Der Menschenfreund

Zum Tod des langjährigen WDR‑Journalisten Gerd Ruge

Von Dietrich Leder
22.10.2021 •

Gerd Ruge, der 1928 in Hamburg geboren wurde, gehört zu den zentralen Persönlichkeiten, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland prägten, Radio wie Fernsehen. Als der Zweite Weltkrieg endete, war er noch nicht ganz 17 Jahre alt. Nach dem Abitur 1946 wollte er Journalist werden. Axel Eggebrecht, der beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) in Hamburg einer der zentralen Redakteure war, empfahl ihm, sich für die neu gegründete Rundfunkschule des Senders zu bewerben.

Diese Rundfunkschule war eine Idee der britischen Besatzungsmacht, die bei der Suche nach Journalisten für den NWDR meist auf Männer gestoßen waren, die zuvor als Propagandisten der Nazis und ihres Angriffskriegs gearbeitet hatten. Der als links geltende Eggebrecht war während der NS-Zeit als Drehbuchautor von Unterhaltungsfilmen tätig gewesen. Die Briten wussten zudem, wie Kinder und Jugendliche in den Erziehungsagenturen des Nationalsozialismus („Hitler-Jugend“, „Bund Deutscher Mädel“) politisch gedrillt worden waren. Ihre Rundfunkschule sollte nun jungen Männern und Frauen die Ideale und Funktionen eines unabhängigen Rundfunkjournalismus nahebringen.

„Ein hochbegabter Junge“

Vorbild war die „Staff Training School“ der BBC. Initiator der NWDR-Rundfunkschule war Hugh Carlton Greene, der als Chief Controller des Rundfunks in der britischen Besatzungszone fungierte. Gerd Ruge nahm 1948 am zweiten Lehrgang teil – zusammen unter anderem mit Dagmar Späth, die später das vom NWDR gestartete Fernsehmagazin „Hier und Heute“ moderierte, Erwin Behrens, der viele Jahre für den WDR als Hörfunkkorrespondent arbeitete, und Hartwig Schmidt, der als Dramaturg beim Fernsehspiel des WDR tätig wurde.

Ruge besuchte die Rundfunkschule in Hamburg gerne, sah aber auch Möglichkeiten, den Unterricht zu verbessern. In einem Text, den er zu den ersten – so der Titel – „Vier Wochen Rundfunkschule“ schrieb (und der im Rahmen eines Aufsatzes von Dietrich Schwarzkopf zur Geschichte dieser Einrichtung in voller Länge veröffentlicht wurde), kritisierte er die Neigung mancher Teilnehmer, in den Diskussionen „möglichst lange und häufig zu reden“. Mit einer gewissen Selbstironie konstatierte er, dass er nach vier Ausbildungswochen den Glauben verloren habe, dass er ein Ziel habe und dafür dort etwas tun könne; aber er hoffe, dass er am Ende des Kursus „beides wissen werde“.

Fast unmittelbar nach Abschluss der Rundfunkschule wechselte er zur Kölner Dependance des NWDR. Werner Höfer, der spätere WDR-Fernsehdirektor, sagte einmal, Ruge sei „die interessanteste Erwerbung“, die Hanns Hartmann aus Hamburg mitgebracht habe. Hartmann wurde 1955 erster Intendant in Köln, als sich der NWDR in WDR und NDR teilte. Werner Höfer arbeitete von 1947 bis 1949 für eine Radiosendung mit dem Titel „Aus unserem westdeutschen Tagebuch“. Er charakterisierte Ruge im Rückblick so: Er sei „ein hochbegabter Junge“ gewesen, der Neigungen und Talente besitze, die für das Gewerbe gut seien, „eine musische Komponente, eine journalistische Komponente, eine politische Komponente“. Zusammen gründeten Höfer und Ruge das Ende April 1950 erstmals ausgestrahlte werktägliche Hörfunk-Regionalmagazin „Zwischen Rhein und Weser“, das sich zur Aufgabe gesetzt hatte, das noch junge Bundesland Nordrhein-Westfalen, das mit dem Sendegebiet des Westdeutschen Rundfunks identisch war, zu erkunden und darzustellen.

