Der Sprachspieler

Ein Porträt des Hörspielautors und ‑realisators Hartmut Geerken

Von Hans-Ulrich Wagner
02.11.2021 •

Am 21. Oktober starb der Musiker, Schriftsteller und Hörspielautor Hartmut Geerken im Alter von 82 Jahren in Wartaweil (Landkreis Starnberg). Wir erinnern mit diesem Text von Hans‑Ulrich Wagner aus der damaligen „Funkkorrespondenz“ an den bedeutenden Radiokünstler. • MK

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04.11.1994 • „es begann mit oot oot in der deutschen schreibweise hut hut & die französische verballhornung heißt chapeau chapeau“, so hebt Geerkens Text im Programmheft der Donaueschinger Musiktage 1994 an. Mit diesem Ruf – heißt es weiter – begrüße der Pilzsucher in Sierra Leone den „coltricia perennis einen pilz der familie der porlinge“ und „mache seine mitsucher darauf aufmerksam daß er fündig geworden sei“.

Aber was für die Mykologen – also die Pilzkundler – gilt, sprang sehr bald auch auf die in Donaueschingen versammelten Hörspielhörer über. Nicht selten machten sie sich mit „hut hut“ auf ihren diesjährigen Hörspielfund aufmerksam. Denn während in den Gazetten gerade wieder einmal das schon so oft beschworene Ende der Hörspielkultur herbeigeredet worden war, hatten die Hörspielsucher der Jury des Karl-Sczuka-Preises etwas gefunden: „radiophone Kunst“, die ihnen preiswürdig erschien, die „den üblichen Umgang des Radios mit seinen Sendeformen und Hörern ironisch“ bricht und „ohne Rücksicht auf ästhetische Absicherung der Institution Rundfunk ein Moment der Risikofreude und Lust am Spiel zurückgibt“ – der „hexenring“.

Am 17. Juni 1994 sendete der Bayerische Rundfunk (BR) dieses Hörspiel, von dem zunächst nur der Titel und die Parameter einer Spiel- respektive Versuchsanordnung feststanden. Während Hartmut Geerken und der amerikanische Jazz-Musiker Famoudou Don Moyé im Studio IX auf über 300 Instrumenten Musik, Geräusche und Klänge machten, hatten etwa 100 eingeladene Freunde und Bekannte Gelegenheit, anzurufen und live bei diesem Hör-Spiel mitzuwirken. Ein großer kreativer Spaß wurde spürbar, der sich auf alle Mitwirkende an diesem außergewöhnlichen Spiel übertrug. Der „hexenring“ – eine „kreisförmige anordnung höherer pilze“, bei dem „die inneren teile des systems absterben die äußeren kreisförmig weiterwachsen“ –, er wuchs und wuchs und zog immer weitere Kreise.

Der Eindruck, „hexenring“ sei womöglich wenig mehr als ein radiophoner Ulk oder eine aktionskünstlerische Unternehmung, nur für die Mitspieler selbst interessant, würde allerdings trügen, denn „hexenring“ muss als die bislang radikalste Realisation der von Hartmut Geerken entworfenen „interaktiven Hörspielform“ angesprochen werden. In ihr kulminiert eine poetische Entwicklungslinie, die Geerken seit längerer Zeit immer neu ausloten ließ, was eine „nicht-erzählende Radiokunst“ heute leisten kann. Mit Hartmut Geerken und seiner Poetik des „interaktiven Hörspiels“ sind ein Experimentator radiophoner Kunst und eine der interessantesten Spielarten des gegenwärtigen Hörspielschaffens vorzustellen.

Pilzkundler und konkreter Poet, Germanist und Performance-Künstler

Über einen Szene-Tipp ist der 1939 in Stuttgart geborene Hartmut Geerken längst hinaus. Er ist ein intermedialer Künstler par excellence, der das Print- und klassische Buchmedium ebenso nutzt wie den Rundfunk, der Performances arrangiert und als Schauspieler in Filmen von Herbert Achternbusch agiert, der sich schließlich mit seinem kürzlich erschienenen Buch über „Sun Ra“ als Musikkenner auswies und selbst aktiv mit befreundeten Musikern auftritt und etliche Einspielungen gemacht hat. Obwohl von all den Formen der medialen Äußerungen berichtet werden müsste, seien hier nur zwei herausgegriffen, die großen Einfluss auf das spätere Hörspielschaffen Geerkens haben.

In Hartmut Geerkens Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen – unter anderem „obduktionsprotokoll“ (1975), „holunder“ (1984), „poststempel jerusalem“ (1993) – fällt der sprachspielerische Ansatz auf. Ludwig Harig beschreibt ihn mit folgenden Worten: „Er [= Geerken] nimmt sich der Sprache mehr als unorthodoxer Sprecher und Spieler an. […] Seine Sprache ist von einer brutalistischen Offenheit; der Leser, der sich mit seinen vertrauten Wörtern wohnlich eingerichtet hat, wird total verstört; […] die Wörter sind Möbelstücke, die um- und ausgeräumt werden.“ Der Leser bekommt die aktive Aufgabe zugewiesen, an der Konstitution des „Textes“ selbst mitzuwirken. Herkömmliche semantische Erzählzusammenhänge sind vom Autor aufgelöst worden; in das Sprachmaterial, das in konsequenter Kleinschreibung, ohne Punkt und Komma, ausgebreitet wird, muss sich der Leser ein-lesen, so wie der Autor vorher verschiedenste andere Texte in seinen eigenen ein-geschrieben hat.

