Die Affäre Joko & Klaas

Fake-Fernsehen oder: Glauben, was man glauben will, und ein Stück enttäuschte Liebe

Von Dietrich Leder
06.03.2020 •

Nehmen wir mal an, Sie sähen eine Unterhaltungssendung, in denen Prominenten Streiche gespielt würden. Es wäre also eine Art von „Verstehen Sie Spaß?“, nur deutlich härter in der Spaßgestaltung, die Elemente von „TV total“ mit Stefan Raab (Pro Sieben) und von „Jackass“ mit Johnny Knoxville (MTV) miteinander verbindet. Würden Sie dann etwa der Episode glauben, in der ein bekannter Schauspieler – Edin Hasanovic – zur Fahrt mit einem Heißluftballon eingeladen wird, bei der sich, wenn der Ballon eine gewisse Höhe erreicht hat, alle anderen Anwesenden per Fallschirmsprung verabschieden und den armen Prominenten mit den festinstallierten Kameras in dem ihm vollkommen unbekannten Fluggerät allein zu lassen? Selbstverständlich nicht, denn alle größeren Flugapparate müssen ihre Aktivitäten bei entsprechenden Behörden anmelden und dürfen nur von sachkundigen Piloten gelenkt werden. Von der Gefahr, in die man den Prominenten gebracht hätte, ganz zu schweigen.

Ein anderes Beispiel: Eine Moderatorin – Sophia Thomalla – wird angeblich ohne ihr Wissen aus einem Helikopter herausgestoßen, mit dem sie ein Bungee-Seil verbindet. Erst in der Luft darf sie eine Verdunklungsbrille abnehmen, die zuvor verhinderte, dass sie sah, wo sie sich befand, und sie geahnt hätte, was man mit ihr vorhatte. Kann man das glauben? Selbstverständlich nicht. Denn ohne Einwilligung der den „Spaß“ Mitmachenden ist das ein Anschlag auf die Gesundheit der betreffenden Person, der strafrechtlich ebenso relevant ist wie das Lenken eines Flugapparats ohne dazu notwendige Genehmigung.

Spielen, wie erschreckt man ist

Beide Episoden stammen aus der bei Pro Sieben laufenden Remmidemmi-Sendung „Das Duell um die Welt“ von und mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Was dort zu sehen war, wurde als echt und authentisch dargestellt, was dazu führte, dass Edin Hasanovic und Sophia Thomalla ob der sie angeblich überraschenden Streiche spielen mussten, wie fürchterlich erschreckt sie doch waren, was ihnen mehr oder weniger überzeugend gelang.

Nun hat das Magazin „STRG_F“, das der NDR (Redaktion „Panorama“) für das gemeinsam von ARD und ZDF veranstaltete Online-Jugendangebot Funk produziert, in einem am 3. März veröffentlichten Beitrag nachgewiesen, dass die beiden Aktionen also tatsächlich gestellt waren. Während Thomalla stets wusste, was sie erwartete, stand Hasanovic im Ballon versteckt ein erfahrener Ballon-Pilot zur Seite, von dem auch kurz einmal eine Hand im Bild zu sehen war.

Damit nicht genug: Die „STRG_F“-Reporter Han-Ul Park und Gunnar Krupp enttarnten auch Einspielfilme, die für die ebenfalls bei Pro Sieben zu sehende Show „Late Night Berlin“, die Klaas Heufer-Umlauf alleine moderiert, entstanden waren. Da wird ein junger Mann bei seiner ersten Verabredung mit einer jungen Frau in inszenierte Situationen verwickelt, die ihn als Held erscheinen lassen. Hier war die Inszenierung zwar Teil des Spiels, die Behauptung allerdings, die junge Frau wisse davon nichts, erwies sich als Lüge.

Gewichtiger ein anderer Fall: Hier hatte Heufer-Umlauf erklärt, man wolle potenziellen Fahrraddieben eine Falle stellen und sie auf frischer Tat ertappen. Dazu wurde in Berlin ein teures und auffälliges Rad nur unzureichend gesichert abgestellt. In der Nähe stand ein Wagen, aus dem der Moderator und sein Team den potenziellen Tatort beobachteten. Als dann ein junger Mann nahte, der das Schloss des Fahrrads knackte, sprang nicht nur der Moderator aus seinem Wagen, sondern es erschien gleich eine ganze Truppe aus Tänzern und Musikern, die den Dieb umringten und ihm musikalisch ins Gewissen sangen. Auch das war, bewiesen die Funk-Leute, von Anfang an gestellt.

Größere Fallhöhe durch Grimme‑Preis

Den 30-minütigen Beitrag „Joko und Klaas: So faken sie ihre Videos“ stellte der NDR an genau dem Tag ins Netz, als bekanntgegeben wurde, dass die beiden im Titel genannten Pro-Sieben-Entertainer einen Grimme-Preis bekommen werden. Sie werden am 27. März bei der Preisverleihung in Marl dafür ausgezeichnet, dass sie die 15 Sendeminuten, die ihnen ihr Sender Pro Sieben nach einem Sieg in einem Show-Wettbewerb zur freien Verfügung überließ, Menschen schenkten, "die mehr zu sagen haben als wir“. „Joko & Klaas Live –15 Minuten“ hieß die Sendung. Zu den Menschen, die dort sprachen, gehörten die Kapitänin eines Seenotrettungsschiffs aus dem Mittelmeer, ein Mitglied einer Obdachlosenhilfe und eine Kämpferin gegen Neo-Nazis in Mecklenburg-Vorpommern. Sie berichteten in konzentrierten Äußerungen von ihren Erfahrungen – ernste Momente in einem Umfeld, das sonst eher auf Action gestimmt ist oder auf jenen Remmidemmi, den Joko und Klaas veranstalten.

Dass Funk die Recherche von „STRG_F genau am Tag der Bekanntgabe der Grimme-Preisträger veröffentlichte, war kein Zufall. Nach der Nominierung der beiden Pro-Sieben-Moderatoren für den Preis werden sie bei Funk nahezu herbeigesehnt haben, dass Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf die Grimme-Auszeichnung auch erhielten, weil somit die Fallhöhe des Beitrags zur ‘Affäre Joko & Klaas’ viel größer war.

Die Recherche von „STRG_F“ war hartnäckig und erbrachte genügend Beweise, als dass sich Pro Sieben, die Produktionsfirma Florida TV und die beiden Moderatoren da noch hätten herausreden können. Was dann vom Sender und von Florida TV dazu als Erklärung veröffentlicht wurde, war denn auch eher peinlich.

Doch interessanterweise versuchten die Reporter von „STRG_F“ denjenigen, denen sie hinterherrecherchierten, ähnlich zu sein. Sie feixten ebenso wie diese in die Kamera, auch sie taten so, als fiele ihnen etwas genau in dem Moment ein, als die Kamera sie in einer Großaufnahme zeigte – sie stellten also ihre Recherche, statt diese zu zeigen. Man könnte also sagen, dass ihre Recherche Zeichen einer enttäuschten Liebe ist. Und wer da einst den Einspielfilmen von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf geglaubt hatte, dürfte sich nun getäuscht sehen. Aber glauben konnte man dem, was man da sah, ohnedies nur, wenn man es unbedingt glauben wollte.

06.03.2020/MK