Der kluge Fährmann

Zum Tod von Eckart Stein, früherer Leiter der ZDF‑Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“

Von Dietrich Leder
26.10.2021 •

Eckart Stein, der – wie erst Mitte Oktober bekannt wurde – am 17. September im Alter von 84 Jahren in Mainz starb, war ein Solitär unter den Redakteuren des ZDF. Der studierte Theaterdramaturg gehörte zur Gründungsmannschaft des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders, der am 1. April 1963 mit der Ausstrahlung seines Programms begann. Stein begann beim ZDF in Mainz in einer Redaktion, die den Namen „Das kleine Fernsehspiel“ trug. Damit war gemeint, dass diese Redaktion kleine, das heißt mittellange Filme von zirka 30 Minuten für das Vorabendprogramm herstellen sollte. Dass man damit einen Theatermann betraute, lag auch daran, dass viele dieser kleinen Fernsehspiele auf literarischen Stoffen beruhten (auf Kurzgeschichten, Balladen, Dramen und Komödien). Stein schrieb in dieser Zeit für mehr als 15 Fernsehfilme selbst die Drehbücher.

Aber ihm, der auch in Frankreich und in England studiert hatte, stand der Sinn nach anderem. Er wollte das moderne Kino der 1960er Jahre, wie es die Nouvelle Vague in Frankreich, das Free Cinema in England oder der Neue Deutsche Film entwickelt hatten, ins Fernsehen holen – gegenwärtige Stoffe, die ungewöhnlich erzählt, radikal montiert und mit dem Bewusstsein der Filmgeschichte daherkamen. Kurz gesagt: Er wollte das Fernsehen und damit das ZDF für die internationale Filmkunst öffnen, ohne dabei dem Kino die so entstehenden Filme abspenstig zu machen; die Koproduktionen des „Kleinen Fernsehspiels“ erlebten stets eine Kinovorabauswertung, ehe sie vom ZDF ausgestrahlt wurden. Möglich wurde das durch einen neuen und vor allem unformatierten Sendeplatz am späteren Donnerstagabend.

Die wachen Sinne des Sehens  und Hörens

Manche, die damals die Produktionen dieser Redaktion gesehen haben, werden sich noch an den von Jan Lenica gestalteten Zeichentrickvorspann erinnern, der für die Rubrik „Kleines Fernsehspiel“ stand: An einem Kopf, der in Seitenansicht zu sehen ist, sprießen Blumen mit Blüten aus Augen und Ohren. Man kann diesen Vorspann programmatisch sehen: Das, was da mit dem Untertitel „Studioprogramm“ oder „Kamerafilm“ angekündigt wurde, bedurfte der wachen Sinne des Sehens und Hörens. Es verlangte den Zuschauern etwas ab, die neugierig auf ungewöhnliches Fernsehen waren, die staunen konnten und sich auch mal irritieren lassen wollten, die sich den autonomen Bildern und Tönen anvertrauten, die von Filmkünstlern gestaltet worden waren.

In einem Text, der 1986 erschien, nennt Eckart Stein, der 1975 die Leitung der Redaktion übernommen hatte, einige der für ihn beispielhaften Produktionen: „Willow Springs“ von Werner Schroeter, „Reifezeit“ von Sohrab Saless, „Der große Alexander“ von Theo Angelopoulos, „Händler der vier Jahreszeiten“ von Rainer Werner Fassbinder, „Die Rosenkönigin“ von Jean Eustache, „Bierkampf“ von Herbert Achternbusch und „Geschichte der Nacht von Clemens Klopfenstein. Alles äußerst ungewöhnliche Filme von europäischen Regisseuren, ob sie nun aus der Schweiz, aus Griechenland oder aber aus Deutschland kamen. Klopfensteins Film etwa, der das Aufzeichnungsvermögen des Filmmaterials in seinen Nachtaufnahmen bis ins Äußerste ausreizte, verbindet mit den extrem stilisierten Melodramen von Werner Schroeter, an denen sich das „Kleine Fernsehspiel“ oft beteiligte, oder der lakonischen Komik eines Herbert Achternbusch nichts, es sei denn die ihnen je eigene Radikalität der Bilder und der Töne.

Die hier verkürzte Aufzählung täuscht darüber hinweg, dass die Redaktion nicht auch die Filme von Regisseurinnen produzierte. In seinem Text erwähnt Stein beispielsweise den auch heute immer noch beeindruckenden Dokumentarfilm „Was soll’n wir denn machen ohne den Tod“ von Elfi Mikesch. Zu nennen wären des Weiteren die Spielfilme von Helke Sander, die Filmessays von Jutta Brückner, die filmischen Arbeiten der bildenden Künstlerin Valie Export oder Spiel- und Dokumentarfilme von Chantal Akerman. Möglich wurde das auch dadurch, dass die Zahl der Redakteurinnen unter Eckart Stein zugenommen hatte. Zu ihnen gehörten beispielsweise Sibylle Hubatschek-Rahn (ab 1970), Maya Faber-Jansen, die später den Schauspieler Eddie Constantine heiratete, Brigitte Kramer (ab 1980) und Anne Even, die 1969 als Sekretärin ihre Arbeit im ZDF begann und dann Redaktionsassistentin im „Kleinen Fernsehspiel“ wurde, bevor sie ab 1984 als festangestellte Redakteurin dort arbeitete. Anne Even starb im Dezember 2020.