Ein zweiter Punkt gilt Hartmut Geerken als Literaturwissenschaftler, der sich besonders der Exilforschung annimmt. Seit seinen Schul- und Studientagen widmete er sich den Autoren, deren Biografien durch das Dritte Reich so jäh unterbrochen wurden. Mit Literaturessays für den Rundfunk bestritt Geerken seit 1961 finanziell sein Studium der Germanistik und Philosophie, der Orientalistik und Religionswissenschaft. Die Namen der expressionistischen Dichter Alfred Lichtenstein, Jakob van Hoddis, Else Lasker-Schüler, Friedrich Koffka sowie Salomo Friedlaender (Mynona) waren damals nahezu vollkommen vergessen. Aber sie sollten für Geerken auch in literarischer Hinsicht eine große Bedeutung erlangen.

Denn vieles von Geerkens spielerischem Ansatz hat seine Wurzeln in den dadaistisch geprägten Texten oder in den spekulativen philosophischen Überlegungen etwa eines Salomo Friedlaender über die „schöpferische Indifferenz“. Unaufhaltsam begab Geerken sich auf die Spur der deutschen und jüdischen Schriftsteller, die 1933 ins Exil getrieben wurden. Er sicherte Materialien und wurde von den Kindern einiger Emigranten als Nachlassverwalter bestellt. Mit diesen Texten arbeitet Geerken nun in zweifacher Hinsicht. Der Wissenschaftler und Germanist ediert und kommentiert die literarischen Zeugnisse, der Autor Hartmut Geerken nimmt die Dokumente zum Ausgangspunkt eines weiteren schriftstellerischen Prozesses, er schreibt sie fort bzw. in seine eigenen Texte ein.

Maßnahmen des Verschwindens – eine Hörspieltrilogie

Ein Zufall eher sicherte beides, germanistisches und poetisches Anliegen, schließlich auch für die Hörspielarbeit. Herbert Kapfer (Jg. 1954), bis 1988 „Zündfunk“-Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, stellte 1986 historische Zeitschriftprojekte vor, darunter „Der Einzige“, ein Periodikum, das von 1919 bis 1925 von Friedlaender und Anselm Ruest herausgegeben wurde. Kapfer erfuhr, dass Geerken nach seiner mehrjährigen Tätigkeit bei den Goethe-Instituten in Kairo, Kabul und Athen nach München zurückgekehrt war. Erste Kontakte wurden geknüpft, eine Sendung von und mit Geerken folgte wenig später.

Als 1988 die beiden „Zündfunk“-Redakteure Christoph Lindenmeyer und Herbert Kapfer die BR-Hörspielabteilung übernahmen und das Programm vollkommen neu aufbauten, entwickelten sich in Gesprächen zwischen Herbert Kapfer, nunmehr Chefdramaturg, und Hartmut Geerken sehr bald Ideen, wie die umfangreichen Exil-Nachlassmaterialien auch in eine entsprechende Hörspielform eingehen könnten. Es entstand von 1989 bis 1992 das groß angelegte Projekt der „Maßnahmen des Verschwindens“, eine Hörspieltrilogie über das Exilantenschicksal der beiden Familien Friedlaender und Ruest (vgl. FK-Heft Nr. 2/1993).

Bereits der erste  Teil der „Maßnahmen des Verschwindens" sorgte 1989 für großes Aufsehen. „südwärts, südwärts“ erhielt den Karl-Sczuka-Preis. Folgerichtig entwickelte sich aus Geerkens Poetik die Spielanordnung. Peter Fricke, der Sprecher, hatte bei offenem Mikrofon ein Tagebuch zu dechiffrieren. Ausgangspunkt waren die Aufzeichnungen des expressionistischen Schriftstellers und Philosophen Anselm Ruest (1878-1943), der als deutscher Emigrant bei Kriegsausbruch 1940 in Frankreich verhaftet und in den Süden deportiert wird. Aber weniger die Notizen selbst spielen bei diesem Hörspiel „südwärts, südwärts“ eine Rolle als vielmehr der Versuch, sich einem historischen Dokument von 1940 von heute aus anzunähern. Der Sprecher tastet sich mühsam durch den handgeschriebenen Text, er stockt, freut sich über eine Entzifferung und spricht Kommentare zu seiner Dechiffrierarbeit mit („kann man nicht lesen“; „alles durchgestrichen“).

