Die Meinung des Publikums hören

Interview mit dem früheren Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz anlässlich seines 80. Geburtstags

Von Ludwig Ring-Eifel
24.07.2021 •

Ernst Elitz, von 1994 bis 2009 erster Intendant des Deutschlandradios, wird am heutigen Samstag 80 Jahre alt. Elitz, geb. am 24. Juli 1941 in Berlin, begann seine berufliche Laufbahn – nach dem Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin – als Mitarbeiter beim RIAS Berlin und der Wochenzeitung „Die Zeit“. Von 1969 bis 1974 war er Redakteur beim „Spiegel“. Anschließend wechselte er zum ZDF, für das er unter anderem aus West- und Ost-Berlin berichtete und als stellvertretender Leiter der „Heute-Journal“-Redaktion arbeitete. 1985 wurde Elitz Fernsehchefredakteur des damaligen Süddeutschen Rundfunks (SDR), bis er 1994 das Intendantenamt beim neu geschaffenen Deutschlandradio übernahm, das heute die drei Programme Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova betreibt. Nach seinem Ausscheiden beim Deutschlandradio war Ernst Elitz für die „Bild“-Zeitung als Kommentator tätig. Von 2017 bis 2019 war Elitz Ombudsmann von „Bild“. Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), sprach für ein Interview von KNA und „Medienkorrespondenz“ – die beide in Bonn im Katholischen Medienhaus angesiedelt sind – mit Ernst Elitz über seine beruflichen Stationen und Veränderungen im Journalismus.  MK

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MK: Herr Elitz, als das Deutschlandradio 1994 an den Start ging, sollte es als deutschlandweites Radio auch die Ost-West-Gegensätze überbrücken helfen. Jetzt sehen wir, dass gerade im Osten die Ablehnung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stärker ist als im Westen, verbunden mit einer gewissen Grundsatzkritik am gesamten System. Hat das Deutschlandradio da versagt?

Elitz: Ich glaube nicht. Die drei Sender, die 1994 zum nationalen Hörfunk Deutschlandradio zusammengefügt wurden, hatten ihre Wurzeln in Ost und West. Es war die Einheit im Kleinen, mit all ihren Problemen und Verlustängsten. Deutschlandfunk und RIAS waren schon vor der Wende die meistgehörten westlichen Radiosender in der DDR. Der RIAS, 1946 von den Amerikanern in Berlin gegründet, hatte immer eine hohe emotionale Bedeutung für seine Hörer. DDR-Bürger erreichten ‘ihren’ RIAS über Deckadressen in West-Berlin. Viele dieser Briefe wurden von der Stasi abgefangen. In Sachsen, wo der Deutschlandfunk gut zu hören war, wurden dessen Reporter nach dem Mauerfall begeistert empfangen. Beide Sender hatten von Anbeginn das Ost-West-Gen. Zum Deutschlandradio kam auch das vom Runden Tisch der DDR gegründete DS-Kultur. Dessen Mitarbeiter wussten als ehemalige DDR-Bürger genau, was die Menschen im Osten bewegte. Ich habe nach der Gründung des nationalen Hörfunks schnell Korrespondentenbüros in allen Ländern eröffnet und Sendestrecken für die Länderberichterstattung ins Programm genommen, in denen sich bis heute Ost und West wiederfinden.

MK: Und wie erklären Sie, dass die Skepsis gegenüber den öffentlich-rechtlichen Medien im Osten relativ stark ist?

Anpassung an ein neues Nutzerverhalten

Elitz: In den westlichen Verlagshäusern dachte man nach dem Mauerfall, alle im Osten wären begeistert, wenn sie jetzt den „Spiegel“ oder die „Zeit“ lesen könnten. Pustekuchen. Sie wollten weiter ihre alten Titel, aber mit neuen Inhalten. Die Skepsis gilt nicht allgemein. Der Mitteldeutsche Rundfunk und sein Fernsehen haben im Osten eine hohe Akzeptanz. Das ist Radio und Fernsehen aus der Nahwelt mit vielen Erinnerungskomponenten an die DDR-Zeit. Das Erste und das ZDF aber müssen aus allen Ländern berichten. Da schlägt zwangsläufig das Gewicht der alten BRD durch.

MK: Ist das der einzige Grund für das Unbehagen?

Elitz: Es ist auch eine Mentalitätsfrage. Viele DDR-Bürger, die auf Neues aus waren, sind in den Westen gegangen. Andere haben nach dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft ihre verständlichen Verlustgefühle auf Politik und Medien übertragen. Da ist vieles nicht rational erklärbar. Man kann nicht sagen: Wir gucken lieber die Privaten, weil wir bei ARD und ZDF nicht hinreichend berücksichtigt werden. Bei den Privaten kommt bekanntlich noch weniger aus dem Osten.

