neuordnung der Medienregulierung. Es wird in jedem Fall sehr konkrete Vorschläge geben. Für mich ist das der Abschluss mit dieser Thematik, danach müssen es nun wirklich andere vorantreiben.

MK: Was hat sich in den letzten drei Jahrzehnten geändert in der Medienregulierung – abgesehen davon, dass die Landesmedienanstalten jetzt Kanäle mit rechtsradikalen YouTube-Inhalten sperren lassen und sich mit der Schleichwerbung von Instagram-Influencern befassen?

Hachmeister: Zur Beschäftigungstherapie der Landesmedienanstalten ist ja nun alles gesagt, darüber ist nicht einmal mehr zu diskutieren. Man wird grundsätzlich zu stärkeren Bund-Länder-Kooperationen in diesem Politikfeld kommen müssen, auch institutionell. Im Bildungsbereich, wo man bis vor kurzem ein Kooperationsverbot für das Nonplusultra hielt, hatten wir ja eine ähnliche Situation. Jetzt sollen Bund und Länder kooperieren, was ja auch vernünftig ist, auch mit Blick auf die EU-Ebene. Es wäre hilfreich, die Medienpolitik systematisch mit anderen Politikfeldern zu vergleichen, um Sackgassen deutlicher kenntlich zu machen. Medien- und Kommunikationspolitik muss ohnehin stärker in die Debatten um öffentliche Infrastrukturen – Verkehr, Gesundheit, Forschung – eingebunden werden. Letztlich geht es um den kommunikativen Haushalt der Gesellschaft.

MK: In dem 2018 erschienenen, bereits erwähnten Artikel für „Aus Politik und Zeitgeschichte“ erinnern Sie an die Zeit, in der mit Peter Glotz, der 2005 verstorben ist, noch ein Sozialdemokrat medienpolitische Akzente gesetzt hat.

Hachmeister: Ja, es gab noch ein paar andere, wie Paul Leo Giani, den ehemaligen Chef der hessischen Staatskanzlei, der mit Jürgen Büssow wesentlich dazu beigetragen hat, das Alexander Kluge 1988 mit DCTP sein unabhängiges Programmfenster bei den privaten Fernsehsendern starten konnte, und der später ja als Justitiar zu DCTP gewechselt ist. Freimut Duve, um bei der SPD zu bleiben, hat sich sehr in internationalen Kontexten der Kommunikationsfreiheit engagiert.

MK: In dem Beitrag schreiben Sie auch, „besonders die SPD“ habe „in diesem Politikfeld jede strategisch-intellektuelle Prägekraft verloren“. Gibt es einen Kipp-Punkt, ab dem Politiker die Medienpolitik als zu unattraktiv empfunden haben, um sich zu profilieren? 

Hachmeister: Rundfunkpolitik als Ländersache – das hat funktioniert, solange nationale Lizenzen noch etwas wert waren und man im nationalen Raum noch einiges regulieren konnte. Das ist jetzt vollständig ausgehebelt durch die globale Netzkommunikation. Trotzdem hält man an diesen alten föderalen Ritualen mit der Rundfunkkommission der Länder und den Landesmedienanstalten fest. Die Politiker sehen das so: Wenn der Bund nichts zu sagen hat – was ja mal sehr viel Sinn gemacht hat, wie man im Adenauer-Urteil des Bundesverfassungsgerichts nachlesen kann –, warum soll ich mich dann auf Bundesebene mit Medienpolitik beschäftigen? Heute müsste man Medienpolitik, Netzpolitik und die sogenannte Digitalpolitik stärker zusammendenken, aber auf dem Feld gibt es eher wenige, die das in Ansätzen versuchen, am ehesten vielleicht noch Carsten Brosda, der Hamburger Kultursenator, immerhin ein gelernter Kommunikationswissenschaftler wie Peter Glotz.

MK: Die „Zeit“ hat in einer Rezension von Brosdas neuem Buch gerade geschrieben, er dürfe „als einer der ganz wenigen noch relevanten Intellektuellen der einst so theoriefreudigen Sozialdemokratie gelten“.

