Das Trio der TV-Trielle

Kanzlerkandidatenkampf im Fernsehen: Laschet gegen Scholz gegen Baerbock

Von Dietrich Leder
25.09.2021 •

Das Fernsehen hat in diesem Jahr die deutsche Sprache um einen neuen Begriff bereichert. Gemeint ist das „Triell“. Der Begriff erweitert das klassische Duell, bei dem sich zwei Personen gegenüberstehen, um eine weitere Person. In der Wirklichkeit, in der Literatur oder im Film gab es ein Triell nur äußerst selten. Manche erinnern sich vielleicht an die abschließende Szene des Italo-Westerns „Il buono, il brutto, il cattivo“ (1966), der im Englischen richtig übersetzt „The Good, the Bad and the Ugly“ hieß, während er im Deutschen absurderweise „Zwei glorreiche Halunken“ genannt wurde. In diesem Film von Sergio Leone gibt es eine Szene, in der die drei im Originaltitel mit ihren Spitznamen genannten Protagonisten sich am Ende mit der Schusswaffe in der Hand gegenübertreten (passenderweise am Rande eines Friedhofs). Leone ironisierte so das klassische Duell des Westerns und verlängerte nebenbei die musikalisch von Ennio Morricone untermalte Schlusspassage auf über acht Minuten.

Zum Triell in Deutschland musste es nun kommen, da sich bei der Bundestagswahl 2021 (26. September) erstmals eine Politikerin und zwei Politiker explizit um das Kanzleramt bewarben: Armin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne). So musste das „Duell“ zweier Spitzenkandidaten, wie es erstmals 2002 im deutschen Fernsehen stattgefunden hatte (vgl. FK-Heft Nr. 35/02), erweitert werden und in Anlehnung an Sergio Leones Film gab es 2021 also den Kanzlerkandidaten-Dreiteiler „Der Schwarze, der Rote und die Grüne“. Das „Duell“ – auch „TV-Duell“ oder „Kanzler-Duell“ – hatte die Darstellung des Wahlkampfs in seiner jeweiligen Endphase zugespitzt und gleichsam sportifiziert. Im Gegeneinander der beiden Spitzenkandidaten – stets von CDU/CSU und SPD – sollte sich zeigen, wer schlagkräftiger, überzeugender und natürlich auch wer telegener ist. Ein gewisser Showbestandteil wohnte bereits diesem Duell inne; bei einem Triell war noch mehr davon zu erwarten.

ARD und ZDF müssen sich zusammenraufen

Das vor allem auch deshalb, weil es diesmal drei solche Veranstaltungen gab und zwei davon von den privaten Fernsehsendern übertragen wurden. 2002 hatte es zwischen Gerhard Schröder (SPD) und Edmund Stoiber (CDU/CSU) zwei Duelle gegeben. Das erste wurde von ARD und ZDF, das zweite von RTL und Sat 1 veranstaltet. 2005 gab es zwischen Schröder und Angela Merkel, die hier erstmals als Kanzlerkandidatin von CDU/CSU antrat, nur ein TV-Duell, das ARD, ZDF, RTL und Sat 1 gemeinsam organisierten. Ebenso war es 2009, 2013 und 2017, als die SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück bzw. Martin Schulz gegen Merkel antraten. (Wobei 2009 Pro Sieben statt Sat 1 beteiligt war.)

Diesmal nun wurden die drei Triell Sendungen innerhalb von drei Wochen an Sonntagabenden jeweils ab 20.15 Uhr übertragen. Einmal lagen zwei Wochen dazwischen, einmal war es nur eine Woche. Den Reigen der Trielle eröffneten am 29. August RTL und ntv. Es folgten am 12. September ARD und ZDF und am 19. September, eine Woche vor der Bundestagswahl, Pro Sieben, Sat 1 und Kabel 1. Die Partnerschaften der Privatsender folgten der Logik der beiden börsen­notierten Firmen RTL Group und Pro Sieben Sat 1 Media SE. Hier blieben also die Organisation und die Personalplanung jeweils im eigenen Haus. Anders war es beim zweiten Triell, bei dem sich ARD und ZDF zusammenraufen mussten.