MK: In der immer bunter werdenden Medienwelt gibt es neben den Öffentlich-Rechtlichen mittlerweile nicht nur das Privatfernsehen, es gibt Social Media, Streaming-Anbieter. All das wächst. Und die Zuschauerschaft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nimmt bundesweit ab, insbesondere bei jungen Leuten. Brauchen wir eine radikale Reform des öffentlich-rechtlichen Fernsehens?

Elitz: Es geht eher um Anpassung an ein neues Nutzerverhalten. Mit ZDFneo oder mit dem Online-Angebot Funk gehen die Öffentlich-Rechtlichen diesen Weg. Wir haben beim Deutschlandradio schon zu meiner Intendanten-Zeit ein digitales Programm – Deutschlandfunk Nova – für ein jüngeres Publikum entwickelt, das bestens floriert. Die Ministerpräsidenten wollen den Rundfunkanstalten jetzt größere Freiheiten für die Entwicklung neuer digitaler Programme geben. Da kann man nur Glück wünschen, dass diese Programme den Ton der Jungen treffen. Aber man kann nicht aus Quotengier die Wege der Privaten mit Sendungen beschreiten, in denen sich C-Promis in Lagerhaltung gegenseitig an die Wäsche gehen. So tief darf man nicht sinken.

MK: Und was ist mit dem Abwandern einer ganzen Generation in die sozialen Netzwerke?

ARD und ZDF müssen Garanten der Glaubwürdigkeit sein

Elitz: ARD und ZDF müssen, wie die klassischen Printmedien, im Netz, wo jeder hirnverbranntes Zeug und Hetzreden verbreiten kann, Garanten der Glaubwürdigkeit sein. Wer einmal im Netz ist, kehrt schwerlich zur gedruckten Zeitung oder zu Opas Bildschirm zurück. Hohe Internet-Präsenz mit von Faktenchecks abgesicherten Informationen ist in dem Internet-Tohuwabohu eine Kernaufgabe für seriösen Journalismus.

MK: Was aber von den Zeitungsverlegern teilweise auch misstrauisch beäugt wird…

Elitz: ...wer das misstrauisch beäugt, sollte sich eine neue Brille kaufen.

MK: Sie sprachen von Garanten für gesicherte Informationen. Nun beobachtet man aber in den letzten Jahren in den öffentlich-rechtlichen Medien, dass oft eine parteipolitische oder ideologische Schlagseite ins Nachrichtengeschäft hineinkommt. Etwa bei der Klima-Politik, beim Gendern und so weiter. Kritiker sagen, es werde immer weniger zwischen Faktendarstellung und Kommentierung unterschieden.

Elitz: Wer heutzutage sagt, wir haben leider keinen Sigmund Gottlieb mehr, der aus Bayern kam und deshalb konservative Ansichten hatte, muss erst mal für kontroverse Diskussionen in seinen Redaktionen sorgen. Notfalls mit Leuten von außen – mit unterschiedlichen strittigen Auffassungen. Und, ganz entscheidend: Man muss die Meinung des Publikums hören und aus Widerspruch lernen. Beim Deutschlandradio gibt es eine Fülle von Sendungen, in denen die Hörer zu Wort kommen – und nicht abgewürgt werden. Das war in meinem journalistischen Leben immer mein Kernanliegen.

MK: Sie moderierten in den 1980er Jahren im Ersten eine nach der „Tagesschau“ gut platzierte „Pro-und-Contra“-Sendereihe, wo die Zuschauer zu gesellschaftlichen Positionen ihre Meinung äußern konnten...

Elitz: ...ob das Schwangerschaftsabbruch, künstliche Befruchtung oder Tempo 100 auf der Autobahn war. Damals war diese Zuschauermitwirkung den Bedenkenträgern der ARD unheimlich – und wurde abgeschafft, nachdem ich zum Deutschlandradio gegangen war.

MK: Kann man mit Hörer- oder Zuschauerbeteiligung wirklich verhindern, dass alle in ihre jeweilige Social-Media-Blase abwandern?

Gegenrede und Widerspruch aushalten

Elitz: Meine Erfahrung als Ombudsmann bei „Bild“ zeigt mir, dass viele nur ihre eigene Meinung widergespiegelt sehen wollen. Die SPD-Wähler beschweren sich, wenn CDU-Stimmen zitiert werden. Und vice versa. Die Grünen sind da lockerer. AfD-Fans sind immer auf der Palme, wenn ein kritisches Wort über ihren Verein fällt. Es allen recht zu machen, ist schwierig. Da dürfen sich die Redaktionen nicht vom klassischen Weg abbringen lassen: Unterschiedlichste Meinungen zu präsentieren, einzuordnen und bewerten.