Kemper und Brautmeier: Als die Cologne Conference bedroht war

Hachmeister: Er ist aus dem politischen Milieu jedenfalls die einzige Figur, die mir einfällt, die in der Lage ist, in einem medialen Theorie-Praxis-Zusammenhang zu argumentieren. Ich fand es aber ganz interessant, dass selbst Markus Söder als bayerischer Ministerpräsident kürzlich die Kleinteiligkeit der bisherigen Medienpolitik beklagt hat. Er hat selbst ja eine Vergangenheit als Medienpolitiker, war Leiter der CSU-Medienkommission, bevor er Generalsekretär der Partei wurde. Vielleicht wächst ja generell die Einsicht für Veränderungen, parteienübergreifend – solange es diese Parteien noch gibt. Da müssen sie ein wenig mehr Tempo vorlegen, wenn sie überhaupt noch vorkommen wollen.

MK: Mit dem IfM haben Sie lange von Berlin aus operiert. Warum sind Sie von dort weggegangen?

Hachmeister: Juristisch war und ist das IfM eine gemeinnützige GmbH, seit jeher registriert in Köln. Aber der Hauptsitz war lange in der Fasanenstaße in Berlin – sehr nobel, gegenüber dem Literaturhaus. 2014 sind wir aus fördertechnischen Gründen nach Köln umgezogen, ich bin ohnehin seit 2004 immer von Köln nach Berlin gependelt. Die Miete in der Fasanenstraße war sehr hoch, und weil der Berliner Senat, der lange zu unseren institutionellen Förderern gehörte, da nicht mehr mitgespielt hat, war der Umzug angeraten. Es gab aber immer eine Art Zweitbüro in Köln, insofern war das kein großer Bruch in der konkreten Arbeit.

MK: Welche Rolle hat der Senat konkret beim Weggang aus Berlin gespielt?

Hachmeister: Ich glaube, dass wir letztlich die Normen der intellektuell abgeflachten sozialdemokratischen Medienpolitik nicht erfüllt haben. Das Programm des IfM, die Gäste, die Themensetzung, die Förderstruktur – das war denen zu unberechenbar. Der damalige Chef der Senatskanzlei, Björn Böhning, hat dann gesagt, er habe nur noch 20.000 Euro Budget im Berliner Haushalt für das Institut, während die Fasanenstraßen-Miete allein schon so rund 50.000 Euro betrug. So konnte man natürlich nicht weitermachen, das finanzielle Risiko, für das ich persönlich gehaftet habe, wäre zu groß geworden. Es hat in den Anfangsjahren aber auch vernünftige Vereinbarungen mit Barbara Kisseler, der damaligen Senatskanzlei-Chefin, die später Kultursenatorin in Hamburg wurde, mit Senatssprecher Michael Donnermeyer und Politikern der Grünen und der Linken gegeben.

MK: Wer gehörte oder gehört heute zu den institutionellen Förderern des IfM?

Hachmeister: Anfangs waren fast alle größeren Medienhäuser von Holtzbrinck über die „FAZ“ bis zu Springer dabei, ARD und ZDF, auch Pro Sieben Sat 1, mit Summen von mal 20.000, mal 30.000 Euro pro Jahr. Aber man merkt dann doch relativ schnell, dass es ein sehr starkes Eigeninteresse gibt, wenn man hier etwas fördert. Es gibt nicht so eine Kultur wie in den USA, wo man etwas fördert, ohne zu erwarten, dass schnell etwas ganz Bestimmtes dabei herauskommt. Im Lauf der Jahre hat sich zwar nicht so sehr das Budget verändert, aber die Struktur der Förderer. Es sind mehr Stiftungen dabei, die Stadt Köln und auch die Bundes­zentrale für politische Bildung. Meine Erfahrung aus diesem Experiment ist – ich habe das ja immer im Neben- oder Ehrenamt gemacht –, dass man lange durchhalten muss, um für sich bestimmte Freiheitsgrade aufrechtzuerhalten. Wenn die Grundidee stimmt, wird man immer neue Verbündete finden. Das war bei der Cologne Conference, dem heutigen Filmfest Köln, auch nicht anders.

MK: Inwiefern?

Relotius und Moreno, das ist eine völlig überschätzte Affäre

Hachmeister: Das Festival war zwei-, dreimal existenziell bedroht, einmal in den Anfängen der Amtszeit des nordrhein-westfälischen CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, durch dessen erratischen Staatssekretär Thomas Kemper, und später durch Jürgen Brautmeier, den Direktor der Landesmedienanstalt NRW, der ein Gegen-Festival aufgezogen hat, das dann wieder eingegangen ist. Und da musste man schon heftig kämpfen. Aber das soll jetzt gar nicht larmoyant klingen. You’ve got to fight for your right to party.

MK: Was hat Kemper im Sinn gehabt?

