Der Roman und die Serie

Betrachtungen zu „Babylon Berlin“, Staffel 3, bei Sky

Von Dietrich Leder
22.04.2020 •

Der Vergleich zwischen einer Romanvorlage und ihrer Verfilmung hat stets etwas Müßiges an sich. Zu unterschiedlich sind die Erzählweisen, derer sich Romane und Filme oder in diesem Fall Serien befleißigen, als dass ein Vergleich beider mehr als nur ihre simple Divergenz zutage förderte. Von der Regel, einen solchen Vergleich anzustellen, sei im Umgang mit der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ an dieser Stelle einmal eine Ausnahme gemacht.

Die dritte Staffel wurde vom 24. Januar an wöchentlich mit jeweils zwei Folgen freitags abends von 20.15 bis 21.45 Uhr erstausgestrahlt, ehe sie auf diesem (linearen) Sendeplatz am 28. Februar ihr Ende fand. Sky-Abonnenten konnten in der Mediathek des Senders bereits nach einigen Wochen alle zwölf Folgen hintereinander anschauen, um sich so die richtige Dröhnung eines historischen Krimis zu verpassen.

Die ersten beiden Staffeln von „Babylon Berlin“ mit je acht Folgen waren im Winter 2017 von Sky und im Herbst 2018 im Ersten Programm ausgestrahlt worden (vgl. MK-Artikel). Der Pay-TV-Sender Sky und die öffentlich-rechtliche ARD sind bekanntlich gemeinsame Auftraggeber der Serie (Produktion: X Filme Creative Pool). Jede Folge der drei Staffeln dauert rund 45 Minuten. Während die ersten beiden Staffeln sich auf das Buch „Der nasse Tod“ (2008) bezogen, die erste Erzählung einer mehrbändigen und bei weitem noch nicht abgeschlossenen Kriminalromanreihe von Volker Kutscher, bildet für die dritte Staffel der zweite Roman dieser Reihe, „Der stumme Tod“ (2009), die Erzählbasis. Der jüngste und damit siebte Roman erschien 2018 unter dem Titel „Marlow“. Hauptfigur dieser Bücher ist der Kriminalkommissar Gereon Rath.

Die Logik der Vermarktung

Die Aufteilung der TV-Produktion – zwei Staffeln mit insgesamt 16 Folgen nach dem ersten Roman, eine Staffel mit 12 Folgen nach dem zweiten – entspringt keiner anderen Logik als der Vermarktung der Serie, denn von der Erzählmenge unterscheiden sich die Romane nicht; sie umfassen alle an die 500 Seiten. Der enorme Aufwand zu Erstellung der historischen Kulissen und Kostüme musste in einer Zeit, als die Prolongation der Serie durch die Auftraggeber Sky und ARD noch nicht beschlossen war, auf möglichst viele und also 16 Folgen verteilt werden, was dann zu der inhaltlich kaum zu begründenden Teilung in zwei Staffeln führte. Die Verfilmung des zweiten Romans in einer Staffel mit 12 Folgen erscheint folgerichtiger und wird wohl für etwaige Fortsetzungen das Maß abgeben.

Wie der Roman „Der stumme Tod“ spielt die dritte Staffel der Serie zu einem gewissen Teil im Milieu der Spielfilmproduktion in Berlin. Aber anders als der Roman, der auf diesem Gebiet gut recherchiert ist, verzichteten die Drehbuchautoren Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten, die auch die Regie untereinander aufteilten, darauf, die Querelen um die Einführung des Tonfilms Ende der 1920er Jahre in die Handlung miteinzubeziehen.

