Die endlos tote Nacht

Nations League im Geisterhaus: Fußball und Fernsehen in Zeiten von Corona

Von Torsten Körner
29.10.2020 •

MK

„In einer Minute fängt Fußball an. Trotzdem will ich reden.“
Hans-Christian Ströbele
(am 23. November 2004 im Deutschen Bundestag)

Die Gedächtnisverweildauer des Fußballs im Gedächtnis der Gedächtnisinhaber nimmt dramatisch ab. Weder das Kurz- noch das Langzeitgedächtnis erklären sich zuständig. Die Inflationierung von Fußballspielen zur systematischen Profitmaximierung hat innerhalb weniger Jahrzehnte die evolutionären Prägeprozesse dramatisch verkürzt. Wo früher viele, viele Millennien nötig waren, um den Menschen zu formen, reichen heute wenige Dekaden, um den homo medialis einschneidend zu verändern.

Der Tag, an dem dieser Text sich auf einem Bildschirm manifestiert, ist ein Samstag, ein Bundesliga-Spieltag; im Vorfeld der kommenden Bundesliga-Begegnungen auf den vergangenen Spieltag der UEFA Nations League (13./14. Oktober) zurückzublicken, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, denn die letzten Spiele der Nationalmannschaft – waren es drei, vier oder gar fünf, von denen im Fernsehen berichtet wurde? – sind schon weg und ausgewischt, nur noch Fragmente blieben erhalten. Über den sportpolitischen Unfug dieses Wettbewerbs ist viel geschrieben worden, dem soll hier keine weitere Facette hinzugefügt werden; erkundet werden soll aber im Rückblick, was bleibt.

Das Über-das-Spiel-Sprechen ist in der Krise

Bleibt was? Was waren das für Abende vor dem Fernseher? Erste Ausbeute der Archäologie des Alltags: Obwohl alle drei, vier oder fünf Spiele geschaut wurden, sind nur noch Reste des letzten Spiels auffindbar, Deutschland gegen die Schweiz (3:3) am 13. Oktober, live übertragen im Ersten Programm der ARD im Rahmen eines Nations-League-Abends von Viertel nach acht bis Mitternacht. Früher hätten solche Begegnungen „Freundschaftsspiele“ geheißen. Spielort war Köln, aber es hätte jedes andere Stadion sein können, denn das Stadion war leer wie ein Geisterhaus. Nur wenige Journalisten standen herum, einige Kameras, und auf dem Rasen kämpften 44 Beine gegen das Vergessen und Verlieren. Corona-Zeit.

Beginnen wir mit dem Beginnen. Es wurde gesungen. Natürlich! Länderspiel! Das meint, Nationen schlagen sich friedvoll aufs Haupt – aber erst wird gesungen. Alle deutschen Spieler haben mitgesungen. Toll! Das darf als Triumph der Boulevardpresse und einiger konservativer Politiker eingeschätzt werden, die die deutsche Seele und Nation aus deutschen Kehlen aufsteigen sehen wollen. Das nationale Lippenbekenntnis! Dazu passte, dass sie in Köln eine ganze Tribüne in Schwarz-Rot-Gold getaucht hatten, so dass erst gar kein Zweifel aufkam, wo man war: DEUTSCHLAND! Doch die visuelle und akustische Hypertrophie des Nationalen konnte weder die abwesenden Zuschauer noch die Fußballmüdigkeit oder die sportliche Belanglosigkeit dieses Spiels verdecken.

Man fühlte sich in diesem Spiel nicht zu zuhause, weil keine Tüte Chips dieser Welt und auch kein Bier darüber hinwegtäuschen können, dass die Corona-Spiele aus Zeit und Raum gefallen sind und damit ihren Identitätskern verloren haben. Fußball ist dann herrlich, wenn er in der eigenen Biografie einen Platz erringt, wenn er das magische Gefühl erzeugt, auf dich und mich käme es an auf dem Sofa und im Stadion, auf unsere imaginäre Spielbeteiligung, diese noch unerforschte Alchemie zwischen Spielern und Zuschauern, die zusammen eine Aktionsgemeinschaft bilden, die durch ganz verschiedene Parameter gebildet wird (Kalender, Körper, Wetter, Atmosphäre, Licht, Temperatur, Tabelle, Tagesform, Heimatstempel, Kollektiv- und Individualgefühl usw.) und die unser Bein zucken lässt, wenn einer eine Ecke oder einen Elfmeter schießt.

