Die Kraft eines Trollingers

Zum Tod des Fernsehjournalisten Ulrich Kienzle

Von Karl-Otto Saur
28.04.2020 •

Ein Händedruck machte ihn berühmt. Er selber empfand ihn als erstaunlich weich, die Zuschauer vor dem Fernsehschirm wunderten sich über die Länge. 1990, auf dem Höhepunkt der ersten Irak-Krise gab Saddam Hussein, der Mann, der zu diesem Zeitpunkt als der gefährlichste der Welt galt, dem deutschen Journalisten Ulrich Kienzle, damals Nahost-Korrespondent der ARD, ein Fernsehinterview. Was den meisten Journalisten als ein bewundernswerter Scoop erschien, bezeichnete Kienzle selbst später als einen besonders peinlichen Moment seines Berufslebens.

Ulrich Kienzle, der 1936 in Neckargröningen geboren wurde und am 16. April im Alter von 83 Jahren in Wiesbaden starb, wusste früh, dass er Journalist werden wollte. Im Gegensatz zu vielen Kollegen seiner Generation war von Anfang an das Fernsehen sein Ziel. Nach einem Studium der Politikwissenschaften, der Germanistik und der Kunstgeschichte zog es ihn nicht, wie seinerzeit in den 1960er Jahren sonst üblich zu einer Zeitung, sondern er sah im Fernsehen sein Metier.

Ein neuer Ton bei Radio Bremen

Die erste Station war für den Schwaben das Regionalprogramm seines Heimatsenders, das war der damalige Süddeutsche Rundfunk (SDR) in Stuttgart. Doch bald zog es ihn noch weiter. 1974 übernahm er in Beirut von Gerhard Konzelmann die Leitung des ARD-Korrespondentenbüros für die arabische Welt. So wurde er ein profunder Kenner des Nahen Ostens. Anschließend, von 1976 bis 1980, übernahm er das ARD-Studio in Südafrika.

Im Sommer 1980 gab es für Kienzle einen entscheidenden Wechsel in das kleine Bremen. Dort wurde er Fernseh-Chefredakteur der kleinsten Landesrundfunkanstalt der ARD. Radio Bremen hatte zwar im Vergleich zu den anderen Mitgliedern der ARD weniger Geld, der Sender war aber bekannt dafür, dass er mehr Mut und Phantasie ins Programm einbrachte als die großen Brüder. Kienzle unterstützte von Anfang an die Bestrebungen, als die Bremer Regionalredaktion das Konzept für eine neue regionale Sendung vorlegte. Eine junge Mannschaft wollte weg von den traditionellen Berichten aus der Nachbarschaft, hin zu einem überraschenden Potpourri an Inhalten: kritisch gegenüber der Obrigkeit, liebevoll zu Außenseitern. So entstand das bis heute existierende Regionalmagazin „Buten un binnen“. Es war ein ganz neuer Ton in diesem Bereich, der im Lauf der Zeit viel Anerkennung und zahlreiche Preise einbrachte.

Aber Kienzle ruhte sich nicht auf eigenen Lorbeeren aus. Er blieb sich treu darin, die eigene Arbeit und die der eigenen Redaktion kritisch zu betrachten. Als einen der beschämendsten Momente in seinem Berufsleben bezeichnete er etwa die Ausstrahlung eines Interviews, das im Rahmen des legendären Gladbecker Geiseldramas 1988 in Bremen mit einem der Geiselgangster geführt – und ausgestrahlt – worden war.

Links gegen Rechts beim ZDF

Anfang 1990 wechselte Kienzle zum ZDF nach Mainz. Dort übernahm er die Leitung der Hauptredaktion Außenpolitik und war unter anderem verantwortlich für das Magazin „Auslandsjournal“, das er auch moderierte. Beim ZDF sollte Kienzle noch einmal zu neuer Popularität gelangen – gemeinsam mit einem Kollegen, mit dem ihn sonst herzlich wenig verband. Im Zuge der immer wieder aufflammenden Diskussion um die politische Ausgewogenheit in der Berichterstattung versuchte das ZDF ein neues Magazin zu etablieren, in dem zwei politisch konträr denkende Menschen beide Seiten gegeneinander vertreten sollten. Für die linke Seite sollte es Ulrich Kienzle sein, für die rechte Bodo Hauser. Beide hielten wenig voneinander. Aber sie fanden sich in der Rolle ein, weil sie ihre Abneigung nicht künstlich spielen mussten. „Frontal“ hieß das neue Politmagazin und es war von März 1993 bis zum Dezember 2000 sehen.

Auch in dieser Sendung blieb sich Kienzle treu und zeigte, dass er von falscher Rücksicht nicht viel hielt. Seinen Ruf in dieser Richtung hatte er bereits Jahre früher bewiesen. Als er noch Chefredakteur bei Radio Bremen war, hatte er auf einer der zahlreichen Sitzungen, wie es sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, eine Auseinandersetzung mit Wolf Feller ausgefochten, dem damaligen strammrechten Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks (BR). Die Kollegen glaubten, der Höhepunkt des Streits sei erreicht, als Kienzle seinem Kollegen mitteilte: „Feller, Sie sind ein Kretin!“ Feller wollte die Diskussion abkürzen, griff zu einer noch ziemlich vollen Flasche Wein auf dem Tisch und warf sie, so wird die Anekdote erzählt, Kienzle an den Kopf. Der schwäbische Weinkenner Kienzle quittierte Fellers Attacke souverän mit den Sätzen: „Ich hab doch gesagt: Feller, Sie sind ein Kretin, einen Trollinger schmeißt man nicht, den trinkt man!“

28.04.2020/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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