Der gelernte Diplomat

Zum Tod des ehemaligen ZDF‑Intendanten Karl-Günther von Hase

Von Karl-Otto Saur
14.05.2021 •

Wenn man in der Politik und Verwaltung den Verlauf von Karrieren verfolgt, haben Selbstbewerbungen in der Regel wenig Chancen auf einen Erfolg. Geschickter ist es da, den Umweg über einen guten Mentor zu nehmen, der in dem jeweiligen Entscheidungsgremium ein gewisses Vertrauen besitzt. Doch auch das führt nicht immer zum ersehnten Ziel. Als etwa der Fernsehrat des ZDF im Jahr 1977 einen Nachfolger für den Gründungsintendanten Karl Holzamer bestimmen sollte, standen sich zwei Kandidaten gegenüber, die beide der Überzeugung waren, besonders geeignet für das Amt zu sein. Der eine, Reinhard Appel, war bereits Chefredakteur des Senders, also für den politischen Teil des Programms zuständig. Der andere, Dieter Stolte, war – gleichrangig – Programmdirektor, also für den größeren Teil des Programms verantwortlich, der aber von vielen der Fernsehratsmitglieder als „Unterhaltungsabteilung“ und damit als weniger wichtig eingestuft war. Appel galt als SPD-nah, Stolte wurde dem Unionslager zugerechnet.

Doch die Verhältnisse im ZDF-Fernsehrat waren seinerzeit so, dass keiner der Kandidaten die notwendige Mehrheit hinter sich versammeln konnte, die beiden politischen Lager blockierten sich gegenseitig. Also musste ein neuer Name her. Und der fand sich im politischen Umkreis. Der dritte Mann, der nun für das Intendantenamt beim ZDF herangezogen wurde, war Karl-Günther von Hase. Er war als Leiter des Presse- und Informationsamts Mitglied der Bundesregierung gewesen. In dieser Funktion hatte er den CDU-Bundeskanzlern Adenauer, Erhard und Kiesinger als Staatssekretär gedient. Danach war er deutscher Botschafter in London.

Zusätzlich sprach für ihn, dass er auch Rundfunkerfahrung vorweisen konnte. 1967 war von Hase einstimmig zum Intendanten der Deutschen Welle (DW) gewählt worden, dem Auslandsrundfunk Deutschlands, den zwar viele Deutsche nicht einmal vom Namen her kannten, weil dessen Programme in Deutschland nicht empfangen werden konnten, der aber in seiner politischen Funktion eine große Rolle spielte. Von Hase war zuvor auch Mitglied im Rundfunkrat der Deutschen Welle, deren Intendant er nur für wenige Monate blieb, weil er wieder in die Politik berufen wurde, um 1968 Chef des Bundeskanzleramts zu werden. 1970 wurde er dann deutscher Botschafter in London, ein Amt das ihm sehr ans Herz wuchs. Von 1968 bis 1970 war er auch Mitglied im Hörfunkrat des Deutschlandfunks.

Besuch von der Queen

Unter diesen Umständen fand sich im Fernsehrat schnell eine Mehrheit, als von Hase seinerseits Interesse am ZDF-Intendantenamt signalisierte. So wurde nach London Mainz seiner neuer Dienstsitz. Dass er zusätzlich die Diplomaten-Ausbildung vorweisen konnte, hat ihm bei dem Wechsel geholfen. Gerade diese berufliche Qualifikation konnte er in seiner neuen Position gut gebrauchen. Musste er doch politisch neutral erscheinen und den ZDF-Mitarbeitern das Gefühl nehmen, ihr Sender sei, wie es der Intendantenwahlschacher im Fernsehrat zu zeigen schien, ein Spielball der Politik. Und auch die beiden dann unterlegenen Kandidaten bei der Wahl waren anschließend sehr darauf bedacht, ihre jeweiligen Programmbereiche möglichst unabhängig weiterzuführen.

Karl-Günther von Hase war von Beginn seiner Amtszeit an klug genug, dies zu respektieren. Er repräsentierte den in Mainz ansässigen Fernsehsender stärker nach außen, wobei ihm seine politischen Verbindungen sehr zugute kamen. Als deutscher Diplomat in London hatte er sich großes Ansehen auch im britischen Königshaus erworben. Diesem Umstand war es zu verdanken, dass Queen Elizabeth II. 1978 bei einem Staatsbesuch in Deutschland auch einen Abstecher zum ZDF nach Mainz machte und dabei einer Einladung des Intendanten von Hase folgte.

Früher als manche andere ahnte von Hase auch, dass gerade den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eine große Rolle für die Bemühungen um die europäische Einigung zukam. Auch hier spürte der gelernte Diplomat, dass man nicht nur darüber reden durfte, sondern dass man vor allem auf Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen musste, wenn man Erfolg haben wollte. Als 1982 seine Amtszeit als ZDF-Intendant endete, trat von Hase nicht für eine Wiederwahl an, er ging im Alter von 64 Jahren in den Ruhestand. Ihm folgte im Frühjahr 1982 Dieter Stolte als ZDF-Intendant; er sollte 20 Jahre lang bis 2002 an der Spitze des Senders stehen. Karl-Günther von Hase starb am 9. Mai im Alter von 103 Jahren.

14.05.2021/MK

Karl-Günther von Hase (1917-2021)



Karl-Günther von Hase (r.) mit Queen Elizabeth II., als die britische Monarchin 1978 das ZDF in Mainz besuchte

Fotos: Screenshots


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