Deutschland und die Welt

Die ARD-Sendereihe „Weltspiegel extra“ steht für die Qualität der Auslandsberichterstattung

Von Manfred Riepe

05.06.2018 • Seit einiger Zeit ergänzt das Erste seine Auslandsberichterstattung durch das Format „Weltspiegel extra“. In unterschiedlichen Sendelängen sowie einer Mischung aus Reportage und Dokumentation werden hier Themen aufgegriffen, für die es in der täglichen Routine der Nachrichtensendungen und auch der wöchentlichen Aufbereitung des namensgebenden ARD-Magazins „Weltspiegel“ nicht so ausführlich Platz gibt. Vertieft werden in den „Extra“-Sendungen nicht nur weltpolitische Fragen wie zum Beispiel die gegenwärtige Entwicklung Polens unter der erzkonservativen Regierungspartei PiS; aufgegriffen werden auch relevante Auslandsthemen mit Deutschland-Bezug. So richtete jetzt ein „Weltspiegel-extra“-Beitrag den Blick auf die schlimme Lage deutsch-türkischer Journalistinnen und Journalisten, die in der Türkei hinter Gittern sitzen. Eine weitere Sondersendung ging der Frage nach, warum in Deutschland ein antiisraelischer Antisemitismus salonfähig zu werden scheint.

Beleuchtet wurden außerdem die in der Öffentlichkeit bislang kaum bekannten Schwierigkeiten von Flüchtlingen, die freiwillig Deutschland den Rücken kehren. Im 30-minütigen Beitrag „Die zweite Flucht“ ging es um ein Phänomen, das auf den ersten Blick paradox erscheint. Tausende von syrischen Flüchtlingen, die unter größten Mühen nach Deutschland gekommen sind und hier auch einen Aufenthaltsstatus haben, versuchen aus verschiedenen Gründen auf derselben Route wieder zurückzukehren. Sie zahlen viel Geld für Schleuser und begeben sich beim Überqueren des griechisch-türkischen Grenzflusses Evros in Lebensgefahr.

Bei dem Versuch, zwei Syrer auf dieser Route zu begleiten, wurden die NDR-Reporter Nino Seidel und Alena Jabarine im März 2018 in Griechenland wegen Betretens eines militärischen Sperrgebiets kurzzeitig festgenommen. Diese Verhaftung, über die seinerzeit in deutschen Medien ohne Nennung von Namen berichtet wurde, haben die beiden Reporter in ihrem Film als dramaturgisches Element verwendet. Ihr „Weltspiegel-Extra“-Beitrag, der auf einer zweiteiligen Reportage des jungen NDR-Internet-Formats „Strg_F“ zu diesem Thema und auf der „Panorama“-Schwerpunktsendung dazu basiert („Flucht aus Deutschland: Syrer gehen zurück“), arbeitet mit Emotionen. Reporterin Alena Jabarine kann die Flüchtenden auf ihrer abenteuerlichen Route nicht durchweg begleiten. Wenn sie erfährt, dass die Syrer in Lebensgefahr geraten sind, rückt sie deswegen immer wieder ihren besorgten Gesichtsausdruck ins Bild, der dokumentiert, wie sehr sie um deren Leben bangt.

Dabei entsteht eine große Nähe zu einem der beiden syrischen Flüchtlinge. Er heißt Basel und erklärt vor der Kamera, er wolle nun zurück, weil seine Freundin nicht nach Deutschland nachkommen dürfe. Zurück – das heißt nicht nach Syrien, sondern in die Türkei, ein Land, in dem er mit seiner Freundin unter ausbeuterischen Bedingungen in der Illegalität und in ständiger Furcht vor der Polizei leben muss. Dennoch schließt der Beitrag mit einem Happy End, bei dem die Reporterin den Geflüchteten zu stimmungsvoller Musik durch Istanbul begleitet. Indirekt wird so bei alldem aber die Botschaft vermittelt, Deutschland sei doppelt schuldig: Indem man Syrern zwar Asyl gewährt, aber die Angehörigen nicht nachkommen dürfen, trennt man die Familien, und dadurch sind diese Menschen gezwungen, erneut zu flüchten. Das dabei anklingende Votum für den Familiennachzug erscheint etwas plakativ. Zumal man über die Situation der unzufriedenen Syrer in Deutschland kaum etwas erfährt.

