Die Angst wächst

Anmerkungen zur Debatte um den Dokumentarfilm „Lovemobil“

Von Sabine Rollberg
25.03.2021 •

Am 22. März machte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) durch einen Bericht im „Kulturjournal“ im Dritten Programm NDR Fernsehen bekannt, dass im Dokumentarfilm „Lovemobil“ Szenen nachgestellt worden seien, ohne dass dies von der Autorin und Regisseurin von Elke Lehrenkrauss angegeben worden sei. Dies hätten Recherchen der Redaktion des NDR-Internetformats „STRG_F“ ergeben. Am 23. März wurde der entsprechende Beitrag von „STRG_F“ ins Netz gestellt. Lehrenkrauss gab darin zu, dass es in ihrem Film – der von Prostituierten handelt, die am Rande von Bundesstraßen in Niedersachsen in Wohnmobilen arbeiten – Reenactment-Szenen gibt (so werden etwa zwei Prostituierte von Darstellerinnen gespielt). Zudem verschickte der NDR eine Pressemitteilung, in der er sich explizit von dem Film distanziert, an dem er als Koproduzent beteiligt war. Die Causa „Lovemobil“ entfachte eine Debatte über das Genre Dokumentarfilm und seine Methoden, über Transparenz und Verantwortlichkeit, wobei, so hatte es den Anschein, mit der Filmautorin, die etwas verschwiegen hatte, in diesem Fall schnell die Schuldige ausgemacht worden war, nicht zuletzt durch die mediale Steuerung des NDR. Den Deutschen Dokumentarfilmpreis, den Elke Lehrenkrauss beim „SWR Doku-Festival“ für ihren Film erhalten hatte, hat sie inzwischen zurückgegeben. Sie sagte, sie bereue schwerwiegende Fehler und entschuldige sich. Im folgenden Text denkt Sabine Rollberg über den Fall „Lovemobil“ und seine Auswirkungen nach. Rollberg arbeitete bis zu ihrer Pensionierung Anfang 2018 für den WDR und für Arte als Journalistin und Redakteurin für Dokumentarfilme; von 2008 bis 2019 war sie Professorin für Künstlerische Fernsehformate an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Von dort kennt sie Elke Lehrenkrauss, die an der KHM studiert und bei Rollberg ihren Diplom-Film erstellt hat. Der Film „Lovemobil“ hat eine Länge von 105 Minuten und wurde am 8. Dezember 2020 (Nacht von Dienstag auf Mittwoch) um 0.30 Uhr im Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlt; den Film sahen bundesweit 79.000 Zuschauer (Marktanteil: 1,4 Prozent). Der Sender hat den Film inzwischen aus seiner Mediathek entfernt und ihn bis auf Weiteres für eine Ausstrahlung gesperrt. • MK

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Die Angst wächst

Anmerkungen zur Debatte um den Dokumentarfilm „Lovemobil“

Von Sabine Rollberg

Eigentlich müsste ich mich darüber freuen, dass eine solch leidenschaftliche Debatte zum Thema Dokumentarfilm hochkocht und so viele Meinungen dazu verbreitet werden. Dokumentarfilmer haben sonst meist den Eindruck, ein Schattendasein zu führen, ihre Sendeplätze sind um Mitternacht und ihre Gage ist deutlich niedriger als die von Spielfilmregisseuren.

Seit dem Skandal um „Lovemobil“ schwirren die Begriffe „Doku“, „Dokumentation“, „künstlerischer Dokumentarfilm“, „journalistischer Dokumentarfilm“ wild durch die Medienlandschaft. Was darf der Dokumentarfilm und was darf er nicht? Vor allem: Was darf die Regie? Auf die Regisseurin von „Lovemobil“ ist weidlich eingedroschen worden, Betrug und Fälschung werden ihr vorgeworfen, auch, dem Dokumentarfilm zu schaden. Mir liegt der Dokumentarfilm sehr am Herzen, die Filmemacherin hat Fehler gemacht, für die sie sich entschuldigt hat. Meine Sorge ist, dass nicht die Filmemacherin, sondern die nun losgetretene Debatte der Entwicklung des Dokumentarfilms schadet, weil sie rückwärtsgerichtet ist. Es geht um Schuld, Kontrolle und Angst.

1. Schuld

Das Zulassen einer Fehlerkultur gehört zu den Indikatoren für zukunftsfähige Unternehmen. Ich habe 40 Jahre den WDR erlebt. Das, was sich jetzt im NDR in der Aufklärung von „Lovemobil“ abspielt, hätte genauso im WDR passieren können. Es wird mit inquisitorischen Mitteln nach dem Schuldigen gesucht, jeder im Sender ist nachzuweisen bemüht, selbst keinen Fehler gemacht zu haben. Oberstes Ziel dabei ist es, die Schuld nach außen abzuschieben, an das schwächste Glied, die freie Autorin und Regisseurin, die sich nicht wehren kann, weil sie finanziell zu 100 Prozent abhängig ist.