Zeichen und Zeichenbilder, Worte und Werbebotschaften

Dieses dialogisch verfasste Aktionsbündnis ist tot, Corona hat nicht nur die Stadien geleert, sondern den Artisten in der Zirkuskuppel kurzfristig suggeriert, es ginge auch ohne uns, sofern das Gehalt noch auf die Konten einläuft. Doch so schön die deutschen Tore an diesem Abend waren (Werner, Gnabry, Havertz) und so slapstickmäßig die Tore der Schweizer, so flüchtig bleiben sie, so ganz ohne Gravitation und Erinnerungsverwurzelung. Stattdessen schob sich das resonanzlose Stadion in den Vordergrund und die journalistische Begleitung. Der ARD-Experte Bastian Schweinsteiger sah kaum noch wie ein Fußballer aus, sondern erinnerte habituell an Gottfried von Cramm, jenen deutschen Tennisstar der 1930er Jahre, der dem Tennisspiel eine Ästhetik unbezwingbarer Schönheit verlieh. Dem schönen Bild entsprachen kaum die Sätze, die aus Schweinsteigers Mund fielen, eher Narrengold als Gold: „Jogi Löw scheut sich auch nicht, manchmal mit den Spielern zu sprechen.“ Wer hätte das gedacht? Auch ARD-Moderatorin Jessy Wellmer hatte dem wenig hinzuzufügen. Geschweige denn Tom Bartels, der das Spiel kommentierte.

Dieses Über-das-Spiel-Sprechen ist unverkennbar in einer Krise. Erstens: Es ist immer schon alles gesagt. Zweitens: Dennoch werden immer neue Floskeln aufgefahren. Drittens: Wenn man glaubt, ein Tiefpunkt sei erreicht, geht’s noch tiefer. Viertens: Wenn alles gesagt ist, ist längst noch nicht alles gesagt. Fünftens: Kritik gibt’s in Kabinen, nicht in Kameras. Sechstens: Das Produkt Fußball darf von den Stakeholdern (Medien, Werbetreibende, Sportler, Trainer, Journalisten) nicht beschädigt werden. Siebtens: Der Fan ist stimmlos. Achtens: Irgendwann kommt Bommes.

Das alles war an diesem Nations-League-Abend so sichtbar, weil das Spiel zwischen Deutschen und Schweizern quasi unsichtbar blieb unter den Zeichen und Zeichenbildern, unter den Worten und Werbebotschaften, unter den Symbolen und Schriftzügen, die das Spiel in die Defensive drängten. Bastian von Cramm und Jessy von Wohlgefühl schufen Behaglichkeit, eine per Einspielung vorgebrachte Kimmich-Apotheose („Bei dem es in jeder Lebenslage um alles geht“) veredelte Joshua Kimmich zum höchsten Repräsentanten der unstillbaren Gier-Mentalität und dann tauchte auch noch unzählige Male die unvermeidliche Vergleichsportalwerbefamilie auf, deren Mitglieder, deutschlandfarben und chipsgestopft, wie Mastgänse der eigenen Enthauptung frohgemut entgegenblickten. Diese Sofasitzer sind die Alles-Abnicker und Mitmacher, die selbst diesen desaströsen öffentlich-rechtlichen Fußballabend überleben werden und beim nächsten Mal noch ein bisschen adipöser und gedankenfauler den Bildschirm fluten.

Ohne Zuschauer im Stadion implodiert das kunstvolle Arrangement

Jessy von Wohlgefühl interviewt den Bundestrainer und ihre Fragen sind einfühlsamer Begleitschutz und Kritik-Prophylaxe für den Jogi. Jessy, aber das ist sie nicht allein, das ist ihr kaum vorzuwerfen, hat keine Jessy-Haltung, sie hat keine Frage, sondern sie arbeitet pflichtschuldig ab, was man redaktionell für Analyse hält oder Kritik oder journalistisches Ethos. Ihre Fragen schmecken wie Chips und Bastian von Cramm spricht mit ihr und doch auch nicht, denn selten sprachen zwei Experten so aneinander vorbei. Jeder performte die eigene Performanz, die eigene Existenz, aber zusammengefunden haben sie nicht, weder als Pat & Patachon, als Journalistin und Experte oder als Netzer und Delling. Es ist ein Kumpel- und Wellnessstil, der sich aber wegen der vorgeschriebenen Corona-Distanzen kalt und aufgesetzt anfühlte.

