Die Umkehrung der ökonomischen Verhältnisse

In Zeiten von Corona braucht die Fußball-Bundesliga die Fernsehsender (bzw. deren Geld)

Von Dietrich Leder
13.05.2020 •

Am kommenden Samstag (16. Mai) soll die Fußball-Bundesliga wieder losgehen. Worauf die Deutsche Fußball-Liga (DFL), der Zusammenschluss aller Vereine der ersten und zweiten Liga, lange gedrängt hatte, das wollten die in Zeiten von Corona für die entsprechende Erlaubnis zuständigen Ministerpräsidenten nicht länger verhindern. Sie wissen: Der Fußball kann so zu einem Symbol dafür werden, dass die Gesellschaft langsam, aber sicher nach dieser Krise zur Normalität zurückkehrt.

Doch die Begegnungen der ersten und der zweiten Bundesliga werden bis zum Ende der Saison ohne Zuschauer in den Stadien stattfinden (Stichwort: Geisterspiele). Massenveranstaltungen gelten als Ansteckungsherde besonderer Art, auch wenn die Hotspots der Corona-Pandemie in Deutschland Karnevalveranstaltungen (in Heinsberg) oder Bierfeste (in oberpfälzischen Mitterteich) waren und nicht Fußballstadien. Selbst von der Bundesliga-Partie Mönchengladbach gegen Dortmund (1:2), die am 7. März vor 54.000 Zuschauern stattfand, als man bereits von der Massenerkrankung im nicht weit von Mönchengladbach entfernten Heinsberg wusste, hat man bis heute nicht gehört, ob durch sie die Krankheit in großem Maß weitergetragen wurde.

Vereine könnten in Konkurs gehen

Die Stadien werden nun bei der Wiederaufnahme der Spiele jeweils nur von den wenigen Menschen bevölkert, die notwendig sind, damit der Betrieb läuft. Zu diesem Betrieb gehört das Fernsehen mit seinen Übertragungseinheiten. Denn die Fußballspiele finden unter diesen Umständen der „neuen Normalität“ – diesen Begriff prägte Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) – vor allem deshalb statt, weil die Fernsehsender sehr viel Geld für die Live-Übertragungen und die zusammenfassende Berichterstattung gezahlt haben. Für die beteiligten Sender ist ein Spiel ohne Stadionbesucher immer noch besser als gar kein Spiel. Und ohne das Geld der Fernsehsender für die noch ausstehenden Spiele der Bundesliga-Rückrunde würden einige Vereine in Konkurs geraten.

Das kehrt die ökonomischen Verhältnisse um. Jahrelang hatte die DFL geglaubt, dass sie es sei, die bestimme, was geschehe. Sie war im Jahr 2000 gegründet worden, einem Jahr, als die Medienbranche boomte. Zuvor hatten die Profi-Vereine unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Fernsehrechte selbst vermarktet. Das hatte schon seit den 1980er Jahren die Preise für die Bundesliga-Übertragungsrechte in die Höhe geschraubt. Mit dem neuen Liga-Verband sollte dieses Geschäft intensiviert und professionalisiert werden. Doch kaum war die DFL installiert, musste sie auf die erste große Krise reagieren, als das Unternehmen von Leo Kirch, das sowohl die Free-TV- als auch die Pay-TV-Rechte exklusiv an sich gebunden hatte, 2002 insolvent wurde. Für eine kurze Zeit sanken darob die Rechte-Erlöse, was einige Klubs schon damals an den Rand des Ruins brachte.

Aber die Erinnerung daran verblasste angesichts der enorm steigenden Einnahmen, wie sie die DFL nur wenige Jahre später verbuchen sollte. Dank neuer Sender und Verbreitungswege konnte die DFL die Preise für die Übertragungsrechte in die Höhe treiben. So standen für die laufende Saison insgesamt um die 1,2 Mrd Euro für die beteiligten Sender auf der Rechnung. Auch für die neuen Rechteverhandlungen für die Spielzeiten von 2021/22 bis 2024/25, die unter normalen Umständen jetzt hätten stattfinden sollen, rechnete sich die DFL noch weitere Steigerungsraten aus. Einige phantasierten gar von einer Vervierfachung der Einnahmen. Noch glaubte die DFL, sie sei Herrin des Verfahrens.

Ein risikoreiches Geschäft

Die Coronakrise demonstrierte ihr drastisch und dramatisch das Gegenteil. Zum einen wurde deutlich, wie risikoreich das Geschäft derjenigen Sender und Streaming-Anbieter ist, die diese enormen Summen für den Fußball ausgeben. Sie verloren ob der ausbleibenden Spiele Abonnenten, die ihre Verträge kündigten oder nicht mehr verlängerten, und sie litten unter den ausbleibenden Gewinnen aus der Ausstrahlung von Werbespots im Umfeld der Übertragungen. (Noch hat man kein Klagelied der unter den ausbleibenden Spielen notleidenden Wettbranche gehört, aber das kann ja noch kommen.)

