Der Reiz des Neuen

Vom Altertum bis zum Digitalzeitalter: Auf Spurensuche im Umfeld einer Droge

Von Norbert Schneider
15.01.2021 •

 

1.

Besonders folgenreiche Entwicklungen bzw. Erfindungen in der jüngeren Mediengeschichte waren die Einführung des Alphabets im alten Athen, die Erfindung des Buchdrucks, die Rotationspresse und die Technologien für die elektronische Verbreitung von Daten. Die letzte epochale Entwicklung ist die Digitalisierung der Kommunikation.

Alle diese Erfindungen dienten nur einem Ziel: Sie haben den Zugang zum Weltwissen, zum Neuen verbreitert. Sie haben das Quantum des möglichen Wissens vergrößert. Sie haben die Zahl seiner Verbreiter vermehrt. Sie haben die Reichweite der Medien Schritt für Schritt ausgeweitet, von ehedem lokal bis heute global. Sie waren die Treiber, die das Neue zu einer gesuchten, zu einer attraktiven Ware gemacht haben. Sie haben nicht nur den Nutzer, sie haben die Anbieter reich gemacht. Sie begründeten profitable Geschäftsmodelle. Heute ist die Verbreitung des Neuen mehr denn je Big Business. Wenige Konzerne beherrschen wie einst Imperien die Welt. Einer von ihnen trägt das Neue sogar im Namen, die News Corporation von Rupert Murdoch, zu der unter anderem das US-amerikanische Network Fox gehört.

Doch jede dieser Entwicklungen hat auch Einspruch hervorgerufen. Er kam von denen, die das Monopol auf die Verteilung des Neuen gehalten haben. Sie malten Unordnung und Chaos an die Wand. Tatsächlich aber befürchteten sie einen Kontrollverlust. Platon war der erste Prominente unter diesen Bedenkenträgern. Heute sind es in erster Linie die Internet-Gurus der ersten Stunde, die vom emphatischen Glauben an das Netz und seine Segnungen inzwischen abgefallen sind.

2.

Neues holt man sich nach wie vor, wenn auch abnehmend, aus Zeitungen und Zeitschriften, aus Nachrichtenmagazinen und Büchern. Noch immer sind sie eine saubere Quelle des Wissens. Wichtiger für aktuelle Neuigkeiten sind die stündlichen Nachrichten im Radio (oft auch im 20-Minuten-Takt). Sie wiederholen zwar viel, bieten aber fast immer auch Neues. Was man versäumt, holt man sich in einem Podcast zurück. Auch die ARD-„Tagesschau“ und die ZDF-„Heute“-Nachrichten senden nach Möglichkeit in einem kurzen Zeittakt. Bei ntv, N24 oder Tagesschau 24 gibt es Neues ohne Ende, BBC World, Deutsche Welle oder CNN verstehen sich primär als Nachrichtensender für die ganze Welt. Mit der Annonce von Breaking kam ein neuer Umgang mit Informationen in Mode: der Nachrichtenkannibalismus.

Dieses schon sehr komfortable Angebot wurde noch einmal exponentiell ausgeweitet durch die zahllosen neuen Informationsquellen des Internets. Die Schlagzeilen von Spiegel.de bringen es an einem Tag leicht auf hundert „Neuigkeiten“. Von den „Newstickern“, in deren Angebot sich das komplette Spektrum dessen wiederfindet, was man Information (oder, die Zeit ist ja so knapp: Info) nennen kann und was neu sein will, gibt es ein Dutzend und mehr mit jeweils einem klangvollen Titel aus der Zeitungsbranche. Sie machen den Blick in die Morgenzeitung, nicht zuletzt in die eigene, immer mehr zum Rückblick. Dass sie zu Zeiten in der Verbreitung von Neuigkeiten einmal führend waren – daran erinnern Blätter, die, wie in Osnabrück, Chemnitz oder Passau, noch immer das Neue im Titel tragen.

Die im Kern von Profis besetzte Medienlandschaft wird umrahmt und dabei schier erdrückt von zahllosen Angeboten, die dem Nutzer Informationen über etwas, was er bisher nicht wusste oder nicht wissen konnte oder wollte, mindestens versprechen, Informationen, die ihm das Leben leichter machen oder es auch völlig auf den Kopf stellen, von Wikipedia bis Parship. Institutionen ohne Newsletter gelten in einer digitalisierten Gesellschaft als aus der Zeit gefallen. Wer nichts Neues weiß, gehört nicht dazu.

„Information“ meint: „Je wahrscheinlicher das Vorkommen eines Zeichens in einem bestimmten System ist, desto geringer ist sein Informationsgehalt; dieser ist jedoch umso größer, je weniger wahrscheinlich eine bestimmte Nachricht ist“ (C.E. Shannon). Im 19. Jahrhundert nannte man Hauslehrer, deren Aufgabe die Vermittlung von Wissen und insofern Neuem war, auch „Informatoren“.