An sie wurden vom Sender über 100 Fragen zu jedem Detail geschickt, die sie in einer knappen Frist beantworten muss. Hinter ihrem Rücken werden ihre Protagonisten ausfindig gemacht und auf Inszenierungen im Film ausgehorcht. Festivals, die den Film ausgezeichnet haben, werden angefragt, ob sie den Preis zurückverlangen. In seinem Internet-Angebot verurteilt der NDR die freie Filmemacherin wegen Täuschung und Fälschung und behält sich juristische Schritte vor. Zur Lösung des Problems kündigt er mehr Kontrolle an. Dabei hätte der Sender, hätten die Redakteure während der Entstehung des Films genügend Zeit und auch die Pflicht zum Gespräch mit der Autorin über die Machart gehabt. Das setzt gegenseitiges Vertrauen voraus.

2. Kontrolle

In den Anfangsjahren galten als Dokumentarfilme reine Beobachtungen mit der Kamera. Direct Cinema, die US-Version des Cinema Verité, verurteilte jede Einflussnahme eines Regisseurs auf das Geschehen, während im französischen Dokumentarfilm Ereignisse auch provoziert werden konnten. Die Frage, wie viel Inszenierung ein Dokumentarfilm verträgt, ist so alt wie das Genre selbst.

Unbestritten ist, dass ein Regisseur seine filmischen Mittel transparent machen muss. Der Dokumentarfilm hat sich in den letzten Jahren künstlerisch weg vom reinen Beobachten entfernt. Damit ist er auch populär geworden, zahlreiche Festivals für Dokumentarfilme wurden gegründet, das Publikum schätzte zunehmend die erzählte Wirklichkeit in tollen Bildern, eine spannende Dramaturgie, es sprach sich herum, dass es auch einen Oscar für Dokumentarfilm gibt.

Zur Finanzierung braucht man immer noch das Fernsehen, sehr selten gibt es Filmförderung ohne Beteiligung eines Senders. Im heutigen Fernsehen fristet der Dokumentarfilm ein Schattendasein, wohlgemerkt, ich spreche nicht von der kürzeren Dokumentation, sondern vom langen Dokumentarfilm. Die ARD hat in ihrem Ersten Programm gerade einmal acht Sendeplätze für Dokumentarfilm, nämlich dann, wenn die in der Woche ausgestrahlten Talkshows im Sommer Pause machen. Selbst Arte hat nur zwölf Sendeplätze dafür im Jahr. Dann gibt es noch ein paar wenige Dritte Programme mit Slots für den langen Dokumentarfilm, der meist auch davor im Kino läuft.

Als Filmemacher den Zuschlag für einen dieser Programmplätze zu bekommen, ist wie ein Sechser im Lotto. Dafür muss man vorher eine Menge Text abliefern: ein Exposé oder ein Treatment, in dem der Filmemacher sehr genau auf rund 20 Seiten beschreibt, was in dem Film zu sehen sein wird und wie er es umsetzt. Es müssen also Antworten aufgezeigt werden für die Fragen: Welche Kamerasprache gibt es? Wer erzählt die Geschichte? Wie ist die Dramaturgie, der Handlungsverlauf? Was ist der Spannungsbogen und wie endet die Geschichte? Für die dafür nötige Recherche geht der Filmemacher in Vorleistung und es ist sein Risiko, falls das Projekt nirgends angenommen wird. Ein Filmemacher rechnet damit, dass zirka 15 Exposés geschrieben werden müssen, bis eines akzeptiert wird.

Bei Arte zum Beispiel entscheidet eine Programmkonferenz darüber, ob ein Film realisiert wird. Wenn sich im Lauf des Drehs eines Dokumentarfilms zum Beispiel Protagonisten oder Schauplätze ändern, muss das langwierige Genehmigungsverfahren von vorne eröffnet werden. Immer wieder wartet ein Filmemacher mehr als ein Jahr, bis sein Projekt genehmigt ist. Arte hat auch in seinem Pflichtenheft stehen, dass eine Änderung im Film gegenüber dem Exposé ein Grund zur Ablehnung des Films sein kann. Das heißt im Fall der Zurückweisung auch: Der Filmemacher bekommt das letzte Drittel seines Honorars nicht bezahlt. Der finanzielle Anteil des Fernsehens bei einem Dokumentarfilm ist oft nur gering, den Löwenanteil übernimmt die Filmförderung oder er wird durch einen Eigenanteil besorgt. Bei „Lovemobil“ war der NDR mit weniger als einem Zehntel des Budgets beteiligt.

Die Sender verlangen im Dokumentationsbereich fast so wie bei einem Spielfilm eine detaillierte Drehplanung im Voraus. Sie wollen die Geschichte vorher lesen, sie wollen sicher sein, was sie als Endprodukt bekommen. Dies widerspricht dem Spirit des klassischen, beobachtenden Dokumentarfilms, der „die Magie des Augenblicks“ einfangen will, wie es der renommierte Filmemacher Thomas Schadt vor zwanzig Jahren formuliert hat. Die Sender beanspruchen für sich die völlige Kontrolle, sie wollen ein Produkt, wie sie es bestellt haben. In einem klassischen beobachtenden Dokumentarfilm weiß aber niemand, wie die Geschichte ausgeht.