So war es kein Wunder, dass der Spartensender Eurosport, der beim letzten Vertragsabschluss überraschend die Rechte an einigen Erstliga-Spielen (freitags, sonntagmittags, montags) erworben hatte, diese zu Beginn der Saison 2019/20 dann unter starken Verlusten an den Sport-Streaming-Anbieter DAZN weitergereicht hatte, bekannt gab, angesichts der ausbleibenden Spiele die letzte Rate der laufenden Saison nicht mehr zahlen zu wollen (Eurosport ist weiter für die Zahlung zuständig). Die DFL musste deshalb für die letzten neun Spieltage der Rückrunde den Ablauf verändern und beispielsweise auf die Partien am Freitag verzichten (bis auf zwei Ausnahmen).

Die anderen derzeitigen Fernsehpartner der DFL, zu denen Sky, die ARD, das ZDF und Sport 1 gehören, beglichen zwar irgendwann die vierte Rate der laufenden Saison, wären dazu rechtlich aber nicht gezwungen gewesen. Sie werden das gewiss unter der Maßgabe getan haben, dass die DFL maximalen Druck auf die Politik ausübt, um möglichst rasch wenigstens Spiele ohne Zuschauer veranstalten zu dürfen. Zugleich werden die Sender sich in diesem Zusammenhang einen Rabatt in den anstehenden Verhandlungen für die nächste Rechteperiode ausbedungen haben. Die Begründung dafür dürfte gelautet haben, dass die DFL und die Vereine ohne die verlässlichen Partner der Gegenwart kaum überlebt hätten. Die Chancen von neuen Rechtebewerben wie Amazon, über die man vor Corona bereits mutmaßte, dürften damit gesunken sein.

Der Verlust an Stimmung und an Relevanz

Bleibt aber die Frage, wie die Partien aus leeren Stadien im Fernsehen wirken. Wer das bislang einzige Spiel der laufenden Bundesliga-Saison, ja, der Bundesliga-Geschichte, das ohne Zuschauer vor Ort stattfand – es war am 11. März die Begegnung Borussia Mönchengladbach gegen 1. FC Köln (2:1) –, wer dies live bei Sky sah, weiß um den enormen Verlust an Stimmung. 

Doch es fehlte nicht nur an Stimmung. Es fehlte noch etwas anderes, was man als Relevanz bezeichnen kann. Erst die Anwesenheit von Zuschauermassen in einem Stadion signalisiert dem Betrachter am Fernsehschirm, dass er einem Ereignis von Bedeutung beiwohnt. In den ersten filmischen Darstellungen von sportlichen Ereignissen etwa in den kurzen Filmen der Brüder Lumière wurden die Einstellungen stets so gewählt, dass man auch die Zuschauer am Ort des Geschehens sah. Ohne Publikum in den Stadien sinkt jenseits der sportlichen Bedeutung die gesellschaftliche Relevanz der Spiele.

Der Verlust an Stimmung wie an Relevanz lässt die Spiele zufälliger und in Konkurrenz anderer audiovisueller Attraktionen beliebiger erscheinen. Damit wird eine weitere Selbstlüge der DFL und der Klubs deutlich. Sie hatten in den letzten Jahren – verwöhnt durch den wie von selbst sich ergebenden enormen Zuschauerzuspruch – die Bedeutung der Fans im Stadion als nur noch gering eingeschätzt. Die Fans erschienen als eine fungible Masse, über die man in den Vereinen verfügen konnte, wie man wollte. In der Auseinandersetzung mit den Fan-Gruppen erklärte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert denn auch einmal, dass die Stimmung in den Stadien und das Geschehen auf den Rängen weniger Anreiz für die Fernsehzuschauer seien als die Stars, die dort aufliefen. Wie gesagt, eine Selbstlüge, die man sich in guten Zeiten einreden konnte.

Ändert sich durch die Krise, also nach der Krise etwas grundsätzlich an dem, was nun schon seit mindestens zwanzig Jahren Fernsehfußball genannt werden muss? Nein, selbstverständlich nicht. Sicher wird die Baisse noch mindestens ein Jahr andauern. Sicher werden die Einnahmen des nächsten Rechte-Deals geringer ausfallen, als von der DFL noch vor einem halben Jahr fabuliert. Sicher wird in einigen Vereinen nun darüber nachgedacht, wie sie sich aus der Abhängigkeit vom Fernsehen durch eine größere Eigenkapitalquote zumindest teilweise lösen können. Sicher werden sowohl die Spielergehälter wie auch Ablösegelder bei Vereinswechseln für eine gewisse Zeit stagnieren. Aber all das wird bei der nächsten Hausse rasch vergessen sein. Denn an den Grundprinzipien dessen, was man Kapitalismus nennt, ändert sich auch durch Corona nichts.

13.05.2020/MK