Ein besonders beliebtes Informationsbiotop bilden, was man, warum auch immer, social media nennt, Netzwerk-Offerten wie Facebook oder Suchmaschinen wie Google, die alles verbreiten, was Menschen dafür zur Verfügung stellen. Es gibt spezielle Online-Plattformen für Fotos und Videos wie Instagram. Die Jüngeren halten sich Videoportale wie TikTok, nutzen YouTube oder Messenger-Dienste wie WhatsApp. Donald Trump (von dem bei Drucklegung dieser MK-Ausgabe noch nicht feststand, ob er US-Präsident bleibt) verkündet, was er für brandneu hält, am liebsten über Twitter.

Aus solchen Nachrichtenquellen quillt es, Blasen bildend und Blasenmusik, ungefiltert, absichtsvoll oder eher zufällig, jedenfalls ununterbrochen ins offene Wasser der Öffentlichkeit, in dem der Nutzer badet. Das Neue bindet, ob es relevant ist oder nur banaler Müll, seine Aufmerksamkeit. Es füllt als nutzlos empfundene Lebenslücken, wann immer sie sich bemerkbar machen. Es kostet offenbar nichts. Dabei gibt es im Netz nichts gratis. „Wenn Sie nicht für das Produkt bezahlen, sind Sie selbst das Produkt. ‘Gratis’ ist das teuerste Geschäftsmodell“, so sagte es Tristan Harris, von 2013 bis 2015 Ethik-Beauftragter bei Google. Und irgendwann beobachtet der Nutzer, im Selbstversuch, die ersten Symptome einer Sucht. Und er beginnt sich zu fragen: Was bedeutet dieses Neue eigentlich für mich? Was ist daran so faszinierend? Warum will ich das alles haben und wissen, und zwar jetzt? Was reagiert da worauf?

3.

Natürlich kann eine ziellose, eher spielerische Neugier den Jagdeifer wecken. Innovationen sind meistens auch unterhaltsam. Sie vertreiben, was die einen Langeweile, die anderen Muße nennen und deren Funktion sie im Alltag eines Menschen hochschätzen. Der Religionsphilosoph und Naturwissenschaftler Blaise Pascal hielt es bekanntlich für ein Unglück der Menschen, „dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können“.

Doch es gibt für das, was den Menschen aus dem Zimmer treibt, auch ein räsonables Bedürfnis. Der News-Kick ist nicht nur eine spätmoderne Marotte, sondern auch ein Indiz für ein Ungenügen am Status quo, der als Stillstand, als arm an Reizen empfunden wird, der keine Aufmerksamkeit weckt. Die Neusucht steht gewiss auch für ein Unbehagen an zu viel Routine, an zu viel vom „Das weiß ich doch schon alles“. Die Gier nach Neuem bricht sich Bahn, wenn und weil es zu viel Stehsatz gibt, zu viel irdische Wiederkehr des Gleichen. „Ich kann deine Fratze nicht mehr sehen“, sprach ein Politiker zu einem anderen. Er wollte ja nicht gar keine, er wollte einfach nur eine neue sehen. Auch in Beziehungen gilt: Varietas delectat.

Deshalb wird das Neue überwiegend als angenehm, als positiv empfunden (neues Auto, neue Freundin, neue Hüfte…). Es stimuliert ein neues Lebensgefühl. Es bringt Farbe ins Leben. Alt ist grau. Neu ist grün. Das apokalyptisch grundierte Neue (Corona-Pandemie, Arbeitslosigkeit, Waldbrand…) kommt gegen das Positive auf Dauer nicht an. Der Studentenohrwurm „Gaudeamus igitur“ dekretiert selbstbewusst: „Pereat tristitia, pereant osores.“ Ins Wienerische übersetzt heißt das seit 1874: „Glücklich ist, wer vergisst…“ Was bringt die Zukunft? Die Eschatologie des Apostels Paulus mündet in den Satz: „Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden“ (2 Kor. 5,17).

Als Bedarf zeigt sich das Neue, wenn es von unzulänglichen, einengenden, unerträglichen, gefährlichen Verhältnissen hervorgerufen wird, als Antwort auf einen Mangel. Es war das Neue, das die Menschen aus den Höhlen gelockt hat. Erfinder, Entdecker und pfiffige Schlauköpfe produzieren Neues, wenn aus grünen Reben totes Holz geworden ist. Das Neue können in einer dehydrierten, sterbenden Wirklichkeit Ideen sein, Entdeckungen, Erfindungen, Antworten auf Fragen der Gesundheit, neue Impfstoffe, der Zustand von Institutionen oder einer ganzen Gesellschaft: Neues erster Klasse wie Pulver, Rad oder Buchdruck, wie Kernspaltung oder digitales Alphabet; Neues zweiter Klasse wie Luftpumpe, Teleskop oder Thermometer; Neues dritter Klasse wie Flachzange oder Akkordeon. Und Neues vierter Klasse: Tafelspitz und Taschenbuch, Zimtschnecke und Gummischlauch.

Sogar Menschen erfinden sich neu. Manche sogar öfter.