Wie problematisch die Darstellung der Türkei als gelobtes Aufnahmeland von Flüchtlingen ist, führte der „Weltspiegel-extra“-Film „Angeklagt in der Türkei“ vor Augen. Die Autoren Oliver Mayer-Rüth und Cemal Tasdan zeichneten hier die traurige Situation der Journalistin Meşale Tolu nach, die wegen unterstellter Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation acht Monate in einem türkischen Gefängnis einsaß und Mitte Dezember 2017 unter Auflagen aus der Haft entlassen wurde, aber nicht nach Deutschland ausreisen darf. Das Porträt der deutsch-türkischen Journalistin und Übersetzerin dient als Aufhänger für eine differenzierte Analyse der türkischen Justiz, die sich mehr und mehr zu einem verlängerten Arm des autokratischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan entwickelt. In Anspielung auf Deniz Yücel, der für die Zeitung „Die Welt“ (Springer-Konzern) arbeitet und nach massivem politischen Druck auf die Türkei aus der dortigen Haft entlassen wurde und auch nach Deutschland zurückkehren konnte (vgl. MK-Meldung), schließt der Film mit der provokativen Frage: „Gibt es einen Unterschied zwischen einer Person, die für ein reiches Medienunternehmen arbeitet, und einer deutschen Staatsbürgerin, die für eine kleine Nachrichtenagentur arbeitet?“

Für den „Weltspiegel-extra“-Beitrag „Wohin treibt Polen?“ bereiste Korrespondentin Annette Dittert binnen kurzer Zeit zum zweiten Mal das östliche deutsche Nachbarland. In einem früheren Film (für Arte) hatte sie die polnische Oppositionspolitikerin und EU-Parlamentsabgeordnete Róża Thun porträtiert. Beide Frauen, die Politikerin wie die Journalistin, mussten daraufhin Diffamierungen, Anfeindungen und sogar Morddrohungen über sich ergehen lassen (vgl. MK-Artikel). In ihrer aktuellen Reportage versuchte Annette Dittert nun herauszufinden, wie jenes Land, das mit der Solidarność-Bewegung den Anstoß für die Perestroika – und damit auch für die deutsche Wiedervereinigung – gab, sich in ein autoritäres Staatsgebilde verwandeln konnte.

Gestützt auf zahlreiche Interviews mit ausgebooteten liberalen Politikern und entlassenen Angehörigen der Justiz zeichnet die ARD-Reporterin in ihrem 45-minütigen Beitrag ein sehr dichtes, kritisches Bild von Polens starkem Mann Jaroslaw Kaczynski. Er ist zwar kein gewählter Amtsträger, zieht jedoch als Chef der Regierungspartei PiS die Fäden aus dem Hintergrund. Dittert verdeutlicht, wie problematisch dies ist. Vieles deutet nämlich darauf hin, dass Kaczynski nach dem Unfalltod seines Zwillingsbruders, der bis zu seinem Tod im Jahr 2010 Präsident des Landes war, eine Form von Paranoia entwickelt hat, die er mit einer nationalkonservativen Vision verbindet, wonach Polen von Feinden umzingelt sei. Das katholisch geprägte osteuropäische Land und der sich einem immer konservativeren Islam verschreibende Staat am Bosporus sind zwar kaum vergleichbar, die beiden kenntnisreichen „Weltspiegel-extra“-Reportagen über die Türkei und Polen zeigten jedoch, wie in beiden Ländern das Justizsystem ausgehöhlt wird von autoritären Regierungen, die nationalistische Mythen beschwören und dabei von einer breiten Bevölkerungsschicht getragen werden.

