Die Ordnung auf den Kopf gestellt

Erste Frau bei den Fernsehnachrichten: Zum Tod von Wibke Bruhns

Von Karl-Otto Saur
26.06.2019 •

Hätte es im Mai 1971 bereits das Internet gegeben, hätten sich sicher schon damals genügend Trolle gefunden, die es als Forum benutzt hätten, um ihre Vorurteile ungeniert zu verbreiten. Dann hätte es an diesem Tag etwas gegeben, das heute gerne unter der Rubrik „Shitstorm“, eingeordnet wird. Hatte doch das als konservativ geltende Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) am 12. Mai 1971 einer Frau die Aufgabe übergeben, die Spätnachrichten des Senders vorzutragen. „Vorzutragen“ ist genau das richtige Verb für den Vorgang. Nichts wurde damals „moderiert“, niemand „befragt“. Es wurden Nachrichten vorgetragen, trocken und emotionslos. Das besorgten im bundesdeutschen Fernsehen bis zu diesem Zeitpunkt Männer im Anzug mit Krawatte und kaum zu erschütternder Stimme.

Und nun nahm plötzlich eine junge Frau diesen Platz ein. Ihr Name: Wibke Bruhns. Sie war damals 32 Jahre alt. Wenige Tage nach ihrer Premiere vom 12. Mai setzte das ZDF sie dann auch erstmals in der Hauptnachrichtensendung „Heute“ ein. Und die Proteste blieben nicht aus. Natürlich gab es Bedenken von Männern, die es unangemessen fanden, politische Nachrichten aus dem Mund einer Frau zu hören. Doch es gab auch Frauen, die ihrer Geschlechtsgenossin dringend empfahlen, sich um Mann und Kinder zu kümmern, anstatt die natürliche Ordnung der Welt auf den Kopf zu stellen. So wurde Wibke Bruhns von manchen Zuschauern als frühe „Emanze“ gesehen, auch wenn der Ausdruck damals noch gar nicht üblich war. Auch ihre frühe Mitgliedschaft in der SPD wurde immer mal wieder kritisch kommentiert.

Das aber genau fürchtete sie: dass sie von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen vereinnahmt und als Galionsfigur missbraucht werden könnte. Das änderte aber wenig daran, dass sich die Zuschauer an die neue Ordnung gewöhnten. Wibke Bruhns’ Beliebtheitswerte bei den Zuschauern stiegen ständig. Aber noch in den 1970er Jahren entschloss sie sich, der „Heute“-Sendung den Rücken zu kehren und wieder stärker journalistisch zu arbeiten. Dazu wechselte sie auch das Medium und arbeitete unter anderem als Auslandskorrespondentin für die Zeitschrift „Stern“. Für das Magazin ging sie nach Jerusalem und ab 1985 berichtete sie vier Jahre lang aus Washington.

Der zweite Blick

Auch nach ihrer Rückkehr auf den Bildschirm hatte sie das enge Korsett der Nachrichtenpräsentation verlassen. Sie gestaltete ihre Sendungen nach ihren Vorstellungen. Sie moderierte zahlreiche Talkrunden (darunter „Drei vor Mitternacht“, WDR), in denen sie ihre eigenen Positionen einbrachte. Ihr Engagement für die SPD und ihr enges persönliches Verhältnis zum späteren Bundeskanzler Willy Brandt sorgten immer mal wieder für öffentliches Aufsehen. Wibke Bruhns dementierte häufig die Gerüchte, dass es auch eine Liebesbeziehung zwischen ihr und Brandt gegeben habe. Selbst als später Willy Brandts letzte Ehefrau Brigitte Seebacher-Brandt die Journalistin Heli Ihlefeld als die Frau nannte, mit der Willy Brandt eine längere Beziehung zu dieser Zeit gehabt habe, verstummten die entsprechenden Gerüchte rund um Wibke Bruhns nicht. Das Leben in der Öffentlichkeit nun gewohnt und vorsichtiger geworden, äußerte sich in ihren eigenen Lebenserinnerungen noch einmal kurz und elegant uneindeutig dazu.

Ihre berufliche Karriere nahm immer mal wieder neue Wendungen. Sie entdeckte den Hörfunk für sich als Medium, schrieb Kolumnen für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, sie war in den Anfangsjahren von Vox Nachrichtenmoderatorin bei dem 1993 gestarteten Privatsender und danach von 1995 bis 1998 Leiterin der Kulturredaktion des damaligen Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB). Im Jahr 2000 engagierte sie sich als Sprecherin der Weltausstellung Expo in Hannover, eine Aufgabe, die ihrem journalistischen Anspruch sicher nicht entsprach, aber von ihrer Weltläufigkeit profitierte.

Nicht zuletzt ihr Aufenthalt als Korrespondentin in Israel führte dazu, dass sie sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandersetzte. Wibke Bruhns’ Vater Hans Georg Klamroth war während der Hitler-Zeit zunächst begeisterter Nationalsozialist, war frühes Mitglied der NSDAP und trat ebenso früh der SS bei. Doch er gehörte dann auch zu jenen, die den verhängnisvollen Weg der Nazis früher als die meisten anderen erkannten. Als Mitwisser des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde Hans Georg Klamroth noch im letzten Kriegsjahr hingerichtet.

In dem 2004 erschienenen Buch „Meines Vaters Land“ beschrieb Wibke Bruhns nicht nur sein Ringen um Erkenntnis, sondern auch die Auswirkungen seines Handelns auf die Familie. Mit einem weiteren Buch, „Nachrichtenzeit. Meine unfertigen Erinnerungen“ (vgl. FK-Artikel), schließt sie ihr publizistisches Werk ab. Es zeugt davon, dass ihr Beruf als Journalistin sie gelehrt hat, genau hinzusehen, was passiert. Aber auch alles einzuordnen, wenn sie das Gefühl hatte, dass erst mit einem zweiten Blick auf das nicht Augenfällige eine Geschichte sich abrundet. Wibke Bruhns, geboren 1938 in Halberstadt, starb am 20. Juni im Alter von 80 Jahren in Hamburg.

26.06.2019/MK