MK: Sie haben ja sicherlich auch die Umfrage gelesen, wonach 45 Prozent sagen, man könne in Deutschland seine Meinung nicht mehr frei sagen...

Elitz: ...wenn jemand sich nicht traut, seine Meinung zu sagen, dann ist es ihm offenbar nicht so ernst damit. Ich kann nur sagen: Raus mit der Sprache. Man muss aber auch Gegenrede und Widerspruch aushalten können. Sofern sich das auf Gendern und politisch korrekte Sprache bezieht, weiß ich als Germanist, dass die Alltagssprache sich über die Zeit abschleift und verkürzt. Insoweit sehe ich schwarz für das „Innen“. Alltagssprache neigt nicht zum komplizierten Ausdruck. Und so besteht, bei aller Berechtigung, jedem eine angemessene Wertschätzung entgegenzubringen, die Gefahr, dass diese Versuche in den Arkan-Sprachen landen, in der Politikersprache, in der Verwaltungssprache und im Juristendeutsch, also in Sprachformen, die sich von der Öffentlichkeit abschotten. Und das ist wiederum problematisch, denn es vertieft den Graben zwischen denen da oben und denen da unten.

MK: Aber wenn jetzt Nachrichtensprecher gendern, dann ist es ja nicht arkan?

Elitz: Bevor der öffentlich-rechtliche Rundfunk diesen Trend weiterverfolgt, sollte er das mal mit dem Gebühren zahlenden Publikum besprechen. Wir geben Bibeln in leichter Sprache heraus, wir senden Weltnachrichten in einfacher Sprache und gleichzeitig haben wir den gegenläufigen Trend, dass wir die Sprache plötzlich verkomplizieren.

MK: Nutzen Sie selbst Social Media?

Elitz: Als Professor für Kultur- und Medienmanagement an der Freien Universität war das selbstverständlich Unterrichtsthema und persönliche Praxis. Ich suche im Internet nach Informationen. Ich höre keine Podcasts, sondern nutze das klassische Streaming-Medium, das schon vor der Erfindung des Internets existierte: das Radio. Ansonsten bestimme ich meine Rezeptionsgeschwindigkeit gern selbst. Das geht beim Lesen von Büchern nun mal besser.

MK: Und Zeitungen...

Elitz: ...lese ich mit großem Vergnügen. Die Bildung von Zentralredaktionen ist ein Gewinn für die Qualität. Viele Zeitungen, die sich aus finanziellen Gründen keine großen Redaktionen mehr leisten konnten, haben durch den Aufbau von Zentralredaktionen ihre journalistische Qualität halten und sogar ausbauen können. Toll sind auch die Rechercheverbünde, in denen öffentlich-rechtliche Medien und Zeitungen zusammenarbeiten. Denken Sie an die großen Skandale, die dadurch aufgedeckt wurden. Das kann keiner allein.

Zack, zack, drei Fragen, zack, zack drei Antworten

MK: Wer ein wenig gelitten hat, sind die Nachrichtenagenturen. Sie sind oft nicht mehr die Schnellsten, Twitter ist oft schneller…

Elitz: …aber nicht gegengecheckt...

MK: ...aber es ist häufig schneller und macht ein Alleinstellungsmerkmal der Nachrichtenagenturen kaputt. Und der Markt der Agenturen schrumpft durch die von ihnen beschriebenen Zusammenlegungen in Zeitungsgruppen. Wenn wir früher als Nachrichtenagentur 60 regionale Einzeltitel als Kunden hatten, dann werden daraus jetzt zehn Gruppen-Abos.

Elitz: Aber Sie haben einen Internet-Auftritt, den Sie früher nicht hatten.

MK: Das ist das KNA-Schwesterportal katholisch.de. Als Agentur verschenken wir unsere Nachrichten nicht. Wie ist ihr Verhältnis zu Agenturen, haben Sie sie selbst genutzt?

Elitz: Man konnte ohne Agenturen weder eine Zeitung noch Radio oder Fernsehen machen. Und man kann das auch heute nicht. Früher wäre es ein Unding gewesen, dass im Lokalteil Agenturmeldungen abgedruckt werden. Das war Sache der eigenen Reporter. Inzwischen sind die Agenturen auch dort präsent.