Das erklärt vielleicht, weshalb bei der öffentlich-rechtlichen Triell-Sendung, bei der Oliver Köhr (ARD/MDR) und Maybrit Illner (ZDF) die Moderation übernommen hatten, die größten Unstimmigkeiten auftraten. Man hatte das Gefühl, dass Köhr und Illner sich kaum abgesprochen hatten. Mehrfach fielen sie sich wechselseitig ins Wort, wollte der eine schon zum nächsten Thema wechseln, während die andere noch einmal nachhaken wollte. Beide überfrachteten zudem ihre Fragen, die dadurch viel zu lang ausfielen.

Laschet und der Bildhintergrund

Auch beim ersten Triell harmonierte es zwischen Pinar Atalay – die vor einigen Wochen von der ARD zu RTL gewechselt war (vgl. MK-Meldung) und mithin hier ihren ersten großen Auftritt für ihren neuen Arbeitgeber hatte – und Peter Kloeppel, der seit 1985 für RTL arbeitet, nicht immer; meist behielt im Kampf um das Fragerecht der Mann die Oberhand. Am besten lief es am dritten Abend, da die beiden Moderatorinnen Claudia von Brauchitsch (Sat 1) und Linda Zervakis (Pro Sieben) ihre Fragen deutlich knapper als zuvor ihre Kolleginnen und Kollegen formulierten. Sie setzten zudem stärker darauf, dass Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock auch untereinander ins Gespräch kamen. ARD-Mann Oliver Köhr etwa hatte beim zweiten Triell Fragen, die Baerbock an ihre Konkurrenten stellte, schlichtweg ignoriert, während von Brauchitsch und Zervakis die Kandidaten sogar dazu aufforderten, sich wechselseitig zu befragen.

Auch die größte Pointe aller drei Sendungen ereignete sich bei der letzten Triell-Ausgabe, als Linda Zervakis mittels eines „Micky-Maus“-Heftes aus dem Jahr 1993 darauf hinwies, dass der Kinder-Comic sich schon damals mit dem Klimawandel und dessen Folgen beschäftigt habe. Sie hielt dabei dieses Heft in der Hand. Armin Laschet wusste darauf nur sehr umständlich zu antworten, als er breit erwähnte, dass doch damals sein Parteifreund Klaus Töpfer als damaliger Umweltminister sich schon mit dem Thema beschäftigt habe. Laschet fremdelte von den drei Politikern am stärksten im Fernsehstudio und in den Live-Sendungen. Beim ersten Triell bemerkte er mehrfach nicht, wenn er selbst im Bildhintergrund zu sehen war. In diesen Momenten fühlte er sich unbeobachtet, so dass die Kamera manches Grimassieren von ihm festhielt oder auch, wie er eine Pastille oder eine Tablette lutschte. Nicht zu wissen, dass man immer auch im Bildhintergrund sichtbar sein kann, führte im Übrigen auch zum wohl größten Lapsus Laschets im Wahlkampf, als er Mitte Juli bei einem Besuch im von der Flutkatastrophe betroffenen Erftstadt etwas abseits stehend, aber im Blickfeld einer Kamera, lachend zu sehen war, als Bundespräsident Steinmeier dort eine Ansprache hielt. Dieses unangemessene Lachen wurde vielfach kritisiert.

Olaf Scholz und der Geist von Angela Merkel

Bei den TV-Triellen missrieten Laschet mehrfach Formulierungen. Zwei Beispiele seien genannt. In der ersten Sendung sagte er: „Die Bilder, die Sie schildern, teile ich alles.“ Beim dritten Triell sprach er davon, wie Deutschland „klima­neutrales Industrieland“ bleiben könne, und gab damit als Ist-Zustand aus, was noch ein fernes Ziel der Umweltpolitik ist. Grundsätzlich neigt der Kanzlerkandidat der Union dazu, umständlich Verfahren zu erläutern, statt klar politische Ziele zu benennen. Er ist, wenn man es zuspitzt, ein Mann des medialen Missgeschicks. Das muss nicht heißen, dass er keine Chance hat, Kanzler zu werden. Es sei daran erinnert, dass die Bundesrepublik Deutschland viele Jahre von einem Mann als Kanzler regiert wurde, dem ebenso viele Missgeschicke vor den Fernsehkameras unterliefen wie in den letzten Wochen Armin Laschet. Helmut Kohl, um ihn handelt es sich, waren irgendwann die Medien egal. Er ignorierte sie einfach.