4.

Doch Neues ist nicht nur die positive Antwort auf einen Mangel. Wenn es nur darum ginge, gäbe es heute immer noch keine Atombombe. Aber wir haben sie. Für die Nazis war sie Pflicht. Für den ersten, der gemerkt hat, dass es sie geben könnte, für Leó Szilárd, war sie überflüssige Kür, Teufelszeug, auch für Albert Einstein, der Roosevelt warnen wollte. Doch der amerikanische Präsident starb einen Tag zu früh. Auch für Werner Heisenberg war sie Kür, allerdings keine überflüssige. Er wollte, wofür auch immer, wissen, ob und wie eine Kernspaltung funktioniert. In diesem Fall wäre es besser für die Menschheit gewesen, dergleichen wäre ungewusst geblieben.

Das meiste Neue ist in solchem Sinne Kür, all das, was über das Notwendige hinausreicht, was nicht den Mangel beseitigt, sondern die Fülle vergrößert, Wissen über etwas, von dem man zuvor nichts ahnte.

Wer Wissen sammelt, aus Vergnügen oder aus Herrschsucht, muss im Neuen fischen. Es geht um einen Mehrwert. Der Neugierige sucht das, was er bisher (so) nicht wusste und jetzt möglichst nur er weiß. Wissbegierig und neugierig sein ist nahezu dasselbe. Für die Wissensdurstigen kann es nicht genug an Neuem geben. Sie saugen es förmlich auf. Und für die Mächtigen galt schon immer: Vorsprung durch Wissen.

5.

Man sollte indes bei dieser Trennung von alt und neu im Blick behalten, dass das Neue nicht zu jenen restlosen Gegensatzpaaren gehört (auch wenn es dauernd so tut) wie tot oder lebendig. Zwischen alt und neu siedeln sich Mischlinge an, die relativieren und akzentuieren. Ein Möbelladen wirbt mit den Worten „Neue Wohnkultur – seit 150 Jahren“. Da wird neu, frei von jeder Logik, als ein Merkmal von Qualität benutzt, gerade auch wenn es steinalt ist. Nicht nur neue Besen kehren gut. Neu-Hardenberg wurde bereits 1776 gebaut. Und was meint ein Begriff wie „neue Bundesländer“, dreißig Jahre nach ihrer Gründung?

Ein Wort wie Erneuerung trägt das Alte immer in sich. Erneuerbare Energien gäbe es nicht ohne das, was es schon immer gibt, Wind und Sonne. Das Postulat der Nachhaltigkeit macht darauf aufmerksam, dass es in einer Wegwerfgesellschaft, die voller Hoffnung nach vorne schaut, im Zweifel mehr Sinn machen kann, zurückzuschauen und auf die neue Sau zu verzichten, die durchs globale Dorf getrieben wird und mit ihrem digitalen Schwänzchen wackelt. Es kann im Verhältnis von alt und neu, alt und jung so paradox zugehen, dass ein Neuling, ein militärischer Jungspund, über den der alte Haudegen nur höhnisch lachen kann, den Alten erlegt wie David den Philister Goliath (1 Sam. 17).

Das Wissen von etwas Neuem macht nicht nur mächtig. Es entspannt auch. Wissen ist nicht nur ein Instrument im Wettbewerb mit anderen, die weniger Neues wissen, sondern auch ein Mittel zur Orientierung. Es dient, leider sehr ungleich verteilt – wir geraten auf das Gebiet der Bildungspolitik –, der Vergewisserung in der Unübersichtlichkeit des Alltags und seiner Bedrohlichkeiten. Aktuelles Wissen beruhigt. Dies wird exemplarisch sichtbar in den Quoten von „Tagesschau“ und „Heute“ in Momenten einer Katastrophe: Das Publikum vergewissert sich, was man über alles, was neu ist, wissen kann. Das Neue sind die Gründe, die man nicht kennt. Der RBB wirbt mit dem Satz: „Wir lieben das Warum.“

6.

Schon diese wenigen Hinweise zeigen: Die Antwort auf die Frage, was das Neue – und dann: welches Neue – eigentlich so interessant macht, weshalb es Aufmerksamkeit bindet, weshalb es zur Droge werden kann –, diese Antwort ist vielschichtig und fällt, je nach Kontext, sehr unterschiedlich aus. Man kann diesen Knoten ein wenig entwirren, wenn man nach Spuren in der Geschichte des Wortes sucht. Das schließt auch einen Blick auf verwandte Begriffe ein wie Innovation, Fortschritt, Wachstum oder Beschleunigung.

7.

Nicht immer war das Neue „aufs Innigste zu wünschen“, ein Selbstläufer und jederzeit herzlich willkommen. Es gab Zeiten, in denen Mangel als gottgegeben galt und Fülle als ein Privileg der Höfe und des Klerus (der sich dann eines Tages dagegen aufgelehnt und Armut als Tugend propagiert hat). Für Augustin und für das von ihm geprägte Mittelalter befriedigt der Reiz des Neuen eine Gier, ist also ein Laster, concupiscentia oculorum, impia superbia. Die Denker in der Tradition von Augustin sahen, mit Platons Warnungen im Sinn, als Wirkung des Neuen Aufstand und Umsturz, eine Kampfansage an die Inhaber und Kontrolleure der Macht.