Hachmeister: Die finanzielle Austrocknung des Fernsehfestivals war eher ein Kollateralschaden der Strategie, so ziemlich alles, was unter den sozialdemokratischen Vorgängerregierungen von Clement und Steinbrück entstanden war, so weit wie möglich zu lädieren. Auch die Filmstiftung NRW. Da gab es kein positives Gegenkonzept, das war rein destruktiv. Rüttgers hat ihn dann auch ziemlich schnell entlassen, mit Kempers Nachfolger Andreas Krautscheid ging es dann schon sehr viel zivilisierter zu. Ich habe damals auch einige Pressekontakte spielen lassen. Heute ist ja der Ausbau des Festivals Programm der CDU/FDP-Landesregierung, so kann es gehen. Man muss sich natürlich trotzdem immer fragen, wo man mit so einer Veranstaltung hin will.

MK: Was heißt das konkret?

Hachmeister: Die Cologne Conference war ja eines der ersten Festivals weltweit, das Fernsehserien auf großer Leinwand gezeigt hat. Wir haben mit „Twin Peaks“ angefangen und dem britischen Original von „House of Cards“. Ironie der Geschichte ist, dass alle möglichen Prestige-Serien heute bei etablierten Filmfestivals landen. Die Konkurrenzsituation ist also eine andere. Man wird mit entsprechender Budgetierung immer ein nettes B-Filmfestival für Köln hinbekommen, das löst aber nicht die Strategiefrage nach einer eigenen Identität. Markus Söder hat ja für das Münchner Filmfest einige wuchtige Ansagen gemacht, da werden also insgesamt die Karten neu gemischt.

MK: Herr Hachmeister, vor rund einem Vierteljahrhundert haben Sie begonnen, sich mit den mentalitätsgeschichtlichen Kontinuitäten im Journalismus nach 1945 zu beschäftigen, vor allem anhand der Frühgeschichte des „Spiegel“ und beispielsweise in dem 2002 gemeinsam mit Friedemann Siering herausgegebenen Buch „Die Herren Journalisten“ auch darüber hinaus. Bereits 2014, im Zuge der Veröffentlichung Ihre Buchs „Heideggers Testament: Der Philosoph, der Spiegel und die SS“, in dem ja noch der Einfluss alter Nationalsozialisten auf den „Spiegel“ zur Sprache kam, haben Sie gesagt, dass in diesem Forschungsbereich langsam mal andere ranmüssten. Wieso gibt es insgesamt eher wenig Arbeiten auf diesem Feld?

Das „MeToo“-Gutachten des WDR als Anlass für eine Generaldebatte

Hachmeister: Das hat damit zu tun, dass man sich schwergetan hat, so lange die Personen, mit denen man sich hätte befassen müssen, noch gelebt haben. Langsam passiert aber etwas. Der Würzburger Historiker Peter Hoeres hat gerade ein Buch zur Geschichte der „FAZ“ veröffentlicht. Mich hat jemand kontaktiert, der über den „Spiegel“ promovieren will. Es wäre wahrscheinlich sinnvoll, dass jemand über Einzelaspekte hinaus, die mich personengeschichtlich interessiert haben, den gesamten „Spiegel“ von den Anfängen bis zur „Spiegel“-Affäre untersucht. Wer könnte bei welchem Artikel als Informant gedient haben? Welche politische Wirkung sollte er erzielen? Um solche Themen müsste es gehen. Der „Spiegel“ hat das bis heute nicht geschafft.

MK: Im Abschlussbericht der Kommission zur Aufarbeitung der Relotius-Affäre findet sich ja die einigermaßen nebulöse Formulierung, die Mitglieder der Kommission hätten „Hinweise zu ‘Spiegel’-Texten aus den Fünfzigerjahren“ bekommen, „denen nachgegangen werden sollte“ – als ob es nicht schon vorher in diversen Büchern „Hinweise“ auf unter journalistischen Kriterien äußerst fragwürdige Artikel aus dieser Zeit gegeben hätte.

Hachmeister: Ach Gott, Relotius und Moreno. Das ist natürlich eine völlig überschätzte Affäre, wird im Niedergang hochgejazzt, eine Art Sündenstolz. Der „Spiegel“ setzt beim Thema ‘eigene Vergangenheit’ seit jeher auf eine Art Salamitaktik. Mal wendet man sich der Sache ein bisschen zu, dann wieder von ihr ab. Die systematische Aufarbeitung dieses ganzen Komplexes kann nur von außen kommen.

