Das Überleben vieler Unternehmen

Durch die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise ist die Medienvielfalt bedroht

Von Volker Nünning
23.04.2020 •

In der Medienbranche zeigen sich die wirtschaftlichen Schäden aufgrund massiv einbrechender Werbeeinnahmen infolge der Corona-Pandemie immer stärker ab. In den Monaten April und Mai seien im Durchschnitt 50 Prozent der Media- und Werbeinvestitionen storniert worden, erklärten am 21. April der Spitzenverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) und 20 weitere Verbände aus der Medien- und Kommunikationswirtschaft. Im Jahresdurchschnitt sei „mit einem Rückgang der Investitionen von mindestens 30 Prozent“ zu rechnen. Darauf verwiesen Verbände in einem Brief an die Bundesregierung. Zu dem Verbändekonsortium gehören auch der Verband Privater Medien (Vaunet), der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) und die Produzentenallianz.

Von der Regierung fordern die Organisationen in ihrem Schreiben, das der ZAW auf seiner Internet-Seite veröffentlichte, zusätzliche Hilfen für die Medien-, Werbe- und Kommunikationsbranche. Es gehe dabei um eine „nachhaltige wirtschaftspolitische Unterstützung“. Die Verbände schlagen unter anderem vor, Darlehen zinsfrei zu vergeben. Die Insolvenzregelungen sollten bis Ende 2020 ausgesetzt bleiben (bisher nur bis Ende September). Außerdem sollten Firmen Investitionszuschüsse für Marken- und Unternehmenskommunikation erhalten. Damit Betriebe ihre Liquidität sichern können, sollte es ihnen nach Auffassung der Verbände ermöglicht werden, die Zahlungen der Lohnsteuer und der Sozialversicherungsbeiträge für zwölf Monate aussetzen zu können und diese dann später zu bezahlen.

Allianzen privater und öffentlicher Medien

Ohne derartige Maßnahmen könne „das Überleben vieler Unternehmen in dem ganz überwiegend mittelständisch verfassten Sektor, in dem Agenturen, Dienstleister, aber auch die Mehrheit der Werbeträger/Medien keine extensiven Kapitalreserven halten, nicht gesichert werden“, heißt es warnend in dem Brief. Die Folge wäre „eine Welle von Insolvenzen, Übernahmen geschwächter Unternehmen und ein dauerhafter Verlust einer Vielzahl qualifizierter Arbeitsplätze“. Die Coronakrise berge „insbesondere auch die Gefahr erheblicher Vielfaltseinbußen im Medienmarkt“. Hier verweisen die Verbände auf eine Stellungnahme des Instituts für Journalistik der Technischen Universität Dortmund vom 7. April. Das Institut sieht die Medienvielfalt in Deutschland aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie stark bedroht. Die bisher beschlossenen Hilfsmaßnahmen der Politik würden mittelfristig nicht ausreichen. Da der Einstieg des Staates bei Medienunternehmen „keine gute Option“ sei, seien „innovative Ansätze“ erforderlich, die „eine vitale, unabhängige Medienlandschaft sichern“. So plädiert das Dortmunder Institut für Kooperationen zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen. Solche Allianzen sollten grundsätzlich ermöglicht und gefördert werden, sofern sie den publizistischen und journalistischen Wettbewerb stützten. Zu dem Thema will das Institut für Journalistik Ende April mit interessierten Akteuren eine erste Videokonferenz veranstalten.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die auch Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder ist, kündigte am 21. April Hilfe für Medienunternehmen an. Man dürfe „nicht einfach tatenlos zu sehen“, denn dies „würde bedeuten, dass im privaten Rundfunk oder bei den Verlagen Medienvielfalt verlorenginge“. Sie sprach von einem „Maßnahmenpaket für den privaten Rundfunk, das die hohen Verbreitungskosten für UKW und DAB plus in den Blick nimmt“. Was weitere Unterstützungen für die Zeitungsverlage angehe, sei sie mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) im Gespräch. Dreyer verwies darauf, Verlage würden in diesem Jahr mit 40 Euro Mio bei der Zustellung von Abonnementzeitungen und Anzeigenblättern staatlich gefördert. Diese Gelder müssten nun aber schneller ausgezahlt werden.

Kurzarbeit bei immer mehr Verlagen

Ebenfalls am 21. April haben in Brüssel 42 Abgeordnete des EU-Parlaments die Europäische Kommission aufgefordert, wegen der Coronakrise einen europäischen Notfallfonds für die Medienbranche zu schaffen. „Sofortige direkte finanzielle Unterstützung ist erforderlich, um Medienvielfalt und Qualitätsjournalismus in der gesamten Europäischen Union zu erhalten“, heißt es in dem Brief, der unter anderem von dem Online-Portal „Euractiv“ veröffentlicht wurde. Die Lage in kleineren EU-Ländern sowie bei regionalen Medien wird in dem Schreiben als „besonders düster“ bezeichnet. Es gehe um eine „Krise von beispiellosem Ausmaß“, die nun wegen des abrupten Einbruchs der Werbeeinnahmen sofortiges Handeln erfordere. Ansonsten drohe „ein Ausfall ganzer Nachrichtenorganisationen“, was „katastrophale Folgen“ in den einzelnen Gesellschaften haben könne. Zu den Unterzeichnern des Briefs gehören Politiker aus 18 der 27 EU-Mitgliedstaaten; sie kommen vor allem aus kleineren Ländern (Unterzeichner aus Deutschland sind die Abgeordneten Petra Kammerevert (SPD), Niklas Nienaß, Anna Cavazzin und Viola von Cramon-Taubadel (jeweils Grüne).