Kohl beherrschte allerdings auch die Attacke. Daran hatte sich Laschet wohl erinnert, als er zu Beginn des zweiten Triells Olaf Scholz heftig kritisierte. Es war in diesem Moment zu spüren, dass der CDU-Kandidat seinen SPD-Konkurrenten provozieren wollte, der noch im ersten Triell wie ein über allen Streitereien stehender Sachwalter der deutschen Politik wirkte. Scholz, seit 2018 Bundesfinanzminister, hatte vor allem in der ersten Ausgabe auffallend oft die Gemeinsamkeiten mit Angela Merkel (CDU) betont. „Ich und die Kanzlerin“ war eine Floskel, die er mehrfach gebrauchte. Selbst das leise Lächeln, mit dem Merkel ihre Überlegenheit in Sachdebatten signalisiert, bemühte sich Scholz auf sein Gesicht zu zaubern. Es war, als wolle er den Zuschauern sagen: Wer will, dass der Geist von Angela Merkel weiterhin regieren soll, müsse ihn wählen; er werde das im Sinne der Frau richten, die nun nach 16 Jahren ihr Amt als Kanzlerin nach dieser Bundestagswahl abgibt.

Mit seiner Attacke gelang es Armin Laschet für einen kurzen Augenblick den Konkurrenten aus seiner stoisch wirkenden Ruhe zu bringen. Bei Scholz rötete sich das Gesicht, er wurde auch etwas lauter, unterbrach den Konkurrenten, ging aber nicht zum Gegenangriff über. Wenige Minuten später hatte er sich wieder in den Modus des reinen Sachwalters gebracht, der über den kleinteiligen Streitereien steht und nur das Große und Ganze sieht. Das wirkte. In der dritten Sendung hielt sich Laschet, der an diesem Tag zudem an einer Erkältung hörbar litt, wieder zurück.

Baerbock kommt mit der Dreier-Konstruktion am besten zurecht

Mit der Dreier-Konstellation und in der Live-Situation kam am besten die Kanzlerkandidatin der Grünen zurecht. Man kann das als eine Generationendifferenz markieren: Annalena Baerbock, 40, ist mit der Präsenz von Kameras aufgewachsen, während Scholz, 63, und Laschet, 60, den Umgang mit den audiovisuellen Massenmedien erst einmal erlernen mussten. So wirkte Baerbock stets hellwach. Sie reagierte als einzige, als beim zweiten Triell im Studio plötzlich ein lauter Knall zu hören war (ein Scheinwerfer war zu Boden gefallen). Und sie wirkte mitunter präsenter selbst als die Moderatoren, etwa als sie Maybrit Illner und Oliver Köhr daraufhin hinweisen musste, dass von den Uhren, die die Redezeitanteile der drei Politiker festhielten – diese Zeitnahme ist ein weiteres Indiz für die Sportifizierung der Politik in Duell und Triell –, die Uhr von Scholz gerade weiterlaufe, obwohl dieser bereits zu sprechen aufgehört habe. Als beim dritten Triell eine der Moderatorinnen von Teuerungen sprach, die infolge neuer Klima­schutzmaßnahmen zu erwarten seien, und infolgedessen den Milchpreis bei 2,10 Euro pro Liter ansetzte, konterte Baerbock rasch, dass eine solche Verdopplung nicht zu erwarten sei. Laschet und Scholz werden vermutlich den aktuellen Preis eines Liters Milch nicht so im Kopf gehabt haben, geschweige denn, dass auf die Hypothese der Moderatorin so schnell und so schlagfertig gekontert hätten.