Zugegeben, die Schilderung der ökonomischen und technischen Umwälzungen in der Filmbranche dieser Zeit lädt nicht gerade zu großen Actionszenen ein, kommt aber vielleicht auch einem Unternehmen zu nahe, das sich in der Produktionsgegenwart mit ähnlichen Verwerfungen herzumschlagen hat: Als die Produktion von „Babylon Berlin“ begann, gehörte Sky noch zum Imperium des Medienmagnaten Rupert Murdoch, während der Pay-TV-Sender heute Teil des US-amerikanischen Medienkonzerns Comcast ist, von dem man nicht weiß, was er mit seiner Neuerwerbung Sky in Zeiten heißer Streaming-Konkurrenz wie etwa von Netflix vorhat.

In der Fernsehserie dritter Staffel hat der Mord, der zu Beginn in einem Filmatelier geschieht und einen weiblichen Star das Leben kostet, denn auch anders als im Roman nichts mit dem Wandel vom Stumm- zum Tonfilm zu tun. Das ist auf der einen Seite gut, weil die Serie somit eine große Schwäche des Romans umschifft, die in der Etablierung eines zudem mutterfixierten Serientäters besteht, der Stummfilmdiven einfach nicht im Tonfilm sprechen hören mag und sie deshalb nicht nur umbringt, sondern auch noch ihrer Stimmbänder beraubt. Das ist auf der anderen Seite schlecht für die Serie, weil ihre Ersatzlösung kaum besser anmutet: Hier ist der erste Mord ein Racheakt im Gangstermilieu, das längst mit dem Filmgeschäft verbandelt ist, während die folgenden Morde auf dem Plan eines durchgeknallten Polizeitechnikers beruhen, der die – wie er sagt – „gute“, da pressewirksame Geschichte eines Serienmordes durch Erpressung erzwingt.

Ein durchweg gut besetztes Ensemble

Dieser von Luc Feit gespielte Mann wird zum Verbrecher, weil er sich vom Berliner Mordkommissionsleiter Ernst Gennat (Udo Samel) nicht richtig in seiner Arbeit gewürdigt fühlt. Kriminalhistorisch ist das absurd, da der historische Ernst Gennat (1880-1939) der Erste war, der in Deutschland in den 1920er Jahren moderne Kriminaltechnik (etwa hinsichtlich der Spurensicherung) in die Ermittlungsarbeit einbezog. Auch erzählpsychologisch nimmt man der Serienfigur Luc Feit die Wandlung vom sachlichen Ermittler zum psychopathologischen Täter nicht ab. Aber als Grenzgänger zwischen Sachlichkeit und Wahnsinn passt er gut zu anderen Figuren der Fernsehserie wie etwa jenem Psychiater (Jens Harzer), bei dem eine Reihe von Personen der filmischen Erzählung in psychoanalytischer Behandlung sind, der gelegentlich im Dienste der Polizei eine Zeugin hypnotisiert und der schließlich sogar mit Elektroschocks einen Zeugen foltert.

War der Psychiater schon in den ersten beiden Staffeln präsent, weil er auch die Hauptfigur – den durch den Krieg traumatisierten Kommissar Gereon Rath – behandelt, so nimmt eine andere Figur, die dem Wahnsinn nahe zu sein scheint, in der dritten Staffel nun größeren Raum ein. Es handelt sich um den Sohn der Industriellenfamilie Nyssen, der von einem großen Geschäftscoup träumt, bei dem er auf den von ihm mitbeförderten Zusammenbruch der Börse wettet. Lars Eidinger verleiht diesem jungen Mann, der selbstverständlich mutterfixiert ist und mitunter zum Kleinkind regrediert, durch sein Spiel mehr Bedeutung, als die Drehbuchautoren in diese Figur, die es im Roman nicht gibt, investierten.

