Das Schweigen der Männer

Hans Abich und die NS-Zeit: Eine publizistische Erforschungsaufgabe für die Jüngeren

Von Dietrich Leder
25.11.2021 •

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien in der Ausgabe vom 11. November 2021 unter der Überschrift „Von der HJ auf den TV-Olymp ein Artikel von Armin Jäger“, der sich mit der Karriere von Hans Abich während der NS-Zeit befasste. Abich, 1918 geboren, war seit 1946 als Filmproduzent tätig gewesen, ehe er 1961 Programmdirektor von Radio Bremen wurde und damit also zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk gewechselt war. Von 1968 bis 1973 leitete er dann als Intendant den kleinsten ARD-Sender, der in dieser Zeit mit die ungewöhnlichsten Sendungen wie etwa den „Beat-Club“ im deutschen Fernsehen hervorbrachte. 1973 wurde Abich schließlich Programmdirektor der ARD.

Nach Auslaufen seines Vertrags mit der ARD im Jahr 1978 arbeitete er freiberuflich. So initiierte er zusammen mit anderen die „Baden-Badener Tage des Fernsehspiels“, die bis heute veranstaltet werden, seit dem Jahr 2000 unter dem geänderten Namen „Fernsehfilm-Festival Baden-Baden“. Hans Abich starb 2003 in Freiburg. Beim Baden-Badener Filmfestival wird seit 2004 ein Preis vergeben, der seinen Namen trägt: der Hans-Abich-Preis für besondere Verdienst im Bereich des Fernsehens.

Es passt nicht ins Bild

Diese knappen biografischen Daten können aber die Irritation nicht erklären, die durch den „Zeit“-Artikel ausgelöst wurden. Denn die Zahl derjenigen nach 1945 ins Amt gekommenen Intendanten, Direktoren, leitenden Mitarbeiter und Reporter ist nicht gerade klein, die zuvor als Mitglieder der NSDAP, als Mitarbeiter der Propagandakompanien oder als hohe Offiziere dem Nazi-Regime gedient hatten. Als Beispiele für nicht wenige andere seien genannt: der NDR‑Intendant Walter Hilpert, der WDR‑Fernsehdirektor Werner Höfer, der Erfinder der ARD-„Sportschau“, Hugo Murero, und die Reporter Peter von Zahn und Herbert Zimmermann. Verglichen mit deren Lebensläufen ist das, was Armin Jäger an Tätigkeiten und Funktionen von Hans Abich aufgelistet gemacht hat, zwar erschreckend, aber in der Bedeutung – nach dem bisherigen Stand der Erkenntnisse – eher nachrangig zu nennen: Schulungsleiter in der Hitler-Jugend (HJ), Mitglied im NS‑Studentenbund und ab 1937 auch der NSDAP, Arbeit als Referent im Propagandaministerium, „stellvertretender Hauptschriftleiter“ der Propagandazeitschriften „Geist der Zeit“ und „Sieg der Idee“.

Warum also die Irritation? In erster Linie, weil der von Jäger skizzierte Teil des Lebenslaufs während der NS‑Zeit so gar nicht zu dem Bild zu passen scheint, dass diejenigen, die sich mit dem Fernsehen seit den 1970er Jahren beschäftigt haben, von Hans Abich haben. Man konnte ihn beispielsweise auf den jährlichen „Mainzer Tagen der Fernsehkritik“ erleben, die sich das ZDF von 1968 bis 2011 leistete. Wenn er dort an das Mikrofon trat, nahm die Aufmerksamkeit im Saal zu. Von einer Kinderlähmung körperlich beeinträchtigt – was ihn auch vom Dienst in der Wehrmacht befreit hatte –, war er ja schon äußerlich eine besondere Erscheinung. Er sprach zudem eher leise und vor allem nachdenklich. Floskeln und Redensarten verwandte er nicht. Die Sprache der Bürokratie wie die des Managements waren ihm fremd. Er verachtete weder das populäre Programm noch das intellektuelle. Wichtig war ihm die jeweilige journalistische, künstlerische und unterhaltende Anstrengung. Das zeigten in Mainz seine mündlichen Anmerkungen und Kommentare. Anders als viele anderen Funktionsträger des deutschen Fernsehens beherrschte er auch das Mittel der Selbstironie, die seinen Beiträgen stets einen gewissen Witz verlieht. Kurzum: Man hörte ihm gerne zu und er hatte was zu sagen.

Das kann man beispielhaft in dem Dokumentarfilm „Das Wispern im Berg der Dinge“ (BR/WDR) erleben, in dem Dominik Graf 1996 seinen früh verstorbenen Vater, den Schauspieler Robert Graf, porträtiert (Koautor des Films war Michael Althen). Abich hatte Robert Graf in den 1950er Jahren als Schauspieler für die von ihm produzierten Filme verpflichtet. Seit dieser Zeit waren sie wohl befreundet. Robert Graf war als Soldat im Zweiten Weltkrieg so schwer verwundet worden, dass er Zeit seines Lebens den rechten Arm kaum bewegen konnte. Der Schauspieler überspielte diese Beeinträchtigung in seinen Rollen, was der Sohn an Filmausschnitten vorführt. Über das, was er im Krieg erlebt hatte, sprach Robert Graf aber nicht. Dominik Graf arbeitet aus den Erklärungen von mehreren Freunden des Vaters heraus, dass dieses Schweigen nicht individuell war, sondern auf viele Männer der Generation seines Vaters zutraf. Auch Hans Abich spricht in dem Film über dieses Schweigen. Wie könne man das Erlebte denn auch in Worte fassen?