Ich will Elke Lehrenkrauss damit nicht von der Verpflichtung zur Transparenz ihrer Mittel entbinden, ich will aber den Druck schildern, unter dem jede Filmemacherin, jeder Filmemacher steht, nämlich das mit der Kamera einzufangen, was sie einmal recherchiert haben – aber die Welt dreht sich weiter. Bei Elke Lehrenkrauss war es so, dass eine Protagonistin schwanger wurde und ein Mord im Wald passierte. Damals war Elke Lehrenkrauss schon zwei Jahre mit der Kamera bei den Wohnwagen.

Und sie hat mit ihren Bildern, die ja in der „Süddeutschen Zeitung“ bei der Besprechung des Films hochgelobt wurden, ganz klar verdeutlicht, dass diese Bilder inszeniert sind, durch Licht, durch die Auflösung der Szene. Das war – und das hätte der Redaktion klar sein müssen – keine beobachtende Kamera, das war für die Kamera. Eine cineastisch umgesetzte Wirklichkeit. Diese Nähe, diesen Hochglanz wünschen sich Redaktionen, das geflügelte Wort eines Arte-Redakteurs lautet: „Die Zeit des Jagens und Sammelns von Bildern ist vorbei, Dokumentarfilme entstehen heute nicht mehr erst am Schneidetisch, sie müssen vorher konzipiert sein.“

Daniel Sponsel, der Leiter des Münchner Dokumentarfilmfests, kommentierte die Diskussion um „Lovemobil“ mit einer Analogie zum Radsport: „Das kommt mir ein wenig vor wie die Geschichte von Jan Ullrich – gedopt sind immer nur die Athleten; das System, in dem alle davon profitieren, weiß natürlich gar nichts davon und zeigt sich dann öffentlich entsetzt.“

„Lovemobil“ war ein Debütfilm, das heißt der erste Film nach dem Diplom der Filmschule. Dies verpflichtet eine Redaktion, die den Film angenommen hat, umso mehr, das Projekt fürsorglich zu begleiten. Die Redaktion hat das Fernsehpublikum im Blick, insofern sehe ich es auch als ihre Aufgabe, eine Filmemacherin auf notwendige Hinweistafeln aufmerksam zu machen, die einzublenden wären, und die Regisseurin vor möglichen Fehlern zu bewahren. Dies zu unterlassen, empfinde ich als eine Vernachlässigung der Fürsorgepflicht, gegenüber der Autorin, aber auch gegenüber dem Sender. Als abnehmender Redakteur ist man verantwortlich für den Film – dazu sind Redakteure im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verpflichtet.

3. Angst

Jeder Dokumentarfilm ist für einen Filmemacher ein großes Risiko. Er hat die Geschichte aus dem Leben meist nicht in der Hand, die sich vor ihm abspielt und die er erzählen möchte. Er investiert viel Lebenszeit, Energie und Kraft. Dokumentarfilm braucht gegenseitiges Vertrauen. Der Dokumentarfilm ist auch immer ein Suchen um die richtige Form des Erzählens, des Einfangens der Wirklichkeit.

In diesem in den Medien ausgetragenen Konflikt um die Wahrheit in Sachen „Lovemobil“ sind sich investigative Journalisten mit einer sich der Kunst verbundenen Filmemacherin ins Gehege gekommen und sie haben sich nicht verstanden. Der NDR hatte sofort die Medienhoheit und die Macht, die Tonart zu setzen. Das ist Goliath gegen David. Das erinnert mich an die Jagd auf Katharina Blum im Roman von Heinrich Böll. Der NDR bezieht sich in seinen Statements rein auf den journalistischen Film, ganz so, als gäbe es in Zukunft den künstlerischen Film nicht mehr – und das in einem Hause mit einer großen Tradition für das Genre, um nur Egon Monk, Eberhard Fechner, Klaus Wildenhahn und Horst Königstein zu nennen.

Es geht mir darum, die Angst vor dem Risiko, die Angst vor Fehlern abzubauen. Nur so, mit dem gegenseitigen Vertrauen zwischen Redaktion und Filmemacher, kann Kreativität entstehen. Vertrauen ist das Gegenteil von Kontrolle. So wie die Diskussion jetzt gerade geführt wird, wächst die Angst. Die Härte, mit der im Fall „Lovemobil“ eine junge, angehende Filmemacherin von festangestellten NDR-Redakteuren und -Hierarchen in der Öffentlichkeit beschuldigt und verunglimpft wird, schießt meines Erachtens weit über das Ziel hinaus und lässt Anstand und Maß vermissen. Der NDR opfert eine junge Filmemacherin, indem er die alleinige Schuld auf sie schiebt, was man unkollegial, ja, unmenschlich nennen kann. Es gibt viele andere Wege, solche Konflikte zu lösen. Der hier eingeschlagene Weg schürt die Angst.

25.03.2021/MK

Print-Ausgabe 19-20/2021

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