Tatsächlich ist es das durchweg gut besetzte Ensemble, das einen durch die schwächeren und zudem länglichen Passagen der filmischen Erzählung trägt. Auch das erotische Dreieck, das zwei Gangster (Misel Maticevic, Ronald Zehrfeld) und eine Schauspielerin (Meret Becker) bilden, lebt weniger von der überschaubaren Handlung aus Verdächtigungen und Eifersucht als vom Spiel der sehr guten Darsteller. Ähnliches gilt für den österreichischen Journalisten (Karl Markovics) und seine Wirtin (Fritzi Haberlandt), die es fast allein mit jenem Geheimbund aus rechtsradikalen Berufsoffizieren und einem Polizeirat (Benno Fürmann) aufnimmt, der schon in den ersten beiden Staffeln für gesellschaftlichen Terror sorgte.

Lieblos fortgeführte Handlungsstränge

Doch diese Verschwörung, von der in den ersten beiden Staffeln noch umfangreich erzählt wurde, ist in der dritten fast nur ein Beiwerk, das zudem Benno Fürmann fast alleine stemmen muss, was ihm trotz einiger Manierismen gut gelingt. Auch andere Handlungsstränge werden in dieser dritten Staffel eher lieblos fortgeführt, etwa was das Familien- und Sexualleben der zweiten Hauptfigur Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) angeht oder das homosexuelle Coming-out des Polizeifotografen Reinhold Gräf (Christian Friedel) betrifft. Andere Handlungsstränge wurden nur deshalb geknüpft, weil sie in Zukunft und also in weiteren Staffeln wichtig werden sollen, auf deren Produktion hier deutlich spekuliert wird. So muss wohl die Tatsache, dass Gereon Rath und Charlotte Ritter in der Serie, anders als in den ersten beiden Romanen, immer noch kein Paar sind, auf die Auftraggeber Sky und ARD wie eine Verheißung wirken, mit der die Produzenten um die weitere Fortsetzung der TV-Produktion buhlen.

Nun wären die Zuschauer angesichts dieses Flickenteppichs aus fortgesetzten, beendeten und gestarteten Handlungsfäden restlos verloren, wenn die Autoren und Regisseure nicht immer wieder aufs Neue in fast jeder Folge das dramaturgische Mittel einer sich steigernden Parallelhandlung einsetzten, die mal tragisch, mal glücklich endete. Die Geschehnisse dieser Parallelhandlung gipfelten zum Ende jeder Folge in wilden Verfolgungsjagden, in brutalen Zweikämpfen, in Befreiungsaktionen in letzter Minute und in einer Hinrichtung mit Fallbeil. Das erzeugte tatsächlich jede Menge Spannung, führte zur Identifikation mit den Hauptfiguren, die körperlich und seelisch litten, und weckte Neugier auf das, was ihnen und dem restlichen Personal noch alles bevorsteht.

Produktionstechnisch und damit auch ökonomisch war die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ deutlich sparsamer angelegt. Teure Show-Szenen wie jene, die in den ersten beiden Staffeln in einem Nachtclub spielten, fehlten diesmal. Sie konnten als visuelle Attraktion (die viele ja an den ersten beiden Staffeln lobten) durch aufwändige Szenen, die nun für den Film in der Serie, dessen Hauptdarstellerin ermordet wird, gedreht wurden, kaum ersetzt werden, da sie ja – historisch getreu – in Schwarzweiß und im Academy-Format gedreht wurden.

Hinzu kommt, dass dieser Film in der Serie mit dem Titel „Dämonen der Leidenschaft“ von den Autoren und Regisseuren der Serie selbst nicht ernst genommen wurde, handelt es sich doch um ein krudes Mixtum aus expressionistischem Psychodrama à la „Das Kabinett des Dr. Caligari“ (1920), aus den Revuefilmen der frühen 1930er Jahre, Zitaten von Fritz-Lang-Filmen wie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) und einer popmusikalischen Soße der 1990er Jahre. Damit das auch noch dem letzten Zuschauer klar wurde, bezeichnete in der letzten Folge einer der Journalisten (Peter Jordan) „Dämonen der Leidenschaft“ in einer Filmkritik als einen „Flickenteppich“ und nahm damit die Kritik an der Serie, in der dieser Begriff fiel, vorweg.