MK: Früher fand man in den Agenturen mehr Interviews. Viele sind abgewandert an den Deutschlandfunk, das ist inzwischen das Medium, aus dem am häufigsten Politiker zitiert werden.

Elitz: Und „Bild“! Das war ein genialer journalistischer Schachzug mit „Bild-TV“. Politiker und Experten werden zugeschaltet, zack, zack, drei Fragen, zack, zack drei Antworten und raus an die Agenturen: „...sagte xyz der ‘Bild’“. Agenturen müssen sich mehr spezialisieren, was bei der Katholischen Nachrichten-Agentur ja ohnehin naheliegt. Aber muss dann auch unschlagbar mit Exklusiv-News sein.

MK: Es gibt zwei große Organisationen, deren Mitglied Sie sind, die SPD und die katholische Kirche, die beide im Sinkflug sind. Warum?

Elitz: Die SPD hat ihre Aufgabe erfüllt, sie hat die CDU sozialdemokratischer gemacht. Wenn wir uns heute angucken, wie die Bundesrepublik funktioniert, ist das zu 89 Prozent alte SPD-Politik. Was die katholische Kirche angeht, behandelt sie ihre Probleme durch äußeren Druck und vor allem durch den Laien-Antrieb so intensiv in der Öffentlichkeit wie keine andere Institution. Bei der evangelischen Kirche hat es Missbrauch auch gegeben. Aber die EKD löst ihren Betroffenenbeirat auf, das steht mal einen Tag in der Zeitung und damit scheint das Problem erledigt. Bei den Katholen wird das eine fette Schlagzeile. Ist auch gut so, denn öffentlicher Druck drängt auf eine Lösung. Ein „Weiter so“ macht die Kirche kaputt.

MK: Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn so große Säulen wie die beiden großen Kirchen allmählich zerbröseln?

Elitz: Es gehen Orientierungspunkte für sozialethisches Verhalten verloren. Etwa in Fragen der Abtreibung, der Sterbehilfe, der gleichgeschlechtlichen Ehe. Egal ob man die kirchlichen Positionen teilt, sind sie doch wichtig für die dialektischen Debattenprozesse, die in der Gesellschaft geführt werden. Sonst wird alles eine Mainstreamsoße.

MK: Sprechen wir über Ihre Zeit bei der „Bild“-Zeitung. Wie lange waren Sie Ombudsmann?

Jede Krise fördert Kreativität

Elitz: Zwei Jahre. Auslöser war eine Berichterstattung über einen Ausländermob in Frankfurt, bei dem Menschen im Bahnhofsviertel angegriffen und Frauen sexuell belästigt wurden. Man war Fake News aufgesessen. Ich hatte Beschwerden über falsche oder unangemessene Berichterstattung nachzugehen und die Ergebnisse meiner Recherchen im Blatt zu veröffentlichen. Das heißt auch, wenn nötig, die Redaktion öffentlich zurechtzuweisen.

MK: Der Job bei „Bild“ war Ihre bekannteste Rolle nach dem Intendanten-Leben. Was beschäftigt Sie seither?

Elitz: Als Deutschlandradio gegründet wurde, mussten wir das Rundfunksymphonieorchester und den Rundfunkchor der DDR und auf West-Berliner Seite den RIAS-Kammerchor und das Deutsche Symphonieorchester in einen Verbund zusammenführen. Das war eine organisatorisch und menschlich äußerst schwierige Vereinigungsaufgabe. Geprägt von Verlustängsten auf allen Seiten. Aber es wurde der einzige große kulturelle Einheitserfolg, und das mit einem Zugewinn an künstlerischer Qualität für die vier international renommierten Ensembles. Bund, Berliner Senat und die Rundfunkanstalten haben mich aufgrund meiner Vereinigungserfahrungen zum Vorsitzenden des Kuratoriums und der Gesellschafterversammlung dieser Rundfunk Orchester und Chöre GmbH berufen.

MK: Sind Sie denn der Meinung, dass die Rundfunkorchester die Pandemiezeit gut bewältigt haben? Es wurde viel geklagt, aber wo gab es wirklich kreative Lösungen?

Elitz: Die Rundfunkorchester waren privilegiert. Sie konnten auch im Lockdown ohne Publikum, in kleinen Sälen, in kleinerer Besetzung für das Radiopublikum spielen. Darüber hinaus wurden neue Videoformate entwickelt. Zum Beispiel Musikfilme. Digital konnten die Musiker sich mit dem Publikum auf Facebook oder über YouTube austauschen. Jede Krise fördert Kreativität, aber Kreativität konnte nicht die Einnahmeausfälle angesichts der geschlossenen großen Säle ersetzen.

24.07.2021/MK

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