Doch Gerd Ruge hielt es nicht lange in Köln aus. Er war oft als Reisekorrespondent unterwegs, berichtete beispielweise aus Jugoslawien, das sich damals langsam aus der Abhängigkeit von der Sowjetunion zu lösen begann. Im Juni 1956 ging Ruge als erster ständig akkreditierter deutscher Hörfunkkorrespondent nach Moskau. Zuvor hatte Klaus Mehnert erstmalig für die ARD aus der Sowjetunion berichtet, allerdings nur für die Zeit von drei Monaten. Ruge blieb drei Jahre und brachte den Hörerinnen und Hörern in seinen Berichten ein Land nahe, das sie als Ziel von Hitlers Angriffskrieg und als Kriegsgegner kannten. In Moskau bewies Ruge wie schon vorher in Nordrhein-Westfalen seine Neugier nicht nur für die große Politik, sondern auch für den Alltag der Menschen. Am stärksten beeindruckt hat ihn in dieser Zeit kein Politiker, sondern ein Schriftsteller. Er begegnete Boris Pasternak, über den er 1958 sein erstes Buch veröffentlichte. Viele weitere Bücher – die meisten Reiseberichte – folgten.

Mitinitiator des ARD-Auslandsmagazins „Weltspiegel“

Als er nach Köln zurückkehrte, begann er für das Fernsehen des WDR zu arbeiten. So gehörte er zu den Mitarbeitern der Reihe „Das Dritte Reich“, der ersten großen Dokumentation über die Nazi-Zeit. Später leitete er die regionalen Fernsehsendungen „Hier und heute“ und „Prisma des Westens“ und initiierte zusammen mit Kollegen den „Weltspiegel“, mit dem den Auslandskorrespondenten der ARD ein wöchentlicher Sendeplatz für Hintergrundberichte geboten wurde.

Im Jahr 1964 ging er – nun als Fernsehkorrespondent – in die USA. Dort wurde er am 6. Juni 1968 in Los Angeles Zeuge der Ermordung von Robert Kennedy, der sich damals anschickte, demokratischer Präsidentschaftskandidat zu werden. Über das, was er erlebte, spricht Ruge in der Reportage „Amerika am 6. Juni – Die Ermordung von Senator Robert Kennedy“ direkt in die Kamera. Der Text ist sachlich gehalten. Doch der, der ihn spricht, ist sichtlich bewegt, die Stimme droht zu kippen, man hat das Gefühl, der Korrespondent könne die Tränen nur mit Mühe zurückhalten. Er erklärt: „Sie werden mir verzeihen, dass ich das nicht so geschliffen erzählen kann, das ist alles noch ein Alptraum.“ Zu sehen: ein Journalist, der seinen Job professionell erledigt und doch die persönliche Anteilnahme nicht verhehlt. Eine Sternstunde des Fernsehjournalismus, die ihm einen Sonderpreis im Rahmen des Adolf-Grimme-Preises eintrug.

1970 wurde ihm der Titel „Chefkorrespondent der ARD“ zuteil. Wenig später leitete er für drei Jahre das Bonner Studio, also das damalige ARD-Hauptstadtbüro, und erschien somit immer dann im Bild, wenn das Erste Programm von der Bundespolitik berichtete. Ihm folgte in dieser Position 1973 ein gewisser Friedrich Nowottny nach. Zu diesem Zeitpunkt war Gerd Ruge aus dem WDR ausgeschieden. Ihn hatte ein Angebot der Tageszeitung „Die Welt“ gereizt, als erster deutscher Journalist in China zu arbeiten und in Peking akkreditiert zu werden. Für viele in seinem Heimatsender galt das als eine Art Verrat, vor allem da die Tageszeitung, zu der er ging, die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition der frühen 1970er Jahre ja heftig bekämpft hatte. Doch Ruge reizte das Neue so sehr, dass er dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Rücken zukehrte. Allerdings währte das Abenteuer in China und als Printjournalist nur drei Jahre. 1977 kehrt Ruge zum WDR zurück und ging für den Sender als ARD-Hörfunkkorrespondent wieder nach Moskau. Manche haben diese Aufgabe als eine Art von Rehabilitationszeit für den auf Zeit abtrünnigen Ruge verstanden.

Von 1981 bis 1983 leitete und moderierte Gerd Ruge das vom WDR verantwortete ARD-Politmagazin „Monitor“. Anschließend amtierte er für zwei Jahre als Fernsehchefredakteur des WDR. Die, die ihn in Köln damals erlebten, lobten ihn als einen Chef, der sich jeden Beitrag genau anschaute und sich auch mit Kritik nicht zurückhielt, der sich aber immer vor seine Mitarbeiter stellte, wenn es unsachliche Kritik von außen oder aus der WDR-Hierarchie gab. Er, der als Korrespondent ja eher ein Einzelgänger war, verstand sich als Teil eines Teams.

Aber man merkte ihm in Köln auch eine gewisse Ungeduld an. An den Betrieb in einer Rundfunkanstalt mit ihrer starren Struktur, ihrer Bürokratie und ihren langsamen Entscheidungswegen mochte er sich nicht gewöhnen. So nutzte er 1987 die Gelegenheit, erneut als Fernsehkorrespondent nach Moskau zu gehen. Hier erlebte er die entscheidenden Momente, in denen die alte Sowjetunion zu bröckeln anfing und schließlich zerfiel. Ruge hatte mit seiner Entscheidung, noch einmal in Moskau zu arbeiten, das richtige Gespür bewiesen und war mit seiner Kenntnis der sowjetischen Geschichte und der dortigen politischen Verhältnisse zur richtigen Zeit am richtigen Platz.

Er vertraute in seinen Reportagen dem Bild

Nach seiner Pensionierung Ende August 1993 drehte er für die ARD viele Reisefilme unter dem Titel „Gerd Ruge unterwegs“. In diesen Reportagen war wieder seine Neugier für das Alltägliche, seine Fähigkeit, mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch zu kommen, seine Menschenfreundlichkeit zu bestaunen. Dass er dabei oft selbst im Bild erschien, war nicht der Star-Gestus, wie ihn die seit einigen Jahren modische gewordene Presenter-Reportage pflegt, sondern folgte aus der Nähe zu den Menschen, mit denen er vor der Kamera sprach. Anders als viele, die ihm nachfolgten, vertraute er in seinen Reportagen dem Bild, dem er seine zurückhaltenden Kommentartexte unterordnete. Vielleicht meinte Werner Höfer dieses Denken in und mit Bildern, als er Ruge eine gewisse „musische Komponente“ testierte.

Dass Gerd Ruge durchaus filmisch dachte, erlebten auch diejenigen mit, die mit ihm in der Jury des Preises zusammenarbeiten durften, der seinen Namen trägt. Im Jahr 2002 hat der WDR zusammen mit der Film- und Medienstiftung NRW das „Gerd-Ruge-Stipendium“ eingerichtet, in dessen Rahmen alljährlich bis zu 100.000 Euro ausgelobt und an mehrere Projekte verteilt werden. Besondere Aufmerksamkeit, heißt es in den Informationen der Filmstiftung zum Stipendium, genießen Einreichungen des filmischen Nachwuchses.

Ruge nahm bis vor einigen Jahren alljährlich selbst an den Jury-Sitzungen teil. Als einer unter mehreren, der für sich keine Sonderrechte beanspruchte, der stets alle Einreichungen bestens kannte, der sich vor allem für Projekte interessierte, die eine große Neugier auf die Welt verrieten. Wenn man ihn auf seine Fernsehkarriere ansprach, dann reagierte er vollkommen uneitel, oft mit einem leicht ironischen Unterton, wie er ihn schon 1948 in der Rundfunkschule angeschlagen hatte. Und wie damals merkte man ihm an, dass er Menschen, die „möglichst lange und häufig“ reden, nicht unbedingt seine Lebenszeit schenken wollte. Gerd Ruge starb am 15. Oktober in München im Alter von 93 Jahren.

22.10.2021/MK

Gerd Ruge (1928-2021)

Foto: WDR/Fürst-Fastré

Tweet des Sohns von Gerd Ruge

Abb.: Screenshot


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