Dass es auch hierzulande eine bedenkliche Tendenz zur Radikalisierung gibt, verdeutlichte der Film „Konflikte in Israel, Aggressionen in Deutschland“. Dieser „Weltspiegel-extra“-Beitrag von Adrian Oeser, Jacqueline Dreyhaupt und Katja Sodomann zeigte, dass es in Deutschland zahlreiche No-go-Areas gibt, in denen ein Jude mit Kippa besser nicht mehr auf die Straße geht. Im Film war unter anderem zu sehen, wie Neonazis in Dortmund mit dem Transparent „Israel ist unser Unglück“ (in Anlehnung an die Nazi-Parole „Die Juden sind unser Unglück“) demonstrierten.

Dieser „gegen Israel gerichtete Antisemitismus“, so der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn vor der Kamera, „wird zunehmend zu einem Bindeglied zwischen unterschiedlichen radikalen Strömungen“. Problematisiert wird eine bedenkliche Allianz, bei der die Antifa-Bewegung, die neue Rechte und Muslime sich gegen eine jüdische Minderheit verbünden. Diesen Schulterschluss konnte die kurze Reportage in ihren 15 Minuten Sendelänge allerdings nicht völlig transparent machen. Deutlich wurde jedoch, dass Deutschland „ein Problem mit dem Rechtsstaat hat“, wenn Juden hierzulande „eingeschränkt leben müssen“.

Die vier hier angeführten Beiträge aus der ARD-Reihe „Weltspiegel extra“ verdeutlichen, wie diese innerdeutschen Spannungen auf sehr unterschiedliche Weise mit der Situation im Ausland verzahnt sind. So schärfte jede dieser vier Sendungen die Sicht auf Problemfelder, die in der alltäglichen Berichterstattung in der Regel unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleiben. Das Format „Weltspiegel extra“ ermöglicht somit wertvolle und wichtige Blicke über den Tellerrand. Solche Filme sind aufwendig und auch nicht ganz billig. Sie stehen aber für die Qualität einer politisch unabhängigen Auslandsberichterstattung und damit die Qualität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Die ARD nahm die „Weltspiegel-extra“-Sendungen im Mai geballt ins Programm, dienstags ab 22.15 Uhr auf dem Sendeplatz nach den „Tagesthemen“, auf dem normalerweise Wiederholungen von fiktionalen Fernsehfilmen laufen. Man würde sich wünschen, solche monothematischen „Weltspiegel“-Sendungen gäbe es öfter und dann auf einem regelmäßigen Sendeplatz. Dass es sie gibt, dafür allein schon muss man die ARD loben, ähnlich wie für ihre neuen gesellschaftspolitischen Formate „Was Deutschland bewegt“ und „Rabiat“ (vgl. diesen MK-Artikel). Die ARD ist einiges zu leisten in der Lage. Wenn sie es will.

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Hier die an dieser Stelle besprochenen FIlme noch einmal im Überblick:

Adrian Oeser/Jacqueline Dreyhaupt/Katja Sodomann: Konflikte in Israel, Aggressionen in Deutschland, Das Erste (ARD/HR/BR/RBB), Di 15.5.18, 22.50 bis 23.05 Uhr

Nino Seidel/Alena Jabarine: Die zweite Flucht – Wie syrische Flüchtlinge Deutschland wieder verlassen, Das Erste (ARD/NDR), Di 15.5.18, 23.50 bis 0.20 Uhr

Annette Dittert: Wohin treibt Polen? Ein Land rückt ab von Europa, Das Erste (ARD/WDR/NDR), Di 22.5.18, 22.45 bis 23.30 Uhr

Oliver Mayer-Rüth/Cemal Tasdan: Angeklagt in der Türkei, Das Erste (ARD/BR), Di 22.5.18, 23.30 bis 0.00 Uhr

05.06.2018/MK