Souverän blieb die Grünen-Politikerin auch, als Claudia von Brauchitsch ihr sagte, sie solle sich kürzer fassen, weil sie bislang am meisten geredet habe, was aber nicht stimmte, wie die Einblendung der Redezeitanteile gerade anzeigte. Baerbock ignorierte diesen Lapsus der Moderatorin einfach, die ihren Fehler dann aber auch gleich zugab. Floskelfrei bleibt jedoch auch die Sprache der grünen Kanzlerkandidatin nicht. Man kann es so sagen: Während Laschet und Scholz des öfteren in den mit Fachbegriffen gespickten Jargon der klassischen Sachpolitik verfallen, in dem beispielsweise ein Mensch nicht stirbt, sondern „verstirbt“, wie Scholz an einer Stelle sagte, verwendet Baerbock eine Sprache, in der das persönliche Erleben ebenso routiniert wiedergegeben wie als Argument – was es nur selten ist – in eine Sachdebatte eingeführt wird.

Die Themen blieben in allen drei Sendungen gleich. Es ging um Sozial- und Finanzpolitik, um den Klimaschutz und die Umweltpolitik, um die Corona-Pandemie und die innere Sicherheit. Die Außen- wie die Sicherheitspolitik blieben außen vor. Deutschland kreist ausweislich der drei TV-Trielle um sich selbst.

Das Moderate und nicht das Aggressive

Dass die dritte Sendung am lebendigsten wirkte, lag – wie erwähnt – an den beiden Moderatorinnen, aber auch am Studiodesign, das künstliche Fenster aufwies, durch die Fotos jene Außenwelt zumindest andeuteten, um die es im politischen Streit zu gehen hat. Die anderen beiden Studios waren steril wirkende abgeschottete Räume, in die die Außenwelt nicht vordringen sollte. Ein solches Design bietet die Chance der Konzentration, kann aber den Eindruck einer Isolation von der gesellschaftlichen Wirklichkeit erwecken. In allen drei Sendungen setzte die Live-Regie das Mittel des Splittscreens ein, bei dem separate Bilder der drei Politiker nebeneinander montiert wurden. Auch das half deutlich Annalena Baerbock, die bei diesen Montagen stets die Mittelposition erhielt und dabei wie eine Moderatorin wirkte, die dem Streit der beiden Männer mit einer gewissen Verwunderung zuhörte.

Vielleicht brachte das den Politikjournalist Robin Alexander („Die Welt“) in der „Anne-Will“-Sendung (ARD/NDR), die dem zweiten Triell folgte, auf den Gedanken, dass alle drei Kanzlerkandidaten sich darauf besonnen hätten, dass die Deutschen bei Politikern das Moderate und eben nicht das Aggressive liebten. Das wiederum schlug einen Bogen zum ersten Triell, in dessen Anschluss Frauke Ludowig bei RTL eine unerhebliche Plapperrunde unter RTL-Prominenten moderierte; sie hatte dabei den Unterhaltungsmoderator Günther Jauch mit dem Hinweis vorgestellt, er würde sicher von den Deutschen zum Bundeskanzler gewählt werden, wenn er denn nur kandidieren würde. Und wenn, so wäre zu ergänzen, die Kanzlerwahl so funktionierte, wie sich das Frau Ludowig als eine Variante der RTL-Dschungelshow vorstellt.

Vielleicht kann aus einer Fernsehsendungsreihe wie dem Trio der Trielle denn auch nur ein Fernsehmoderator als Sieger hervorgehen? Als TV-Format wie als Organisationsform des politischen Gesprächs wird dem Triell keine Zukunft beschieden sein. Ein Grund: FDP-Chef Christian Lindner wird sich angesichts der hohen Aufmerksamkeit, die dem Triell vor, während und nach jeder Sendung zuteilwurde, geärgert haben, dass er sich nicht auch zum Kanzlerkandidaten ausgerufen hat – ein Fehler, der ihm beim nächsten Mal nicht unterlaufen wird. Dann gäbe es vier Kanzlerkandidaten. Ob ein Quadrell (oder wie immer man diesen televisionären Vierkampf nennen wird) dann auch von mindestens vier Sendergruppen – als vierte böte sich Discovery mit Eurosport, Tele 5 und DMAX an – ausgestrahlt wird, bleibt abzuwarten. Viel zu viel war es ja jetzt schon.

25.09.2021/MK

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