Ohne Angst vor dem Bruch der Konventionen

Für eine Reihe von Redakteurinnen und Redakteuren war die Zeit im „Kleinen Fernsehspiel“ unter Eckart Stein so etwas wie eine Phase des Lernens, wie man zusammen mit Regisseurinnen und Regisseuren, mit Produzentinnen und Produzenten ungewöhnliches Fernsehen herstellen kann. Stets auf die einzelne Arbeit konzentriert, immer mit dem Blick auf das Ungewöhnliche, ohne Angst vor dem Bruch der Konventionen. Diesem Prinzip blieben sie in ihren neuen Funktionen treu – wie Liane Jessen als langjährige Leiterin des Fernsehfilmbereichs beim Hessischen Rundfunk (HR) in Frankfurt, wie Elke Müller, die im ZDF eine Reihe wie „Unter Verdacht“ (mit Senta Berger) entwickelte und durchsetzte, wie Daniel Blum, dem das ZDF eine Reihe anspruchsvoller Fernsehfilme verdankte, wie Carl-Ludwig Rettinger, der mit seiner Kölner Produktionsfirma „Lichtblick“ für ungewöhnliche Spiel- und Dokumentarfilme sorgte, oder wie Andreas Schreitmüller, der viele Jahre bis zu seiner Pensionierung Ende 2020 den Filmbereich bei Arte leitete. Ihm folgte in dieser Funktion bei Arte ab Januar 2021 Claudia Tronnier nach, die ihre Arbeit im „Kleinen Fernsehspiel“ noch unter Eckart Stein begonnen hatte, ehe sie dort 2008 die Redaktionsleitung übernahm.

Stein leitete die ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ bis ins Jahr 2000. Ihm, der den Mainzer Sender in- und auswendig kannte, stand der Sinn nicht nach Aufstieg. Er blieb seiner Redaktion treu. Mit einer geschickten Politik aus eloquent vorgetragenen Komplimenten, mit seiner stets gezeigten Solidarität mit dem eigenen Sender und mit einer künstlerischen Entschiedenheit, die er regelmäßig öffentlich in Vorträgen und Debatten darlegte, sorgte er dafür, dass seine Redaktion stets – und das weitgehend autonom – weiterarbeiten konnte. Konflikten mit der Hierarchie, also den eher konservativen Programmdirektoren oder Intendanten, suchte er schon im Vorfeld zu entgehen.

Man muss sich Eckart Stein als klugen Fährmann vorstellen, der Klippen erahnte, noch ehe andere diese sahen. Er war durchaus kompromissfähig. Aber er scheute auch die Auseinandersetzung nicht, da er viele der großen Filmregisseure hinter sich wusste. Sicher, auch er musste die Reduzierung von Produktionsmittel hinnehmen, musste erleben, dass der Sendertermin seiner Redaktion in den späteren Abend wanderte. Aber er reagierte darauf stets mit neuen Wendungen und Volten. Irgendwann konzentrierte sich die Redaktion nicht mehr auf die großen Namen des internationalen Films, sondern wandte sich dem filmischen Nachwuchs zu, dem sie bis heute die Chance zu ersten größeren Filmen bietet.

Ein großer Unterstützter des Projekts Arte

International bestens vernetzt sorgte Eckart Stein auch für neue und andersartige Bündnisse. So war er von Anfang an deutscher Gesprächspartner für ein ungewöhnliches Fernsehprojekt, das Mitte der 1980er Jahre in Paris seinen Ausgangspunkt nahm. Hier wurde ein neuer Kulturfernsehsender namens La Sept gegründet, der sich um die Künste im weitesten Sinne kümmern sollte, zu denen in Frankreich das Kino mit seinen Spiel- und Dokumentarfilmen selbstverständlich dazugehörte. Mit diesem Sender kooperierte Stein sehr früh; so konzipierte er zusammen mit den Franzosen einen Thementag unter der Überschrift „Berlin – Paris – Berlin“, der in Frankreich im Programm von La Sept und in Deutschland vom Kultursender 3sat ausgestrahlt wurde. Als La Sept das Geld ausging, wurde es zum Nukleus des deutsch-französischen Kulturkanals Arte, der am 30. Mai 1992 – Straßburg wurde der Sitz des Senders – sein Programm startete. Es gab in Deutschland und bei ARD und ZDF kaum jemanden, der dieses anfangs belächelte Projekt so sehr unterstützte wie Eckard Stein.

Lange Zeit traf sich die Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“ am Ende eines Arbeitstages noch auf ein Glas Wein in der Kantine des ZDF. Ein fideleres Treffen konnte man sich in der anonymen Atmosphäre dieses ansonsten her kühl wirkenden Senders nicht vorstellen. Eckart Stein selbst hatte in frühen Jahren im ZDF-Hochhaus auf dem Lerchenberg ein Büro bezogen, das mit seiner Ecklage und damit verbunden vielen Fenstern ihm eigentlich gar nicht zustand. Mancher ihm vorgesetzte Hauptabteilungsleiter versuchte, ihm das Büro abzuluchsen. Doch das gelang keinem. Vielleicht auch deshalb, weil man Eckart Stein einen Umzug mit den vielen Figürchen und Plastiktieren nicht zumuten wollte, die er von seinen Dienstreisen rundum die Welt mitgebracht und auf den Fensterbänken und Regalen dieses Büros untergebracht hatte.

26.10.2021/MK

Eckart Stein (1937-2021)




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