Der Beobachter einer Epoche

„Zeitreise“: Stefan Aust hat seine Erinnerungen aufgeschrieben

Von Karl-Otto Saur
19.12.2021 •

Im Juli 1991 überraschte der „Spiegel“ seine Leser mit einer „Hausmitteilung“ der besonderen Art. Was normalerweise hinter verschlossenen Türen passiert, wurde hier in aller Öffentlichkeit vollzogen: der fristlose Rausschmiss eines Chefredakteurs. Der Beitrag in eigener Sache in der „Spiegel“-Ausgabe der folgenden Woche lautete:

„Jeder Betrieb, auch ein journalistischer, braucht Einvernehmen und Machtbalance. Lassen sie sich, zumal an der Spitze, nicht dauerhaft herstellen oder wahren, entsteht sogenannter Handlungsbedarf. Deshalb gab der SPIEGEL am 10. Juli bekannt: «Nach 23jähriger freundschaftlicher Zusammenarbeit haben sich Herausgeber Rudolf Augstein und Chefredakteur Werner Funk getrennt. Gründe waren Meinungsverschiedenheiten über die Spitzengliederung der SPIEGEL-Unternehmen. Rudolf Augstein hat Werner Funk für seine erfolgreiche Tätigkeit gedankt.» Die Meinungsverschiedenheiten betrafen die genannte Balance. Merke: «Macht hat Legitimität nur im Dienst der Vernunft. Allein von hier bezieht sie ihren Sinn» (Karl Jaspers).“

Der Mitgründer von „Spiegel TV“

Auch wenn in den Wochen davor deutlich geworden war, dass in der „Spiegel“-Führungsetage ein Machtkampf ausgebrochen war, überraschte die Entscheidung auch die gesamte Redaktion des Magazins, dessen selbstgestellte Aufgabe ja war, Konflikte bei anderen an die Öffentlichkeit zu bringen. Und es war kein Wunder, dass bereits am ersten Tag nach Werner Funks Entlassung die am häufigsten gestellte Frage war, wer denn dessen Nachfolger auf dem Chefredakteursposten werden könnte. Ein schon im Dienst ergrauter Kollege, wandte sich direkt an seinen Nachbarn mit den Worten: „Du machst dir da doch auch Hoffnungen, Stefan!“ Die Antwort des angesprochenen Stefan klang nicht gerade nach einem Dementi, sie lautete schlicht: „Da könnte euch Schlechteres passieren“. Doch neuer Chefredakteur des Blattes wurde Hans Werner Kilz.

Stefan Aust spielte schon zu dieser Zeit im Hamburger „Spiegel“-Haus eine besondere Rolle. Seine journalistische Karriere hatte er mit der Herausgabe einer Schülerzeitung an seinem Hamburger Gymnasium begonnen. Dabei lernte er schnell, dass man vom Verkauf einer Zeitung oder Zeitschrift nicht reich werden konnte. Er begann deshalb im Dunstkreis der Schule nach möglichen Inserenten zu suchen. So wuchs Aust in eine Position, die im Journalismus eher kritisch gesehen wird. Er wurde Verleger und Chefredakteur in einem.

Augsteins Faible

In dieser Funktion lernte er einen Journalisten kennen, der ebenfalls früh bekannt geworden war. Klaus Rainer Röhl war der Chef von „Konkret“, einer Zeitschrift, die sich während der beginnenden Studentenunruhen als Sprachrohr der betont Linken empfand. Dass diese ebenfalls in Hamburg erscheinende Zeitschrift ihre größte Finanzquelle in der DDR hatte, war lange nicht bekannt. Aust selbst wurde bald einer der wichtigsten Autoren von „Konkret“, was dazu führte, dass er in der Hamburger Medienszene immer mehr Beachtung fand.

So wurde auch Rudolf Augstein, der vielbewunderte Senior dieser Szene, auf ihn aufmerksam. Er hatte ein Faible für junge aufstrebende Mitarbeiter. Das galt auch für Aust, besonders nachdem er Augstein ein Konzept vorgelegt hatte, wie der „Spiegel“ spät noch ins Geschäft des privaten Fernsehens einsteigen konnte. Für Formate von „Spiegel TV“ gab es bei RTL und Sat 1 je ein Programmfenster. Redaktionsleiter für diesen Bereich wurde Stefan Aust, der sich beim vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) für die ARD produzierten Politmagazin „Panorama“ schon so einige Fernsehsporen verdient hatte. Er wurde denn auch Moderator des Magazins „Spiegel TV“, das er mit gegründet hatte. Obwohl die Traditionalisten in der Redaktion des Blattes sich mit Austs Idee nicht so recht anfreunden wollten, so wuchs durch dessen Fernsehengagement auch sein Einfluss im „Spiegel“-Haus.

So gilt Aust, der 1946 in Stade geboren wurde, bis heute nicht nur als ein wichtiger Anreger für die Medienentwicklung in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik, sondern auch als ein gefragter Zeitzeuge der gesamten deutschen Epoche seit Mitte der 60er Jahre. Unter dem Titel „Zeitreise“ hat er in diesem Jahr ein Buch veröffentlicht, seine Autobiografie oder besser: seine Erinnerungen. In dem Ende Mai erschienenen dicken Band erzählt er aus seiner Sicht eines teilnehmenden Beobachters – und diese Reise durch die Zeit ist schon spannend zu lesen –, wie er Geschehnisse und Ereignisse erlebt hat, die die deutsche Geschichte in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben.

Der zerstörte Erfolg

Seine Verbindungen zu dem seinerzeit linken Publizisten Klaus Rainer Röhl (der später ins rechte Lager abdriftete) und vor allem zu dessen damaliger Ehefrau, der Journalistin Ulrike Meinhof, die sich früh dazu entschieden hatte, in der politischen Auseinandersetzung auch Gewalt einzusetzen, haben Austs frühe Jahre geprägt. Es kamen die 1970er Jahre, Ulrike Meinhof wurde zur Mitgründerin der linken Terrorgruppe „Rote Armee Fraktion“ (RAF), die mit einer Reihe von Attentaten das Land erschütterte. Stefan Aust verfolgte dies alles in seiner Rolle des journalistischen Beobachters. Er berichtete viel über das Thema und wurde durch seine Bücher und Filme wie „Der Baader-Meinhof-Komplex“ der wichtigste Chronist dieser Zeit. Vielleicht war es gerade dieser Teil seiner Arbeit, dass auch Rudolf Augstein zu der Überzeugung kam, dass Stefan Aust der richtige Mann an der Spitze des „Spiegel“ sein könnte (als Nachfolger von Hans Werner Kilz).

Im Dezember 1994 wurde Aust also zum Chefredakteur des „Spiegel“ berufen und blieb es etwas mehr als 13 Jahre. Doch ein Happy-End fehlt in seinen Erinnerungen. Den letzten Teil seines Buchs nutzt er für eine Abrechnung mit denen, von denen er glaubt, dass sie seinen Erfolg beim „Spiegel“ zerstört haben: die Vertreter von Gruner+Jahr, des Verlags, der eine Minderheitsbeteiligung am „Spiegel“-Verlag hält, und die „Spiegel“-Mitarbeiter, die damals in der Mitarbeiter KG waren, die mit 50,5 Prozent und entsprechend großem Einfluss am Verlag beteiligt ist. Stefan Aust wurde im Juli 75 Jahre alt. Seit Januar 2014 ist er Herausgeber von Springers Tageszeitung „Die Welt“.

• Karl-Otto Saur, 77, arbeitete von 1990 bis 1992 als Ressortleiter Kultur III beim „Spiegel“.

19.12.2021/MK

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