Willkürliches Spiel für dramaturgische Effekte

Problematischer als all dies ist aber an „Babylon Berlin“ etwas anderes: Es ist das willkürliche Spiel mit historischen Details und Personen, das von der Serie zur Spannungssteigerung eingesetzt wurde und so ein geschichtlich problematisches Bild der Weimarer Republik zeichnete. Dafür seien zwei Beispiele genannt.

Das eine Beispiel betrifft den Umstand, dass die dritte Staffel die Erzählzeit zurückverlegt. Anders als im Roman spielt hier die Handlung im Jahr 1929, so dass sie mit dem Börsencrash in den USA vom 25. Oktober enden kann, der für die Weltwirtschaft und damit auch für die der Weimarer Republik katastrophale Auswirkungen hatte. In der Serie wird über die Möglichkeit eines Crashs in einer Doppelperspektive spekuliert. Da ist zum einen der erwähnte Industriellensohn Alfred Nyssen, dessen Name wohl andeuten soll, dass er irgendwann mal einen Text mit dem Titel „I paid Hitler“ (Originalautor: der Industrielle Fritz Thyssen) verfassen wird; er will alles auf diesen Crash setzen, um der langweiligen Gesellschaft einen gewaltigen Stoß zu versetzen und wenn es der in den Abgrund ist. Da ist zum anderen eine junge Kommunistin, deren Vater als General zu den reaktionären Feinden der Weimarer Republik zählt; sie ist sich nach der marxistischen Geschichtslogik sicher, dass der Kapitalismus kollabieren und dies zur sozialistischen Revolution führen wird. Beide Spekulationen irren bezüglich auf jene politische Fraktion, die in der Serie bislang nur in Randfiguren wie den Mitgliedern der Hitler-Jugend eine Rolle spielt: die Nationalsozialisten.

Das zweite Beispiel: Vollkommen überraschend taucht in der dritten Staffel die historische Figur des Gustav Stresemann (1878-1929) auf, der – von Haus aus äußerst konservativ – sich als Außenminister in den späten 1920er Jahren um die Republik sehr verdient gemacht hatte, was ihm den Hass der nationalen Rechten in Deutschland bescherte. Weshalb ausgerechnet er in der Serie auf einem Treffen der nationalkonservativen Verschwörer auftaucht, bleibt lange Zeit ein Rätsel. Noch absurder, dass einer der Verschwörer – der erwähnte Polizeirat – sich von ihm Unterstützung für die Beförderung zum Berliner Polizeipräsidenten erhofft, um Stresemann dann, als der diese Unterstützung ablehnt, nach einem Herzinfarkt einfach sterben zu lassen. Am Ende der Staffel klärt sich das Rätsel um Stresemann auf, dient doch der große Trauerzug, der seinen Sarg durch die Straßen von Berlin zum Staatsbegräbnis begleitet, als der retardierende Moment, der Charlotte Ritter daran hindert, den Aufschub einer Hinrichtung rechtzeitig zuzustellen.

Es ist diese Willkür, mit der die Serie auf der einen Seite für sich historische Genauigkeit beansprucht, wie etwa in der Darstellung des von Trystan W. Pütter gespielten realen Rechtsanwalts Hans Litten (1903-1938), um sie dann auf der anderen Seite für dramaturgische Effekte wieder zu verraten, die einen das Unterfangen dieser Serie immer wieder in Zweifel ziehen lässt. Der inszenatorische Aufwand, die Arbeit vieler guter Schauspieler, die Leistungen der Trick- und Stuntspezialisten übertrifft die intellektuellen und erzählerischen Anstrengungen bei weitem. Das lässt um weitere Staffeln eher fürchten, als dass man sie sich herbeiwünscht. (Die Free-TV-Ausstrahlung der dritten Staffel im Ersten soll im Herbst 2020 erfolgen.)

22.04.2020/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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