Der Sprachkauz als Fernsehlegende

Zum Tod des Komikers und Entertainers Herbert Feuerstein

Von Dietrich Leder
10.10.2020 •

Der Komiker und Entertainer Herbert Feuerstein, der am 6. Oktober im Alter von 83 Jahren in seinem Haus in Erftstadt gestorben ist, begann seine Fernsehkarriere erst im Alter von 47 Jahren. Bis dahin hatte der studierte Musiker (Klavier, Komposition) zunächst als Kulturkorrespondent aus den USA berichtet und dann als Chefredakteur der deutschen Ausgabe des Nonsens- und Satireblattes „MAD“ gearbeitet. In dieser Funktion wurde er 1984 in die „Michael-Braun-Show“ eingeladen. Diese im Dritten Fernsehprogramm des WDR ausgestrahlte Talkshow, die als erste die Gestaltungsformen einer „Late-Night-Show“ wie etwa der eines David Letterman nach Deutschland transferierte, war ein Produkt des innovativen Jugendprogramms im Kölner Sender, das unter Leitung von Peter Rüchel ja auch den „Rockpalast“ hervorgebracht hatte.

Die von Michael Braun, damals unter anderem auch Produzent der Spielfilme von Adolf Winkelmann, entwickelte und moderierte Show begann mit einem klassischen Stand-up-Intro, an das sich das Gespräch mit einem Studiogast und ein Musikauftritt anschlossen. Das Gespräch mit Herbert Feuerstein gefiel Michael Braun so gut, dass er den „MAD“-Chef dazu engagierte, ihm Texte für die Stand-up-Intros zu schreiben.

Die Zusammenarbeit intensivierte sich, als Braun und Winkelmann im Auftrag der WDR-Jugendredaktion ein Sendeformat für das Sonntagmorgenprogramm der ARD konzipierten und realisierten: In „Wild am Sonntag“ widerfuhren einem jungen Paar die wunderlichsten Dinge. Zu den Einspielfilmen, die hier die Rahmenerzählung unterbrachen, gehörte eine Reihe, die den Namen „Fragen Sie Dr. Winter“ trug und die parodistisch auf die sexualkundlichen Artikel reagierte, die unter der Rubrik „Dr. Sommer“ in der Jugendzeitschrift „Bravo“ veröffentlicht wurden. Als Dr. Winter agierte Herbert Feuerstein, der sich die Geschichten auch ausdachte und mit vielen Ausstattungsdetails anreicherte. In diesen kleinen Filmen zeigte sich, dass Feuersteins Witz nicht nur auf Sprachkomik beruhte, sondern ebenso auf der Bildphantasie, wie sie sich damals in den Comics austobte. „Wild am Sonntag“ lief zu einer Sendezeit, die von den Verantwortlichen der ARD kaum beachtet wurde, so dass man hier viel ausprobieren und riskieren konnte.

Ein Nachruf auf sich selbst

1990 wurde Feuerstein dann für eine Spieleshow engagiert, die der WDR zuerst in seinem Dritten Programm, ab 1993 dann in der ARD ausstrahlte: „Pssst...“. In dieser Show musste eine Jury unter Anleitung des Moderators Harald Schmidt, der zu dieser Zeit allein als Kabarettist durch seine Auftritte im Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ bekannt war, Begriffe erraten. Feuerstein, der neben Elke Heidenreich, Mariele Millowitsch und Ingolf Lück der Jury angehörte, war für die besonders skurrilen Wortwitze zuständig. Wenig später begannen Herbert Feuerstein und Harald Schmidt mit einer live ausgestrahlten abendlichen Sendereihe, die Comedy und Kabarett, Live-Show und Einspielfilme, Zuschaueransprache und -verulkung, Talk mit Gästen und musikalische Gastauftritte miteinander verband: „Schmidteinander“.

Diese Show war eine wilde Mischung, die dadurch zusammengehalten wurde, dass Feuerstein und Schmidt vor laufender Kamera miteinander kabbelten. Feuersteins Rolle war die des Störenfrieds, der am Schreibtisch sitzend auf den Ablauf achtete, während Schmidt sich alle Freiheiten der Improvisation und des kabarettistischen Live-Kommentars nahm. Feuerstein wurde so zum Sidekick des Moderators, der bald über seinen Nebenmann böse Scherze machte. Freunden gegenüber gestand Herbert Feuerstein damals ein, dass er unter manchem bösen Scherz, den Harald Schmidt über ihn machte, durchaus gelitten habe. So wird es ihn gefreut haben, dass der Grimme-Preis 1994 für „Schmidteinander“ nur an ihn und aus einem unerfindlichen Grund nicht auch an Harald Schmidt ging. Die von Feuerstein entwickelte Figur des Sprachkauzes in „Schmidteinander“ wurde jedenfalls eine Fernsehlegende, was ihm nach dem Ende der Show im Jahr 1994 viele Talkshow-Einladungen und Gastauftritte in Fernsehfilmen, Serien und Comedy-Formaten eintrug.

Solo versuchte er sich an weiteren Formaten; so veranstaltete er zweimal (1997 und 1998) eine lange Fernsehnacht, die live aus einer Kölner Wohnung und den umliegenden Straßen übertragen wurde: „Feuersteins Nacht“. Drei Jahre lang reiste er, der eine Zeitlang einen Flugschein besaß und gerne enge Freunde zu besonderen Flugreisen einlud, für die Fernsehreihe „Feuersteins Reisen“ durch die Welt. Es handelte sich um Reisefilme der besonderen Art, die ihre Sachinformationen über Land, Leute und Regionen stets mit einem gewissen Witz und mit überraschenden Bildpointen präsentierten. Später trat er in Operninszenierungen und auf Schauspielbühnen auf, schrieb Bücher und moderierte in der Reihe „Feuerstein führt Klassik ein“ Konzerte des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin.

Der WDR vertraute ihm zwar keine eigene Sendung mehr an, feierte ihn aber zum 70. und 75. Geburtstag in Sondersendungen im Dritten Fernsehprogramm, für die man ihn mit Harald Schmidt, mit dem er auf einem Rheinschiff sprach (2007), und Bastian Pastewka, mit dem er Stationen seines Lebens aufsuchte (2012), zusammenbrachte. Im Januar 2015 schrieb Feuerstein, der 1937 in Österreich geboren wurde und seit 1990 die deutsche Staatsbürgerschaft besaß, für den WDR-Hörfunk einen Nachruf auf sich selbst, in dem er aus seinem Leben erzählte und dabei auch über die Nazi-Vergangenheit seines Vaters sprach. Diesen Nachruf überlebte er um gut fünfeinhalb Jahre.

10.10.2020/MK

Herbert Feuerstein (1937 bis 2020)

Foto: Screenshot (aus der WDR-Talkshow „B. trifft“)


Print-Ausgabe 21/2020

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