An der Ostfront: Der Tod eines Babys

Ungefähr in der Mitte des rund einstündigen Films erzählt Abich dann von einer Begebenheit, die von der Schwierigkeit handelt, über die NS-Zeit und den Krieg zu sprechen. Ein Studienfreund, der zur Wehrmacht eingezogen worden war, habe ihm bei einem Urlaub von der Ostfront erzählt, wie er den Tod eines Babys verschuldete habe, als er das schreiende Kind der russischen Bauern, bei denen sich der deutsche Trupp einquartiert hatte, vor die Tür gesetzt habe, um die für den Schlaf notwendige Ruhe zu finden. Am nächsten Morgen sei das Baby erfroren von den Eltern aufgefunden worden. Das habe er noch keinem erzählen können. Der Studienfreund sei am nächsten Tag zur Front zurückgekehrt, wo er wenig später den Tod fand. Abich fügt an, dass er dessen Tod erwartet habe: „Dass er noch einmal durchkommen würde, war für mich ausgeschlossen.“

Es ist eine bewegende Geschichte von der mörderischen Gewalt, die deutsche Soldaten über die Menschen besonders im Osten Europas brachten. Mit dieser Geschichte zeigte sich Abich in Grafs Film als ein Mann, der über das Schweigen und die schwierigen Versuche des Sprechens seiner Generation nachgedacht hatte. Und dieser Mann hatte – so scheint es heute jedenfalls – über seine eigene Geschichte im und mit dem Nationalsozialismus geschwiegen. Anlässlich der Geschichte, die er Dominik Graf erzählte, stellt sich die Frage, warum er von seinem Leben während der NS-Zeit nicht erzählen konnte, weshalb er seine Tätigkeiten als kleiner Funktionär in der Hitler-Jugend und für die Propagandaschriften verschwieg. Nach dem Bild, das er in all seinen öffentlichen Beiträgen von sich selbst zeichnete, wäre ein selbstkritischer Bericht von ihm über die Zeit seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus Pflicht gewesen.

Dass er sich das nicht tat, beschädigt nun im Nachhinein das enorme Ansehen, das er jahrzehntelang genoss. Aber es sei auch gesagt: Anders als die Schriftsteller Günter Grass und Walter Jens, die über ihre Mitgliedschaften in der Waffen-SS bzw. in der NSDAP zeitlebens geschwiegen hatten, war Abich allerdings nie als moralischer Ankläger aufgetreten. Vielleicht weil er im Inneren wusste, dass sich das für ihn, der einen wichtigen Teil seines Lebens verschwieg, nicht ziemte. Jäger forderte nun in seinem „Zeit“-Artikel, dass der Hans-Abich-Preis nicht länger so heißen dürfte.

Soll es den Hans-Abich-Preis weiterhin geben?

1989 wurde bekannt, dass Fritz Sänger, als Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ein großer Verfechter der Pressefreiheit, in der Nazi-Zeit bis zuletzt Propaganda- und Durchhalteartikel verfasst hatte. Damit stand der mit seinem Namen ausgelobte Preis infrage, der von der SPD „Für mutigen Journalismus“ seit einigen Jahren ausgelobt worden war. Hans Abich, der mit Fritz Sänger befreundet war und dem Gremium, das den Preis vergab, angehörte, meldete sich in der Debatte zu Wort und schrieb: Man solle das, was die Rechercheure zutage gefördert hätten, „nicht geringachten“. Und weiter: „[...] Differenziertes Verstehen der Schreibbedingungen in Diktatur oder Demokratie muss ebenso kritisch wie einsichtig geübt werden; bei solcher Erforschung dürfen komplizierte Sachverhalte von zu einfachen Ergebnissen nicht übertrumpft werden. In dieser Hinsicht hat Fritz Sänger den Jüngeren eine publizistische Aufgabe hinterlassen, die ohne ein Denkmal auskommt.“ Diese Maßgabe könnte man nun auch auf die Frage anwenden, ob der Preis in Baden-Baden weiter den Namen von Hans Abich tragen soll.

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste, die das Fernsehfilm-Festival Baden-Baden veranstaltet, hat auf den „Zeit“-Artikel sogleich reagiert. Sie gab am Tag nach der Veröffentlichung bekannt, man werde die Recherche-Ergebnisse zu Abichs NS-Vergangenheit „prüfen und aufarbeiten“. Und: „In Anbetracht der aktuellen Sachlage“ werde die Auszeihnung beim diesjährigen Fernsehfilm-Festival (22. bis 26. November) als „Ehrenpreis für herausragende Leistungen“ verliehen.

Das Zitat von Hans Abich zum Fritz-Sänger-Preis stammt im Übrigen aus Otto Köhlers Buch „Unheimliche Publizisten“ (1995), in dem die NS-Biografien hochgerühmter Journalisten aus der Bundesrepublik und also auch die von Fritz Sänger beschrieben sind. Zu wünschen wäre, dass endlich die NS-Biografien der deutschen Fernsehmänner der ersten Stunde gesammelt untersucht werden. Zu Werner Höfer hat Köhler bereits in seinem Buch ein erstes Kapitel geschrieben.

25.11.2021/MK

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