Lange hat diese Position vor allem der Wissenschaft Grenzen gesetzt. Die Weltbilder stürmenden und umwerfenden Neuigkeiten über das Sonnensystem machten noch im 16. Jahrhundert Giordano Bruno (1548-1600) zum Ketzer und verbannten Schriften von Galileo Galilei (1564-1642) auf den Index. Erst spät sah man in der Neugier, curiositas, die Mutter der Wissenschaft (Hans Blumenberg), die verifiziert und falsifiziert. Sie stellt Autoritäten in Frage. Sie schafft in ihren besten Momenten Transparenz und bekommt dafür Nobelpreise. Sie weitet den Horizont. Sie macht die dumm Gehaltenen klüger. Information bildet, ist tägliches Brot. Sie vertreibt das Abgestandene, sie überlagert die Zeitung und den Schnee von gestern.

8.

In Frankreich stößt man auf das Wort innovation schon im 13. Jahrhundert. Die Engländer benutzten es seit dem 16. Jahrhundert. Bei Hegel konnte man dann in seiner „Phänomenologie des Geistes“ lesen: „[…] so reift der sich bildende Geist langsam und stille der neuen Gestalt entgegen, löst ein Teilchen des Baues seiner vorgehenden Welt nach dem andern auf […]. Dies allmähliche Zerbröckeln […] wird durch den Aufgang unterbrochen, der, ein Blitz, in einem Male das Gebilde der neuen Welt hinstellt.“ Vielleicht kannte Joseph Alois Schumpeter diese Sätze, als er 1912 seine „Theorie von der schöpferischen Zerstörung“ publiziert hat.

Für Schumpeter darf man das Zerstören nur dann schöpferisch nennen, wenn es mit einer Innovation verbunden ist. Eine Innovation aber im Sinne Schumpeters ist nicht einfach eine Erfindung. Von einer Innovation kann erst dann die Rede sein, wenn sich eine Erfindung auch durchgesetzt hat. Innovation ist eine zu Ende gebrachte Erfindung, nicht nur etwas, was funktioniert. Es muss am Markt funktionieren. Erst dann kann man auf schöne austroanglizistische Weise sagen: „They will create something new and destroy the old thing.“ Man darf annehmen, dass Schumpeters Theorie in ihrer simplifizierten Version – erst zerstören, dann Neues schaffen – auf die Apologeten der Zerstörung ebenso eingewirkt hat wie auf die Wertschätzung des Neuen im 20. Jahrhundert.

9.

In diesem 20. Jahrhundert ist es nicht zuletzt der Konsum der für die permanente Erneuerung des täglichen Lebens eine tragende Rolle spielt. Ohne neue Produkte gibt es keinen Warenmarkt. Bedenkt man, dass die Artikel des täglichen Konsums nicht nur von Natur aus altern, sondern durch neue Modelle vorsätzlich „veraltet“ werden, dann ist es nur konsequent, den Eintritt neuer Modelle in den alten Markt zu inszenieren wie die Ankunft des Messias. Zu den Theaterpremieren der Gegenwart, allerdings den eher unliterarischen, gehört fraglos eine Präsentation wie die des jeweils neuen iPhones von Apple.

Solche Hochämter verdecken leicht, dass das Neue (fast immer) Opfer fordert. Es gibt Leidtragende, Hinterbliebene, Entlassene, Zurückgebliebene. Manche Menschen müssen sich im Anblick des Neuen von liebgewordenen Vorstellungen und Freunden trennen. Sie müssen sich von Ideologien verabschieden, lange Zeit für richtig Gehaltenes verwerfen. Man wandert nicht schmerzfrei von ganz links nach ganz rechts, wie man bei Didier Eribon nachlesen kann.

Und doch ist, wenn man den Produzenten des Neuen glauben darf, kein Verlust offenbar nachhaltig genug, um das Neue aus seiner Spitzenstellung zu vertreiben. Die Idee, die hinter alledem steht, eine der tragenden Ideen der Neuzeit, speziell auch der Moderne, ist die Idee vom Fortschritt, eine Idee, die man Schritt für Schritt realisieren, an die man aber auch einfach nur glauben kann. Sie verbindet sich mit einer zweiten Vorstellung, der Idee vom unumkehrbaren Wachstum durch pausenlose Innnovation.

10.