Den ganzen endlos gestreckten Abend hinweg weiß man kaum, wann das Spiel begonnen und aufgehört hat, denn nicht nur übertönt unentwegtes Gerede die Bilder, sondern die Fußballbilder fliegen den ganzen Abend hin und her, ob das die Vorberichte und Porträts sind, die Wiederholungen in der Halbzeit oder nach dem Schlusspfiff, die anschließenden Spielzusammenfassungen anderer Spiele der Nations-League oder der angepappte „Sportschau-Club“, in dem die zu Tode gesprochenen Wörter und Phrasen noch ein weiteres Mal durch die Mündermühlen gemahlen werden, so dass aus Alexander-Bommes-, Sandro-Wagner- und Arnd-Zeigler-Mündern nur noch sinnentleerter Staub rieselt, so feinkörnig, dass er sofort von der Bildfläche verschwindet.

Diese Fußballwelt erinnert an die Sage vom Fliegenden Holländer: So wie einst der verfluchte Kapitän ruhelos über alle Weltmeere segeln musste, müssen die Spieler, auf ewig an die Kameras gefesselt, ihre Kunst ausüben, damit sie ihre Kunst ausüben können, damit der Betrieb läuft, und je länger er läuft, desto schauriger und schrecklicher wird das Schauspiel, weil niemand mehr wirklich hinschaut, weil die Hinschauer sich selbst wie gestorben fühlen, wenn sie hinschauen, weil die Hinschauer spüren, dass da etwas Totes behauptet, quicklebendig zu sein, währenddessen sich die Spieler in Automaten des Entertainments verwandeln, gehetzt von den Furien des Wettbewerbs und der Wettbewerbshüter.

Eine Spielart des Trumpismus

Einer dieser Oberhüter des Wettbewerbs ist UEFA-Chef Aleksander Čeferin, ein eisiger Monarch, der wie sein Bruder im Geiste, FIFA-Boss Gianni Infantino, autokratisch und aalglatt regiert. Welches Politikverständnis Čeferin prägt, zeigte das Interview mit ihm, das irgendwann im Lauf dieses Abends gesendet wurde. Auf die Frage, ob Fußball ohne Fans in Zukunft für ihn vorstellbar sei, antwortete er unter anderem: „Auch die Politiker in Europa müssen optimistischer sein. Ein richtiger Anführer muss optimistisch zu den Leuten sprechen. Danach darf er oder sie sich in einen Raum zurückziehen und den ganzen Tag weinen. Aber nach außen muss man optimistisch auftreten und den Leuten sagen, dass es besser wird, denn es wird besser werden.“ Das ist eine Spielart des Trumpismus, der lehrt, dass aus hartem Holz geschnitzte Zuversichtsdarsteller (Männer) den Laden am Laufen halten, während Heulsusen (meist Frauen) den Fans ihre schönste Nebensache der Welt verbieten wollen. Nein, da erwartete man schon gar keinen Widerspruch des Journalisten, weil man sich an diesem Abend der Verdammten jeden Hoffnungsschimmer vorsorglich untersagt hatte.

Aleksander Čeferin ist ein Anhänger der Stabilisierungsthese, die da sagt, Fußball stabilisiert die Welt, ohne Fußball – die größte Friedensmacht – wird alles noch schlimmer und ohne Fußball – das mächtigste Narkotikum der Welt – kollabiert der Bildschirmkapitalismus. Aber an diesem Abend war zu beobachten, dass dieses Bild- und Sportsystem, dass der Fußball als Produkt bei lebendigem Leib verfault; die Zuschauer, die fehlten, waren – bevor sie fehlen mussten – die Statthalter des gerade noch halbwegs Realen im Stadion; sie vertraten die Sofahocker, sie waren das Bindeglied zwischen Authentizität und Imagination, zwischen Rasenspiel und Bildschirmerlebnis. Ohne sie implodiert dieses kunstvolle Arrangement, die Spieler gehen unter in einer Zeichenwelt (dem Stadion), indem die Zeichen das Kommando übernehmen … der Zuschauer auf dem Sofa weiß gar nicht mehr, ob er dem Spiel folgen soll oder den Zeichen auf den Werbebanden, den Zeichen auf den Zuschauerrängen, den Symbolen auf den Trikots, den Appellen und Imperativen, die unentwegt auf einen einprasseln: #MeineStimmeGegenHass, okay, Commerzbank, okay, Credit Suisse, Die Mannschaft, okay, Deutsche Post, Engelbert Strauss (ist das ein Spieler?), Volkswagen we drive football, Garagentore, werde einer von uns! (Von wem? Was soll ich werden?), fast is too slow, Adidas … so geht es hin und hin und hin.

