Die Heimat ins Bild gebracht

Zum Tod des Kameramanns und Regisseurs Gernot Roll

Von Karl-Otto Saur
04.12.2020 •

Der junge Gernot Roll machte sich immer wieder Sorgen. Nachdem er in der DDR in den DEFA-Studios in Babelsberg 1953 als 14-Jähriger eine Ausbildung zum Kameramann begonnen hatte, gefiel ihm das Metier, doch er konnte sich nicht vorstellen, diese Arbeit ein Leben lang ausüben zu wollen. Vielleicht lag das daran, dass diese Arbeit auch in der Filmbranche nicht so richtig ernst genommen wurde. Unter der damals üblichen Bezeichnung „Bildgestaltung“ konnte sich kaum ein Kinobesucher etwas Konkretes vorstellen. Aber auch die Berufsbezeichnung Kameramann war für den normalen Kinobesucher nicht viel konkreter. Offensichtlich gehörte zu der Tätigkeit, dass schwere Geräte auf Ständer gehievt und in verschiedene Richtungen austariert wurden. Als eine erstrebenswerte Arbeit für einen Erwachsenen sah Gernot Roll dies nicht.

Doch er wurde bald eines Besseren belehrt. 1968 drehte Roll, der 1960 in die Bundesrepublik übergesiedelt war, seinen ersten Film („Jet Generation“, Regie: Eckhart Schmidt). 1974 – mit 35 Jahren – drehte er seinen ersten seinen „Tatort“, ein Auftrag, der in der Branche als Auszeichnung verstanden wurde. Schon bald galt er als Routinier dieses Genres. Innerhalb von vier Jahren folgten sechs weitere Folgen der schon zum Markenzeichen der ARD avancierten Krimireihe.

Doch dann kam die entscheidende Wende für Gernot Roll. Im Jahr 1977 arbeitete er zum ersten Mal mit dem Regisseur Edgar Reitz zusammen. In dem Film „Stunde Null“ erzählt Reitz eine Geschichte aus der frühen deutschen Nachkriegszeit. Es sieht so aus, als hätten sich Regisseur und Kameramann gefunden, um die Zeit dieser Epoche für das Land aus dem drohenden Vergessen zu entreißen. Das wichtigste Filmdokument dieser Zusammenarbeit sollte „Heimat – Eine deutsche Chronik“ (ARD 1984) werden. Ursprünglich als einmalige Serie geplant und später zu einem umfassenden Epos über Deutschland erweitert, ist es wohl das bewegendste Werk unserer im Fernsehen verarbeiteten Geschichte. Die „Heimat“-Trilogie legte die Grundlage dafür, dass sich Roll und Reitz immer wieder zusammentaten, um die Geschichte weiter oder auch unter anderen Aspekten neu zu erzählen.

Die Zusammenarbeit mit Edgar Reitz und Axel Corti

Aber es gab noch einen anderen Regisseur, mit dem Gernot Roll eng zusammenarbeitete: Der Österreicher Axel Corti (1933-1993) war ebenso an der Zeitgeschichte und deren Verflechtungen interessiert wie Edgar Reitz. Corti hatte den Plan, die Erinnerungen von Georg Stefan Troller zu verfilmen, des in Wien geborenen Kulturberichterstatters, der später Frankreich zu seiner neuen Heimat erkoren hat und der am 10. Dezember 99 Jahre alt wird. Unter dem Titel „Wohin und zurück“ (1982 und 1985/86) wurde in einer Trilogie der Weg Trollers vom jüdischen Wien über die USA der Emigranten und zurück ins Nachkriegs-Wien verfolgt.

Roll und Corti wollten die Zusammenarbeit fortsetzen und fanden auch in dem Filmprojekt „Radetzkymarsch“ (nach Joseph Roth) den geeigneten Stoff. Doch während der Dreharbeiten starb Axel Corti im Dezember 1993. Gernot Roll erklärte sich bereit, neben der Kameraarbeit auch die Regie zu übernehmen, um das Werk zu vollenden. So war ein neuer Regisseur geboren. Die weiteren Erfolge blieben nicht aus. Immer mehr Regisseure wollten Gernot Roll als Kameramann für ihre Filme gewinnen. Neben vielen anderen gehörten dazu Fritz Lehner, Franz Peter Wirth, Dieter Dorn, Nico Hofmann, Jo Baier, Vivian Naefe und Heinrich Breloer (mit dem er zuletzt „Brecht“ drehte).

Roll entdeckte aber nach so vielen ernsthaften Arbeiten auch seinen Hang zur Klamotte. Mit Tom Gerhardt drehte er als Co-Regisseur und Kameramann „Ballermann 6“. Und Kinofilme wie „Werner – Eiskalt!“, „Die „Superbullen“ (Kamera, Regie) oder „Kleine Haie“ (Kamera) erfreuten ein Massenpublikum. Diese Filme waren alle an der Kinokasse sehr erfolgreich. Gernot Rolls wahres Vermächtnis aber bleiben seine zeitgenössischen Filme über die dunklen Stunden unserer Geschichte, Filme mit denen er die Heimat ins Bild gebracht hat. Am 12. November ist Gernot Roll, der in Dresden geboren wurde, im Alter von 81 Jahren in München gestorben.

04.12.2020/MK

* * * * * * * * *

- Z I T I E R T -

Erzählen mit der Kamera

«Das Ergebnis ist ja eine Einheit, die durch Teamarbeit entsteht, aber dann letztlich doch dadurch, dass so ein innerer Geist alle verbindet. Und das ist für mich immer etwas sehr Entscheidendes gewesen in der Zusammenarbeit mit Gernot Roll, weil er ein massives Erzählinteresse hat, er erzählt mit der Kamera.»
Edgar Reitz

Magische Räume

«Wenn man das auf dem Farbmonitor sah, gestochen scharf, ruft er dann rüber: „Noch weiter!“ Wir konnten noch weiter runtergehen und haben dann wirklich noch riskantere Bilder gedreht, interessante Bilder, weil Gernot natürlich mit seinen Lichtstraßen, die er in die Räume legt, auch Räume schafft, magische Räume, die von der Wirklichkeit weggehen und in denen sich die Menschen wie in einer anderen Welt bewegen, und mir sehr hilft, den Set und die Menschen zu verzaubern.»
Heinrich Breloer

Die Zitate der beiden Regisseure wie auch das Foto zu dem Nachruftext stammen aus dem sehr schönen Dokumentarfilm Gernot Roll – Der König der Neugierde, den das Dritte Programm BR Fernsehen anlässlich des Todes von Gernot Roll am 18. November in Erstausstrahlung zeigte (0.30 bis 1.30 Uhr). Der Film wurde gedreht von Michael Praun (Rolls ehemaligen Assistenten), Sascha Mieke und Harald Hauschildt.

04.12.2020/MK

Gernot Roll (1939-2020)

Foto: Screenshot


` `