Dass die Lage hierzulande sehr ernst ist, zeigt sich daran, dass bei den Zeitungen und Zeitschriften beispielsweise zuletzt immer mehr Verlage bei der Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeit angemeldet haben, zum Teil auch für Redaktionsbereiche. Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) schätzt, dass rund 80 Prozent der Verlage Kurzarbeit planen oder sie bereits einsetzen. In der TV-Produktionswirtschaft ist Kurzarbeit ebenfalls schon weit verbreitet, da vor allem Produktionen mit Außendrehs nicht mehr stattfinden können. Auch große Unternehmen wie die Ufa-Gruppe, Studio Hamburg oder die Bavaria-Film-Gruppe haben Kurzarbeit angemeldet oder diese angekündigt.

Mit dem Instrument der Kurzarbeit werden Unternehmen bei den Lohnkosten entlastet, da die Arbeitsagentur den durch einen vorübergehenden Arbeitsausfall entfallenen Lohn teilweise erstattet. Die betroffenen Mitarbeiter haben in der Folge Einbußen beim Netto-Gehalt. Bei vielen Zeitungen hat sich der Druckumfang inzwischen teilweise deutlich reduziert, weil wegen der Coronakrise keine kulturellen Veranstaltungen oder Sportwettbewerbe mehr stattfinden, über die sich berichten ließe. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) verwies aber auch darauf, dass viele Journalisten derzeit mehr arbeiteten als vor der Coronakrise, weil bei den Verlagen die digitalen Angebote erheblich ausgeweitet und gewohnte Abläufe umgestellt worden seien.

Ziel von RTL und Pro Sieben Sat 1: Liquidität sichern

Auch wenn sich bei vielen Zeitungen die Einnahmen aus dem Verkauf von digital verbreiteten Inhalten signifikant erhöht haben, kann dies den gravierenden Einbruch am Anzeigenmarkt nicht ausgleichen. Zu den Verlagen, die Kurzarbeit für nicht-redaktionelle Bereiche beantragt haben, gehören etwa der Springer-Konzern (Berlin), die Funke-Mediengruppe (Essen) und der „Spiegel“-Verlag (Hamburg). Zu den Zeitungen, die auch im redaktionellen Bereich Kurzarbeit einsetzen, gehören unter anderem die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ), das „Handelsblatt“, der Berliner „Tagesspiegel“, das Wochenblatt „Die Zeit“ wie auch die Regionalzeitungen „Westfälische Nachrichten“ (Münster) und „Westfalen-Blatt“ (Bielefeld). Bei der „Main-Post“ (Würzburg) gilt für die Redaktion ab Mai Kurzarbeit. Die „Neue Rottweiler Zeitung“ hat ihre wöchentlich erscheinende Druckausgabe im März eingestellt. Die Redaktion, für die inzwischen ebenfalls Kurzarbeit gilt, berichtet online weiter. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) hat bisher keine Pläne für Kurzarbeit.

Bei der zum Bertelsmann-Konzern gehörenden deutschen RTL-Gruppe wird zum 1. Mai für alle Mitarbeiter in den einzelnen Unternehmen Kurzarbeit eingeführt. Die internationale und börsennotierte RTL Group (Luxemburg) hat über ihren Verwaltungsrat vorgeschlagen, in diesem Jahr keine Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr 2019 auszuschütten. Grund hierfür sei, dass sich seit Mitte März die Geschäftsaussichten signifikant verschlechtert hätten. Begründet wurde dies mit „Stornierungen von Werbebuchungen und Verschiebungen von Produktionen“. In einer solchen Situation, so die RTL Group, gelte es die Liquidität der Unternehmensgruppe zu sichern. Über den Vorschlag, keine Dividende zu zahlen, wird die Hauptversammlung der RTL Group am 30. Juni entscheiden.

Bei der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe gibt es Kurzarbeit bisher nur in der Commerce-Sparte (Nucom Group), in der das digitale Handelsgeschäft etwa mit den Portalen moebel.de, billiger-mietwagen.de oder Verivox gebündelt ist. Am 22. April gab der Konzern vorläufige Zahlen zum Geschäftsergebnis im ersten Quartal 2020 bekannt, die noch einigermaßen planmäßig ausfielen, auch wenn ab Mitte März laut Pro Sieben Sat 1 bereits erste Auswirkungen wegen der Coronakrise zu spüren gewesen sind. Für den April rechnet das Management coronabedingt mit einem Rückgang der TV-Werbeeinnahmen von voraussichtlich zirka 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auch das Geschäft der Red Arrow Studios werde weiter durch Produktionsverschiebungen beeinträchtigt. 