Wie das Neue so hat auch der Fortschritt eine Vorgeschichte. Wenigstens einen seiner Ursprünge hat er im alttestamentlichen, jüdischen Schöpfungsmythos. Was dort noch creatio ex nihilo ist, wird später creatio novi. Die Verbindung von Schöpfergott und menschlichem Schöpferwillen reißt auch dort nicht ab, wo alles sich betont weltlich gibt, wo man von einem Schöpfergott nichts mehr weiß oder nichts mehr wissen will. Ihren Ausgang bei der Schöpfung verlieren der Fortschritt und das Wachstum nie: „Machet euch die Erde untertan!“ Eritis sicut Deus, scientes bonum und malum – darauf läuft die Sache immer auch hinaus. Stanislaw Lec fragt: „Was ist Chaos?“ Und antwortet: „Es ist jene Ordnung, die man bei Erschaffung der Welt zerstört hat.“

Auch die griechische Tradition verknüpft schon früh das Handeln der Götter mit Fortschritt. Bei Xenophanes (um 500 v. Chr.) lesen wir: „Wahrlich nicht von Anfang an haben die Götter den Sterblichen alles enthüllt, sondern mit der Zeit finden sie suchend das Bessere.“

Es sind also noch Fragen, Dinge, Entwicklungen offen. Es bleibt noch etwas zu tun. Die Götter und die Menschen – und nach der Götterdämmerung eben nur noch die Menschen – müssen suchen, was vorerst noch verborgen blieb. Zum Beispiel das Feuer.

Dabei läuft die Sache bei den Griechen ein wenig anders als im Alten Testament, wo Gott am Ende des Schöpfungsaktes sagt: „Und siehe da, es war sehr gut.“ Das sagen die griechischen Götter nicht. Da bleibt etwas offen. Die Götter haben womöglich auch ein paar sehr unschöne Sachen verborgen gehalten. So klingt es auch im berühmten Chorlied des Sophokles über den Menschen. Jede Büchse kann die Büchse der Pandora sein, jener Pandora im Übrigen, die Zeus dem Epimetheus auf den Hals schickt, wie ein Geschenk, die aber dann den Deckel vom großen Topf hebt – der Anfang allen Übels, wie Hesiod berichtet.

Karl Kerényi spricht in seiner Erklärung des Mythos vom „Drang nach schlauer und erfinderischer Gestaltung des Seins“. Fast als habe er Schumpeter in der Antike gefunden, spricht Kerényi mit Blick auf Prometheus von „Wunden, aus denen Leben quillt“. Auf so etwas wie schöpferische Zerstörung verweist auch das uralte Prinzip der Homöopathie, „welches das Altertum als einen berühmten Orakelspruch des Apollon kannte: Wer verwundet, der heilt auch.“ Kerényi zitiert ihn in seiner Arbeit über Asklepios. Prometheus, einerseits Gott, doch auf der Seite der Menschen, einer auf der Grenze – ein schöneres Bild hat der Mythos nicht zu bieten. Auch keines, das gefährlicher wäre.

Es macht einen großen Unterschied, ob man noch etwas Überraschendes zu erwarten hat oder ob die Geschichte insgesamt nach vorne drängt im Sinne eines Fortschritts, der unaufhaltsam ist. Davon kann erst zu Beginn der Neuzeit die Rede sein. Erst jetzt bildet sich allmählich aus, was man im 18. Jahrhundert dann mit dem Wort Fortschritt bezeichnet. Er besteht nicht mehr in der Veränderung einzelner Dinge, sondern lebt vom Gedanken der permanenten Veränderung des Großen und Ganzen schlechthin. Es ist ein neues Verständnis von Geschichte, in der der Fortschritt der Treiber ist. Er nistet sich als ein Basisfaktor ein in das menschliche Dichten und Trachten, als sich die christlich geprägte Vorstellung vom „Ende der Weltzeit in eine offene Zukunft verwandelt“ (Reinhart Koselleck).

11.

Am Anfang dieser neuen Sicht auf die Zeit steht schon am Ausgang des Mittelalters ein gewisser Roger Bacon. Er möchte die Philosophie zu einer Philosophia experimentalis machen, die „die Verlängerung des Lebens, die Erfindung von Flugmaschinen, selbstfahrenden Wagen, Instrumenten zur Fortbewegung unter Wasser möglich macht“. Das sagt Roger, nicht etwa Francis Bacon, der zwar – einige Jahrhunderte später – ein „Novum Organum“ verfasst, aber zugleich jede Innovation für verdächtig, sogar für verwerflich hält.

Als anfängt, was man ex post nicht zufällig die Neuzeit nennt, suchen viele an vielen Orten nach dem Neuen, nach neuen Seewegen, neuen Ländern, neuen Rohstoffen, neuen Gewürzen. Das Mittelalter läuft aus. Die unbekannte Zukunft übt einen unwiderstehlichen Reiz auf die aus, die wissen wollen, was sein wird. Keiner kennt diese Zukunft und genau deshalb kann man sie gestalten, wie immer schon aus purer Notwendigkeit, aber auch aus Lust auf das Neue. Von Kaspar Stieler erscheint schon 1665 ein Buch mit dem Titel „Zeitungs Lust und Nutz“. Leibniz sagt, dass es „ohne ständig Neues und ohne Fortschritt kein Denken und daher auch keine Lust gibt“, mehr noch: dass Glückseligkeit „in einem dauernden ununterbrochenen Fortschritt“ besteht.