Talkshows haben andere journalistische Formen völlig an den Rand gedrückt

MK: Apropos „systematisch“: Die MK hat online vor einigen Wochen noch einmal das Eröffnungsreferat veröffentlicht, das Sie 1997 bei den Tutzinger Medientagen gehalten haben. Damals sagten Sie mit Bezug auf das hiesige Fernsehgeschäft, es sei „erstaunlich, dass keine systematischen Analysen darüber vorliegen, welche Motivationen das Handeln“ dort leiteten und „welche mentalen Milieus“ sich in dieser Branche herausgebildet hätten. Das gilt ja weiterhin. So gesehen scheint es mir auch für die weniger weit zurückliegende Mediengeschichte und für die Gegenwart an im weiteren Sinne ideologischen Analysen zu fehlen.

Hachmeister: Ja. Eher en passant erfüllt vielleicht das Gutachten, das Monika Wulf-Mathies im Zusammenhang mit den „MeToo“-Fällen beim WDR erstellt hat, diese Funktion. In dem Gutachten wird ja sehr drastisch eine Unternehmenskultur beschrieben, die von Kontrollfetischismus und Einschüchterungen bestimmt ist. Mich hat gewundert, dass daraus nicht mehr gefolgt ist. Das hat aber auch damit zu tun, dass der Rundfunkrat beim WDR äußerst schwach ist. Das Gutachten hätte man ja mal zum Anlass für so eine Generaldebatte nehmen können.

MK: 2007 haben Sie in Ihrem Buch „Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik“ zu den Veränderungen in den Beziehungen zwischen den beiden Milieus und zur Entwicklung der politischen Berichterstattung unter anderem geschrieben: „Der meinungsführende Journalismus hat sich in der Berliner Republik nach rechts bewegt, in Richtung eines neokonservativen Zentrismus.“ Die These hat sich seitdem bewahrheitet.

Hachmeister: Es hat sich eher noch schlimmer entwickelt, wenn man sieht, was mit dem früheren „Spiegel“-Mann Matthias Matussek passiert ist und anderen Ex-Meinungsführern, sogar „Medienwissenschaftlern“, die besinnungslos nach rechts wandern. Es gibt ja wenig Peinlicheres als ältere Männer, die aus Angst vor Statusverlust plötzlich ihre patriotische und strukturkonservative Gefühligkeit entdecken. Das hat natürlich auch mit dem Statusverlust des taktgebenden Journalismus insgesamt zu tun. Das ist ja inzwischen ein musealisierter Beruf, ganz unabhängig davon, dass seine Kritik- und Machtkontrollfunktion notwendiger ist denn je.

MK: Was meinen Sie mit Musealisierung?

Der Musealisierungseffekt beim Zeitungskauf

Hachmeister: Wenn man am Kiosk oder am Bahnhof eine Zeitung kauft, hat man schon das Gefühl, man kauft ein Artefakt – als ob man in ein Museum geht und ein impressionistisches Gemälde betrachtet, das ja mal sehr modern war und für erregte Diskussionen gesorgt hat. Heute hängt es da und man schaut es sich halt an. Und den Museen selbst geht es dabei ja auch gar nicht schlecht. Der Musealisierungseffekt lässt sich auch dadurch belegen, dass es immer mehr Journalismus-Festivals gibt, Kongresse von Investigativjournalisten, Campfires, Reporterfabriken, Innovation Labs und so weiter. Der redaktionelle Journalismus wird zumindest in den westlichen Wohlstandsgesellschaften ein Unterfall der generalisierten und globalökonomisierten Netzkommunikation. Er hat seine eigenen Orte verloren. McLuhan hätte als Medienforscher wahrscheinlich seine helle Freude an dieser Entwicklung gehabt.

MK: Sollen diese Kongresse auch eine Art Lagerfeuergefühl vermitteln?

Hachmeister: Sie dienen gewiss auch der Krisenbewältigung, aber das ist ja unvermeidbar.

MK: Um auf das Stichwort Politikjournalismus zurückzukommen: Wenn man sich die ARD anschaut, hat man den Eindruck, dass es an profilierten politisch-publizistischen Persönlichkeiten mangelt. Beim WDR füllen diese Rolle auf unterschiedliche Weise Georg Restle und Isabel Schayani aus, beim NDR Anja Reschke und vielleicht könnte man noch Fritz Frey beim SWR nennen, der dies wiederum auf ganz andere Art tut. Aber bei den anderen ARD-Anstalten fällt einem keiner ein. Sehen Sie das ähnlich?