Hilfe für freie Journalisten verbessern

Pro Sieben Sat 1 prüft zudem, in der Entertainment-Sparte, zu der auch die Fernsehsender der Gruppe gehören, Kurzarbeit zu beantragen. Ferner sollen nun 2020 bei den Investitionen in das Programmangebot 50 Mio Euro (im Vergleich zu 2019) eingespart werden. Außerdem haben Vorstand und Aufsichtsrat beschlossen, der Hauptversammlung der Pro Sieben Sat 1 Media SE vorzuschlagen, für das Geschäftsjahr 2019 keine Dividende auszuschütten. Dadurch soll die Liquidität des Konzerns zusätzlich abgesichert werden. Die Hauptversammlung findet am 10. Juni statt. Der Konzern zog auch seine bisherige Finanzprognose für das Jahr 2020 zurück. Aufgrund der erheblichen wirtschaftlichen Unsicherheit wegen der Corona-Pandemie wollte das Management unter Führung des neuen Vorstandssprechers und Finanzvorstands Rainer Beaujean keinen modifizierten Geschäftsausblick geben. Möglicherweise äußert sich Beaujean hierzu, wenn er am 7. Mai die endgültigen Quartalsergebnisse vorstellt.

Der DJV hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am 20. April außerdem zu Nachbesserungen am Instrument der Soforthilfe für Selbständige aufgefordert, die auch freie Journalisten beantragen können. Der Verband will erreichen, dass Selbständige aus der Soforthilfe auch ihren Lebensunterhalt finanzieren dürfen. Durch die derzeitige Begrenzung, dass das Geld nur für Betriebsausgaben ausgegeben werden dürfe, drohe einem Teil der freien Journalisten „der Verlust der Existenz“. Der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall verlangte diesbezüglich dringend eine Änderung der Bestimmungen.

Überall bekräftigte darüber hinaus die Forderung des DJV, dass alle Landesregierungen Journalisten als systemrelevante Berufsgruppe einstufen müssten. Das sei bisher nur in einigen Bundesländern der Fall, darunter Bayern und Sachsen. „Systemrelevanz ist kein Ehrentitel“, sondern sei „etwa bei der Kinderbetreuung die Voraussetzung dafür“, dass Journalisten „in der Coronakrise ihren Beruf ausüben können“, erklärte Überall. Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, können trotz Schließung etwa von Kindertageseinrichtungen ihre Kinder dort zur Betreuung abgeben.

Nico Hofmann: Corona-Tests für Schauspieler

Nico Hofmann, Geschäftsführer der Ufa-Gruppe, fordert unterdessen Nachbesserungen an den von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am 16. April vorgelegten Maßnahmen zum Arbeitsschutz in Zeiten der Corona-Pandemie. Diese Arbeitsschutzrichtlinie müsse modifiziert werden, da Schauspieler bei Film- und Fernsehproduktionen nicht grundsätzlich eineinhalb Meter Abstand zueinander halten könnten, sagte Hofmann am 20. April im ZDF-„Morgenmagazin“. Hofmann schlug vor, ähnlich wie es für Bundesliga-Fußballer im Gespräch sei, Schauspieler alle drei Tage auf das Coronavirus zu testen. „Anders sehe ich die nächsten Wochen keine Möglichkeit, dass wir den Drehbetrieb wirklich wieder aufrecht bekommen“, erklärte der Ufa-Chef.

Die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) hat zuletzt weitere staatliche Unterstützungsmaßnahmen für die Filmwirtschaft verlangt. Die bisherigen Maßnahmen von Kultur- und Medienstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und die Sofortprogramme der Filmförderungsanstalt (FFA) und der Länderfilmförderungen seien zwar eine wichtige Unterstützung – doch sie reichten nicht aus. Gebraucht werde ein „Stabilitätsprogramm für die Filmwirtschaft“, welches „das Überleben der Branche auch bei einem längeren Stillstand sichern soll“, heißt es in einem am 2. April veröffentlichten Papier.

Nötig seien beispielsweise Liquiditätshilfen für die Unternehmen, die „in Form von direkter Unterstützung oder als bedingt rückzahlbare Darlehen gewährt“ werden müssten. Insgesamt taxiert die SPIO bei einem dreimonatigen Stillstand der Branche (Kino, Verleih, Produktion, Dienstleister) den „pandemiebedingten Förderbedarf der Filmwirtschaft“ auf 563,5 Mio Euro. 422 Filmprojekte seien aktuell von der Corona-Pandemie betroffen. 36 Prozent der knapp 80.000 Arbeitsplätze in der Filmwirtschaft betrachtet die SPIO als gefährdet.

23.04.2020/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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