Mit der Aufbruchstimmung der frühen Neuzeit tritt die antik-biblische Tradition wieder stärker in Erscheinung. Francis Bacon etwa verfolgt den Gedanken, „die dem Menschen von Gott gegebene und im Sündenfall verlorene Herrschaft über die Kreatur“ (Gerhard Ritter) werde im Fortschritt wiederhergestellt. Man stößt – wir sind damit schon im 19. Jahrhundert – auf religiöse Spuren etwa in einem Satz von Friedrich Schlegel: „Der revolutionäre Wunsch, das Reich Gottes zu realisieren, ist der elastische Punkt der progressiven Bildung und der Anfang der modernen Geschichte.“

Später stehen die großen Erfinder und Entdecker, etwa der Elektrizität, der Mobilität, des Penicillins, unter Gottesverdacht. Es sind je länger je mehr auch die großen Ärzte, die, die man „die Halbgötter in Weiß“ nennt, nicht nur ihres Gehabes wegen. Ihnen folgen die großen Chemiker und Physiker wie Max Planck, Albert Einstein, Otto Hahn oder Werner Heisenberg, deren Entdeckungen nun wieder ganz in der griechischen Tradition für beides stehen: für neues Leben ebenso wie für die finale Unbewohnbarkeit der Erde.

12.

Die Athener, die man in der Antike die Neoteropoioi, die Neumacher, nannte, fragten einst (wie in der Apostelgeschichte berichtet wird) den Apostel Paulus nach religiösen Neuigkeiten: „Wen bringst du uns Neues?“ Es ist eher diese Tradition, die im 19. Jahrhundert wieder Anhänger findet. Jetzt wird der Fortschritt selbst zu einer Religion, so dass Heinrich Heine vom „Glauben an den Fortschritt“ sprechen kann. Ungebrochen freilich wirkt diese Religion nur bei Karl Marx und in den marxistischen Erbfolgeländern und -parteien, in denen der Fortschritt als „Leitbegriff weiterwirkt“ (Reinhart Koselleck). In anderen Ländern gerät der Fortschritt spätestens mit dem Ersten Weltkrieg zunehmend in die Kritik. Nietzsche holt den Fortschritt ganz aus der Zukunft heraus, wenn er sagt: „Die Menschheit avanciert nicht.“ Doch erst 1972 spricht der Club of Rome von den „Grenzen des Wachstums“ („The Limits of Growth“).

13.

Ungeachtet solcher Risse im Ideengebäude erlebt der Fortschritt auch nach solchen Zurückweisungen eine neue Blüte mit dem vorerst völligen Sieg des Kapitalismus (1989), dessen Geist nach Max Weber voller protestantischer Ethik ist, Ausdruck der calvinistischen Anthropologie, nach der es einen Zusammenhang zwischen irdischen Reichtümern und ewiger Anerkennung gibt.

Webers These lenkte den Blick auf den Rang des Neuen vor allem im Kontext der Ökonomie, des Alltags, der wirtschaftlichen Gebrauchsgüter. Der von ihm ausgearbeitete Zusammenhang von ewigem Heil und Reichtum auf Erden, eine Art Heiligsprechung, ist für die Bewertung des Fortschritts ähnlich folgenreich wie Schumpeters Theorie von der schöpferischen Zerstörung für die Innovation. Weber macht im Übrigen ein weiteres Mal von der latenten Verbindung des Neuen, eines individuell geprägten Schöpferwillens mit seinen jüdisch-christlichen Wurzeln, Gebrauch. Auch auf der Grundlage dieser oft auch sehr vereinfacht genutzten These von Max Weber hat sich bis in unsere Zeit hinein eine nur schwer zu erschütternde Legitimation für das fortgesetzt Neue herausgebildet – der Mensch in seinem ökonomischen Drang als Triebfeder des Fortschritts.

Hans-Ulrich Wehler zeigt im letzten Band seiner „Sozialgeschichte“, wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Exempel für die Sprünge wird, die eine fortschrittsgläubige Nation offenbar vor allem dann zuwege bringt, wenn sie eben erst in die falsche Richtung gelaufen ist. Einer dieser Sprünge ist, dass sich das Durchschnittseinkommen der Deutschen von 1952 bis 1972 verdreifacht hat. Das steht für die Dominanz des Komparativs, für den wirkmächtigen Gedanken des Wachstums, gegen den die Prophezeiung seines Endes durch den Club of Rome zu seiner Zeit noch ohne Chance ist.

Die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts ist in den westlichen Gesellschaften insgesamt dominiert von einem atemlosen Komparativ. Er erscheint exemplarisch in einer allumfassenden Miles-and-more-Verheißung, der zufolge das, was man hat, immer mehr ist, als man sieht. Die Botschaft lautet: Es schläft ein Lied in allen Waren.