Die Illusion greift nicht mehr

Währenddessen verwandeln sich auch die Spieler in Zeichen, Toni Kroos trug beim Spiel gegen die Schweiz ein Trikot mit der goldenen 100 (sein 100. Länderspiel), Kimmich trug eines mit der 50 (raten Sie mal!). Der Fußballer wird zum Zeichenlieferanten, sein Spiel selbst ist Zeichen und frisst das Bezeichnete: das Spiel. Das Spiel darf nicht mehr das Spiel sein, sondern es wird sofort in Zeichen verwandelt und in mediale und politische Zeichensysteme eingespeist. Die Journalisten, auch sie Anteilseigner des Spiels, versuchen sich in die Fußballfamilie hineinzuintimisieren, sich in die Familie zu schmuggeln, denn nur Mitglieder der Fußballfamilie haben die Lizenz, authentische Fußballzeichen in Umlauf zu bringen. „Brauchst du noch das Sauerstoffzelt oder kommst du ohne aus, Basti?“ fragt Jessy und ebenso fragenlos fragend: „Das war eigentlich Werbung für die Nationalmannschaft?!“

An der endlosen Dehnung und Überdehnung fraglos schöner Momente (die erwähnten Tore von Werner, Gnabry und Havertz) wurde deutlich, dass die Kultur des Instantismus, die sofortige Bedürfnisbefriedigung, die uns kostbare Momente für den Eigenbedarf verspricht, in sich zusammenfällt. Die Illusion, auf der diese Kultur des Instantismus fußte – wir erleben Momente, die wir individualisieren und nach Hause tragen können, die uns als Explosionen des Eigentlichen und der Selbstverwirklichung entschädigen sollen für all die Ich-Askese und Selbst­entsagung im neoliberal optimierten Alltag –, diese Illusion greift nicht mehr. Der Verbraucher ist sich längst bewusst, dass er verbraucht wird, dass er selbst Ware wird, aber jetzt fühlt er sich wie eine Ware, die gar nicht mehr existiert, denn der Fußball ist sich als Ware selbst genug, der Warenfetischismus ist einseitig gekündigt worden und zwar nicht von den Zuschauern, sondern von den Fußballern, den Warenherstellern; der Fußballer wird weder gebraucht als Konsument noch als Ware, er ist nur noch ein Bildrest, ein chipsbasiertes Nationalgefühl.

Und dann sitzen wir auf dem Sofa und fragen uns, wer wir sind: Sind wir mürbe Chips, sind wir schwarz-rot-gold lackierte Kartoffeln, sind auch wir Stakeholder der Nationalmannschaft, sind wir Abfall oder wundgescheuerte Planken auf dem Schiff des untoten Holländers? Und während wir uns das noch fragen und hoffen, dass diese endlos tote Nacht irgendwann doch ein Ende nimmt, dann beginnt der „Sportschau-Club“, dieser Leichenschmaus des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, diese Kapitulationserklärung des Journalismus, wo Alexander Bommes und Sandro Wagner nochmal und nochmal die Anwälte der Affirmation geben und sich selbst in den Schlaf reden, bis man aufgibt und abschaltet.

29.10.2020/MK

ARD-Übertragung am 13. Oktober 2020 aus Köln: Leeres Stadion beim Nations-League-Spiel Deutschland gegen Schweiz (3:3)

Fußball ohne Fans im Stadion: Stattdessen werden Tribünenränge in Schwarz-Rot-Gold getaucht und mit einem Siegeswunsch versehen

Fotos: Screenshots


Print-Ausgabe 24/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `