Der Mann an der Gitarre

Zum Abschied von Thomas Kleist als Intendant des Saarländischen Rundfunks

Von Steffen Grimberg
15.05.2021 •

Für Thomas Kleist bleibt dieser 15. Oktober 1999 unvergessen. „Der ARD-Finanzausgleich wird nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur von gegenwärtig 186 Millionen Mark bis zum Jahr 2006 auf 90 Millionen Mark gesenkt. Nähere Einzelheiten sind noch nicht bekannt“, meldete die dpa im Verlauf des Nachmittags von der Konferenz der Rundfunkkommission der Länder in Bonn. Kleist, als ehemaliger Staatssekretär Rundfunkratsmitglied und damals designierter Verwaltungsratsvorsitzender des Saarländischen Rundfunks (SR), spricht heute noch von einer „Willkürentscheidung aus politischem Opportunismus“.

Mit der De-facto-Halbierung des Finanzausgleichs für den SR war die Existenzfrage gestellt, die Saar-Anstalt und das noch kleinere Radio Bremen sollten per finanziellem Druck in die fusionsbereiten Arme der großen Nachbaranstalten getrieben werden. Doch der Halberg, auf dem der SR über Saarbrücken thront, machte nicht mit. Begleitet hat Kleist diese Entscheidung dennoch bis zuletzt. Genauso wie die Begehrlichkeiten anderer, den Saarländischen Rundfunk in größeren Einheiten aufgehen zu lassen.

„Der SR muss unverzichtbar sein“

Am 15. April 2011 wurde der 1955 in Gehweiler geborene Saarländer Thomas Kleist als Nachfolger des im Amt verstorbenen Fritz Raff zum SR-Intendanten gewählt, mit dem knappsten denkbaren Ergebnis von einer Stimme Mehrheit im alles entscheidenden siebten und letzten Wahlgang (vgl. FK-Meldung). Fast exakt zehn Jahre später ist Kleist nun selbst etwas verfrüht zum 1. Mai 2021 als Intendant abgetreten. Zu seinen größten Erfolgen zählt er, dass unter seiner Führung der ARD-Finanzausgleich wieder funktioniert. Die 1999 beschlossene Absenkung des Transferbetrags von 1,9 Prozent des Nettogebührenaufkommens der ARD auf 1,0 Prozent wurde Schritt für Schritt korrigiert. Ab 2017 waren es schon wieder 1,6 Prozent der Nettobeitragseinnahmen der ARD. Ab 2023, so hat es Kleist durchgesetzt, steigt der Anteil auf 1,8 Prozent. „Gestern habe ich die letzte Unterschrift unter den Übergangsfinanzausgleich gesetzt. Da sieht man, wie lange es dauert, eine politische Entscheidung wieder zu korrigieren“, sagt Kleist beim Abschiedsgespräch im umgebauten ehemaligen Fabrikantenschloss auf dem Halberg, das sich der Hüttenunternehmer Carl Ferdinand Stumm-Halberg ab 1877 bauen ließ.

Die Existenzsicherung des SR als eigenständige ARD-Anstalt für das Saarland zieht sich durch Kleists Amtszeit, sie ist und bleibt auch Hauptanforderung für seinen im Februar gewählten Nachfolger Martin Grasmück (vgl. MK-Meldung), der seit dem 1. Mai auf dem Halberg regiert. Doch das ist und war für Kleist nie Selbstzweck, um das eigene, durchaus vorhandene Ego zu streicheln. „Als einer von Neunen der Achtgrößte zu sein, bedeutet doch schlicht: Der SR muss in der gesamten ARD so unverzichtbar sein, wie er es im Saarland ist“, sagt Kleist mit feiner Ironie. Natürlich, das Saarland kann er. Es gibt wohl keinen Ort, an dem er noch kein Grußwort gesprochen oder mit den Menschen „geschwätzt“ hat, sei es in seiner Zeit als Staatssekretär (er ist SPD-Mitglied) oder später als Intendant, sagt Kleist über Kleist. In der ARD, so ist es zwischen den Zeilen herauszulesen, wäre er gern noch ernster genommen worden mit der Bedeutung des SR als „Grenzlandsender“, die dem frankophonen „Halbmuttersprachler“ Kleist so ernst und wichtig ist.

„Wir haben in der ARD die größte Frankreich-Kompetenz. Das ist in einem auseinanderdriftenden Europa von außerordentlicher Bedeutung“, sagt Kleist unter Verweis auf die Achse Paris-Berlin, wobei er die Städtenamen natürlich französisch spricht. Dass dies und die hohe regionale Kompetenz des SR in der gegenwärtigen Auftrags- und Strukturdebatte zu kurz kommt bzw. als selbstverständlich abgetan wird, ärgert ihn sichtlich. Vermutlich deshalb nennt er bei der Frage nach seinen größten Erfolgen auch den Wiedereinstieg in die Live-Übertragung von der Tour de France. Wegen der massiven Dopingskandale und schwindender Quoten war die ARD seinerzeit ausgestiegen, der SR als Federführer war daraufhin auf rein nachrichtliche Berichterstattung von der Tour zurückgeworfen und musste bei den französischen und britischen Kollegen als Bittsteller in Sachen technischer Infrastruktur auftreten. Den Dank für die Unterstützung überbrachte Kleist spontan und persönlich: „Die wollten deutsches Bier. Es war Sonntag, die normalen Läden hatten zu. Da bin ich zur Tankstelle gefahren, habe alle Sixpacks aufgekauft, ab in den Kofferraum, dazu noch Lyoner und Rotwein – und dann ging’s ab nach Paris.“ Die französischen Sendergewaltigen wie Rémy Pflimlin vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen France Télévision hätten die ARD damals nach dem Ausstieg für verrückt erklärt, die honneur national, die Ehre der Grande Nation, war gekränkt. Jetzt aber überträgt der SR wieder für die ARD, „schmaler, kostengünstiger, aber wir sind wieder dabei“.

„Eine wehrhafte Politik, die bereit ist, für das System einzustehen“

Für den ehemaligen Politiker Kleist ist die aktuelle Akzeptanzkrise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ohnehin klar ein Problem der Politik. „Wir haben“, konstatiert er, „eine hohe Akzeptanz beim Publikum. Die brauchen wir auch, da sehe ich aber keine Malaise.“ In der Politik dagegen gebe es Skeptiker. „In früheren Zeiten gab es Leute wie Kurt Beck, Edmund Stoiber, Wolfgang Clement oder Klaus Wowereit – alles Systemverfechter“, sagt Kleist: „Die haben zum Teil zwar auch deutliche Kritik geäußert, sich aber gleichzeitig immer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingesetzt. Das haben wir heute nicht mehr so parteiübergreifend.“ Dabei brauche es gerade jetzt eine „wehrhafte Politik, die bereit ist, für das System einzustehen und sagt: Diese 17,50 Euro leisten wir uns als Antwort auf Google, Facebook, Apple und Amazon“. Wenn ein solcher Konsens in der Politik weiter existieren würde, da ist sich Kleist sicher, wäre auch die Agitation der rechtspopulistischen AfD gegen das öffentlich-rechtliche System leichter zu kontern.

Doch im Moment fehlt es nicht nur an solcher Unterstützung im Grundsätzlichen. Die Politik versuche vielmehr ihre Unzulänglichkeiten auf die Anstalten abzuwälzen. „Hier werden die Rollen vertauscht“, sagt Kleist, der durchaus zu den Reformwilligen in der ARD zählt. „Die Politik muss uns sagen, wo sie hinwill, wie sie den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Systems weiter entwickeln will – und muss dafür natürlich erst einmal auch einen politischen Konsens finden.“ Weil dies der Politik aber schwerfalle, „schiebt sie denn Ball immer in unser Feld und sagt: ‘Macht ihr mal Vorschläge.’“ Dabei weiß der gewiefte Taktiker Kleist natürlich um die im Föderalismus damit einhergehende Lebensversicherung: „Ordnungspolitik findet im föderalen System immer ihre Grenzen in der Standortpolitik.“ Natürlich habe das System ARD Unwuchten, die sich seiner Meinung nach allerdings größtenteils leicht ausbügeln ließen. „Aber“, so Kleist, „warum soll zum Beispiel NRW-Ministerpräsident Armin Laschet Verzicht einfordern, wenn am Ende der WDR weniger bekommt?“

Kleist, dem Fachjuristen für Medienrecht, der das Institut für Europäisches Medienrecht (EMR) in Saarbrücken mitbegründet hat und der weiterhin an der Universität lehren wird, sagt ganz offen über sich: „Ich bin nun mal kein Journalisten-Intendant, sondern ein juristischer Intendant.“ Die verfassungsrechtlichen Grundlagen des Systems, gerade auch zum Thema Finanzausgleich, kennt wohl kaum jemand so gut wie er. Doch Kleist bleibt auch immer der Homo politicus, der um die gesellschaftliche Debatte als notwendige Bedingung für gesellschaftliche Akzeptanz weiß. So jedenfalls skizziert er heute seine klare Ablehnung des zwischenzeitlich von manchen in der ARD wie in der Medienpolitik favorisierten Indexmodells zur künftigen Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (vgl. hierzu diese MK-Meldung, diesen MK-Artikel und diese MK-Meldung).

Auch aus der Erfahrung von 1999, so Kleist, setze er lieber auf ein Sachverständigengremium wie die KEF, „das vor politischer Willkür schützt. Das aufzugeben und auf ein Indexmodell zu setzen, wäre das falsche Signal“. Er habe stets lieber fachliche Verbündete in der KEF und in der Politik gesucht, statt „unter Ausschluss der Öffentlichkeit automatisch ein bisschen mehr Geld zu bekommen“. Er wolle den Streit und die Öffentlichkeit, sagt Kleist und stellt sich damit gegen die Position aus dem die Rundfunkkommission der Länder anführenden Rheinland-Pfalz. Dessen Medienstaatssekretärin Heike Raab (SPD) hatte ganz offen zugeben, durch eine Indexierung auch die mit schöner Regelmäßigkeit aufbrandende, oft eher unqualifizierte Finanzierungsdiskussion einhegen zu wollen. „Das ist anstrengend, aber die Bürgerinnen und Bürger sollen sich mit uns auseinandersetzen, damit am Schluss die Mehrheit denkt: Es ist gut, dass es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt“, so Kleist.

Doch Kleist wäre nicht Kleist, wenn er zum Schluss nicht doch noch einen großen Wurf im Ärmel gehabt hätte. Nur dass der als ziemlicher Querschläger landete. Unterhalb der ganz großen Leitlinien der Politik sind natürlich wieder die Anstalten selbst am Zug. Die Strukturreform läuft auf gemeinsame Lösungen hinaus, im Klartext heißt das: Kooperationen. Dass hier noch längst nicht alle Potentiale ausgeschöpft sind, weiß wohl niemand so gut wie der „Kooperationsweltmeister“ (Kleist über den SR) von der Saar. „Ich bin ein großer Freund von Kooperationen. Aber Kooperation hört da auf, wo die Fusion beginnt“, sagt Kleist mit Blick auf die Vorschläge, die Kai Gniffke, der Intendant des Südwestrundfunks (SWR), Mitte Januar ventiliert hatte. Der brachte per Interview eine Zusammenlegung wesentlicher Teile beider Anstalten, „knapp unterhalb der staatsvertraglichen Regelung“ bis hin zu gemeinsamen Direktionen ins Spiel.

„Ich kann es selber nicht mehr beurteilen wie bislang“

Auch wenn Kleist die Pläne Gniffkes kurz vor der heißen Phase der Intendantenwahl beim SR öffentlich mit Empörung zurückwies, hielt sich hartnäckig das Gerücht, dem zufolge es sich eigentlich um eine intern abgesprochene Sache handele. Und tatsächlich war Kleist aus eigener Initiative zu Gniffke gefahren, um eine „Blaupause“ für die Politik auf den Weg zu bringen, wie er heute sagt. Und er ergänzt: „Aber wir dürfen das nicht nur mit dem SWR machen.“ Kleists Vision war vielmehr die große Kooperation der Anstalten im Südwesten und in der Mitte und sollte neben dem SWR auch den Hessischen Rundfunk (HR) und in Teilen sogar das ZDF mit einbeziehen – gewissermaßen länder-, sender- und eben auch systemübergreifend.

Gniffke war lediglich die erste und wichtigste Station dieser Offensive. Eigentlich habe Gniffke das auch ganz gut gefunden, erzählt Kleist, dann aber wohl irgendwie nicht richtig verstanden. Denn was der SWR-Intendant und ehemalige langjährige Erste Chefredakteur von ARD-aktuell dann in dem Interview mit dem Online-Magazin DWDL von sich gab, war nicht, was Kleist hören wollte. „Ich will zwar gar nicht unterstellen, dass das böse gemeint war. Aber das war über den Zaun gefressen“, sagt Kleist heute. Und dann noch per Interview – „so was macht man nicht“. Damit hatte sein Vorstoß ein jähes Ende gefunden: „Ich hatte leider keine Zeit mehr, das umzusetzen.“

Die Idee ist dennoch bestechend, einerseits. Andererseits sagen manche in- und außerhalb des SR, die kühne Vision einer Mehranstaltskooperation über ARD/ZDF-Grenzen hinweg sei auch Ausdruck einer gewissen Abgehobenheit, die Kleists zweite Amtszeit vor allem in ihrer Endphase geprägt habe. Hier wurde er im Sommer 2016 einstimmig wiedergewählt (vgl. MK-Meldung). Doch dann sei ihm der Kontakt zur Basis abhandengekommen, die Stimmung im Haus habe er falsch eingeschätzt oder gar nicht mehr mitbekommen. Kleists unbestrittener Verdienst, das bestätigen Anhänger wie Kritiker, ist und bleibt aber die Neuregelung des ARD-Finanzausgleichs. Die hätte „so niemand anderes hinbekommen“, formulieren es Weg­gefährten aus beiden Lagern. Damit ist die Existenz des Saarländischen Rundfunks gesichert. Das Haus ist so schlank aufgestellt wie kaum ein anderes in der ARD, die Weichen für die Digitalisierung sind gestellt. Auch hier gehörte Kleist zu den „Modernisierern“ in der ARD.

Dass er vorzeitig abtrat – seine reguläre Amtszeit wäre noch bis Juni 2023 gelaufen – begründet Kleist, der im Dezember vorigen Jahres 65 wurde, denn auch mit der Einsicht, kein digital native zu sein und anderen, jüngeren den Weg freimachen zu wollen. „Die Angebote, für die der SR künftig verantwortlich sein wird, entsprechen gar nicht mehr meiner Lebenswirklichkeit. Ich kann es selber nicht mehr beurteilen wie bislang, wo ich sagen konnte: Das ist ein gutes Magazin, ein guter Talk, ein guter Krimi.“

„Ich bin Unternehmer, nicht Unterlasser“

Nun soll eine neue Generation ran – wenn es nach Kleist geht, auch in den Gremien. Denn die müssten eben auch das sich verändernde Publikum mit seinen neuen Nutzungsgewohnheiten abbilden, und das könne man nun mal nicht mit Oberstudienräten machen, die gerade in Pension gegangen sind. Dass er mit der neuen Generation durchaus auch seine ehemalige Leiterin der Intendanz und heutige SR-Chefredakteurin Armgard Müller-Adams meinte und diese gern als seine Nachfolgerin auf dem Halberg gesehen hätte, war im ganzen Saarland ein offenes Geheimnis. Den Gegenwind hat Kleist offenbar unterschätzt – noch ein Hinweis auf die zu große Abgehobenheit auf den letzten Metern, sagen Insider. Dass Müller-Adams in der Öffentlichkeit wie vor den Gremien auch noch ein Geheimnis über eine mögliche Parteizugehörigkeit machte, ließ die Sache für sie nicht besser werden. Kleist betont lieber sein gutes und langes Verhältnis zu Martin Grasmück, der vor Müller-Adams für Kleist die Intendanz gemanagt hat.

Überhaupt hat der Intendant nun nicht im Groll Abschied genommen; selbst wenn da doch ein ganz kleines bisschen mitschwingen sollte, weiß er das gut zu überspielen. Denn weitermachen wird er in jedem Fall: „Ich bin Unternehmer, nicht Unterlasser“, das ist einer dieser unnachahmlichen Kleist-Sprüche zum Thema. Dem Mainzer Medieninstitut wird er weiter als Honorarprofessor dienen. Dass er diesen Titel zuletzt auch im Sender oft und gern führte, hatte ihm nicht nur Freunde gemacht. Das kann ihm jetzt egal sein. Nach „zehn Jahren Makrokosmos“, sagt Kleist, dürfe es außerdem ruhig auch etwas mit Philosophie sein, und in jedem Fall „will ich etwas Haptisches machen“. Weil er Kochen und Gärtnern schon kann, will sich der Mann, der seit seinem 12. Lebensjahr Konzertgitarre spielt, noch einen anderen Traum verwirklichen: Endlich selbst mal so ein Instrument erschaffen, am liebsten bei dem Gitarrenbauer, den er 2020 in Andalusien kennengelernt hat.

Dass Thomas Kleist den öffentlich-rechtlichen und erst recht seinen Saarländischen Rundfunk dabei aus den Augen verliert, darf als ausgeschlossen gelten. Dafür steht er wie die von ihm verehrten medienpolitischen Granden à la Beck und Clement viel zu sehr hinter dem System. Und genießt die kleinen Frotzeleien mit Sparrings-Partnern wie Peter Stefan Herbst: Dem Chefredakteur der „Saarbrücker Zeitung“ rechnet er beim gemeinsamen Frühstück schon mal gerne vor, dass im Gegensatz zur ganzen verlegerischen Aufregung über die teure Krake ARD der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk die Beitragszahler gerade mal 60 Cent am Tag kostet. „Im Saarland sagt man: Das ist so viel wie ’n Doppelweck mit nix druff!“

15.05.2021/MK

` `