In diesem Fortschrittsgedanken einschließlich seiner Zuspitzung als Fortschrittsglauben wird der Kreative – aktuell im Gewand des Start-up – zum gesellschaftliche Helden, dem man alles zutraut und alles nachsieht. Auch seine Insolvenz. Der schöpferische Mensch bedarf, egal, was ihm einfällt, keiner weiteren Rechtfertigung. Die Innovation hat die Zone des Fraglosen betreten. Die Erwägung, ob man dies oder jenes, auch und obwohl es neu ist, wirklich braucht, setzt sich leicht dem Vorwurf aus, man wolle Arbeitsplätze vernichten.

14.

Auf der Gegenfahrbahn des Fortschritts ist freilich auch reger Verkehr. Franz Kafka schreibt am 8. Juli 1920 an Milena Pollak: „Man macht sich schon in der Gegenwart zum Kampfplatz der Zukunft, wie soll dann der zerwühlte Boden das Haus der Zukunft tragen?“ Unliterarisch gesprochen: Die Lust an der Erfindung zeigt als ihre Kehrseite eine Art von alltäglichem Terror, den alles Existierende auslöst, weil und solange es existiert, und der nur durch das Neue beseitigt werden kann, was unverzüglich alternd seinerseits neuen Terror schafft.

Martin Heidegger bemerkt spöttisch zur Neugier, die nur sehen will und nichts versteht: „Sie sucht das Neue nur, um von ihm erneut zum Neuen abzuspringen.“ Er greift in seiner Bewertung die Augustinische Neugier kritisch auf: „Die Neugier ist überall und nirgends.“ Unphilosophisch gesprochen: Die Verfallszeit des Neuen wird immer kürzer. Das Neue altert sichtbar. Walter Benjamin entdeckt am Beispiel der Mode die „Gefangenschaft des Neuen im Alten“ und spottet, auf Nietzsche anspielend: „Die Mode ist die ewige Wiederkehr des Neuen.“

Es gibt Kaufhäuser, die – einmal davon abgesehen, dass sie selbst als auslaufendes Modell gelten – im Wochentakt ihre wesentlichen Angebote umlagern. Sie nennen es Umdekorieren. Nur dann sind sie, auch wenn es die Kundschaft eher verwirrt als erfreut, innovativ, was auch heißt: flexibel wie ihre Kunden. Der flexible Mensch ist der jederzeit für das Neue, allerdings das von ihm so gar nicht gewollte Neue, offene Mensch, der alles zurücklässt, was ihm wichtig ist, der nur nach vorne schaut, übrigens schon allein deshalb, weil er zu etwas anderem gar keine Zeit mehr hat (nach Richard Sennett). Denn es muss schnell gehen. Schneller als bisher. Neuigkeit und Beschleunigung sind mit Blick auf ihre Steigerung zwei Seiten derselben Sache. Die permanente Beschleunigung des Verkehrs und des Nachrichtenwesens steigert auch die Bedeutung des Neuen. Der Bote, der den Sieg der Athener bei Marathon nach Athen gemeldet hat, war ein Langläufer. Er steht für die Steigerung des Tempos bei der Ausrufung des Neuen. Das prägt die Medienbranche, zu der auch dieser Bote gehört, von Anfang an. Die griechische Post heißt entsprechend Tachydromia – Schnell-Läuferei. Dieses Tempo zeigt sich auch darin, dass das Internet das Ereignis und die Information darüber bis an den Rand der Gleichzeitigkeit komprimiert.

15.

Doch nachdem sich das Neue grenzenlos und mit rasender Geschwindigkeit ausgeweitet und ausgebreitet hat, nachdem es ein hochprofitables Industrieprodukt geworden ist, reizend, attraktiv und offenbar unschlagbar, zeigen sich in diesem Gebäude des „Neu-Imperialismus“ Risse. Nach dem Umbau der Filiale ist sie nicht etwa neu. Der Outdoor-Ausrüster Globetrotter wirbt mit dem Slogan „Mehr als nur neu“. Das wäre zu wenig. Es gibt mittlerweile viel zu viel, was sich die Marke „neu“ umhängt. Das Neue beginnt nicht nur bei den Nachrichten, sich zu kannibalisieren. So mutiert es zum Déjà-vu. Wenn alles neu ist, wird das eine Alte das Besondere. Neben vielen anderen Kulturen ist nun die Rede von der Museumskultur.