Hachmeister: Ich schaue praktisch kein lineares Fernsehen mehr, deshalb bekomme ich davon wenig mit, am ehesten noch bei Wahlabenden oder im „Morgenmagazin“. Die Talkshow-Kultur bei ARD und ZDF, über die ja nun auch alles gesagt ist, hat die anderen journalistischen Formen ohnehin komplett an den Rand gedrückt. Und dass diese Talkshow-Struktur den Aufstieg der AfD in der Bundesrepublik mit begünstigt hat, steht für mich als Medienforscher außer Frage. Natürlich gibt es kardinale Ereignisse wie die „Wiedervereinigung“ oder die Wahl Berlins zur Hauptstadt, die hier für politische Entwicklungen ursächlicher waren; aber man muss ja mit den Rundfunkbeiträgen der Bürger nicht noch als Verstärker wirken. Es bringt aber auch nichts, wenn ein paar „linke“ ARD-Journalisten dagegen erregt antwittern. Da hätten sie sich schon mal früher in ihren Anstalten bemerkbar machen müssen.

MK: Aus dem von Ihnen schon erwähnten Buch „Journalismus im Dritten Reich“, von dem 2014 noch einmal eine fünfte Auflage erschienen ist, geht hervor, dass ab 1933 die große Mehrheit der Journalisten weiterhin in ihrem Beruf tätig gewesen ist. Die Autoren Norbert Frei und Johannes Schmitz schreiben: „Die NS-Propagandisten hatten schon früh gemerkt, dass sie erfahrene Journalisten – auch ‘Bürgerliche’ und Nicht-Nationalsozialisten – dringend benötigten, ebenso wie die ‘bürgerliche’ Presse.“ Klingt das für Sie aktuell?

Wahlberichterstattung: Zahlensalat und hilflose Interviewer

Hachmeister: Ohne da einen direkten Vergleich ziehen zu wollen – bei der Berichterstattung über die AfD spürt man bei einigen Journalisten durchaus die Befürchtung: Wenn die noch stärker werden und was zu sagen haben, was wird dann aus mir? Das haben sich damals auch viele gefragt von den sogenannten bürgerlichen Journalisten. Es ist ja nicht so, dass zum Beispiel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen harte rechtskonservative Parteigänger ungewöhnlich waren: Willibald Hilf, Intendant des früheren Südwestfunks, Wolf Feller, Fernsehdirektor beim Bayerischen Rundfunk und ein beinharter CSU-Mann, Deutschlandfunk-Intendant Edmund Gruber, natürlich Gerhard Löwenthal beim ZDF – sie alle standen in den 1970er und 1980er Jahren für solche Positionen. Das hat natürlich die Fronten verhärtet, aber das konnte man gut aushalten. Doch das war sehr viel kenntlicher, man wusste, dass die so waren. Bei den TV-Journalisten, bei denen man das heute vermuten kann, ist das alles hinter einer Fassade der Pseudo-Harmlosigkeit oder Unbedarftheit verborgen.

MK: Ich stehe immer noch unter dem Eindruck der Live-Berichterstattung zu den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen am 1. September, die einen neuen Tiefpunkt des politischen Journalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu markieren schien. Das gilt insbesondere für die zahmen Interviews mit Vertretern der AfD. Offenbar wollen die Senderverantwortlichen nicht begreifen, dass die alten Wahl-TV-Rituale nicht mehr funktionieren, wenn man es mit einer Partei zu tun hat, die die Demokratie, wie wir sie kennen, bekämpft. Wie lässt sich die Entwicklung der Berichterstattung erklären?

Hachmeister: Die Entwicklung verweist auf den biografisch-generationellen Wandel, über den wir schon gesprochen haben. Was fehlt, sind Fachwissen, Souveränität, handwerkliche Fähigkeiten im Interview – wobei die Schwächen bei der ARD noch etwas stärker ausgeprägt sind als beim ZDF. Man würde sich da lieber irgendwelche Live-Kanäle ohne Kommentar anschauen, wo die Politiker direkt etwas in die Kamera sagen, als diesen Statisten, die Pseudo-Fragen stellen, noch irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Man hat das Gefühl, die Berichterstattung besteht zum einen aus Zahlensalat und zum anderen aus hilflosen Interviewern. An solchen Wahlabenden wird deutlich: Dem öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus würde nur ein härtestes Weiterbildungsprogramm weiterhelfen. Doch ich fürchte, im real existierenden System ist es dafür wohl zu spät.

 

01.12.2019/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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