Der Weg von Oberhausen bis nach Köln

Zum Tod des Kulturpolitikers Hilmar Hoffmann

Von Karl-Otto Saur

04.06.2018 • Die Entfernung zwischen Oberhausen und Köln beträgt 92 Kilometer. Oder auch ein ganzes Leben. Hilmar Hoffmann war der jüngste Leiter einer Volkshochschule (VHS) in der Bundesrepublik Deutschland. Er übernahm die Position 1951 mit 26 Jahren in der Ruhrgebietsstadt Oberhausen. Es war die Zeit, als überall die Volkshochschulen versuchten, neue Impulse in der Erwachsenenpädagogik zu beschreiten.

Während im benachbarten Marl an der dortigen, von einem gewissen Bert Donnepp gegründeten Volkshochschule das noch junge Fernsehen in die aktuelle Arbeit einbezogen wurde, hatte Hilmar Hoffmann sein Augenmerk auf den Kurzfilm gelenkt. 1954 gründete er die Westdeutschen Kurzfilmtage. Mit dieser Gründung bewies er schon früh sein Talent, Ideen umzusetzen und ihr unermüdlicher Promoter zu werden. Er brachte es fertig, die Regisseure einer neuen Generation – darunter Alexander Kluge, Edgar Reitz und die Schamoni-Brüder – in Oberhausen zu versammeln und mit ihnen über das neue deutsche Kino zu diskutieren: Das Ergebnis war das Schlagwort von „Papas Kino ist tot!“. Und weil Hoffmann damit auch seiner Stadt etwas Gutes tun wollte, nannte man das Ganze „Oberhausener Manifest“ (1962). Da wollte die Stadt nicht zurückstehen und berief Hilmar Hoffmann zu ihrem Kulturdezernenten.

Auch ein Medienmensch

Aber auch andere wurden auf ihn aufmerksam. 1970 wählte ihn der Stadtrat von Frankfurt am Main zum neuen Kulturdezernenten. Das Amt war für ihn ein Glück und er war für Frankfurt ein Glück. Er schuf die Frankfurter Museumsmeile, unterstützte die Privattheater und weitere private Kulturinitiativen in der hessischen Metropole. Und er war, wenn es der Kultur diente, ein passionierter Bettler, wie ihn der damalige Bundespräsident Johannes Rau einmal nannte. Als Hoffmann in Frankfurt 1990 mit 65 Jahren in Pension ging musste er sich viele Abschiedshymnen anhören. Doch er dachte nicht ans Aufhören. Er wurde Geschäftsführer der von ihm gegründeten „Stiftung Lesen“, die es sich zur Aufgabe machte, dass der Wert des Lesens und der Bücher allen elektronischen Medien zum Trotz weiter hochgehalten wird. Er war selbst ein eifriger Autor, aber er wollte auch, dass Bücher gelesen wurden. Später wurde er noch Präsident des Goethe-Instituts, das für die Verbreitung der deutschen Kultur im Ausland sorgt.

Der Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann wusste immer, dass Radio und Fernsehen für ihn selbst hervorragende Bühnen waren. Er war nicht nur ein Kulturfreund und Konsument, er war sich auch selbst seiner darstellerischen Fähigkeiten in den Medien bewusst, er war auch ein Medienmensch. Seine sonore Stimme brachte ihm Aufmerksamkeit. Er konnte seine Pointen setzen, wie es dem Publikum gefiel. So ist es vielleicht auch zu erklären, dass eine seiner letzten Positionen, die Hilmar Hoffmann innehatte, die des Programmbeiratsvorsitzenden beim in Köln ansässigen Privatsender RTL war (von 1990 bis 2011). Vermutlich hat er dort nicht viele Sendungen gesehen, die ihm wirklich gefallen haben. Aber er wusste auch, dass sein Geschmack nicht immer mehrheitsfähig war.

Der Autor dieser Zeilen hatte in den 1990er Jahren einmal das Glück, eine große Podiumsdiskussion zu moderieren, an der neben Hilmar Hoffmann auch dessen Münchner Pendant August Everding teilnahm, beide geschickte Entertainer der gehobenen Klasse. Der Moderator war weitgehend überflüssig, so gekonnt zelebrierten die beiden ihr Duell mit Worten. Das Finale bestand darin, dass sie beide den Versuch machten, durch gewiefte Wortmeldung das Schlusswort zu erhalten. Everding schaffte es…bis Hoffmann sich zum Hausherrn erklärte und ein zweites Schlusswort sprach. Hilmar Hoffmann starb am 1. Juni in Frankfurt am Main in Alter von 92 Jahren.

04.06.2018/MK
Hauptausgabe der ARD-„Tagesschau“ vom 2. Juni 2018 Foto: Screenshot