Vielleicht war die Idee vom Fortschritt am Ende doch nur ein lange gepflegtes Missverständnis. So schreibt Niklas Luhmann: „Die Gesellschaft geht nicht auf wie ein Sauerteig, sie wird nicht gleichmäßig größer, differenzierter, komplexer, wie die Fortschrittstheorien des 19. Jahrhunderts meinten (und meinen konnten, weil sie die Gesellschaft nur als Wirtschaftssystem begriffen).“ Saskia Sassen erinnert in ihrem Buch über „Das Paradox des Nationalen“ daran, dass das Neue, mit dem alles Neue in der Geschichte beginnt, „nur selten ex nihilo“ kommt. Sassen: „Es ist tief mit der Vergangenheit verzahnt. […] Das Neue ist unordentlicher, stärker vorgeprägt und von älterer Abstammung, als es die eindrucksvollen neuen globalen Institutionen und Globalisierungspotentiale vermuten lassen.“ Umberto Eco macht eine Gewinn- und Verlustrechnung auf. In einem seiner „Streichholzbriefe“ stellt er die Frage, „ob wir in den letzten hundert Jahren wirklich so viel Neues erfunden haben. Alles“, so Eco weiter, „was wir täglich benutzen, ist im 19. Jahrhundert erfunden worden. […] Gewiss, unser Jahrhundert (das 20.!) hat die Elektronik hervorgebracht, das Penicillin, […] die Kernfusion, das Fernsehen und die Raumfahrt.“ Aber wahr ist nach Eco auch dies: „Mindestens zwei Erfindungen […] – die Plastikstoffe und die Kernfusion – versucht man heute rückgängig zu machen, weil man gemerkt hat, dass sie den Planeten vergiften.“ Eco zieht daraus den Schluss: „Fortschritt besteht nicht unbedingt darin, dass man um jeden Preis vorwärts geht.“

16.

Doch das Neue wird noch von einer ganz anderen Seite attackiert: vom Verlust in das Vertrauen, dass es tatsächlich neu ist. Die Vermischung von Richtigem und Falschem, der offenbar unaufhaltsame Aufstieg des Fake, fördert den Dauerzweifel, ob das, was man liest, hört oder sieht, tatsächlich etwas Neues ist oder nicht doch nur ein Fake, eine Ente, ähnlich jenem öltriefenden Vogel, der den ersten Irakkrieg ikonografisch begründen sollte, zwar ein neuer Wein, aber ohne Schlauch.

Diese Konstruktionen neuer, tatsächlich aber nur erdechter Wirklichkeiten, für die es keinerlei Evidenz gibt, diese säkularen Schöpfungsgeschichten, die von etwas Neuem erzählen, was man nicht hören, sehen oder fühlen, sondern nur noch glauben kann, werfen auf alles Neue den dunklen Schatten der Lüge. Die Frage stellt sich, wie man künftig extrem genau zwischen neu und erfunden, zwischen richtig und falsch, zwischen wahr und gelogen unterscheiden möchte, wenn man nicht ein Opfer oder Anhänger einer neuen Sekte werden will. Und zwar ohne einen neuen Apparat der Kontrolle, der festlegt, was ist. Das Überleben der Konzerne, die von der Produktion des Neuen leben, wird davon abhängen, ob sie plausible Modelle für dieses Unterscheiden anbieten können.

Das leitet zwanglos zu der Vermutung über, dass wieder einmal in der Mediengeschichte die Stunde der Kontrolleure und Zensoren gekommen ist. Manchen Ländern hat sie schon geschlagen. Da haben die Zensoren bereits die Herrschaft mit dem Versprechen übernommen, Ordnung ins Chaos zu bringen. Dazu sehen sie sich nicht zuletzt durch den derzeit unkontrollierbaren und daher auch unkontrollierten Ausstoß an Informationen aus dem Netz legitimiert. Und egal, wer hier was in seinem Interesse instrumentalisiert: Der Ausstoß des Neuen im Netz prägt das Image des Netzes und liefert den Zensoren billige Argumente. Als Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2020 behauptete, sein Rivale Joe Biden halte sich mit Medikamenten fit, fragte ein Journalist, woher er das wisse. Trump darauf, kühl und verlogen: „Schauen Sie doch nur ins Internet.“

Wenn dieser Umgang mit Fakten Schule macht und Informationen ersetzt, dann erinnert das an frühere Zeiten, als das Wissen streng reguliert und nur fallweise zugewiesen wurde, als Wissen das Privileg der Mächtigen war. Nur das Outfit der Kontrolleure hat sich verändert. Mittlerweile treten, selbst eine Neuigkeit von großer Tragweite, bisher völlig unbekannte Sucher und Regulierer des Neuen auf und ordnen es auf ihre Weise. Sie haben sich rasch an die Spitze der Jagdgesellschaft gesetzt. Sie nennen sich – was sehr seriös klingt – Algorithmen. „Sie propagieren die Inhalte, die die stärksten Reaktionen hervorrufen, Hass, Desinformation, Verschwörungstheorien. Nicht weil Facebook sie gezielt aussucht, sondern weil der Algorithmus nach allem sucht, was Reaktionen auslöst“ (Robert McNamee). Und da war das Neue schon immer der Rohstoff Nummer 1. Sie folgen einem höchst erfolgreichen Vorbild. Erst produzieren sie eine Droge. Dann heben sie die von Unschuld zitternden Hände. Dann profitieren sie von der Sucht. Sie können nichts dafür. Es sind doch nur kalte Rechner.

• Noch immer liest man die besten und die meisten Einsichten zum Stichwort „neu“ im Heft Nr. 9-10/2008 der Zeitschrift „Merkur“.

15.01.2021/MK

Print-Ausgabe 19-20/2021

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