Ähnlich ergeht es dem Hörer im Teil „fast nächte“, auch hier erhält er nicht Dokumente vorgesetzt – in diesem Fall den Tischkalender Mynonas 1941 bis 1945 –, sondern er erlebt die Suche mit und muss sich seinerseits aktiv durch das ihm akustisch gebotene Material vortasten. Aleatorische, also zufällige Spielprinzipien spielen dann vor allem in „stöße gürs“ eine große Rolle, wenn beispielsweise jede siebte Karte, die Heinz-Ludwig Friedlaender aus dem berüchtigten Lager Gurs während sieben Jahren an seine Eltern schreiben durfte, aus einem Stoß gezogen und vorgelesen wird. Die Beschreibung einiger weniger solcher Spielvorgaben, innerhalb dessen sich dann das Hörspiel entwickelt, könnte detailliert fortgeführt werden. Sie lassen aber bereits erahnen, welch dichtes Beziehungsgeflecht in Geerkens Hörspielarbeiten entsteht. Dem Hörer, der allein auf eine inhaltliche Dimension hofft, muss vieles unverständlich erscheinen; umgekehrt jedoch können diese Spiele den Hörer in die Lage versetzen mitzuwirken, da er sich aktiv abmühen muss, aufgefordert ist, sich auseinandersetzen mit dem Prozess des Hörspiels.

Das Modewort „interaktiv“ wird radikalisiert

Worin diese „Interaktion“ im Medium Hörspiel alles bestehen kann, das entwickelte Hartmut Geerken denn auch umfassender während seiner Gastprofessur auf dem Autorenlehrstuhl der Essener Folkwang-Hochschule in den Jahren 1991 und 1992. Unter dem Titel „Das interaktive Hörspiel als nicht-erzählende Radiokunst“ legte Geerken vor allem Projektbeschreibungen und Materialien vor. In einem nur wenige Seiten umfassenden einleitenden Essay dazu hat er seine Überlegungen skizziert, die um eine „virtuelle Kunst“ kreisen, um eine literarisch-künstlerische Arbeit, die nicht am Produkt, sondern am Prozess orientiert ist. Es geht ihm um „offene Systeme“: Der „Autor“ gibt lediglich bestimmte Ausgangsmaterialien und Regeln vor, das Spiel aber organisiert sich selbst. Dieser Spiel-Begriff wird zum entscheidenden Zentrum. Zwischen Anordnung und Zufall, zwischen Systematik und Chaos, zwischen Regel und Freiheit entstehen seine Performances, Aktionen und eben auch Hörspiele.

Für die BR-Hörer ist dieser Ansatz sicherlich nicht mehr ungewohnt. Die enge Zusammenarbeit mit Herbert Kapfer und die ausschließliche Realisation der Geerkenschen Hörspielprojekte bei der Münchner Hörspielabteilung bescherten dem Programm seit 1989 bereits insgesamt zehn kleinere und größere Hörspielarbeiten. Zu nennen sind unter anderem „kein roter faa, denn die worte sind niemals gefallen“ (1990) und „bob’s bomb. ein interaktives hörspiel nach einem scenario von robertlax“ (1993). Dazu kommt die Beteiligung Geerkens als Percussionist an mehreren Hörspielproduktionen befreundeter Künstler, bei denen die Grenze zwischen Musikstück und klassischem Hörspiel aufgehoben wird. Das „hexenring“-Hörspiel nunmehr gehörte ganz dem Free-Jazz-Musiker Hartmut Geerken, der während seiner Jahre am Goethe-Institut vielfältigen Musikunterricht im Ausland (Gamelan, Trommel) genommen hatte.

So münden mehrere Entwicklungslinien in die „hexenring“-Produktion. Konsequent radikalisierte sich eine Hörspielpoetik, die Interaktion auch einmal konkret über die Begrenzung des Mediums hinweg gestalten wollte. Nicht mehr nur der Weg vom Sender zum Empfänger sollte möglich sein, sondern ebenso der umgekehrte Weg. Aber die Hörerbeteiligung erstreckte sich nicht auf Telefonanrufe à la Hörerwünsche und Quizsendungen. Diese wurden beispielsweise durch den Gruß an den „Oppa in Wuppertal“ parodistisch in den „hexenring“ integriert.

Die aktive Beteiligung am „hexenring“ wurde ernst genommen. Eingeladen, an dem großen Pilzspiel mitzuwirken und in dem Hexenkessel mitzukochen, interagierten die Freunde und Bekannten von Famoudou Don Moyé und Hartmut Geerken und nutzten die technischen Kommunikationsmedien für eine Hörspiel-Performance. Einem solch gewagten Experiment, einer solch schutzlos „offenen“ Hörspielform Raum im Programm einer öffentlichen-rechtlichen Rundfunkanstalt gegeben zu haben, muss in der gegenwärtigen Medienlandschaft als Überraschung gelten. So bleibt nach „hexenring“ die Frage, was wohl die nächsten Hörspielarbeiten liefern werden. Ein Hörspiel, das von Texten der Else Lasker-Schüler ausgeht, ist bereits in Vorbereitung. Sicherlich wird der Hörspielhörer auch hier wieder aufgefordert sein, mitzuwirken, sich einzuhören und die „aktiven“ Mühen einer Auseinandersetzung nicht zu scheuen.

04.11.1994/FK

 

• Text aus Heft Nr. 44/1994 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

02.11.2021/MK

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